Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1474 (21.3.1923)
- Date
- 1923-03-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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« Blnzebrammer K1000 .Wien: Zorn Abholen in de» Expedition, II., Taborstr. 1-3^ öder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K: 28.000 Mit Postversand ifur Wien a. Oeiterr. monatl.' K 28.000 lener Tschech o-Slowake i: Mön. K17; Ungarn: Mob. K 600.Jugoslawien: Mon.;Dinar 35. Polen: Mon. Mk. 8000. Deutschland;' Mon. Mark 5000. Frankr., Belgien: Monatl. Frcs. 8 Hg* Nachzahlungen *Hg bei Preüerhöhung-en Vorbehalten T»ch«dio-8Hfeafcftli tschech. K 1.— Italien: MonNtl. 10 Lire Rumänien, Bulgarien Monatl. 60 Lei bezw. Lewa, Schweiz and das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II.,Taborstrassei—3 .—ar-. Telephone: 44*0-38,43-3-19, ab6Uhrabds.l9-483,16-301 Tel-Adr.: .Morgenzeitpng“ Wien Oesterteichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Nr. 1474 Me«. Mittwoch. 21. Mrz 1923 5. Fichrgaag Reu-Euro-a. F. Bi c it, 21. TOtj». Eine Legion von Politikern und Publizisten der verschiedensten Richtungen und Zungen ist seit Fahr und Tag bemüht, die Friedensverträge für das gesamte politische und soziale Elend verantwortlich zu machen, das sich in immer neuen Phasen in den Ländern Europas manifestiert. Die Majorität der europäischen Menschheit mag sich heute' darüber einig sein, daß das Friedensmerk in seiner Gesamtheit verpfuscht ist, und in dieser Ueberzeugung begegnen sich Reaktionär« der schwärzesten Couleurs, die Gelvaltanbeter und Haken- Lreuzträger, mit linksstehenden Politikern und allen Freunden einer freieren, friedlichen Ordnung. Mer nicht die vielfach willkürlich gezogenen neuen Landesgrenzen, nicht das System der Staatenbildungen und die , Hohe der Reparationen ist die ausschließliche und letzte ' Ursache des europäischen Chaos; diese ist vielmehr darin zu suchen, daß der Geist, welcher die europäische Politik beherrscht, auf jenen Konferenzen keine Aenderung erfahren. hat und daß Systeme erhalten geblieben sind,! deren Fortdauer sich nicht mit dem neuen Kurs in Einklang bringen läßt, welcher in den Wohl bereits vielfach kodifizierten, aber noch lange nicht realisierten Gedanken | des Minderheitsschutzes und des wirklichen Selbstbei stimmungsrechtes der Nationen seinen Ausdruck findet i und in dem. wichtigsten Werk, der Institution des Völkerbundes, seine Krönung erfahren soll. Ein wirklicher; Schutz jeglicher Minderheit, eine wahre Respektierung nationaler Souveränität, kann nur in, einer Ordnung möglich sein, innerhalb welcher , der Machtgädanke zugunsten.der Külturidee. ab.gÄ>aukt hat, im Rahmen einer Mrhen,rtnis,Me iat* Staate '.nicht;zMWswefte Ueberordnung von absolutem Charakter, , sondern /vielmehr eine lediglich der Zweckmäßigkeit dienende Organisation sieht, welche, nur ein Mittel darstellt, um ein peibüngsloses Funktionieren der . verschiedenen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Organismen zu gÄvährleisten. Die Völker Europas , oder ihre Mhrenden Kreise sind von dieser geistigen Umgruppierung nach wie por sehr weit entfernt und die zahlreichen Mächtekonferenzen, welche die Entwicklungslinien der nächsten Zukunft vorzeichneten, haben nichts dazu getan, um der Lösung dieses grundlegenden Problems die Wege zu bereiten. Bei Siegern wie Besiegten sitzt der überlieferte staatliche Souveränitäts- und der nationale Machtgehanke ungehindert auf. dem Thron; man hat eine Reihe Von Regenten ihrer Gelöalt entsetzt, ohne jedoch zu erkennen, daß es halbe Arbeit ist, solange nicht auch der Deist begraben wird,' als dessen Sachwalter jene einer Herde in Ehrfurcht ersterbender Untertanen ihren Willen ausnötigten, und so manche neugeschaffene Republik gleicht einer leeren Hülse, weil der republikanische Geist fehlt, der allein eine hellere Zukunft zu schaffen vermag. Die nationalistische, chauvinistische Bor-kriegsideologie ist erhalten geblieben und treibt täglich heftiger ihr Unwesen, und erst jüngst selbständig gewordene Völker machen Mene, sich als gelehrige Schüler zu erweisen und sich. jenen Ungeist zu eigen' zu machen. Nation ist noch immer eine-Frage von Macht und Wirtschaft und kein- Kultur- und Menschheitsproblem, die Grenzen zwischen Staats- und nationalen Aufgaben werden unentwegt verwischt, und so wuchern die. rückschrittlichen Gedankengänge vom HerrenvoÄ und seinem natürlichen Recht auf Verdrängung der Schwächeren, vom Nationalstaat und der völkischen Exklusivität Munter fort, nationales Bewußtsein wird zur Brutalität gesteigert und der Jugend schwatzt man als Pflicht auf, tvas zu einer gänzlichen Einengung aller menschlichen _ Horizonte führen muß.' Wer das nationale Bekennnis auf die kulturell-ethische Begründung stützen will — die einzige, die vor dem wahren Sinn der Zeit bestehen kann wird junt Flaumacher und Defaitisten gestempelt, mit Stinkbomben empfangen und als „Jude" denunziert. Dieser Geist, Von Deutschland her put pseudowissenschaftlichen Methodengestützt und in (bic übrigen Läiider getragen, ist es, welcher den Ausgleich der Völker hemmt, den Weg M freieren Lebens-, formen verrammelt und jegliche Ausoinandersetznng- UvischensLaatlicl)er Natur erschwert. Er beherrscht Kabinette und Parlameute, Parteien und Hochschulen; im seinem Zeichen verschärft sichder' deutsch-fvcmzvsi-, lsche Konflikt, und er ist es, welcher die Hoffnung Europas, den Völkerbund, nicht zur Entfaltung kommen läßt. Die^ antisemitische Hetze rn den Ländern Europas und die Numerus clausus-Bewvgung sind die Früchte, pn denen man ihn erkennt. Neu-Europa, von dem jüngst KußennMnfter Benesch in eine« artwcffomot Schwarze Listen gegen Wische Das Hakenkreuz in der Wiener HandelMmmer. Die „Wiener Morgenzeitung" hat bereits am 4. März daraus aufmerksam gemacht, daß das Innsbrucker Organ der Hakenkveuzler täglich einen Judenkatafter veröffentlicht, in welchem zum Zwecke des Boykotts die Mischen Kcmfleute scwie alle mit dem Judentum in irgendeinem Zusammenhang stehenden Industriellen, Gewerbetreibenden und Kaufteute mit Namen und Adresse verzeichnet sind. An diese Veröffentlichung schließt sich die Aufforderung an das Publikum, bei den in dem Kataster Genannten nicht nur nichts zu kaufen, sondern überhaupt jede Verbindung mit ihnen abzubvechen. Außer diesen Verzeichnissen werden in diesem Blatt sowie in allen anderen Organen der dtationalsozialisten und der sonstigen antisemitischen Verbände in der denkbar offensten Sprache Artikel und Aufrufe publiziert, in denen die Bekämpfung und Vernichtung des Judentums als höchstes sittliches Ideal aller Deutschen erkört wird. Bis zum heutigen Tage hat sich kein Staatsanwalt in' Oesterreich gefunden, der diesem Treiben entgegentreten wäre, und die zur Rede gestellten'Minister halben jede Schuld bestritten. Nach einer bisher unwidersprochenen Mitteilung einB Wiener Hakenkreuzblaites hat sogar der Bundeskanzler Dr.' Seipel 'dem nüüöWsM i e h k gegenüber zugesag-h „bei nächster Mele^Wit H-ie Lügenhaftigkeit her Mischen VevdächtionNgen anzunageln." Dagegen.-ist die zu wiederholten Malen.von der Regierung in Aussicht gestellte Erklärung im Interesse' des inneren Frie.dens in Oesterreich, von der am 17. März der Vizekanzler Dr. Frank im Bud^etausschuß des Oesterreichischen 3b tionalrates gesprochen hat, bis zur Stunde nicht erschienen. > Es ist selbstverständ-ich, daß infolge dieser Passivität der Behörden in allen Kreisen der 'jüdischen Bevölkerung " eine tiefe Erbitterung entstanden ist, die zu schwerwiegenden politischen Konsequenzen führen wird. Insbesondere , die jüdische Geschäftswelt ist entschlossen, die. Haltung der österreichischen Re-, gievung und ihrer Organe. Nicht , ohne Gegenwehr - zur Kenntnis zu nehmen. Als Symptom dieser Erregung kann eine Versammlung angesehen werden, die von . einer Reihe Wiener jüdischer Geschäftsleute für Montag abends in das Cafe Bürger einberufen worden -war und die.enven sehr erregten Verlauf' nahm. Den Vorsitz führte'. der Kaufmann Herr Bertold P oHof. . Herr Reich forderte, daß in allen Wiener Bezirken eine Organisation geschaffen werde, die die maßgebenden Korporationen veranlassen soll, ihre Passivität aufzugeben. Herr Pechtal protestterte in scharfen Worten.gegen die juidenfeindliche Haltung - der Handelsmrd Gewerbekammer, die fast ausschließlich vom Mischen Handel erhalten werde. Es müsse das PrMdium der Handelskammer ' befragt werden, was. es davon halte,-daß einer-ihrer ersten Beamten einer -der- Führer der Hakenkreuzler sei, jene' Gesellschaft, die sich nicht sche-ut, wehrlose Mische Frauen auf offener Straße mit Gummiknütteln niederzuschlagen. ' Herr Wein tvendet sich ' gegen die Salonjuden,, di« sich schämen und den Hakenkreuzlern Geldunterstützungen geben, und knüpfte daran Angriffe gegen einen - Kammersekretar, der in enger Fühlung mit den - häkenkvouzlerifchen -Bestrebungen stehe. Hierauf führte Gremialrat Adler ans, daß es Pflicht großen wirtschaftlichen Organisationen gewesen wäre, sofort mit aller Wucht gegen derartige Vorkommnisse, wie der Judenkataster in Innsbruck, Stellung zu nehmen. Diese Psilcht wurde aber vernachlässigt. Man hörte nichis davon, ' daß eine dieser großen wirtschaftlichen Korporativen für den Schutz ihrer Mitglieder eingetreten wäre. Er freite sich daher, daß sich einige herzhafte Männer gefunden laben, die sich sagen, daß Schweigen eine Unterlassungssünde wäre. Es müsse vor allem na chdrücklichst Protest gegen die Schlappheit und Schlvachhcit dieser Korporationen erhoben werden. Auch müsse nachdrücklichst die Pftichtvergessenh-eit einzelner Korporationen betont und darauf hingewiesen werden, daß die Kanfma>nnschast dem verräterischest Spiele gewisser Leute nicht länger ruhig Zusehen werde. Redner verweist auf die Waremmisatzsteuer, die am 1. April in Kraft treten soll. Man habe dabei gesunden, daß von dieser Steuer auch die Kommissionäre und Handelsagenten zu erfassen wären, d. h. es soll deren Provision von der Marerümsatzsteuer belastet trerben. Man sollte mm meinen, daß in allererster Linie die Handels¬ und Mw erbeka mmer m dieser Angelegenheit in öffentlichen Kundgebungen das Mort nehmest" werbe. Vielleicht kam d!«> Gegnerschaft der Handelskammer ge^en diese Absicht nur innerhalb der ritr Wände ünd^bri geschlossenen Türen zum Ausdruck. Nach anßenhin verhält sich die Handels- und Gewerbekamnrer auffallend . still und es ist der Verdacht nicht von der Hand' zu weisen, daß auch bei dieser Sache der Sekretär der Handelskammer, der bekannte Dr. Conrad seine Hand im Spiele hat. Was diesen Herren anbelang^ so habe er schon manches ans dem Kerbholz. Redner erinnert an die Broschüre, die dieser Herr in der Kriegszeit verfaßt habe, in welcher er die Handelsagenten als Parasiten und als Verteurer des Lebens bezeichnet«, obzivar er als Beamter der Handelskammer von dem Gegenteil überzeugt sein müßte. Zum Schlüsse wurde die folgende Resolution angenommen: „Die Versammelten , stellen mit größter Entrüstung und tiefftem Bedauern fest, daß'die für. unser Wirtschaftsleben so tieftraurige antisemitische Bewegung das Gebiet der Politik, zu verlassen und das der Wirtschaft zu ergreifen beginnt. Nicht nur, daß es den Staatsgrnnd- und Strafgesetzen widerspricht, daß öffentlich in Innsbruck ein solcher Kataster aufgestellt wurde, ist .es auch, in demselben.Maße erstaunlich, daß. die dortigen wirtschaftlichen Körperschaften nichts zum Schutze der Mischen Mitglieder unternehmen. Das Uebevgrerfen dieser ■ Bewegung muß einerseits verhindert werden, andererseits müssen auch die dortigen bedrängten Geschafts- ' laute, Gewerbetreibenden und Agenten geschützt werden. Die Wiener Handels- und Gewerbekammer muß in ge- ' fetzlicher Wahrung der ihr-auvertvauten Interessen und ' zur Beruhigung ihrer vielen taufenden Mischen Wähler öffentlich erklären, daß sie das Innsbrucker Treiben als; verwerflich und wirtschaftlich schädlich bezeichnet und alles daransetzen werde, dessen Ausbreitung in Wien und Niederösterreich zu verhindern. Sollte die Kammes, ° wagen ihrer Geschäftsführung dies verweigern, dämm ^werden sofortige Neu-tvahlen für die Kammer verlangt." VBSSBäSStUf»- ..a*m gesprochen M, ist Postulat und Programm, aber lange nicht W'Michkeit. Der Kam-sts, der gegenwärtig gegen das Jüdenftim gerichtet ist, gilt weiteren.Zielen; die anftsemitisäie' Hetze ist nur BorMtengefecht. Der- Krieg, der rm Namen der VosterfrsiM gofiihrt wurde,?ist nicht zu- Ende, und Europa IpM seine innere Krise nicht eher überwinden, als der nafionale Vtachtchauvmismus nicht hinweggefegt und der naMralen 5kulturidee Platz gemacht hat," welche in derfreien Entfaltungsmöglichkeit jMen Volkes das erste PosWat erblickt und-die von der Heiligkeit des nationalen KöWtivindividuums ebenso durckjdrungen ist, wie. von der jeglichen menschlichen Einzelwesens. Es ist in her. Mrrnis diese; pevgijteten Zeit ein tröstliches Belyußtsein, daß die Nationale Bewegung des Judentums auf diesem Gebiete in ihrem Wirkungsbereich von Anschauungen getragen wird, welch« die Besten der Zeit beseelen und die allein ünstande smd, eme bessere. Zukunft vorzubereiten. Denn man dvrf nicht aus dem Auge verlieren, daß auch die sollen Kämpfe durch das Borherrschen der gelvaltnationalen Vorkriegsideologie beständig verschärft und zugespitzt werden, und darrmi kann kein soziales Programm allein dauernde Besserung bringen, w^nn nicht erst jene allgemein menschlichen Vorbedingungen gescl)afftn werden, die eine Auseinandersetzung oder einen Kamps m Mneren.Sphären ermöglichen.