Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1470 (17.3.1923)
- Date
- 1923-03-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ElnzelmnmnerfilOOO Wien: Zorn Abholen in der Expedition, II.,Taborstr.l-3, oder in einer Verschleisstelle |' ,Yr..’ik) monatl. K 28.000 Mt Postversand für Wien n. Oeslenr. monatl.!C 28.000 (Ts eh# e h o-S 1 o wa fc e I: Mon. K17. Ungarn: Mon, K 600. Jugoslawien: Mon, pinar 35. Polen: Mon. Mk. 8000. DentscHIand: iMon. Mark 5000. Frankr., Belgien: MonatL Frcs. 8 MT Nacht*hlno*et» HW ha PrefaerhStraDgeii Vorbehalten Rr. 147» Tscheche.Slowakei» tschech* Kl«— Italien: Monatl. 10 Lire Rumänien, Bulgarien Monatl. 60 Lei bezw, Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion n. Administr; tion Wien, II., Taborstrasse 1 —3 Teleohone: 44-0-38,43-3-19. ab 6 Uhr abds. 19-483,16-301 Tel.-Adr.: .Morgenzeitung* Wien Oesterreichisches Postspar* kassen-Konto Nr. 150.693 Wie». Samstag. 17. MSrz 1923 S. Fahrgms Die Wiener Neffe. -y. W i e n, 17. März. Morgen wird die Wiener Frühjahrsmesse: eröffnet sverden. Die offiziellen Repräsentanten des Staates und der Stadt werden in feierlichen Reden die wirtschaftliche und geistige Bedeutung Wiens und seine Mission als Vermittler Zwischen Ost und West Preisen. Sie werden wie bei allen früheren Gelegenheiten dieser Art die völkerverbindende uttö friedliche Tätigkeit des Handels hervorheben und daran die Einladung knüpfen, Oesterreich in seinen Schwierigkeiten beizustehen, damit es nicht eine rettungslose Beute der Anarchie werde. Die Messäbesucher aus dem Ausland, denen zu Ehren alle diese Zeremonien veranstaltet werden, gehören allerdings zu einem sehr großen Teile nicht zu den Lieblingen des offiziellen Oesterreich. Sie zählen sich in ihrer Mehrheit zu einem Volt, das sonst in Oesterreich als ein die Volkswirtschaft schädigendes Moment gilt und gegen das ein Vernichtungskrieg eingeleitet worden ist, in dessen Durchführung die Hauptstadt Wien als ein sehr wichtiges Zentrum anzusehen ist. Die jüdischen Kaufleute aus dem Ausland haben wohl noch alle die Plakate m der Erinnerung, die sie vor einem Jahr begrüßten. „Juden hinaus!" schrie es ihnen von jeder Straßenecke entgegen und viele nahmen schon damals den Anlaß wahr, die so unendlich taktvolle und warme Grußformel zu beherzigen. In der Hoffnung auf freundlicl?ere Zeiten verließen sie damals Wien. Inzwischen ist fleißig die Werbetrommel gerührt worden. Oesterreich sei auf bem Wege zur Gesundung, durch. Handelsverträge mit der weiteren und ferneren Umgebung trachte es die Grundlagen einer neuen Wirtschaft zu legen, seine demokratische.Entwicklung schreite ungestört ' fort und Erster, der -werktätigen Sympathie ^sMöKenbundes beginnen sich^dieWunden des Krüeges urib der inneren Umwälzung Ar schließen. Die Industrie warte nur auf Aufträge und.die ganze Bevölkerung komme den Fremden in herzlichster-Gästfrormdschast entgegen, weil sie die weltversöhnende' Funktion des Handels erkenne. Kultur... Solidarität... euch ihr Götter gehört der Kaustnanu! Und wie all die schönen Worte lauten, deren sich die Propaganda. so gerne und so ausgiebig bedient. Aber wenn die so Umworbenen nach Wien komnren, schreit ihnen wieder. so ein rotes Plakat sein „Juden hinaus!" mit papageienhafter Beharrlichkeit entgegen. Diesmal aber liegt die Sache einigermaßen anders. Was im Vorjahre nur Geschrei war, ist inKviischen zum Teile Tat geworden. Der exzessive Antisemitismus hat durch die Aufnahme arbeitsloser Verzweifelter, abgebauter Intellektueller und zükunftsunficherer Studenten seine Basis verbreitert und ist unter der Hakenkreuzfahne zur Offensive auf der ganzen Linie übergegangen. Sein Terrorismus konnte sich unter, der Passivität der verantwortlichenRegierung ungehemmt entfalten. Der erste große Sieg wurde auf dem Boden des Hochschulwesens erfochten, wo die Beschränkung der jüdischen Hörerzcchl an der Technik durch einfache Verfügung bereits in Kraft getreten ist. Aber die Arbeit beschränkt sich nicht auf dieses Gebiet. Sie greift auch auf die anderen Felder des öffentliü)en Lebens über und es ist die immerhin für die jüdische Geschäftswelt wichtige Erscheinung zutage getreten, daß die bewaffneten Ärrorgarden von einer industriellen Vereinigung . aus Beiträgen unterstützt werden, zu denen jüdische Unternehmer besteuert tverden. Es ist Iveiter zu erwähnen, daß die aBi'ben Hakenkrenzler in erklecklicher Anzahl bei jüdischen Geschäftsleuten und Fabrikanten bedienstet sind, daß hakenkreuzlerische Zeitungen in der Provinz trotz aller Staatsanwälte Verzeichnisse jüdischer Finnen als schvarze Listen publizieren, mü daß es weder die Regierung noch irgendeine Handelskammer für angezeigt erachtet, solchen Kulturäußerungen entgegenzutreten. Was die Negierung anbelangt, so weiß sie von gar nichts, die Mrvister dementieren und der Bmrdeskanzler dankt den deutschen Studenten, daß sie unter dem Eindruck einer (jüdischen, natürlich) Herausforderung doch die gesetzlichen. Grenzen einhalten. Diese Grenzen hat ihnen nämlich die Polizei gezogen, die einzige Körperschaft, die in Wirklichkeit das internationale Ansehen der Stadt Wien schützt. So sind die Dinge'in Wien beschaffen. Es gibt m Oesterreich scheinbar niemanden, der an die Wirkung solchen Treibens denkt, und es gibt nienianden, der sich Gedanken darüber macht, wie denn das Judentum Mkßerhalb Oesterreichs auf diese fortgesetzten Schandtaten reagiert. Es könnte doch geschehen, daß die jüdidhen Kanslente des Auslandes, insbesondere die des Ausschreitungen der Erwachenden an den Budapester Hochschulen. Vertreibung der Mische« Mer «tu fc« HöMen. — 8ia Schuß an der SniverWt. Budapest, 16. Mövz. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Im Laufe des heutigen Tages spielten sich nur alten Budapester Hochschulen tumultöse Szenen ab. Nachdem gestern abends ein Versuch der Erwachenden Hochschulsugend, die Lokalitäten der Zeitungen „Az Eft" und „Nepszava" zn demolieren, von der Polizei vereitelt worden war, beschlossen heute die Erwachenden, an der jüdischen Hochschulsugend Rache zu üben. Heute früh wurden die militärisch organisierten Verbände alarmiert und dann dre Weisungen fiir die Verprügelrmg der Juden erteilt. Es wurde an allen Hochschulen die gleichlautende Resolution angenommen, daß auch die wenigen jüdischen Hörer, die der Numerus clausus in die Hochschulen zrrgelasfen hat, nicht mehr die. Kollegien besuchen dürfen. Mit Stücken und Horthy-Knütteln bewaffnet erschienen die Erwachenden in den Vortragssälen und forderten in Anwesenheit der Professoren die jüdischen Hörer auf, sofort die Säle zu räumen. Als in der Vorhalte der Budapestör. Universität die Erwachenden den Versuch mgMep> die aus den Hörsstlen getriebenen JuEn M'prügeln, zog der IstjähMM jüdische WndeM cheza Kraüz -sMeWWpolver -und MWAinW^SchreGschM til'M Lnft ab. Die ^eivaDepdW Helden verließest hierauf fluchtartig das Gebäude, wobei mehrere unter ihnen von den eigenen Gesinnungsgenossen niedergetreLen wurden. Sie sammelten sich dann vor dem Tore, um Kranz zu lynchen. Der junge Mann konnte sich nur dadurch retten, daß er mit vorgehal» tenem Revolver, mit dem Schießen drohend, sich freien Weg verschaffte. Er begab sich auf die Polizeidirektion und erstattete dort die Strafanzeige gegen die Angreifer. Nachmittags hielt die erwachende Hochschuljugend eine Versammlung ab, wobei eine Resolution beschlossen wurde, daß die christliche Hörerschaft auch jenen Juden den Zutritt in die Hochschulen verbiete, die aus Grund des Numerns clausus zu ge lassen wurden. Dieses Verbot soll solange bestehen, bis das gesamte Judentum der christlichen Hochschuljugend Genugtuung für den gestrigen „unberechtigten Angriff" der Polizei verschafft habe. Polizeioberhauvtruann N a d o s s y erklärte, den Standpunkt der Studentenschaft vöMg zu teilen, und erstattete in den Abendstunden in diesem Sinne dem Neichsverweser Horthy persönliche Meldung. Es wurde eine Untersuchung gegen die Polizeibeamten eingeleiLet, die durch ihr rast es Zugreifen am vorhergehenden Abend die Demolierung der „destruktiven jüdischen Zeitungen" vereitelt hatten. Weiters meldet das Üng. Tel.-Korr.- Äur.: Eine große Zghl von Studenten zog heute vor das Redaktiouslokal des „Szozat", da sie eine drohende Haltung ernnahmen und der Aufforderung der Polizei, sich zu zerstreuen, Nicht -Folge 'leisteten, mußte die Wache vom Leder ziehen. Es kamen mehrfache Verletzungen vor. Ientschlaird «M direkt vechimfcl«. London, 16. März. (Tel. Korr.-Vur.) Eine Note des Reuterschen Bureaus bestätigt, daß die Gerüchte von einer gegenwärtigen oder bevorstehenden englischen Intervention in der Nuhrfrage vollständig unbegründet sind. Es wird wiederholt, daß die offensichtliche Lösung die sei, daß Deutschland bei Frankreich und' Belgien Schritte unternehmen muß. Re MMnuttg der LsbsM Wrttz. London, 16. März. (Reuter.) Die Movdmrng der parlamentarischen Arbeiterpartei, die dennrächst ms Ruhrgebiet abwisen wird, um dort die Lege an Ort rmd Stelle zu untersuchen, wird aus Ad am so n, S h ä w und Button mit General T h o m s o n als Berater bestchen. Re BÄkischrn km Solde Frankreich«. Die Münchener Verschwörung zur Unterstützung der Nuhraklüm. Ueber d!^ Verschwörung von Fuchs, Mach Haus unÄ.Gei'ststn bringen .die „Münchner Neuesten ^Nachrichten" interessante Feststellungen: Noch-im Inari vorigen Jahres ergab sich 'der Verdacht gegen den angeblichen Kapellmeister Machhaus, daß er Spionage für französische Zwecke treibe. Er fuhr damals unter dem Vorivawd künstlerischer Bestrebungen häufig rmch Wiesbaden und in das sonstige besetzte Gebiet und suchte gleichzeitig Mitglieder vaterländischer Organisationen fiir sich zu gewinnen und auszuforschen. Auffallend reichliche Mittel standen ihn: zur Verfügung. Im Spätherbst 1922 traten Fuchs und-Machhaus an verschiedene vaterländische Organisationen mit dem Vorschlag heran, eine //nationale Erhebung" in Bayern Herbei- Ostens, der BalkmrgMete und der Levante', , auch ihrerseits den Judenpunkt betonen und die Firmen,. tritt denen sie in Vmchindung treten, auf ihr Verhalten zu der Hetze der Rathenau-Mörder priifen. Es konnte geschehen, daß für das jüdische Ausland eine Liste aller Unternehmungen, die offen als antisemitisch auftveten unt) .sdrüwLesr der Juden crllm stark spekulieren zrtführen. Bei diesen Besprechungen verrieten sie bald die französischen Beziehungen und französischen Ziele sowie separatistisch-bayrische Pläne unter starker Anlehnung an Frankreich. Als die Franzosen au der Ruhr aus unerwartet starken Widerstand stießen, drängten Fuchs und Machhaus aus sofortige Aktion/ wobei sie als französischen Vertreter den Oberstleutnant Richert vorstellten, der politischer Berater des Generals Degontte ist. Auf Verlangen der Organisationsführer kam Richert zu persönlichen Verhandlungen. Bei diesen erklärte er, die Franzosen brauchten eine Unterstützung ihrer Ruhroperatiou durch Herbeiführung eines Staatsstreiches in Bayern. Re Mischen GeseMorfchMe. Paris, 16. März. (Tel.-Komp.) Die türkischen Ge« genvorschläge auf den Vertrag von Lausanne sind gestern abends hier enige troffen - 1. Die Dürfen verlangen die Insel Castellorizo, die gegenwärtig Italien gehört. 2. In bezug auf juristische Klagen will die Türkei den Ausländern nur das Recht zugestohen,. im Falle von Verurteilungen durch türkische Gerichte Beschwerden zu erheben. «. 3. Die Türkei weigert sich, die Verurteilungen, di« von den Gerichten in Könstantinostel während der Besetzung der Allierten ausgesprochen wurden, anzuerkenmen. 4. Sie fordert das Recht, den Ausländern die Ausübung gewisser Berufe zu verbieten. 5. Sie fordert, daß gewisse türkische Industrien von der Steuereutrichtung enthoben werden. 6. Die Türkei fordert, daß Ihr gewisse Sumnren vergütet werden, die sie während der Balkankriege 1912 bis 1913 ausgegel'eir hat. 7. Die Türkei will nicht z-ngeben, daß die Tschecho» Slowakei, Belgien, Polen und Portugal den Friedensvertrag nritrmterzeichnen. angefertigt wird. Es gibt heute bereits eine jüdische öffentliche Meinung. Wenn das Hakentreuztmn und der gar so gesetzlich -regierende Ausschuß der Parlauientsparteien es wünschen, kann sie in Bewegung gesetzt werden, aber auf einem Gebiete, wo mit Dementis urib Vertuschungen nichts'anzusangen ist.