Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1469 (16.3.1923)
- Date
- 1923-03-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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■'»■lYU?,;■*•',fty-f Einzelnummer K1000 W i e$föZuiAvÄbhdlen in der Expedition, II.,1feborstr. 1-3, oHer.in einer Verschleisstelle Vmonatl.K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K- 28.000 Ts che6ho-Slowakei: Moni K17.Ungarn :Mon, K 600. | u g o s 1 awi e n: Mon, Dinar. 35. Polen: 'Mon. Mk, 8000. D e n t s c h la nd: Mon. Marie 5000. Frankr., Belgien: Monatl. Frcs. 8 r NacbcsHluosrpn T>> Preiserhöhungen torbehalten Ysehecfio-Slowakei > tschech. K1.— Italien: Monatl. 10 Tirq Rumänien, Bulgarien Monatl. 60 Lei bezw. Lewa,, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administr: tiol Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38.43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,16-301 Tel-Adr.:,Morgenzeitung" . Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Nr. 1469 Wien. Freitag. 16. März 1923' S. Jahrgang Leutschland md Frankreich. t eit, 16. März. Es ist ein kleiner, aber wichtiger Fortschritt in der internationalen Krisis zu verzeichnen. Die Konferenz des belgischen Ministerpräsidenten Theunis mit dem französischen Ministerpräsidenten Poincare, die am Montag in Brüssel stattfand, ergab das Einvernehmen beider Regierungen, die Räumung der besetzten Gebiete an der Ruhr und rechts vom' Rhein in dem Maße zu vollziehen, als Deutschland seine Reparationsverpflichtungen erfüllt. Dieses Einvernehmen ist als Ant- ' wort auf die Haltung des Reichskanzlers Cuno sehr wertvoll, der in seiner letzten Reichstagsrede von der bedingungslosen Räumung des deutschen Gebietes nicht mehr gesprochen hatte. Diese Mäßigung hat sehr rasch gewirkt und der aus Brüssel kommende Nachhall beweist, wieviel Unglück hätte vermieden werden können, wenn Deutschland von allem Anfang an den Weg zu den direkten Verhandlungen nicht aus den Augen gelassen hätte. Unter dem Einfluß der Rechtsradikalen, die sich schon aus den Krieg freuten, den für sie das Volk der Arbeiter und Erwerbenden hätte schlagen müssen, war Deutschland immer weiter in die Unnachgiebigkeit geraten, und die Hetzereien der 71 Stinnes-Zeitungen und ihrer Ableger sorgten für eine immer tiefergreifende Vergiftung der Massen und benützten den Haß als motorische Kraft für ihre weitab von der Reparationsfrage liegenden innerpolitischen Agitation. Freilich ist es heute für die deutsche. Regierung schwer, unendlich schwer, den Weg nach Kanossa zu gehen. Im Ruhrgebiet haben die französischen aktiven Offiziere, Pie Frontkämpfer Poincares, so ziemlich ärger als im Kriege gehaust. Sie haben eingesperrt,-terrorisiert, gemordet, und selbst ein so gemäßigtes Organvwie die Kriegstaten der Söldknechte ' Louis des. Vierzehnten Nicht unterdrücken. Was letzthin in dem Städtchen Buer geschehen ist, wv für einen nicht erwiesenen Mord an Zwei Offizieren zwei offenkundig Unschuldige niedergeschossen und eine Menge friedlicher Bürger durch Salvenfeuer getötet wurden, das läßt sich durch keinerlei Ausrede rechtfertigen. Das ist eben die Methode des Militarismus, der gar nichts anderes kennt als den Mord und die Gewalt und der selbstherrlich aus sich selbst die Weisungen für seine Auffassung vom Verwalten erzeugt. Das es zu solchen Ereignissen kommen konnte, ist die Schuld aller Mächte, die, an der Reparationsfrage interessiert sind; es ist deshalb, nicht zuletzt wegen der schweren Leiden der Bevölkerung im besetzten Gebiet/ zu begrüßen, daß endlich auch für eine Vermittluugsaktion Stimmung und Raum geschaffen wurde. Noch find die Aussichten auf ein Gelingen sehr schkvach, aber es ist schon ein Fortschritt, daß von England aus eine Wirtschaftskonferenz angeregt wird und daß dieser Vorschlag von Frankreich nicht abgelehnt worden ist. Auch Amerika hat seine Bereitwilligkeit zu einem aktiven Schritt ausgedrückt. Ob die Meldungen über inoffizielle deutsch-französische Besprechungen in Paris den Tatsachen entsprechen, bleibe dahingestellt. Siesind einstweilen noch stark zu bezweifeln, kennzeichnen aber jedenfalls die Entspannung der Situation, die in den letzten Tagen eingetreten ist. Es wird also alles darauf ankommen, - daß in Deutschland die Vernunft endlich siegt und daß die Regierung sich den Fesseln des Rechtsbolschewismus entwindet. Ob ihr dies gelingen kann, ist sehr fraglich. Die Regierung hat in dem Streit mit Frankreich eine erstaunliche Unkenntnis der psychischen Gründe für das Verhalten der Gegenseite bewiesen. Sie und die Kreise, dje hinter ihr stehen, wollen daran vergessen machen, daß der Streit doch aus der Nichterfüllung von Verpflichtungen entstanden ist. Hätte Deutschland genau formulierte Angebote gemacht, so . wäre es im Laufe der Verhandlungen, die Frankreich nicht hätte ablehnen können, zum Eingreifen aller Kapitalsmächte gekommen, welche aus der politischen Färbung der Frage finanziellen Schaden für sich besorgen müssen. Ein Gläubiger, der für sein Geld fürchtet, ist immer zu, einer Intervention bereit. Wenn aber der Schuldner Zettelwirtschaft betreibt, in seiner Steuerpolitik Arbeiter und Beamte trifft, die Besitzenden aber schont und seine Unterschrift unter dem Wechsel -nicht einlösen will, dann ist die Exekution nicht zu umgehen. Dieses Verschulden Deutschland wiegt sehr schwer und daraus erklärt sich auch das Scheitern, der Regierungsumbildung, die durch den Eintritt der Sozialdemokraten in ein quasi Kriegskabinett alle Parteien mit der Verantwortung belasten sollte. Die Linke weigert sich, die Feb- Horthy-Bmrditen solle» KaroN ermorde» imd berauben. — Re jugoslawische Regierung schW de» bedrohte» Politiker. Belgrad, 15. März. (Tel. d. „Wiener Morgenzeitung".) Hiesige Negierungsstellen erhielten die verläßliche Meldung, daß fünf Mit gl i e d er der Miene« E x pof itur des ungarischen Offizier sder eines ,Müve" den Auftrag erhalten haben, sich nach Nagusa zu begeben und dort gegen den ehemaligen Präsidenten der ungarischen Republik Grafen Michael K arolhi einen Anschlag zu verüben. Zwei der ungarischen Offiziere erhielten den Befehl, von Karolyi wichtige diplomatische > Akten zu stehlen, die übrigen drei sollen die; Vorbereitungen zur Karolyis Ermordung treffen und sie auch durchführen. Die Regierung hat von Belgrad aus die nötigen Maßnahmen veranlaßt, um das Le, den des ungarischen Staatsmannes, der feit zwei Jahren den Schutz des jugoslawischen Königreiches genießt, gegen alle Eventualitäten zu schützen. Karolyi selber wurde amtlich von dem Plan der ungarischen Offiziere verständigt. Paris, 15. März. Die Agence Havas ‘ veröffentlicht folgendes Londoner Telegramm des. Reuterschen Bureaus: Heute wurde endgültig erklärt, /daß es nicht Sache Engl a u ds s e i, z.w i s ch e n F r a n kreich und Be lgien einerseits und Deutschland andererseits z u r n t e r v e n i e r e n, da es Deutschland obliege, einen Plan vorzulegen, der Frankreich und Belgien genügen würde, die dann. Verhandlunge.n würden ewleiten können. - ’ r --'-'^'VZüch7'DtUÄchlaKd England einW.MlanMrlM mit zu lenken, werde sich - England darauf -beschränken/ die deutsche Regierung darauf Hinweisen zu laMn,^-'-daß'-Ler>' Plan direkt Frankreich - und Belgien vorgelegt werden muffe. Deutschland besitze übrigens volle Freiheit, die Bedingungen einü Planes zu veröffentlichen,- zu dessen Kenntnis Frankreich und Belgien aus diese Werse automatisch, kamen. Die sranWfchen Mne im RnbMbirt. Paris. 18. März. lWolff.) Ueber das Regime, das in dem besetzten Gebiet nun seitens der französischen und der belgischen Negierung zur Einsetzung gelangen soll, veröffentlicht der „Oeuvre" folgende Zusammenstellung: 1. Militärische Organisation. Das französische Kontingent wird um 15.000 Mann verstärkt werden, das belgische um 5000 Mann. Insgesamt würden künftighin beide Armeen aus 90.000 Mann bestehen, zu denen 10.000 mobilisierte Eisenbahner hinzuznZählen feien. , 2.. I n g e n i e u r m iss i o n. Diese wird unmittelbarderrr General D e g o u t t e unterstehen. . 3. Eisenbahnregime. Dieses wird auf Grund der Brüsseler Konferenz k e ine Veränderung erfahren. \ 4. E r r i ch tung v o n Koh l e nu n d Kokslagern. Dies entspricht dem Vorschlag des Marschalls F o ch, den deutschen Widerstand dadurch brechen zu können, daß man Kohle und Koks aus dem Ruhrgebiet herausnimmt, anstatt die Besetzung werter auszudehnen. 5. Ausfuhrbewilligungen. In Brüssel fei es Belgien gelungen, die Aufhebung sämtlicher Maßnahmen durchznsetzen, die für den ausländischen Handel eine unmögliche Erschwerung darstellten. ler der von rechts kommandierten Regierung' mitzutragen, und so wird es wohl nachdem Ablauf der gegenwärtigen Krise, zu 'einer innerpolitischen Auseinandersetzung .in Deutschland kommen. Das Dunkel, das auf so vielen Taten und Unterlassungen der Regierung liegt, wird'ausgehettt werden und man wird dann auch Klarheit über die Zusammenhänge zwischen dew judenfresserischen Hakenkreuzlertum und Frankreich erhalten. Brief aus Litauen. lBou unserem Korr-spoudenie».! Kowno, März 1923. Das Manische Judentum macht in letzter-Zeit. sowohl in wirtschaftlicher .als auch in politischer Hinsicht eine schwere Krise durch. Die übereilte Einführung der neuen litauischen Valuta hat, im allgemeinen zur Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage beigetragen, unter welchem Umstand die Juden, deren wirtschaftliche -Lage in Litauen noch nicht gefestigt ist, stark zu leiden haben. Dazu kommt, daß-ein großer Teil der litauischen Judenheit >aus den im Jahre 1920 bis 1921 aus Rußland heimgekehrten Flüchtlingen besteht, die sich.wirtschaftlich noch nicht eingeordnet haben. Allerdings ist. eS dank der segensreichen Tätigkeitder Fürsorgestellen des jüdischen Nationalrates - mit Zuhilfenahme großer Geldbeträge, die der Joint zur Verfügung gestellt hat, gelungen, vielen FlüchMngen zur Erlangung wirtschaftlicher Selbständ-gkeit- .--zu.- verhelfen. Auch die -vom Nationalrat geschaftznm Volksbänkinstitute haben zahlreichen jüdischen Kleinhändlern und Kleingewerbetreibenden zu ihrer wirtschaftlichen.Wiederaufrichtung verholfen. . In politischer Hinsicht steht Vre litauische Judeicheitin einem schweres' Kämpf um ihre nationalen Rechteünd'der Raub Dep jüdischen, Mandate während/der letzten Wahlenhat Dr.ibeMsen, wie örutäl die gegenwärtige.christlich-demokrati- He..Majorität gexsen die Juden und; die übrigen nationalen HindephAten i aüftritt. ' Dieser; Brutalität Hürhe jedoch mit der Ernennung eines..ausgesprochenen l s i m i l a n t e n zM jüdischen Minister die Krone aufgesetzt. Die große Protest-' bewegung der jüdischen Gemeinden und Institutionen gegen diese Ernennung beweist klar, wie. unsympathisch der jüdischen Oeffentlichkeit die Person des neuernannten jüdischen Ministers ist. Der neuernannte jsidische Minister Richter Friedmann beabsichtigt aber nicht, zu resignieren, obgleich.sämtliche Beamte des jüdischen Ministeriums' ihre Stellen niedergelegt haben, weil sie es unter ihrer Würdehalten, in einem Ministerium, an dessen Spitze ein Mann steht, der von der gesamten jüdischen- Oeffentlichkeit bekämpft wird, Dienst zu machen. Aber auch die Regierung scheint die Protestbewegung der jüdischen Bevölkerung gegen den ihr oktroyierten Minister zu bagatellisieren. , Die Ereigniffe her letzten Tage haben daher den Jüdischen Nationalrät veranlaßt, zu diesen Fragen Stellung zu nehmen, um Io mehr als . Minister Friemann erklärt hat, daß er sich um die Proteste der jüdischen .Gemeinden wenig kümmere und eher sämtliche jüdischen Gemeinden und den Jüdischen Nätionalrat auseinandertreiben als znrücktreten werde. . In seiner eben abgehaltenen Zehnten Tagung hat der Jüdische N a t i o n a l r a t zu dieser Frage entsprechend Stellung genommen. In seiner Eröffnungsansprache erhob der Präsident des Nationalrates, der gewesene jüdische Minister Dr. B r u tz k u sgegen die antisemitische Hetze und die illoyale Politik der Regierung den Juden, gegenüber, welche ihren Kampf als treue - Staatsbürger mit. legalen Mitteln führen, scharfen . Protest -und beschuldigte '.die litauischen Parteien, daß sie eine antijüdische Bewegung im Landein Szene setzten, während, die von. der Regiekung. gemachten Zusagen' auf vollste Erfüllung- 'der jüdischer; .Nalionalantönomie nicht eingehalten werden. Der dxr Judenheit oktroyierte, jüdische Minister könne schädlicher wirken als wenn überhaupt kein Mimstcriunt bestünde. Die ,Session nahm-eine Pesolution an, in welcher den jüdischen S e j m a b g.e,o r d n e t e n das vollste V e r t r au e tt znnl Ausdruck gebracht und'deren Taktik bestätigt wird. Ferner wurde e inst inttn i g erklärt, daß die Ernennung einer Perlon zum jüdischen Minister, welche mcht das Vertrauen der