Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1459 (6.3.1923)
- Date
- 1923-03-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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‘Wien; Zum Abholen in der {Expedition, H.,Taborstr. 1-3|, bder Sri einer VerachleSastelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u, Oesterr» monatl. 5C 28.000 Ts ehe eh o-SIowa fceis JMon. K17. Ungarn: Mon K 600. Jugoslawien: Mon. Dinar 35. Polen: Mon. Kik. 8000. Deutschland: Mon. Mark 5000. Frankr„ Belgien: Monatl. Frei. 8 Wßt’ NachiahlungeB TM fco PraiaerhobuBgeB Vorbehaltes mmmmnmmmmmm 91t. 1459 mm : > Mm. Simsta«. «. Wt» 1923 Tscheche •tSlfcwafus 4 ftschecfi. K 1-., l t a 1 i e n: Monatl. 10 liira Rumanien, Ku 1 garien Monatl., 601 ei bezw. Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich - Frcs. 3 Redaktion 11. Administi. tie 1 Wien, ü., Taborstrasse 1 —3 Telephone: 44-0-38.43*Srt9, abfiUhrabds. 19-483,16-301 Tel.- Adr.: .Morgenzeitung" Wien OesteirCichisches Postsparkassen-Konto dir. 150.693 8. 8ahtgmg 3dee md GMatt. —V Wie«, 8. März. Dem stürmischen Samstag folgte ein , lärmender Sonntag. Die Woche hatte mit schweren Exzessen gegen die jüdische Bevölkerung geschlossen, der Beginn der neuen Woche brachte die Vereitlung einer tschechischen Versammlung. In Heiden Fällen' war es die Koalition der Nationalsozialisten und der' Frontkämpfer, die die Oefsentlichkeit in Atem hielt. Es wäre vergebliche Mühe, den aktiven Teilnehmern an den Ausschreitungen vorzustellen, wie sinnlos ihr Verhalten ist. Sie leben im Banne der ihnen in ihren Kontrollversammlungen erteilten Befehle, und die „nationale Sache",, unter der sie sich eben nichts anderes vorstellen können als den Pogrom, unterdrückt den Willen und die Fähigkeit, auch eine andere Stimme zu hören. Diese jungen Leute, Gewerbeschüler, Mittelschüler und jugendlichen Arbeitslosen, Habe'n sich ihr Weltbild abgerundet und die Formel „Nieder mit den Juden!" ist^das einzige Geleise, ln dem sich ihr Tenkprozeß bewegen kann. Ihre Parteiführer, ihre Offiziere und die Hochschüler, die die Aufzüge dirigieren, wissen schon mehr von-der Sache. Sie erkennen die Tragweite ihrer Unternehmungen und sie ' haben ein politisches Ziel: die Wiederaufrichtung des durch die Revolution nur zurückgedrängten Militarismus zum Zwecke der Beseitigung aller bürgerlichen und proletarischen Demokratie als erste Etappe auf. dem Weg zu der neuen deutsch-magyarischen Vorherrschaft. Die Frage der Staatsform, Republik oder Monarchie, spielt in diesem Programm einstweilen..&ut eine untergeordnete Rolle, da die zum gemeinsMen Kampf verbundenen Organisätiönen Bekenner beider Systeme , Ahlen und die Austragung ihres prinzipiellen Streites ■ Dieses GegenwarWrogl'aürm ist die Äyrizenkraltyn Wr der Fehler, die den. Krieg'hervorgerufen und ihn verloren haben.' Das weltpolitische Vorrangsstreben des wilhelminischen Deutschland, die Stäatsvolk-Theorie her Deutschen in Oesterreich und der Magyaren in Ungarn, diese Quellen der Weltkatastrophe, die nach der Novemberrevolution versickert schienen, beginnen Widder zu rguschen. Die Zeit soll zurückgestellt und fünf Jahre schwerster politischer Erfahrungen ausgelöscht werden, und es ist den Führern der Belegung, 'die im Gedankenkreis des Militarismus erzogen wurden und nicht umgelernt haben, nicht darum zu tun, ihre Meinung, die ansonsten so gut wie jede andere wäre, aus dem Weg der Jdeenpropaganda durchzusetzen. Sie wissen wohl, weshalb sie dies unterlassen müssen. Die Männer, die den Krieg mitgemacht haben, wollen nur Frieden und sie widersetzen sich jedem Versuch, die alten Zeiten wieder herzustellen. Aber die Jugend von heute, die neue Generation/die noch nicht Politisch erzogen ist, braucht mit.Nachdenken Wer die komplizierten Probleme des wirtschaftlichen Wiederaufbaues, des Werdens eines neuen Europa nicht behelligt zu werden. Sie begnügt sich mit. den . Schlagworten^ die, aus der allgemeinen Not entstanden, sich leicht ins Ohr legen und einprägen lassen. An allem sind'die Juden schuld. Ueber diesen Satz muß man nicht weiter Nachdenken: es genügt, daß immer wiederholt wird: Die Jttden haben alles Geld (die jüdische Armut schreit in allen Gassen), sie füllen die Hörsäle der Universität (die zu 80 Prozent von den „arischen" Studenten besetzt ist); die Juden sind heute Defaitisten- und Pazifisten, morgen Kriegsverdiener; sie gelten heute- . als Versvhnungsmeier, morgen als Feind aller Völker. Für jeden Tag, für jede Stunde gibt es so eine bequeme Parole. Sirw es 'nicht die Jrchen, so sind es die Sozia-Demokraten, die Tschechen, die Franzosen. Auf einen geistigen Kampf kann es eine derartige Bewegung nicht ankommen lassen. Also rüstet sie die Jugend mit Gnmmiknütteln und Drahtstöcken aus und lehrt sie:, nie fragen, sondern schlagen. Das istder volle' Bürgerkrieg. Die'„anderen" sind der Feind; der erledigt werden muß, ehe die große Panazee des nationalen Sozialismus,, d. h. des Sozialismus, über den die Kanonenfabrikanten, und die Besitzer der schweren Börsenpapiere ihre Segenssprüche' sagen, sich voll auswirken kann. ' In zwei Staaten, m Russland und in Ungarn, hat sich die Methode der Gewaltanwendung durchgesetzt. Russland sinkt immer tiefer und Ungarn ist ein Abscheu geworden. Der Versuch Rußlands, sich in Wien ein Zentrum des bolschewikischen Sozialismus zu schassen, ist gescheitert. Nunmehr soll wieder der Be.vsuch unternommen werden, von Wien' qus eine Politik der Gewaft, die Diktautr des Krieges zu inaugurieren, und zu Lüelem Behuf muß Wien und Oesterreich erobert um) Lex Numerus clausus an der Wiener rechutt. IXUi 1 Äm schwanen Brett der Wie n e r .t e chn i sch e n Hochs ch u t e wurde gestern nach 11 Uhr vormittag die . folgende Kundmachung angeschlagen: Zs. 752 ex 1922-23/ 28 Februar 1923> Das Professorenkollegiünr hat in der am 21. Februar 1923 stattgefundenen Sitzung die nachstehenden Beschlüffe gefaßt: „Die Jmmatrikulierung sremdftaatlicher Bewerber wird -künftighin auf Grund ihrer . LaWchllchen Eignung und' . ihrer VölkszugeWrigkeit unter . Bedachtnahnre auf volkswirtschaftliche Interessen erfolgen. Für die jüdischen Bewerbe r d e s A u s L a n d e s wird noch insbesondere bestimmt, daß ihre Jmmatrikulie» rung in der Regel nur in dem Ausmaße erfolgen wird dürfen, daß die Gesamtzahl aller an einer Fachschule zu immatrikulierenden jüdischen Bewerber z e h n P r ozent nicht überschreiten dürfe. Mit der Durchführung dieses Vefchlufses wurde ein besonderer Ausschuß betraut, gegen dessen Entscheidung keinerlei Berufung zulässig iMUnd dem auch zustehen wird, die gefordrxte G i g n n n g der Bewerber in angemessener Weise sestzu- . Der gestrige Tag hat uns eine Flut' von Zuschriften gebracht, -m^-welchenuns die Leser von ihren Erfahrungen berichten. Es fehlt uns an dem nöt'i^rn Raume, alle diese Briefe wküerWIeLen, .m^d'Älr' müssendeshalb'das ihnen Gememisame zusammenfassen. Alle stimmen darin überein, haß die VewuMtmig der Versammlung , eine unbedingte Notwendigkeit war und alle enthalten Worte des herzlichsten Dankes an die braven - ■ Ordner, . die von denSportverbänden und der akademischen Jugend Mellt wurden und die mit Umsicht und Taft ihre schwere Aufgabe meisterten. Wir schließen uns diesem Tank namens der jüdischen Bevölkerung Wiens an. Drei der Zuschriften -erscheinen 'insbesondere bemerkenswert, Sie teilen uns Details aus den stürmischen Bor-' ganzen des Samstag mit, die ein anschauliches Bild von der Gefährlichkeit dieser Art von Demonstration geben. In einem Brief wird erzählt: EinjungerMann begegnete gegen 4 Uhr nachmittags auf dem Trottoir vor dent Rat- Hause einer Gruppe von H a ke n k r e u z l e r n, die an ihm, da sie nichts Auffälliges fanden» Vorbeigehen wollten. Einer von ihnen rief plötzlich: „Da8 ist ein Jud' aus G..." Daraufhin wurde der junge Mann, von den Leuten angefallen,, mit Knütteln bearbeitet und zu Boden geschlagen. Ter Anzeiger war ein Studienkollege des Ue-berfallenen. Der ztveite Brief: In der Grillparzerstraße (in der nächsten Nähe des Rathauses) wollte osn von Hakenkreuzlern verfolgter Mann m ein Hau^tor flüchten. D i e' H a u smeisterin hinderte.ihn daran und hielt ihn laut schreiend auf, bis die Verfolger zur Stelle waren und rhu furchtbar zurichteten. Diese Frau soll angeblich Katharina Blaustein heißen: Der dritte Brief: „Ich habe beobachtet, daß die Demynstrantengruppen bei dem Rathaus in Applaus ausbvachen, so oft die Nettun-gsMllschaft einen Verwundeten holte." .- Im großen ganzen ist.die erfreuliche. Tatsache festzustellen, daß sich das W r e n e r P u bl i k u m zu der Versammlung 'durchaus shntpathisch^ verhielt. Niemand, mit Ausnahme der Bevufshetzer, die nur zum geringsten Test aus Wien stammen, hat an dem Wortlaut des Piabats übet an der Tatsache der Versammlung Anstoß genommen. Dis Wiener Bedölk-erung versteht es, daß sich nur ein Lump beschimpfen lässt. r ’ ‘ Uebrigens erklärt die „Deutschösterveichische Tagr^» zeitung" in chrem Bericht über die Versammlung die Juden für feig. Es seien nur 2000 Leute gekommen. W'w - stellen der Wahrheit gemäß ftst. daß an der Versammlung 70ÜÖ. Leute teilgenommen und daß ungezählte Viele nicht mehr in das Rathaus'gelangen konnten. Der Abmar'ch der. Versammlungsteilnehmer, per drtrch Ordner und Polizei gedeckt war, vollzrg sich.vom Rathaus durch die Maria Theresien-Straßö zur Augarterchrücke Und dauerte über eine halbe Stunde. Das zitierte Blatt, dessen Parteigenosse Herr Kolbe mit Zustimmung . des Persammlungspräsrdmms in der Bolkshalle verb^ieilen war^ erzählt selbst, daß die Leute „in drangvoll fürchterlicher Enge" zufammengekoilt stan-en. Don der D^monftratron erzählt es: „Wenn die r-fNifdje Presse wieder ä^'rben machen will, ' daß ret'Mlusti'gc El-vnrenie und halbwüchsige Jugend L're^ v Krmdgcbsr waren, ida,nn sei f-e>st'Mllt, daß Zehntüusende feden Alters und drr verschirdenstrn Be- . rufssdichten a» den 'Kr'rdsiöbunsenteilzenommen ch^-on und dass ihn nt a u s d e n svenst ern der^ Häuser stürmisch - zugerufen und zugesu'belt wurde.". , Aus edier ... , '& ' Verlautbarung Er Pottzeidirektrsn geht hervor, baß sich Men die VeranftalWtg der Mifcherß P^fammstmz f<fyrt einlWtiger Kampf Mob. Wx, L>nnen - Hftsl düM >folMnde MitteklnnLen^ ergänzen: Nach der Per> öfstntlrchüng her ob/die,anüstMÄis«MHaWiMlHh Ms W Ochen^ der Der» - sämmlunOfteihdiL 'steMw<-Whßml Der 'üs Innsbruck werlends- Obmann der Patiönälsozialisten Är. -R i eh l schrieb der Polizei, feine' Partei habe .oegen die-jüdische Bersamm-- lung nichts einzuwenden. Er lietz auch - in feinem Blatt, der „Deutschen Avbertrrpresfe", erklären: „Niemand wird die Herren voWbowussten Juden hindem; sie sollen ja nichtüber „neue Unterdrückung" klagen." Plötzlich erschienen aber andere Führer der Halenkreuzlsr bei der Polizei und legten Protest ein. K. H. - W o l f teilte.mit, niemals dürfe in der »Halle des dout'chm Dolles" eine jüdische Versammlung tagen. Da sich die Anzeichen einer kedwhlichen Wendung mehrten, wandt-F sich die. Polizeidivekiion an den Vizäanzler.als Minister des Innern und ersuchte ihn um Mitteilung seines Standpun-ktes. Minister Dr. Frank antwortete telephou-isch,' es sei gegen' die Versanimlnng nichts ernzuwenden. Die. PÄizeid'.vektion/berief nun die Proponenten der Versammlung, um sich mit ihnen über die Angelegenheit zu besprechen. Die Erschienenen erklärten, sie würden von der Versarnmlung unter keinen Umständen abstehen, es sei -denn, daß die Regierun-g mit einem Verbot Vorgehen' wolle. Nunmehr entschloß sich die Polizei, die Versammlung im.Sinne der Gesetze pflichtgemäß unter vollsten Schutz zu nehmen. Aus dieser Darstellung ergibt sich, daß unter-den Führern der Völkischen zumindest im ersten -Augenblick kein« U e b e r e i n st i nr m u n g darüber bestand, was als Herairsforderung des deutschen Volkes anzusehen sei. Ech ein«' fettgedruckte Anweisung, der „Deutschösterreichischen Tageszoitung" führte die Hakenkveuzler dazu, sich für provoziert zu betrachten. Ein Teil der v ölk ische n S tude nke ns cha ft schloß sich Samstag'vormittags dieser Ansicht au. Der übliche Mrttagsbummel wurde vorzeitig abgebrochen und die Provozierten zogen zum Rathaus, um die BoWhalle zu besetzen. Sie fanden aber bereits die jüdischen Ordner unter Führung des Gem^in-derates - Dr. P l a s ch« kes bor.\ Die „Nene Freie Presse" macht natürlich den Arrangeuren der schweren Exzesse die Mauer. Sie befleißigt sich, so wie sie die - HorihyMorde bagatellisiert hat, auch jetzig den antisemitischen Führern, die - bei ihr ^ihve Artikel ablagern, das Stichwort zu bringen, mit dem sie die Verantwortung von sich-schieben können: , „Bei den Vorgängen scheint es sich um Vorstöße u u- ' disziplinier re r Elemente mnechäLb der Mttstytt- .mit. Bayern und Ungarn zu einem - einheitlich gesicherten Verband vereinigt' werden. Das ist nur nach schweren Kämpfen zu erreichen, die sich, um die-Bewegung zu poularijieren, zuerst 'und mit voller, frischer Wucht gegen die Juden richten. Die Oberste Heeresleitung und das Armee-Oberkonnnändo — diebeiden lÄu»n wied-r. wenngleich liL -inander nicht sieben — wissen genau, daß auch nicht einmal ein Wort wahr ist, das sie gegen die Juden' predigen lassen. Aber sie wisse« aus dem Krieg, daß manchmal eine gntgesetzte Lüge besser ist als eme Arince, und sie sind von Natur aus Anhänger de: Mittels die der Zweck heiligt. Der Antisemitismus ist ein solches Mittel. Nieder .mit den Juden! .