Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1426 (1.2.1923)
- Date
- 1923-02-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Heute, am Beginn der dritten Woche der Aktion, ist das Jndustrierevier vollkommen besetzt. Der militärische Ausflug hätte demnach sein erstes Ziel erreicht und das HauptpfaM für die Zahlungen Deutschlands in dm vorläufigen Besitz Frankreichs gebracht. Mit den Soldaten hat auch das Kriegsrecht seinen Einzug gehalten. Aber da Offiziere und Gdnerale vieles können nur nicht verwalten, ist> im Ruhrgobiet ein Zustand der ärgsten Verwirrung geschaffen worden. Die Kohlenförderung geht tveiter, aber die Eisenhahnen sind ins Stocken geraten, und so sammelt sich die Kohle in den Magazinen, während Deutschland unter schwerstem Mangel loidet und Frankreich die Brennstoffe für seinen Bedarf, die es bis zum Beginn der Aktion aus dem Reparation stitel beziehen konnte, jetzt in England kaufen mutz. Die Nervosität der französischen Behörden ist offenkundig und sie äußert sich in .Zwangsmaßnahmen, wie sie nun einmal dem Militär geläufig/find, zu besten Handwerk fie gehören. * Es wird verhaftet, geschossen, aüsgewiesen, requiriert. Wir stehen mitten im Krieg, mw wie es schon in solchen Zeiten zugsht, führen auch die Zeitungen Krieg gegeneinander. Wenn man nur für drei Lage die Pariser. Sensationsblätter und die . Stinnes-Preste einstellen kömrte, wäre viel zur Beruhigung der Gemüter getan, und die Verantwortlichen Führer der Politik, in Frankreich wie in Deutschland tonnten es wagen, aus . der gänzlich verfahrenen Situation auf den Ausweg zu gelangen, der der natürliche wäre,, das heißk^. zu Verhändlungm über die , OSWäge/ Eine, Intervention von dritter Seite ist heuttz utt-' möglicher als je, Iveil die beiden Streitteile sich zu weit ' haben drängen lösten. Frankreich' hat' seine militärische Ähre, Deutschland die nationale Würde engagiert- Poincave erklärt, er werde das Gebietnicht räumen, ehe Deutschland nicht zahlt; Deutschland antwortet, es werde nicht zahlen, sylange fein Territorium besetzt ist- Die englische Negierung sieht sich infolge der von Tag zu Tag steigenden Kohlenbestellungen für französische und deutsche Rechnung seiner Arbeitslösensorgen wenigstens für den Augenblick entlchigt, Amerika will jeden Schein einer Verletzung französischer Interessen vermeiden. Die . Haltung dieser beiden Mächte, die dem Unglück hätten halt bieten können, birgt die schwersten Nachteile für sie selbst, und die Forderung der Labour Party nach Einberufung des Parlaments wie die sich häufenden Jrrterveniiousanträge im Washingtoner Senat zeigen die Unrrche in diesen Kreisen. Aber eine Tat ist noch nicht zu erwarten; vor allem darum, weil die mit dem Rnhrkonflikt parallel laufende Zuspitzung der Orientfrage alle politischen Kräfte Englands bindet. In^Lausanne ist der Gegensatz zwischen England und Frankreich bezüglich des Entwurfes für den türkischen Frieden bis zum offenen gegenseitigen Desaveu cmsgeartet, und die Türkei benützt dies zur Organisierung des neuen militärischen Widerstandes. Sollte sic den ihr vorgelegten Vertrag nicht unterzeichnen, dann wäre der Krieg da, der sich nach der Hoffnung der Pariser Pro-Türken zunächst nur gegen England richten würde, dann aber durch die Aufrufung des mohammedanischen Fanatismus alle Kolonialstaaten an der Wurzel ihrer Existenz fassen würde. Alle guten Geister der Vernunft sind aus den europäischen Regierungen und Völkern gewichen. Die Sieger zerstören ihre eigene Wirtschaft und zwingen die kleinen Staaten in die Verstrickung des militaristischen Polypen. Bei.den Besiegten äußert sich die Verblendung in dem faszistischen Wahnsinn, der das Leben der Staaten auf Hatz und Gewalt stellt.. Die Rede des ' tschechoslowakischen Außenministers Benesch, die am Dienstag', in der. Prager Nattonalversammlung vorgetrngen wurde, liest sich wie ein Aufschrei gegen die Verwüstung der Gehirne, die der Krieg und'der Kriegsfrieden erzeugt haben, wie ein Protest, des Genesenden gegen die von allen Seiten vordringende Pest der gegenseitigen Verhetzung, gegen die kein Militärkordon ichützen kann. Sein Staat ist gefühlsmäßig an Frankreich gebunden, hangt aber ) wirtschaftspolitisch mit Deutschland zusammen, wird' also von jeder Erschütterung bis ins Mark getroffen. Benesch kommt in der Erkenntnis der Gefahr zu dein einzig möglichen Verlangen, daß Deutschland einen Reparationsplan vorlege. Nur Deutschland hat es in der Hand, den Frieden zu wahren und die Einigung der gesamten europäischen Bor einem neuen Krieg im Wen / Sie Türkei marschbereit. Lyndon, 31. Jänner. (Wolfs.) „Times" melden ans Konstantinopel: Die Türken treffen alle Vorbereitungen zur Wiederauf-' nähme des Kampfes. In politischen Kreisen in Angora werde offen erklärt, daß die Türkei nicht vor einem Kriege zurückschrecke, wenn Großbritannien in der Mossulfrage seine Haltung nicht ändere. Verstärkung der bMschm Garnisonen. Bagdad, 81. Jänner. (Reuter.) Die Ve^ stärkung der britischen Garnison voN Mossül aus Basra und Bagdad dauert an. Die Türken ziehen ungefähr 150 Kilometer nördlich von Mossul Truppen zusammen. Ungeheure Aufwendungen und keine Kohle! Ier deutsche Fnnenminkfter über die Ruhrbesetzum. . Berlin, 31. Jänner. (Tel.-Komp.) Ministes des Innern SeveriNg empfing heute die Vertreter der ausländischen Presse zu einer längeren Besprechung. Severing beschäftigte sich eingehend mit den neuesten'Bekanntmachungen des Generals Degontte, die er in allen Punkten zurückwies und unterstrich die wenig beneidenswerte Lage, in der sich' die Ruhrbevölkerung infolge des brutalen französischen Borgebens befindet. Besondere Beachtung verdienen die Ausführungen des Ministers über die Sicherung der KebensmittelzufnhWnach der völligen Abschnürung des Ruhrgebietes. Er erklärte, es seien alle -MaßnchhcheH-i. gekyMen,, 'die glatte und Zusrisdenftellende Versorgung des GeMyMMMWWWW^NWWtL-, ‘ der PtzhMesMusig kiWe^MMkyeich uNgHeure Aufwendungen bNWen, .denen perschwiNdend kleine Mengen von Höhle gegenüberstehen, die bisher Nach den Westen gelangten. An dieser Lage werde auch durch die Heranziehung von tschechischen und polnischen Arbeitern nichts geändert. Die versammelten NNslandischen Journalisten glaubten aus den Ausführungen des Ministers herauszuhören, daß die rheinischen Industriellen jede Art Bermittlungsaktion ans das Bestimmteste ablehnen, daß die Neichsregierung aber eventuell nicht ganz abgeneigt wäre, eine solche 'Vernttttlungsaktion zu übernehmen, um das Schlimmste zu verhüten. DemsMratloum i« Wen. Esien, 31. Jänner^ (Tel.-Komp.) Trotz -es gestern in Kraft getretenen verschärften Belagerungszustandes versammelten sich abends aus den Plätzen und Straßen der Stadt tausende von Menschen. Ans dem Bahnhossvlatz, wo französische Wache untergebracht ist, wurden patriotische Lieder gesungen. Die Kranzosen griffen jedoch nicht ein und ließen die Demonstration ruhig verlausen. BekWMMgszMnd in Aschen. Aachen, 31. Jänner. (Del.-Komp.) Ucber die Stadt Aachen ist der verschärfte Belagerungszustand verhängt' worden. Es war zwischen der Bevölkerung und der belgischen Besatzungdie sich in Aachen befindet, auf der Straße mehrfach zu Reibungen und zu Z u s a m m e n* ft ätzen gekommen. Bri dieser Gelegenheit gelang^ eS -in einer ganzen Anzahl von. Fällen, belgische Militärpatrouillen zu entwaffnen. Diese Vorgänge tiefen beim Kommando der Besatzungstvuppen größere Erregung, hervor, und die Patrouillen, die entwaffnet 'worden waren, wurden zurückgezogen. An, ihrer Stelle wurden neue Truppen bis zu Kompagniestärke ausgesendet, die gegen die Bevölkerung vorgingen. FrmzMch-ber«We MW-lMst. . Paris, ZI. Jänmr. (T«l der „Wr. Morg-enzeikmg".) „Echo de Paris" nvcldet, der Hauptzweck der Reise des Ministers Le Trocqner und^^s Generals' Weygand mich Beb» gien bestand darin, eine Einheitlichkeitder B ef e h l s g e b u n g im Ruhrgebiet herzustellen. Man rechnet mit Gewalttätigkeiten in Deutschland, weshalb di^MuKsisch» und-die-belgischeRegierung beschlossenhaben, dem General Degvutte das Oberkommando zu -übertragen.' Dies werde über nn^Mnei erste Etappe sein - Später Men im Ruhrgebiet z wei Korn missLre ernannt werden, ein französischer und ein belgischer,' .welche dieselben dRachtbefugni'sse haben würden, wie -der Oberkominissär Tirardim besttz-cn Rheinland. Bei beiden Kmnmissären Würvr-General DegonftLe dieselbe Rolle spielen, wie bei Tirard. Iie EurotzZer sind verrückt. Kapstadt, 30. Jänner. (IcI. der „Wiener Morgenzeiiung^.) Der südafrikanische Minister;resident General Smuts./hielt im Parlcpnent eine längere Rede, in der er sich über die gegenwärtige europäische Lag. folgendermaßen äußerte: „Die europäische Lage ist gegenwärtig viel gefährlicher denn je. Die Europäer sind verrühr, >hve Staatsmäuner haben das gange Gleichgewicht verloren und sind bereit, die Zuik-unft der, gesamten Well für die Ideen der Reparationen zu opfern. Die - europäische Zivilisation sieln gegenwärtig einem NachtwaMer am Rande des trcssten Elendes gleich." Mischer MnLeMatz M das RuhrMiet. Bon amtlichen Stellen sind die Kmderschntz-Organisationen beauftragt worden, sich auf eine Uebernahme der Psiege aus dem Ruhrgebiet.herauszuholender Kinder ein-- zurichten. Man befürchtet eine H. u n g e r s n o t i nr Ruhrgebiet und will in erster Linie das Heranwachsende Geschlecht schüfen. Auch die jüdischen Organisationen sind, angefragt worden, ob sie die Unterbringung jüdischer Kinder aus dent Ruhrgebiet im unbesetzten Gebiet zu organisieren bereit sind. Es handelt^ sich um c i n r g e t a u s e n d j ü d i s ch e r K i n d e r. Die in Frage kornrnenden jüdischen Jnsrimtlonen haben sich zur Uebernahme bereit erklärt. (I. E. B.) Welt ■ durch den Vtut der versöhnlichen Aussprache zu erzwingen. t Diesen Mut könnte freilich nur eilte Regierung aufbrmgen, die es begreift, daß der Endzweck jeglicher Politik das Sich-bohaupten ist, und daß dieser Endzweck durch-Passivität .vereitelt, ja, in das Gegenteil, in den Untergang, verwandelt wird. Die deutsche Regierung ist heute ein schwankes - Rohr in dem ausgewirbelten- Sturm des Nationalismus. Während sie alle Hilfsorganisationen, auch die jüdischen, 'zu brüderlicher Unterstützung der notleidenden Kinder im Ruhrbeckenaufmft,' sieht sie dem Treiben der Hurraschreier zu, die belgische und französische Hotelgäste verfolgen, den Boykott predigen und damit immer nepe Zwangsmaßnahmen der Pariser Chauvinisten provozieren. Die Re-' gierung hctt den Versäitter Frieden für nichtexistent erklärt und. dadurch dem- Mwtsradikalisnms freie' Babn gegeben. Sie hat es mitverschuldet, daß die bayrisckM 'Nationalsozialisten alle Drohungen des Aus nahm szuftandes verlachen und den großen Pogrom gegen die Juden als die „Novemberverbrecher" fordern konnten, das; auf den: Münchener Königsplatz ein Redner sagen konnte: „Unter der alten,'ruhmreichen Fahne schwarzwertz-rot werden wir . über den Rhein rücken, vorher über mit dem demokratisch-republikanischen Auswurf abrechnen." Nach-dieser Rede wurden auf der offenen Straße die.Fahnen der Republik zerrissen, mit denen sozialdemokratische Arbeiter gegen das französische Militär im Ruhrland demonstrieren wollten. In diesem. Wahnsinn steckt Methode, die Methode, mit der der! sranzöjische - Iniperia lisnuis sein Ziel, die Verelendung ' und Kolonisierung Deutschlands und darüber hinaus die Ausschaltuns Enaiauds vom Kontinent, eri reicben will : : . .