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Wiener Morgenzeitung · 1922-12-09 · Heft 1376 (9.12.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1376 (9.12.1922)
Date
1922-12-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I Einzelnummer K100D Wien: Znm Abholen in der Expedition, II.,Tabprstr.l-3, oder in einerVerschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.0ÖD Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Ts cli e c h o-L 1 owa k e i: Mon. K17. Ungarn: Mon. K 600. Jugoslawien: Mon. Dinar 30. Polen: Mon. Mk. 3500. Deutschland:. Mon. Mark 800., Frankr., Belgien: Monatl. Frcs. 8 i.- MP* Nachzahlungen bei ' Preiserhöhungen ' Vorbehalten Rt. 1376 lener Wien. SMstag. 6. Dezember 1922 ^hnchOkSlowwHi «schech.K 1.20 Italien: Monatl. 10 Lue Rumänien, Bulgarien: Monatl. 60 Lei bezw. Lewa Schweiz und die Übrige Ausland monatlich Frcs. 3. Redaktion u. Administration... Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43*3-19, ab o Uhr abends 16-3P1. Tel.-Adr;: .Morgenxeitunjj“ Wien . O österreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.6K2 4. gahrgim» Clememeau in MeM. F. W i e«. S. Dezember. Bekanntlich weilt feit einiger Zeit Clemenceau in Amerika, um dort in den großen StÄten eine Vortragstournee politischen Charakters zu absolvieren. Was Elernenceau in Amerika beabsichtigt, wird aus seinen Reden klar ersichtlich:/ sie alle behandeln Deutschlands Kriegsschuld und Kviegsführung, suchen das amerikanische Mßtrauen gegen den französischen Militarismus zu. bekämpfen und ftir die Notwendigkeit der deutschen Reparationszahlungen Stimmung zu machen. . Der alte Clemeuceau hat es sich vorgenommen, das Seine zu versuchen, um die amerikanischen Skepsis' gegenüber den politischen Vorgängen in Europa zu brechen, namentlich aber sucht er in der Frage der Schulden Frankreichs an Amerika, einen direkten Erfolg zu erzielen. Urn die Situation richtig zu verstehen, muß man sich nämlich vor Angen halten, daß Frankreich nicht nur Forderungen, sondern auch Verpflichtungen hat. Frankreich hat an die Vereinigten Staaten eine hohe Kriegsschuld abznzahlen und in Paris hat Man sich bisher außerstande erklärt, auch mir.die Zinsen dieser Schuld. zu liquidieren, da solche Zahlungen den Kurs des französischem Geldes sehr erheblich drücken müßten. So begreift sich leicht, daß man in Frankreich an der Haltung Amerikas zum europäischen Problem sehr direkte Interessen hat und das Absiüsstehen Amerikas von bm -europäischen; Händeln sehr peinlich empfindet. Aber es ist fraglich, ob Clemenceaus Thesen in. Amerita auf die allgemeine Zusttmmuilg stoßen werden, gesorgt worden, daß auch die Gegenseite vernehmlich zu Worte' komme. Der gewesene italienische MinisterprästdeNr RM/ einer der konsequentesten- Gegner ^des- Versalller Friedens, veröffentlicht aus Anlaß bon EleMenceaus Amerrka-Rsisi einen offenen Brief cm diesen-, in welchem er ihn auffordert, endlich einmal vom Frieden zu-reden und der das verpfuschte Friedenswerk Clemenceaus sehr gründlich zerpflückt. Nrtti unterlaßt es nicht, in seinem Sendschreiben Argumente-anzuführen, welche in Amerika ihren Eindruck nicht-verfehlen können: Er weist darauf hin, daß Frankreich, welches Reparationssummen von so gewaltiger Höhe verlangt, eine Besatzungsarmce in Deutschland unterhält, welche, höhere Summen verschlinge als der deutsche Militarismus vor dem Kriege, daß Europa, welches die Hilfe Amerikas anruft, gegenwärtig mehr Soldaten unterhält als vor. dem Kriege, während sein Handel um ungefähr 40 Prozent abgenommen habe und daß es widersinnig sei, Reparationen zu fordern, wenn man selbst weder die eigenen Schulden noch auch deren Zinsen an Amerika bezahle. Aber auch in Amerika selbst hat Clemenceau einen Opponenten aus der .Heimat. Gleichzeitig mit ihm weilt drüben der frühere sozialistische Abgeordnete Longuet, welcher Vorträge über die Politik Europas hält. In diesen erklärt Longuet, daß Deutschland seine Zahlungsverpflichtungen nicht erfüllen könne, daß der ' Versailler.Vertrag den französischen Militarismus verstärkt habe, daß Frankreich infolge der großen Truppenbestände nicht die Mittel habe, für die zerstörten Gebiete /zu sorgen und daß Deutschland nicht zahlen könne, weil es fiir die französischen Besatzungstruppen sorgen müsse. Gne entsprechende Zahl deutscher Arbeiter könnte zusammen mit fron? zösischen Werkleuten für den Wiederaufbau. der zer-, störten Gebiete sorgen, aber Frankreichs Regierung wolle diese Zusammenarbeit nichts um den Haß gegen Deutschland wachzuhalten. Wie man in Amerika über diese Zentralfrage Europas denkt, wird durch eine Rede illustriert, welche der amerikanische Botscha-fter in London dieser Tage gehalten hat. Die bevorstehende Zusammenkunft der Ministerpräsidenten der alliierten Mächte in London sei die bedeutendste, die seit 1918 stattgefunden habe. Denn nicht allein der Krieg sei geeignet, internationale Katastrophen herbeizuführen, sondern auch die Aushungerung. Wenn in London nicht in nächster Zeit eine internationale Vereinbarung getroffen werde, so bestünde die größte Gefahr-. Von den Ergebnissen dieser Zusammenkunft hänge das Schicksal und die künftige Wohlfahrt von Millionen ab, denn in der bisherigen Weise könm es nicht noch ein' Jahr weitergehen. Angesichts solcher Aeußevungen ist es fraglich, ob Clemenceau aus Amerika den erwarteten Erfolg heimbringeu wird. Vorläufig merkt man wenig Bereitwilligkeit in Amerika, einen radikalen Frontwechsel vorzunehmen und den Posten des ouWvfiamen Beobachters zu verkrL-» Die Konferenz von Lausanne. Die Mische Aussassung der Meerengensrage. Lausanne, 8. Dezember.. (Schweizerische Depeschen-! Agentur.) In der heutigen- Vormistagsschung erklärte Js-; met Pascha, die türkische Delegation wünsche nachj stehende Grundlagen des Regimes der. Meerengen ange-i wendet zu sehen: 1.' Garantien betreffend die Sicherung der.! Meerengen von K o n starr tzinwp e l und des Schwarzen! Meeres gegen sede Ueberraschung von der SeeundLandseite. 2. Beschränkung der S e e, st r ei.t k r ä f t e, die in das Schwarze Meer einläüfen, in der Weise, daß sie keinerlei Gefahr für die beiden Meerengenufer und das Schwarze Meer därstellen. 3. Die' Stationierung von Kriegsschiffen im Schwarzen Meere, muß v e r b ö t e n werden. 4. Freiheit der Durchfahrt der Handelsschiffe in Kriegs- und Friedenszeiten. Im Kriegs-und Friedenszeiten. Im Kriegsfälle würde sich die Türkei mit einer Kontrolle begnügen. ... . ., : " . ■ ... Me Kapitulationen i« der Mek. Lausanne, 8. Dozmuber. (Tel.-Kmnp.) In der Unter-' kommission für Kapitulation schlug der englische Vertreter. Sir Rumpöldt vor, die Anisichtder Neutralen in der Frage bfer- Kapitulationen einzuholen. Da die Türkei dagegen keine Einwendungen erhob, wurden die diplomatischen- Vertreter SHw-edens, N.or.w -eg.ems-'DaneMarks, Höllands und Spanie ns zur Sitzung zugelassen. Die belgHs.che.Delegation wohnte der,-Sitzung. ebenfalls! bei; Me/ lyarttg mit -der Türkei im Ptz^WbevWtnis stünden und sprachen den Wunsch aus, haßMsMegime, das die Kapitulationen ersetzen soll, chnen die gleichen Sicherheiten ftik die Interessen ihrer Staatsangehörigen bieten möge, den Staatsbürgern alliierter Länder. - Sodann wurde in die Erörterung über die Kaprtu» lationen erngegangen. Die Türkei gab dabei ihrer Bereit- Willigkeit Ausdruck, den Fremden nach Möglichkeit Erleichterungen und Sicherheiten zu gewähren, allerdings unter der Bedingung, daß diese Erleichterungen den türkischen Gesetzen nicht zuwiderlaüfcn. Ae griechWe Armee W bereit. London, 8. Dezember. (Reuter.) „Daily Expreß" meldS» aus Athen: Der griechische Oberbefehlshaber Pengalös hgt in einem Interview erklärt, im Falle eines Abbruchs der Friedensverhandlungen. von Lausanne sei die griechu chische Armee bereit, unverzüglich die Kemalisten anzu> greifen. ßme Einheitsfront der Mente. Rom, 8. Dezember. Ministerpräsident Mussolin? ist gestern abends auf der Fahrt nach Paris in Lausanne eingetroffen, wo er sich -bis heute MH aufhält, um mit L-o r d C u r z o n eine Besprechung zu pflegen. Die italienische Presse hebt das vollständige Einvernehmen der Leiden Staatsmännerhervor und begrüßt es M-f daslebhafteste, Mßi es m-Lausimre gÄrmchm^ .sin-- EirchüHrWMr^ Alliierten herzustellen. Die Blätter hofsin, daß die Einheit^ front auf der Londoner Könfeveng fortwirken werde.' AeÄWrüche derHWmssttWen in IMWland. Jas neue MeterfchMefetz. Bon Rechtsanwalt Dr. M. Reitz. Im Haushaltungsausschußdes deuffcherr Reichstag's wurde unter anderem em Bericht über die besetzten, Gebiete am Rhein vorgelegt, aus dem man ein Blld gewinnt, was alle? Deutschland — außer der Bezahlung für. die gesamten Kosten — an Sachgütern für die Besatzungsarmee zu lv« firn hatte: Zurzeit sind mit Besatzungstruppen und -behördcn 207 Orte belegt, von denen -rm Frieden nur 38-mit Truppen belebt waren. Vom Reiche mußten für die Besatzung in der Zeit vom Herbst 1920 bis zum Sommer 1922, also in emdreivrertel Jahren, allein an.Großmöbeln Le schüfst Iverden: 1400 Salons, - 2600 Herrerrzimurer, 5000 Speisezimmer, 10.300 Schlafzimmer, 4600 Küchen (natürlich m>1 allem üblichen Zubehör), 180 Klubmöbelgarnituren. 6300 Korbsessel, 2100 Polsiermohelgarnituven, 1400 Polst'.rseffel, 2300 Bettstellen für Erwachsene, 3500 Kinderbetten, 3900 Kleiderschränkr 3400 Waschkommoden, 3000 Chais:- longues. Das alles sind Beschassimgen eines beschrankten Zeitraumes;, dabei ist also-alles das, was vorher und nachher vom Reich und von den Städten beschafft werden mußte, nicht h-.rücksichtigt. Nicht gerechnet ist ferner die gwße Anzahl oen Möbeln in Schlössern und Privatwohnungen, die noch im Gehranch der Besatzung seien, und der Bedarf für die kasirnenmäßige Unterbringung. Besonders auffällig ist, daß in den angeführten eindreiviertel Jahren auch folgende Gegenstände beschafft Iverden mußten: 800 Damenschreibtische, 500 Frisiertoiletten, 200 Bidets, 16.000 Bügeleisen, 18.000 Teppiche, 17.500 Servietten, 6900 Speisesirvices, 8900 Kaffeeservices, 4000 Teetassen, 25.000 PorZellan-Platten, 72.000 Weißweingläfer, 51.000 Rotwemgläser, 15.000 Portweingläfer, 45.000 Sektgläser, 58.000 LÄörgläsir, 26.000 Bierglaser, 9000 Werickarafferr. An Leinwandstofffür Bett- und Tischwäsche der Besatzung haben rund 3000 Kilometer ins besetzte Gebiet wandern müssen. An deutscher Beamter von einem ftanzösischen Sergeanten verwundet. Frcmkstrrt, 8. Dezenrber. Nach einer Mskd-ung der „Frankfurter Zeitung" aus Ludwigshafen wurde hallt« nachmittags der Beamte der dortigen Goschäftsstelle, der Reichsvermögensverwalter Elnil Hartmann, in der Wohnung des ftanzösffchen Sergeanten und Regimnrtsschneiders Mo ule von diesem durch «men Bauchschuß lobensgefährlich verletzt. Der Grund zur Tat ist noch nicht be-kanUt. Harbmantr befand sich, wie man vermutet, tu Ausübung seines Bevusis m der Wohnung des Semeanten. Das größte Jnteresie der Mieter ist Mf zwei Frageu kmtzentriert: Auf die Frage, was muß an Mietzins für eine gemietete Wchnung oder ein gemietetes Geschäftslokal gezahlt werden und wann, darf der Vermieter kündigen? Das neue Gesetz hat m beiden Fragen einen vernünftigen Mittelweg, eingeschlagen, ist «in der Frage des Mietzinses den berechtigten Wünschen der H a u s e r g e n t ü nr e r entgegengekommen und hat dafür -den S ch u tz d e s M i e t e r § in -der Richtung verstärkt, daß es das Kündigungsrocht des Vermieters noch -weiter einschrankt. Der Mietzins, der nunmehr gefordert werden darf, heißt gesetzticher Mietzi-ns. Er sitzt sich zusammen: 1. Aus dem Grundnrietzins m der Höhe des halben Jahresmietzr-nses für 1914, 2. aus dem Jn-standhaltungszins in der Höhe des 150fachen Iahresimetzmses für 1914, 3. aus einem verWtzrisMßrgen Anteil an den Betriebskosten, 4. ails emsm verhältnismäßigen Anteil an den von der Liegenschaft zu entrichtenden lausinden öffentlichen Abgaben mit Ausnahme solcher vom gemeinen Bodeuwerte, die nach lcmdesgeschlrcher Bestimmung auf die Bestandnehmer nicht überwälzt iverden dürsin. (Bodenwertabgabe.) Unter dem JahreÄmetzins für 1914.ist der Mietzins zu verstehen, der anr 1. August 1914 vereinbart war, also bei der Bierteljahrmiete der vierfache Betrag des am 1. August 1914 vereinbart gewesenen Bierteljahreszinses. Gemeint ist der Bruttozins. Durch die Fesffetzung des Grundmietzinsis in der Höhe des 'halben Jahresmietznrsis für 1914 ist der Hausbesitzer ungefähr einem Rentner gleichgestellt, dessen Reutenenckomuren aus der Vorkrichszeit stammt. Die Rente entspricht ziffevmäßig ungefähr der Rente, die der Hauseigentümer vor Kriegsausbmch aus dom Hause bezogen hat; sie ^hat auch zur Deckung der lausinden Verbindlichkeiten aus altfälligen Hypochekarlasten zu dienen, die vor dom Tage des Wirksairrkeitsbeginnes der ersten Mieterschutzverovdnung -begründet wurden. Aus 'dem Instamdhaltungssinfe sind - die kleinen rutd großen Herstellungen (Reparaturen), die Auslagen für die Berzinstwg und Tilgung des vom Vermieter seit dem Bestände der Mieterschutzvorschriften zur Bezahlung solcher Auslagen aufgotvendeten eigemn oder fremden Kapitals sowie die Kosten der Hausverwaltung zu bestreiten. Betviebskosten sind: 1. Die Wasser- und Kannlffiemugsg ebühven. 2. Die Kosten (Gebühren) für RauchsimgkehvunA Kanalräunmug und Unvatabftchr. 3. Die Auslagen für eine entsprechende Beleuchtung des VvrbauürL und Stieaen. «wcherLicherchülS

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