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Wiener Morgenzeitung · 1922-11-26 · Heft 1363 (26.11.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1363 (26.11.1922)
Date
1922-11-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Standen dort Streitfragen der europäischen Politik gegeneinander, so treffen hier zwei Welten aufeinander; dem schwachen, erschöpften, niühsam nach Atem ringenden Europa tritt der Orient entgegen, mit gesammelter Kraft, im Gefühl seiner Unverbraüchcheit und seines Selbstbew'ußtseins. Die letzten Konsequenzen des Selbstmordkrieges Europas beginnen sich in Lausanne zu entwickeln. Die Formen, in denen dies geschieht, sind die. des europäischen Parlamentarismus. Schon dieser Umstand ist eine den Siegern abgezwungene Konzession. In Sevres konnten die Vertreter der Türkei noch so behandelt werden wie die Delegationen der aitbercit' besiegten Staaten, wie die Deutschlands und Oesterreichs. Es kam nicht zu Rede und Gegenrede. Der alte Clemenceau, die zu greisenhafter Ruhe erstarrte Rachelegte das Diktat auf den Tisch. Unterschreiben! Heute steht die Delegation der Türkei, nicht der legitimen Türkei, sondern der Usurpationsregierung, vor den Alliierten und Assoziierten. Es wird nicht diktiert, sondern verhandelt. Die Bevollmächtigten Kemals geben sich nicht als die-Deputation eines geschlagenen Landes. Sie sind nicht die Abordnung einer Nation,'. sondern eines ganzen. Erdteils. „Neu ist diesmal/ schreibt ein älter Kongreßjournalistin der ,Faseler Nationalzeitung", daß hier Araber, Aegypter und Türken rir Menge -erschienen sind', dunkle Herren aus Bombay und-Kairo. Denn der ganze. Ovient glaubt, daß seine Sache hier geführt, werde, er identifiziert sich mit den Siegern, er verkörpert sich selbst in- Kemal und die Europäer in dm Griechen. Stolz sieht er eine Mächtige amen triumphierenden' Halbmond 'Men '-einer wahrhaft überdimensionalen Trikolore wehen, vor dem Prünchotel, das die Ehre hat, die türkische Delegation NM. die' französische und sWt Herrn- Pöieäve höchstselbst zu' beherbergen.' Das ganze Morgenland glaubt» sein« Lebenskraft bewiesen zu haben, mdem es ihm gelungen ist, sehr viele Memchen zu töten und [etyr. viele Städte n'iederzubvennen. Ein bisher unbekanntes Selbstgefühl spricht aus der Art, wie die. Herren ' der orientalischen Delegation sich mit den Europäern unterhalten. Sichtlich sind sie überzeugt, daß die Sonne im Westen untergegangen ist nnd nun die Zeit des Halbmondes beginnt. Ein halbes Jahrtausend, in dem immerhin einiges geschehen ist und geleistet wurde, ist für. sie ausgelöscht. Asien nimmt seine Revanche und der kleine Emporkömmling Europa ist wieder verarmt." Dieses Selbstgefühl ist ganz und gar nicht gerechtfertigt. Diese türkischen Diplomaten und Offiziere sind die Wortführer einer Welt, die in jedem, nicht nur im europäischen Sinn« des Wortes, rückständig ist. Der romantische Leser mag, wentr er di« Namen dieser. Paschas und Efendis hört, an die brennende Farbenpracht des Orients, an die Sagen und Märchen von den Kalifen und .Harems denken. Eine unausrottbare Ideenasioziation gaukelt dem Publikum; wenn von Türken und Arabern die Rede ist, eine Fata morganä vor. Palmenwälder rauschen, Harun al Raschid geht mit seinem Wester über die Szene, Blumen, Feen, Glöckchen . . . In Wirklichkeit aber starrt hinter dem bunten Vorhang ein Genrengsel von Schmutz und Elend, die Not von Millionen Sklaven, die Tuberkulose und andere Seuchen, die Apathie der m trübster geistiger Verlassenheit verzweifelten Frauen hervor. Es ist wahr, Europa hat keinen Grund zur Selbstüberhebung. Aber der Orient kennt die soziale Entwicklung, den Wert der Arbeit kaum dem Namen nach, und es -ist symptomatisch, daß der' russische Bolschewismus, die verlogenste und frechste Karikatur des Marxismus; seine Bündnisse mit den Emiren und Generalen, mit den Zöglingen von Saint Ehr und Potsdam abschließt, sich aber weislich hütet, die Menschenbeglückung unter die Fellachen zu tragen, deren soziales Empfinden unter einer Last verdorrt ist, die durchaus nicht Europa verschuldet hat. Wohl aber ist es die Schuld, Europas, daß es den Völkern des Orients nie anders denn als Eroberer endgegengetreten ist, und daß es die von der jüdischen Ethik gebildete Lehre vom Wert der Persönlichkeit, von Mensch und Menschheit, nicht.nur selbst in den Wind geschlagen, sondern sie nicht in ihrer Reinheit verbreitet, hat. Diese' Schuld büßt es bitter. Es hat den Völkern des Orients * nicht seine Technik,. seine große philosophische Kultur - ge-. geben, wohl aber Missionäre, Militärinstruktoren und Maschinengewehre. Es hat'ihnen, seine raffinierte Methodik des Mqssenmorbens beigebrrcht, sie. dann-in seinen internen Streit' hineingezogen. und sieht jetzt -mit schwer verhehltem Entsetzen den.Brandsich aüsbreiten, -dessen Umfang sich kaum. berechnen läßt, In. Lausanne stehen einander zwei Welten gegenüber, grundverschieden, in geistiger Anlage, in sozialer Schichtung; Europa in der Defensive, der Orient im. Angriff und zu allem noch unterstützt von denr halbasiatischen BolschewisMiS/ her Annäherung in den SrienWgm. Lausanne, 2ö November. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) ,v te englische Delegation hat den Türken die biSHrtz «mheftritt ne Eiribeziehüri i von Karatzatsch in. das türkische Geriet zugestanden. In anderen Fragen ist gleichfaü» Mischen den beiden Delegationen eine starke Anna' eruyg iw Gange, die binnen kurzem zu greifbaren Resultaten führen dürste. Parallel Mt dies?« Korrrpromitzb »ratunge« laufen die Perhandlungen über die Gründung des Valkanbnndes, die nach außen hin stark verschleiert werben. Die Hanptdifferenzett bilde« die Frage der EntmUitar'fierung der n »traten Zone, die Frage von Mossul und die Frage der Meerengen. Gestern abends' wurde der ösidrveichssch-zionistische Parteitag rin Saale-des n.-5/Gewerbevereins unter Teilnahme von ungefähr 160 Delegierten eröffnet. Der Präsident des zaristischen Lanldeskomite^ Fug.' R.. Stricker, wies in seinem eröffnenden Worten daraus hin, daß diese Tagung die - ...... . erste offizielle Versammlung der österreichischen Zionisten - seit der Erteilung des Palastiun-MandatS sei. Wir müssen zuerst -allen jenen. Dank Men, deren Arbeit der größte politische Erfolg zu danken ist, den je ein Volk unter dm für uns gegebenen Umstünden errungen hat, den 'Führerneitz merNM 'und- 10 l o w (MsM, Unser.Dank' Bedürfnisiew volles Verständnis ontMMSehracht Hatz sowie dem PöMtbmch, ^-'der der gesamten'Welt, der ohne Rücksicht mtf uns feindliche Faktoren zu uMeven Gunsten entschieden hat. Redner begrüßt den Vertreter der zionistffchen Gesamtexekutive, Münster für jüdische Angelegenheiten m Litauen, Dr. Solow-ejtschik, in warmen Worten und erklärt die Tagung für eröffnet. Zum Vorsitzenden wird der Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Dr. D. Friedmann, zu Vizepräsidenten des Parteitages werden die- Herren Dr. Abeles, Ing. Ackermann, Ing. Berger, Dr. Steinberg und L. Taubes gewählt. Der Vorsitzende Dr. F r i e d m a n n begrüßt zunächst den Prasidsnten des zionistischen Aktions-Komitees ObervaMner Dr. Chajes, femer den Vertreter des Keren Hajessod Dr. Ni G 0 l d m a n n (Berlin) und bringt die eingelaufenen Begrüßungsschreibenzur Verleftmg. Hierauf überbrmgt Minister Dr. Solowejtschik, stürmisch begrüßt, die Glückwünsche der zionistischen Exekutive und fährt fort: Wir sind in einer schweren Stunde zusammengekommen. Diese Schwere wird überall, nicht nur hier empfunden, und zwar gerade darum, weil wir im Zeichen großer Erfolge stehen. Dieses Gefühl ist die, Folge des uns beherrschenden. Bewußtseins, daß die politischen Erfolge vielleicht eine stärkere Organisation u-nd eine stärkere Unterstützung durch das Mische Volk außerhalb - unserer Reihen ^dürfen. Es ist eine gewisse Müdigkeit in unseren Reihen zu spüren wie in her gesamten Kulturwelt nach dem Kriege. Aber die Ueberwmdung dieser Schwierigkeiten liegt an uns. Redner bespricht' ferner die Erfolge auf. dem Gebiet. der national en'LandeSPolitik und fährt fort: Wenn wir eine breitere Front zu verteidigen haben, als der. Zahl unserer bereits 'organisierten Kräfte entspricht, so müssen wir die Zahl durch Energie -ersetzen. Durch eine gestärkte Organisation werden wir auch zur Verwirklichung der Idee des jüdischen Weltkongresses kommen und durch dessen Verwirklichung werden wir unsere Organisation innerlich stärken. Aber, wenn wir-diese große Werbe- , arbeit vollziehen, so soll, dies von niemandem als Organi« sationSmudigkeit empfunden werden. Wir suchen nicht andere Schultern, um auf sie die" heilige Loist -abzuwälzen, sondern wollen damit andere beglücken. Wenn wir diese große Arbeit -aus dem Gefühl -innerer'.Stärke vollziehen, dann werden wir auch unsere Organisation stärken und stählen. (Stürmischer Beifall.) Der Präsident des Aktionskomitees Oberrabbiner ' Dr. Chajes, laut »Männert, werft darauf hin, daß es der Leitung gelungen sei, die Organisation zu erweitern und zu stärken. Aber nicht nur die Frage der Organisation habe dem Parteitag zu beschäftigen, wir stehen vor einer neuen Situation, und, auch die Frage des jüdrschen Weltko'ugresses werde ihn beschäftigen müssen. Wir haben hiev nicht zu diskutier^, ob e i n Weltkongreß einberufen werden soll, denn die/ 'vage ist bereits gelöst und der Beschluß, muß respektiert n-rden, Nur hie Frage des Wann uird Wie könne diskutiert"werden..Man svlle^ nicht-wieder Fragen aufwerfen, die schon die lveitesten Kreise beschäftigt haben. Redner wünscht, dcch"sich die Konferenz gegenüber' dieser im Augenblick wichtigsten Frage mit dem ganzen nötigen Ernst, wappne. Wir sind heute ein politischer Faktor,' der mit jedem Wort rechnen muß. Redner wünscht, daß die Zionisten Oesterreichs in dieser und in allen anderen Fragen sich der vollen Verantwortung bewußt werden,, die auf ihnen als einem Teile eines in der jüdischen und. in der Weltpolitit anerkannten Faktors ruht. (Stürmischer Beifall.) Dr. Nahum Gold mann (Berlin) übermittelt ineiner geistreichen Ansprache die Begrüßung des Keren Hajessod. Wenn es gegenwärtig eine Krisis gebe, so sei deren Ursache die Entwicklungsphase des Zionismus von heute. Das Kindheitsstadium des Zionismus habe ein Ende gesunden und die Phase der Männlichkeit habe begonnen.« Was man die Krisis nenne, sei die Erscheinung,; daß sich unsere Menschen noch nicht auf diese neue Phase der ruhigen Alltagsarbeit völlig eingestellt haben.' Wir werden erst dann volle Zionisten, wenn wir den Umkreis der Idee für unsere eigene- Persönlichkeit nutzbar gemacht haben werden. Wenn wir geistiges 'Leben und Kultur- Lewegung schaffen werden, werden wir . vom' jüdischen Volk all das bekommen, was wir brauchen. Wenn wir die stete Arbeitsstimmuug pflegen,- dann wird der nationale Festtag von selbstckommen. (Lebhafter Beifall.) . Delegierter David Pardo übermittelt-.in.einer, kernigen hebräischen, Ansprache die - Grüße. des. sephardischen Judentums, welches zum erstenmal zu einer österreichischen zionistischen Tagung Delegierte entse'ndetz. Das .lebenswillige sephardische Judentum kenne keinen - Unterschied, zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden. Wir sind Brüder, die nach langer Zeit zusamntengefunden haben und gemernsanr die verlorene Heimat ausbauen müssen. Redner weist auf die Bedeutung des sephardischen Elements im Orienthin und schließt mit den Worten/wir verstehen die Größe des Augenblicks und wollen, alle Opfer bringen. (Lebhafter Beifall.) . Nach längerer Debatte wird hierauf der Permanenzausschuß gewählt, dem die Delegierten Dr, Abel es, Dr. H iw s ch l, Dr. K ö r n e r, i N i'm h ä u s e r, Racker, Rath, Münzer, Karl Schwarz, Dr. G. Weiner und' W e i n r e b angehören. . Hierauf erstattete Ing. R. Stricker, in vorgerückter Abendstunde sein Referat über die allgemeine-Lag4 im Zionismus. ' seine tatarischen Züge nicht verleugnet und die Walze des kömmüNiftisHen^ Nivellements über die, letzten Reste der esiropaischrn- Zivilisation, führen will. .. - .. Die..Diplomatieder eüroPäischen/Staalen steht.nicht _ auf der Höhe ihrer Aufgabe. Sie bleibt an der Oberfläche nndi meint,- diese Türken und Araber seien die gleichen, die in tausend. diplomatischen Intrigen «ingefangen wupden. Aber es tvaren immer nur besiegte, die da in das Retz dzr äbeydlärrdffchey gerieten. Jetzt aber i kommen sie, seit fast vier Jahrhunderten, zürn erstenmale wieder^ als. Sieger. Und hinter ihnen brennt der Haß des Orients; der gelernt hat, ans Europa zu.schießen, der es tausendmal verachtet.' Vielleicht steht der Orient vor einer riesenhaften sczialcu Umwälzung, sicher aber ist,' dä'ß er Politisch nicht abdiziercn will und mit dem Anspruch, auf Kynstantmopel auch -seine Forderung, -verteidigt.. eine europäische Macht zu werden und zu bleiben. Um diesen heiligen Krieg handelt es sich in Lausanne.

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