Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1361 (24.11.1922)
- Date
- 1922-11-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Lemberg, @2* November. Ms der Sejmdeputierte Grün b a uur im vorigen Jahre gelegentlich der Kommissionsberatung über den Gesetzentlvurf zur Wahlreform die Entstehung eiues Minorrtatenblocks - in Aussicht stellte, Sa rief ihm . der Autor des Gesetzentwurfes, Pfarrer L u t o s l äwsk i, in ironischer ' Weise jpi, es sei vergebliche Mühe, denn Weißrussen, Ukrainer und andere Nichtjuden würden niemals ihre Stimmen auf eine Liste vereinigen, die vorwiegend jüdische Namön enthält. Der Ausgang der Wahlen in Kongreß- Polen und in Ostgalizien hat dem Hetzpawr und seinen Getreuen eine derbe Lehre erteilt. Nun überbieten sich die diversen Organe der allpolnischen Presse, wie „Gazeta WarSzawska", „Rzeczpospolita", „Alowo polskie'^ und der ,Ourjer Poznanski" — von anderen minderwertigen Blättchen nicht zu sprechen — fast täglich in antisemitischen Brandartikeln, in tvelchen, die großen Gefahren geschildert werden, die den polnischen Staat und die polnische Nation infolge der Wahl so vieler Mischer Deputiertem und .Senatoren wie auch der übrigen Deputierten nichtpolnischer Nationalität bedrohen. Der gestrige >,Jüdäo Poloma" betitelte^ Leitartikel des hiesigen „Slowo polskie" enthält einestwütenden Angriff gegen dem bei der Bölkerliga bevollmächtigten Miurfter und bekannten Historiker Prof. Askeuash wegen seiner vor einigen Tagen, in. dem Warschauer . „Novinh codzienne" veröffentlichen Interviews über die Stellungnahme Polens zum englischen Palästtna-Oandat und der damit verbundenen Gmndung'eiuer Mtionaljüdischen Heimstätte, ... .„..; ...-;/ . . ■■ " -In' diesem Gespräch nash /dahin, daß ihn die' Krage des Palästinä-Mandats. als Menschen, Europäer, Polen und Juden gleich interessiere. Er',betrachtet die Angelegenheit , auch in. Kinftcht auf . die Interessen der Juden Polens alsbesonders bedeutungsvoll, fei aber augenblicklich in die Einzelheiten nicht so weit eingeweiht, um sich über die Sache eingehend aussprechen zu können. Auf die Frage, warum er in .der Sitzung der Bölkerbundliga gegen die Mnoritätsbestimmungen des Friedensdertrages aufgetretelt sei, antwortete Prost Askenasy, daß er zwar diese Bestimmungen . als ernrgernratzen mangelhaft betrachte, daß sie jedoch von Polen gewissenhaft eingehalten werden würden. „Slowo polskie" wirft nun Prof. Mkenasy vor, daß er unter dem Eindruck des glänzenden Kahlerfolges der Juden die bisherige Maske seinps polnischen . Patriotismus habe fallen lassen und' fetzt ohne Einschränkung als Vertreter /MDHtzr' "Interessen * yüWte. Es sei das erste Mal, daß. sich Askenasy. so rückhaltlos als Jude bekannt habe. Bisher hätten feWe"'politischen 'Munde‘bei jeder Gelegenheit betont, eZ wäre - ein polnischer Ueberpatriöt, wobei man sich auch ^ss^kne' Historischon Publikattonen berief, di«, abgesehen HbAAhMywissensWMchen Wert, die - politischen JntereMmPolens ' in hohem Maße gefördert habe». v-:" yy. , . - Wie nun Professor Askenasy. diesen Patriotismus mit seinem-Judentum Vereinen könne, sei n-ch An-' sicht des „Slowo polskie" das Geheimnis des talmudischen Geistes dieses „polnischen Staatsmannes^. Angesichts dev Ziffer von 119 Senatoren und Deputierten, über die der Block' der nationalen Minderheiten in der Nationalversammlung verfügen dürste, würde sich Polen dank der politischen Unbesonnenheit der, Linken allmählich, in ein „Jüdäo-Pölen"' Verwandeln, was Prost Askenasy ermutige, ' nunmehr offen als Jude hervorzutreten. Bald werde ihm auch die Leitung der auswärtigen Politik des Reiches übertragen werden, und vielleicht sei es sogar schpn an der Zeit, an Stelle des, den Rabbis, als judenfreundlich .angenehmen P i l s u dS k i einen echten Hebräer zum Staatschef zu wählen. ' Das der'Inhalt'des erbaulicheü Artikels. Es liegt uns fern, - als Verteidiger Askenasys,, d^r sich selbst als fanatischen Verfechter dev Äffinulgtiön gekannt hat, auszutveten. Für joden 'Fall aber ist es' charakteristischdaß der allpolnischen Presse kein Weg zu sWcht erscheint, mn nur durch.. Entwicklung dieser und ähnliMr Theorien den jüdischer! Teufel an die Wand zn mähest. Es scheint sich der natioiraldemokratischen Hetzpresie nur dämm zu handeln, eine Spaltung unter den LiMpürteien hervorzurufen und einen Teil von ihnen zum Anschluß an. die Gruppen der Rechten Züvevanlassen,Der Zweck helligt das Mittel. Ob aber' Mjes Bestrebens besieg Früchte zeitigen wirb als das'.WerkPater Luto'SlawSkr wird die Zukunft Uejw», Enttäuschung der Türken. ' L a «s a n n e, 23. November.. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".)' Das bedeutendste Ereignis des gestrigen Tages, dessen Bedeutung hier niemanden entgeht, ist der Zusammenschluß der Balkanstaaten. eiuschltetzlich Italiens. Er ist die erste Konsequmz der unversöhnlichen Politik der Kemalifteu. Jsmet Pascha macht kein Hehl aus 'seiner j EyttSusWng. Er sprach Von Verrat und allgemeiner Verschwörung und bedauert» Yen Verlockungen Franklin Bouillons Glaubzin geschenkt zu haben. Er äußerte sogar die Ansicht, datz^es besser wäre, sofort abzureisten. Er hat sich vis heute Bedenkzeit Vorbehalten, um die vier Abgeordneten, die ihn die große Nationalversammlung hon Angora zur Aufsicht beigegchen hat, über die. Lage in Kenntnis zu setzen. für heute erwartet man keine Besserung der Situation. Die Ankunft Tschitschcrins wird in den nächsten Tagen erwartet. Es scheint nicht ausgeschlossen, daß Jsmet Pascha und seine Kollege» ans diesen Genossen warten, am damit zü drohen, daß sich die Türkei in Äe Arme Rußlands sMrzen werde, wenn ihre Bedingungen nicht angenommen würden. Man beginnt allmählich zu erwägen, ob es nicht nötig sein werde, den Türkey eine Frist für ihre Antwort zu stellen, wenn diese Wester Stillschweigen bewahren Länsanne, 23: November. (Tel. der „Wr. Morgen-' zeitünM ' Die gestrige Besppechuug Ler Bertröter der dem- Beschluß göenM, dätz düs HWM' der Grüirdnng eines neuen Balkandundes in^ wetteren Konferenzen besprochen werden soll. Die PosMsche Bedeutung dieses Beschlusses liegt vor allein darin, daßdie Berhandlnngen zur -Gründung des Balkanbundes den eigentliche» Gegenstand der Orientwnferenz fast in de» Hintergrund gedrängt habe«. Die auf besondere» griechischen und bulgarischen Wünsch einberufene Konferenz hat zwar noch eine Reihe großer Schwierigkeiten zu überwinden, Bulgarien scheint 'töet gegen Zubilligung genügender Sicherheiten und Konzessionen im Hafen von Dedeagatsch bereit zu sein, auf einen Zugang im Aegäischeu Meer zu verzichte«. Für den Berlaüs der Konferenz ist es von großer Bedentuüg, daß sich Rußland bedingungslos hinter die Türkei gestellt hat und wahrscheinlich nicht Nur in der ersten, sondern auch^in den anderen Kommissionen vertreten sein wird. Alle bisher berührten Fragen werden wahrscheinlich von den Russen in den Kommissionen neuerlich aufgeiwllt werde». ' / Ter SdmdpuM Zugoslawiens. Mailand, 23. November. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".). Dar jugoflawifche Minister des.Aeußern N i ne .i e gewahrte einem Mitarbeiter Ses „Corriere della Sera" eine Unterredung, in der er den Standpunkt Südsiawiens auf der Lausayner Konferenz darlegte. Er erklärte, daß Jugosiawien dije bulgarischen Bestrebnugeu, einen Zngaug zum Aegäifchen. Meer zu erhalten, uüterstütze« wolle. Um dem Wunsche der beteiligen Staaten entgegeuzukommen, habe er auch die Vermittlung des Abkommens Mernommen. - Jugoflalvien^ erhebe keinen Anspruch auf Saloniki und h^e auch in dieser Frage Mit Bulgarien keinerlei Vereinbarungen getroffen. Er sei Nur nach Lausanne gekommen, um Frieden zu schließen und nicht, um Wünsche Bulgariens dürchzusetzen. Ter nGsche StMdhaM. Paris, 23. November. „Matin" meldet aus Lausanne: Der Vertreter der Sowjetregierung in Rom Worow skr ist mit den letzten Instruktionen leiner Regierung, die bisher die Einladung: der Alliierten unbeantwortet gelassen hat, gestern' in Lausanne eingetroffen. Er hatte eine längere Unterredung mit,Jsmet;Pascha. Wie verlautet, habedie Sowjetregierung der türkischen Delegatton Me'Unter-, stützung bei der Durchsetzung des Paktes von Angora zugesichert und wünsche, daß die Türkei die Teilnahme Rußlands an der Verhandlung sämllicher Fragen ohne Ausnahme verlange. - Lausanne, 23. November. Der Chef der russische» Handelsmission in Italien Wn r o w s k i gewährte einem Vertreter der Schweizerischen-Depeschen-Atzentur eine Unjerred»mg, in der er unter anderem Rußland Wterstütze alle türkischen Ansprüche, soweit'sie bis jetzt wenigstens bekannt geworden seien. Rußland könne nichts züf geben, daß die Meerengen unter die Kontrolle des Böster? bundes gestellt werden, da der Artikel 5 des russisch^irkischen Vertrages Rußland das verbiete und vorschreiE daß! diese Frage mit den beteiligten Mächten geregelt werden^ müsse. Rußland sei auch für die Aufhebung der Kapitulattonen, da es diese als einen Eingriff in die Unabhängigkeil.der Türkei betrachte. Worowski erklärte weiter auf die j Frage nach der Entwicklung des Kommunismus in Rußland, die Regiemng habe sich darüber' Rechenschaft aW-! legt, daß sie ohne eine Aenderung ihrer Methoden ihr Ziel; nicht erreichen tonne. Nußland sei noch nicht reif für dys kommunistische Regime. Deshalb habe die russische Regie-' rung einen anderen Weg eingeschlagen./ Einzig das ausländische Kapital könne Rußland bei'seinem Wiederaufbau helfen. Damit aber das Kapital nach' Rußland komme,, Müsse man ihm einen guten Gewinn zusichern. ' Die russische Delegation fiir Lausanne setzt sich zusanmten aus T s ch i t s ch e r i n, R a k o w's k y, I n ditv i a n j und /W o r o w s k r. Bis jetzt ist in Lausanne erst Worowski eingetroffen. Die übrigen Mitglieder w^rde^ erst in einer Woche in Lausanne eintreffen. . Die Krkrsche Antwort. Lausanne,! 23. Novernber. Im ^.ersten Teile seiner Antwort widerlegte Jsmet Pascha -durch historische Dar-' logungen die -Mittwoch von Beniselos' angeführten Ar-! ten Mile führte Jsmet.Paschir-sodanndie Gvünde ätz,! ms für die Zuteilung dipssS'Miles.von Thrazien an die TüW sprechen. In der Frage der Schaffung eines wirtschaftlichen Zuganges zum Aegäifchen Meere für. Bulgarien stimmte er grundsätzlich der Entmilitarisierung. des MaritzälaufeS zu, um Bulgarien diesen Zugang zu . sichern. In einer Erwiderung auf die Ausführungen Jsmet Paschas wieder holte Deniselos Füsa-nnnenfasserch.nochnwls die Argumew die er in Mittwochsitzmrg davgelegt hatte. » Tie KommMnsstAmgW. ' Lausanne^ 23. November. 'Die Kommission für itt* ritoriale und militärische Fragen trat honte vormittags zu einer Sitzung Hisämuren. Jsnret .Pascha antwortete in ausführlicher,Weife aus die E'rklävurMN und Vorschläge, die in der vöHergeheNden Sitzrmg von dm verschiedenen Delegierten genmchi worden.»nd. Die Kom- Mission beschloß, eine Unterkommission ernzüsetzeN und diese zu boanstragen, die Bo'rschläge' zu prüfen, die hinsichtlich. der Festsetzung einer mllitarisierten Zone längs der Maritza gemacht worden sind. Gleichzeitig wird die Untevkorwunssion die Frage der eventuellen Eisenbahn- und Hafen- Verwaltung in Dedeagatsch prüfen, rmr Bulgarien einen Zugang Lum .Aegäi.schen Meere zu sichern. Die Kommission wird ihre Arbeiten erst nach Eingang des- Berichtes der Underkmrrmissüm wieder ausnchmen. Lnusanne, 23. November. Die. Sitzung der Kommission fijr territoriale, und militärische Fragen von Mittwoch nachmittags nahm einen ziemlich interessanten Verlauf. Die Vertreter der Müerten erklärten sich gegen.die von der Türkei vpxlangte Bolksahstimmüng in West -Thrazten, Stambuliskr seinerseits.verlangte die Selbständigkeit /West-Thraziens. Man erwartet, daß Donnerstag eine lebhafte Diskussion ' im Schoße der KvMWission stattfinden > werde, da die Türken Men Gegnern antworten werden. Wie verlautet, wird Jsmet Pascha nach der Donnerstag-Sitzung der Kounniffion den Pressevertretern eine EEärung abgeben. f MMlinis Abreise ‘ Lausanne, 23, November. (Schlveizerische Depefchen» Agentur.) Der italienische Ministerpräsident Mussolini hat Mittwoch abenhs. mit dem Simplon-Expreß Lausanne verblassen. Auf dem Bahnsteig, verabschiedete «er sich von den Mitgliedern der italienischen Kolonie und Vom fvanzofischeu BoffchaMr in Rom' Bärrerei Mussolim unterhielt sich aüch mit Sord ' Curzon, dem er 'fügte, er werde nicht nach .England kommen können, bevor er die - englische : Sprache verstehe. Als der Zug die > Halle verließ, cte| Mnffolinü Es lebe Italien! Es lebe die Schtbeiz! '