Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1358 (21.11.1922)
- Date
- 1922-11-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die In her Ängsten Zeit stattgefundenen Wahlen in Amerika, England urttr Polen, die faszistische Diktatur Mussolinis in Italien,, der Miniisterwechsel in Deutschland, Poincares letzte Brandige gegen das bisherige deutsche Regime, Rußlands tvachsendee Mövismus in der äußeren Politik utÄ> schließlich die steigenden Forderungen der Türken sowie der anderen islamitischen Völker dürfen wohl einzeln genommen in ihren - momentanen Konsequenzen nicht überschätzt, aiber. auch in ihrer gesamten Wirkung auf. die -zukünftige Gestaltung der Verhältnisse nicht unterschätzt tverden. In Amerika beginnt ein großer Teil des . Volkes den Zusammenhang der , amerikanischen Wirtschaftskrise mit der europäischen zu begreifen, ebenso wie Europas wirtschaftlichen Zusammenbruch vor allem als Konsequenz des allseitigen , nationalen Chauvinismus und Militarismus anzu-sehen. Deshalb fordert ein großer Teil der Amerikaner, im Gegensatz zur bisherigen. Passivität, in Zukunft eine aktive Deilnahnre Amerikas an dem wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas. In diesem Sinne ist. auch der Ausfall der englischen Wahlen ltitö speziell das starke Anwachsen der englischen Arbeiterpartei zu werten. .Ihre Wahlerfolge einerseits und' die Erlangung der parlamentarischen Majorität durch die Konservativen andererseits machen einen einseitigen Kurswechsel zugunsten.des deutschen oder französischen oder.italienischen Imperialismus momentan zur Unmöglichkeit. Ebenso wie die Konservativen gegen jede weitere .Lockerung der Beziehungen zu Frankreich Stellung nehmen würden,' würden die Deputierten der Arbeiterpartei in gleichem Maße in die entschiedenste Opposition gegen jede weitere' Föä>evu.ngftaugMcher oderitalienischer ErvbevungSgelüstetretew' > . Daß.Mr in Frankreich Poincäves Polittk nicht iMhv -wie früher allseit'^ge Billigung findet 'Md Bedenken über ähre Richtigkeit in inmier weiteren Kreisen , aufsteigen und' sich befestigen, beweist/unter anderem die letzte Rede des früheren Ministers L o u ch e.u r m der.französischen Kammer, welche in Frankreich wie in Deutschland als große Sensation betrachtet wurde. Loucheur erklärt es als einen großen Irrtum, die wirtschaftliche Lage Deutschlands und seine Firmwzpolitik nur vom deutschen StandPuM aus zu -betrachten. Es bestehe eine Weltkrise, Heren eine Hauptnvsache die Wähvungskrankheit bilde, welche die Währungen in den besiegten Staaten und in den Siegerstaaten entwerte. Zur Sichemug Frankreichs fordere er nicht ein verschleiertes Protektorat, oder die Annexion des Rheinlandes, oder auch nur die Trennung des linken Rheinufers von Deutschland, aber mn so entschiedener die Entfernung aller preußischen Beamten vom Rheinlande. „Das Rheinland den Rheinländern" müsse die Devise sein. Diese Rede hat wie kaum eine andere in den letzten -Jahren in Frankreich eine große Wivkuibg erzielt, sie wurde selbst vom nationalen Block beifällig begrüßt^und als Kandidatenrede für den Posten des Ministerpräsidenten angesehen. Diese Rede wird auch mit dem Ziele der amerikanischen Politik in Zusammenhang gebracht, die allgemeine europäische Finanzlage durch Abrüstung zu verbessern. Im Zusamenihang damit wurde die Erklärung Loucheurs über die kostspielige Besetzung der Rheiulande als erste Anregung betrachtet, die Sicherheit Frankreichs durch andere Mittel als durch den Friedensv-ertrag von Versailles zu gewährleisten. Die ftanzösische Politik, die sich überall von falschen/ unzuverlässigen Freunden umgeben glaubt, fürchtet nicht so sehr em wirtschaftliches Wioderanfblühen Deutschlands als ebne Erstarkung des preußischen Zentralismus sowie eine Vermehrung seines Territoriums und weiters das preußisch-russische Bündnis! Darum zieht die französische Polit'ck jede andere Lösung des österreichischen Problems der einer Bereinigung mit Preußen-Teutschsand vor, und deshalb begünstigt sie auch die. vheinländischen und bayrischen Meralijtech * .r *’ . AngesirlM der allgemein Krise Deutschlands, die fourd) den letzten Ministerwechsel keineswegs als beendet angesehen werden kann, sowie weiters angesichts der Entwicklung der bayrischen Verhältnisse verdient das Programm der bayrischen Föderalisten die weitestgehende Auf- Merkla'ilkcit, nicht in letzter Linie in — Oesterreich.- Einer der bedeutendsten BoMniPftr der bayrischen Föderalisten, Dr. Heim, fordert im /bayrischen Kurier" den engsten Zusammenschluß " von/ Bayern,1 Vorarlberg Tirol- Steiern^rc. uud Qberösterreich als einzigen Wog eines Ausgiciches^ der 'unausbleiblichen wirtschaftlichen Schaden, für Dauern. Er schreibt wörtlich: „Wenn feststeht,..daß die Alttierten uienials züge'ben werden, daß das alte Deutschland durch Oesterreich vergrößert .wich', .dann hat Bayern nur hi" Wahl zwischen zwei Möglichkeiten. Entweder es bleibt im Gefüge des alten Reiches, dann muß es auf eine glän- ^cude Perspektive, verzichten« Ker Bavem v^zicht drckr» An Anfruf des Sultans an ZMn Kalif und Gegenlalif. Konstantinopel, 20. Növember. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) zur Flucht des Sultans auf ei« englisches K^egssM hat der Beschoß der Nationalversammlung von Angora gegeben, ihn Vor Gericht zu stelle«.Geplant war die Flucht schon fei# einiger Zeit. Seit Tagen bßpeits wurden Kisten aus dem Palast geschafft und, wegbefördert, und die Frauen des SNltanS Mten sich ständig zur Ahreise bereit. Der Sullas Verließ mit seinem zehnjährigen Söhnchen und in Begleitung einiger Getreuen um 8 Uhr früh seiniru Palast. Da es in Strömen regnete, gelang es ihm, unbemerkt bis zum Hafen zu kommen. m Verlautet, daß er deshalb die Flucht ergriff, weil er befürchtete, Von den Kemalisten ermordet zu werden. Noch vor seiner Abreise erklärte er, daß er nicht daran denke, abzüdänken. Seine Familienmitglieder sind unter den Schutz der alliierten Truppen gestellt worden. Das Pmizerschiff „Maltzha" mit dem Sultan an Bord ist bereits in M a l i a Angekommen. Es Verlautet, daß der Sultan den Wunsch' geäußert habe, nach Mekka Überfsthrt zu werden, um Vom dort aus als rechtmäßiger Kalis ein Manifest an alle Bekenner des Islams zu Der Scheich ül Islam und der frühere Unwrrichtsminister T e v z i B e i, die sich vor drei Tagen 'unter-englischem .' nach Ä^nchie» .. begeben Habens nahMn einMndfchreiben des Sultans mit, in dem es heißt: „MuselmansN! Ich bin der Kalif vlüi 880 Millionen Muselmanen. Die Führer der Mtioualver- ÄnMuß. Meiner Ansicht nach kann' nur das letztere in Befracht kommen. Das neue Wirtschaftsgebiet hat keinen Anschluß zum Meere, kein Erz-und KohleNgvbiet. Hierfür über gibt es eine Lösung, kurz hezelchnet, mit dem erweiterten 'smischen alten RherMmd, Hannover, Westdeutschland bis zur Elbe und SüÄdmtffchland mit Oesterreich. Hierfür sprechen auch noch aNde^ Gründe .. ." Diese Gründe sind nicht so schwer zu erraten. Es ist einerseits die ftanzösische Sympathie für die fSderalsstischen Tendenzen und die Genei-zcheit Englands, sich mit ihren Zielen abzufirnden, besonders wenn man dadurch Frankreich zu Konzessionen rm Orient veranlaflen kann. Was aber Italien betrifft' so hat ja sein KabMttSchef Musiolini ganz deutlich sein Verhältnis zu den anhewn Mächten dahin pmzff«ch daß für ihn die Entente sowie jedes Verhältnis zu einer anderen Dlacht nur insofern einen Wert hat, als es Italien einen wirklichen Vorteil bringt. Muffolrni hat damit nur daß unverhüllt ausgesprochen, was seit 1866 dex einzige Gesichtspunkt Italiens war. Weder in der deutschen noch in der österreichischen oder orientalischen Fvage gibt es daher für Italien in der Zukunft irgend einen anderen fixen Pol. Das gleiche kann man aber, allerdings nur mit gewissen Modifikationen, von Rußland sagen. In der inneren Politik gibt es noch imnrerwähvende Schwankungen, außer dem steten Bestreben nach Anerkennung der bolschewikischen Regierung durch die führenden Weltmächte. In der Außenpolitik zeigt sich inrrNer deutlicher das Streben Rußlands, seine verlorenen Positionen wieder zu gewinnen,, und als ein Hauptmittel hieM betrachtet es die Annäherung an Frankreich, und, falls -dies sich als unmöglich erweist, ein noch engeres Bündnis mit Deutschland und der Türkei einerseits sowie ein gegen Japan gerichtetes russisch-chinesisches Bündnis andererseits. Als Vorstuft für seine weiteren Pläne am Balkan und in Asien baut aber Rußland seine Verfassung immer mehr im Sinne des zentralistischen FörerallsMuS aus. Wenn das übrige Europa nicht bald zu. einer endlichen. Kollsolidirmirg gelangt, dam: wird, durch seine Schuld Rußlaird wieder die vpcherrschende Macht. Der Krim gegen den lüdischen Rektor. Der Radau,^den die deutschnatioMen Studenten in Prag schlagen, weil sie Juden Samuel S tei n H erz nicht zum Rekwr haben wollen, bat in jüdrsch-assmnlatorischm Kreisen doch eine gewisse Wirkung ausgelöst. Nicht in der „Neuen Freien Presse" des Herrn Beueditt und nicht im „Dagblaft" des SftghardMnger, welche über Re Börgatche rn Prag wohl berichten^ aber möglichst'wenig davon rchen. >aß es U um eine JudevtzoMM haMt,. sammlung vergessen aber die heiligen Grundsätze ihrer Glaubensgenossen, um f r a n z 8 s i s ch e I nteressen zu befriedigen. Sie greisen das muselmanische Prestige an, indem sie mich vom Thron meiner Vorfahren versagen und mir die Würde des Kalifen entreißen wollen. Zu euch, Inder, die ihr meine Souveränität als Kalif den Gesetzen gemäß verteidigt, sende ich den Scheich ül Islam vnd meinen Minister. Ich befehle euch, daß ihr euch den Gesetzen gemäß meinen Befehlen unterwerft. Das Kalifat ist in Gefahr. Durch diese Gefahr wird die ganze muselmanische Welt beunruhigt." Irr Gegenkalif. Angora, 20. November. (Hävas.) Die Kommission s ü r r e l i g i ö s e F r a g e n der Nationalversammlung hat einmütig die Wahl A b d u l M e dschids zum Kalifm genehmigt. Die Wahl Abdul Medschids hat in allen türkischen und europäischen Kreise» einen ausgezeichneten Eindruck gemacht. $ . . . , Abdul Medschld ift. der älteste Sohn des rm Jahre 1876 ermordeten Sultans Ab.dml Azi^, des Vorgängers Abdul Hamids, und' nach dem türkischen Senioratsgefttze der nächstberechtigte Thronanwärter. lung mit der Wahl. MM Mchschids' zum Kaliftn auch seine Ausrufung züm Sultan beabsichtigt, fft nach den visherigen Nachrichten über die Stimmung' in Angora noch ungewiß. N In der „Sormnind Mosttagszeitung" und im „Neuen Wiener Journal", die sonst ans assimilatorischem Standpunkte stchen und der Verleugnung des^ jüdischen 'BlllkS--. tumes zugunsten der israelitischen Deutschtümelei das Wort reden, wird der Prager Vorfall zum Gegenstand der Kritik gemacht und damit der üble Eindruck abgemildert, den das Verhalten der übrigen Wiener Presse Hervorrufen. muß. In der „Sonn- und Montagszeitung" schreibt Karl T s.ch u p p i k: „Was im deutschen Prag mit deutschev- KÜltur, mit Bildung und Bedürfnissen der Zivllisation zusammenhangt, ist jüdischen Ursprungs: das Theater, das noch immer auf einer ansehnlichen Höhe steht: die großen Zeitungen; die Bildungsdereine; die.humanen Anstalten . — alles verdanken die Prager Deutschen jahrzentelanger Treue und Arbeit der deutschen Juden. Die Frage, was die andere Seite für das Prager- und für das Sudetendeutschtum getan, bringt einen in dir größte Verlegenheit. Man wird nicht einen namhaften Mann, , nicht ein W^rk zu nennen vermögen; ja, selbst die eine Zeitung, die man als den Anwalt der Kmkreler ansehen darf, wird von Juden gemacht. (Gemeint ist hier die deutschradikal tuende „Boheme. — Die Red.) Im „Neuen Wiener Journal" führt Anton Kuh aus: . . . „Deutscher" und ,^Jude" war, soweit Politik und Kultur in Frage kam, identisch. Die Juden gaben das Geld her, die Juden hielten Universität und Theater ausy recht, die Juden schlugen sich — sehr überflüffigerweise — mit den Tschechen herum, die Juden opferten sich dem Worte „Tradition". Deutschböhmen nannte das „seinen Katnpf^, aber „sein KaMPst^ verlief wesentlich anders: in Kappen- und Bandpavaden, Umzügen und Kneipgelagen, ‘ der Anstimmung von Massengesängen nebst reichlichem Verbrauch der an die Brust des Erwachsenseins gehefteten ' Vokabel: „Viererausschuß", „Ortsrat", „Mißtrauensvotum" und „Vollversammlung". (Die zum Bauch auf-' geschwemmte Massennull.) Die Prager Juden aber, aus zerlüblicher Treue, mit dem Stolz des Stiefkinds, das den - Vater ernährt und gegen Beschämungen dieser anschmiegsamen Liebe'durch das Motto gefeit: „Es gibt überall Elemente . . ." oder „Wer wird generalisieren?" wiesen das Wort „Jud" weit von sich weg und nannten sich deutsch. Sie zahlten, schufen, ließen sich prügeln für dasselbe Sudetenland, das ihre. Not zwar qls die ftine ausposaunte, ihr Werk als das seine- — aber mit dem' Vorbehalt ihrer Verhöhnung und Beschimpfung Die Juden hätten — wenn nicht im Frieden, so doch im Kriege Kehrt machen müssen; der Tscheche stand eine Zeittaug mit offenen Annen da. Sie täten es nicht. Sie gossen lieber für AegtWöhmevs. KtaatsduAMheitey — Von denen wriland I «gW&'Acen-- ■’K ■i: üxjsmimainmti: N, "jsk'V. : yi« "Wwjtw.MM.»■ i