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Wiener Morgenzeitung · 1922-11-19 · Heft 1356 (19.11.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1356 (19.11.1922)
Date
1922-11-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Elnzelnomintfr K1100 Wien: Zum Abbolen in der Expedition,!l.»Tslhorstr.l-3, oder in einerVer^ehleisstelle ^Trafik) monatl. K 30.000 lener »sefaecho-Slowakeil tschech. k 1*20 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. m^natL K 30.000 Tschech o-S<°wakei: •Mon. K20. Ungarn: Mon. I< 600. Jugoslawien: Mon. Dinar- 30. Polen: Mon. Mk. 2800. Deutschland: Mon. Mark 600. Frankr., Belgien: Mon^l* Frcs. 8 ,ir Nncb*ahl#>»fe«»L^i bei Preiserhöhungei* Vorbehalten Italien1: MpnätL 10 Lire Rumänien, Bulgarien: Monatl. 60 Lei bezw. Lewa Schweiz und das Übrigö .Ausland monatlich FrCs. 3« Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3*19„ ab 6 Uhr abends 16*301.! Tel.-Adr.:,Morgenzeitung" - - Wien Oesterrejchisches Postsparkassen-k^onto Nr. 150.693 Nr. 1356 Wien, Sonntag. 19. November 1932 4. Jahrgang Die Wahrheit über Rußland. —y. Wien, 19. November. Der Wiener bevollmächtigte Vertreter der russischen Sowjetrepublik hat am Freitag nachmittags 'bk Vertreter der Presse bei sich empfangen. In den Reden, mit welchen die Journalisten willkomnien geheißen wurden, definierten der Gesandte und seine beamten den Zweck des Empfanges dahin, es sei notwendig, eine innigere Fühlung zwischen der russischen Großmacht und der westeuropäischen Presse herzustellen, um auf diese Weise der Wahrheit zu dienen und dett vielen Erfindungen über die Vorgänge in Rußland den Boden abzugraben. Unstreitig liegt die Wurzel aller dieser-Erfindungen in der Absperrung Rußlands,, die von der Sowj^bregierung selbst vorgenonrmen worden ist. Die Erfahrung lehrt die Wertlosigkeit aller derartigen Maßnahmen und sie zeigt, daß sich jede Regierung mit der Angst vor der Oesfentlichkeit schließlich nur selbst schadet. Es ist zuzugeb^n, daß über wenig Staaten so viel zusammengetogen wixd loie über Rußland. Aber hinter allen Lügen und Legenden steckt doch etwas Wahrheit. Das, was mau vorgestern in der Wiener Sowjetgesaudtschaft an authentischen Mitteilungen über den Stand der Dinge jenseits des Kordons zu hören bekam, bestätigt es, daß Rußland, oder vielmehr die Partei, in deren .Händen sich Rußland heute befindet, allen Gruttd hat, eine unbefangene Autopsie mit allen Mitteln zn verhindern. Ans den Erklärungen, die von berufenster Stelle erfolgten, geht hervor, daß in Mßland nur der Name für äls System geändert worden ist. Ehedem stand Rußland unter der Fuchtel der Zaren tvnd ihrer Bureaukratie, heute wird es von den VolkskonnMäven und ihrer Büreäükvatre medevgehalten. Die AMve ist geblieben, vielleicht auch die Personen der BuvMnkvatie. Im allen Rußland gab es eine StäaMhwrie, Me w dielen Dingen als Vorbild, der preußischen diente. Danach rst der Staat Nicht der Diener der Volker, nicht die Zujamntenfasstmg aller zu ihrer Wohlfahrt bestimmten Organe, sondern eine über ihnen schwebende Macht, die zu den Beherrschten in einent gewissermaßen strafrechtlichen Verhältnis stchi. Die bekannte Affiche des Berliner Polizeipräsidenten Ja-gow: „ bei Widerstand gegen die Sbaaisgelvalt erfolgt Waffengebrauch, ich warne Mugierig?", ist per pxäanant-est« Ausdruck für diese Theorie, die heule uneingeschränkt drtrch irgendwelche Bolkskontrolle in Rußland Herrscht. Jeder Verstoß gegen die Staatsautorität — sagte der bevollmächtlSie Vertreter — wird von der administrativen oder gerichtlichen Gewalt ereilt. Das hört sich unverfänglich an, bekpmmi aber seine wahre Farbe erst dann, Ivenn man bed^rckt, daß es in Rußland heute gar kein bürgerliches - Gesetzbuch gibt und daß die Normen für die Behandlung solcher Konflikte mrgeiids zusammengesetzt sind. Aber auch sonst ist Rußland in jeder Beziehung zn einem Paradies geworden, in welchem der radikale Marxismus alle'Ideale der arbeitendenMenschhoit verwirklicht hat. Er Pun zwar den Bauern kein Saatgut liefern und ihmn bei der Ergänzung der Viehbestände nicht helfen. AberP nntechält eine Ar^ree von 1,3 Millionen Mann, also, wie der bevollmächtigte Vertreter aussuhrt, eher zu wenig als zu viel Soldaten. Diese Armee wird natürlich auf Kosten der Allgemeinheit ernährt und ergänzt sich durch jährliche Ässenticrungen, lverl in Rußland trotz allem Sozialismus, die Institution des stehenden Heeres sakrosankt geblieben ist. Der Zweck dieser Armee ist nicht ganz , genau zu erkennen. Rußland brauch i alle Kräfte für den Aufbau der Staatsuud Volks W irtschaft, und es denkt nicht im Tv^u-m daran, seine Nachbarn! M überfallen. Mer es erachtet die heutigen territorialen Verhältnisse, insbesonderein Beßarabien, nur als provisorisch, solange sich eben die Republik der Arbeiter und Bairwrn diesen Zustand gefallen läßt. D/ hätte asso die Armee doch einen etlras anderen Zweck. Eine politische Amnestie gibt c, welche zwangsweise mobilisiert wurden. . Sie müssen also diesen Zwang Nachweisen können/ Das ist allerdings nur mit der Beschviinlümg auf die Offiziere gesagt Wörden, bk sich einem Rechksertigu-ngsverfahren unterwerfen müssen. In dem uichlsowjetlstischen Europa versteht man unter Amnestie gewöhnlich etwas anderes. Von einer Aufhebung d?r Pvessezensstr kann keine Rede sein, solange die Sowjetmacht nicht befestigt ist.. Nun, auch der Zavismys hyt-über ein sein aüHgesonnems' Zenfuvsystem' vetfügt und auch er hat 'sich immer aus die - Wahrung seiner 'berechtigten Interessen berufen. Das tut jöde Regierung, so oft und so lange es ihr genehm ist; auch Napoleon und Metternich haben nicht-anders gedacht und gehandelt, und die. magyarischen Henker von heute verteidigen ihr System mit keiner anderen Begründung. - Wenn man alles dies hört,-daun versteht mau riicht, weshalb eigentlich 'der radikale Sozia- Lisnius kommen und Rußland durch ein Meer von Blut Md Tränen Mren rmAe? Ditz Romanows tzaberr k W der Flucht Jas Palais versiegelt. Konstantinopel, 18. November. (Havas.) Sobald die Flucht des Sultans bekannt geworden war, ließ N e f e t P a s ch a den Jildiz Kiosk militärisch besetzen und an die Türen Siegel ankegen. Er erklärte, man dürfe der Flucht des Sultans sowie der Art und Weise, v wie sie erfolgt sei, keine Bedeutung beimessen. Reset Pascha hat die Angora-Regierung telegraphisch von dem Ereignis unterrichtet und wartet die Antwort ab. Amtliche türkische Kreise erblicken in dem Wortlaut der britischen offiziellen Rote über die Flucht des Sultans einaM i tz achturig der Beschlüsse der Angora- Regierung über dessen Absetzung und eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Türkei. An politischer Mord. London, 18. November. (Wolfs.) Wie aus Konstautt- »opel gemeldet wird, ist der Präsident der türkischen Sozialistenpartei, Hussein H r l m r Bei,; ermordet worden. Sit Konstantinopel, 18. NovemberX (Havas.) Die türkischen Kreise find der Ansicht, daß durch die Abreise des Sultans die Frage, des Sultanats und des Kalifat s in befriedigender Weise gelöst sei. Paris, 18. November. (Havas.) Lord Curzo« ha> vormittags dem Präsidenten Miller and einen Besuch abgestattet. Mittags begannen die Besprechungen zwischen den beiden Ministern des Auswärtigen. Lord Curzou und Poineare sowie ihre Mitarbeiter werden mit der französischen und der britischen Delegation morgen früh mit einem Sonderzug Paris verlaffen. Am Nachmittag werden Poineare, Lord Curzon und Mussolini in einer kleinen Ortschaft am Genfer See Zusammentreffen. Bor der Berlin IL^November. Die Blätter meldeudatz Ge- Üch C ü n o bei seinen Bemühungen, eiu Kabinett zu biken, auf große SchwgkeLIen gestoßen sei. Cuno habe an den Reichspräsidenten einen Brief gerichtet, worin er erklärt, seine Aufgabe werde an dem Verhalte» der Parteien scheitern. Wohl seien alle in Betracht kommenden Parteien darüber einig, daß sie das Programm der Reparationsnote vom 13. November anerkennen, aber jede der Parteien habe sich versteift, bestimmte Personen in dem zukünftigen Kabinett zu sehen, und die; anderen Parteieu hätteu immer gerade^ diese Personen als für sie Anannehmbar -rklärt.'Reichspräsident Ebert soll darauf den Auftrag Ennos dahin erweitert habendaß dieser de» Versuch machen soll, ein Kabinett znstandezubringeu, das über den Parteien steht, und mit diesem Kabinett vor den Reichstag zu treten. Wie die „Vossische Zeitung" meldet, Nehme man in politischen Kreisen an, daß, falls es nicht gelingen sollte, ein Kabinett Enno zustandezubringen, dem Reichspräsidenten kaum etwas anderes übrig bleiben werde, als den Reichstag auszulöse». nom Punkte schlechter regiert assdie Volkskommissare. Mlitavisnms, Zensur, ädmimstratives Verfahren —. was ist in Rußland anders, was ist besser geworden? Auch in dem Verhältnis pnt Judentum ist keine Aenderung eingetveten. Wenn man die zaristischen Schergen wegen ihrer Pogrome znr Rede stellte, so antworteten sie, daß die Juden nicht anders bchandÄt würden als die anderen Burger. Die Sowjetvertreter wissen auch nichts von einer Jndenfvage. Sie besteht mcht,. wird hinwegdenientiert. Aber es werden Juden eingesperrt, ins Zuchthaus gesteckt, wenn sie den zum Schutze der Staatshoheit bestellten kommunistischen Spitzeln verdächtig werden; sie werden oingesperrt, nicht weil sie irgend etwas Kriminelles getan haben, sondern Ivell sie sich als Zionisten bekennen. Zu diesem Zwecke ist' die sehr brauchbare Ideologie vom englischen Imperialismus erzeugt worden, zudessen Verfechtern die Zionisten gehören sollen. Ms die Schwarzen Hundert regierten, galten die Juden als pangermanische Monomanen. Es besteht also doch eine Judenfrage, denn wenn sie'nicht bestünde, müßte man ja nicht Massenverhaftnngen vornehmen. Es ist eben nur das eine richtig, daß die Juden nicht anders behandelt weöden als wie die anderen Bürger. Es wird gehängt, verhaftet, geschoffen und zensuriert. Das ist die Wahrheit über Rußland, die vorgestern von dem Wiener bevollmächtigten Vertreter der Föderation der Sowjetrepublik, der modernsten. Großmacht, ohne deren Zustitttmuug nichts auf der.Welt geschehen darf — wenn wir nicht irren, Hai das auch Kaiser Wilhelm von sich behauptet —, mitgeterlt wurde. Wie berichtet, fand am Freitag unter dem Vorsitz des- Bundespvästdenten Dr. Hainisch eine Sitzung des österreichischeir Ausschüsses für die a m. e r r k a n i s ch e M i tte l st a n d s.h: I f c statt. Die Vertretung der Änckrican Relief Administration teilt mit, daß neue Speichen in der Höhj»' von ungefähr 200.000 Dollar zur Fortsetzung der Mittslstandshilsein Oesterreich und Polen getvährt worden leisn. frön tvoupn RO HOO hntr Wf-m seien, fron denen 60.000 Dollar von deur amerikanisch-jüdischen Jo int D i st r i '6'it t-i o n Cömry ittee stammen.- -Die anrerikauische Mittelstandshilfe, - die im kommenden^ Monat beendet werden sollte, wird mit Hilfe dieser Spenden bis 1. IM 1923 sortgesichrt werden können. 'l Wir wollen diesen Bericht noch dahin ergänzen, daß der Beschluß des Joint, den Präsident Marburg mitteilte, auf Initiative der Wiener Abteilung des Joint gefaßt und von Generaldirektor Kahn persönlich auf Grund eines detaillierten Materials beftrrwortet worden war. Der Joint ist die vom amerikanischen Judentum zur Bekämpfung des jüdischen Kriegseleuds gebildete Gesellschaft. Im Laufe der Zeit hat sich der Joint an die Spitze aller weiter ausgreifenden Wohlfahrtsaktionen gestellt und sich stets durch ein warmes Verständnis für jede Art unverschuldeter Notausgezeichnet. Mcht nur jüdisch^ Kriegsopfer sind, vom Joint in ihrer Existenz wieder aufgerichtet worden. Das amtliche Communique teilt mit, daß nunmeh^ auch die Weitersührung >der Prosessorentische und Studentenmeusen gesichert ist. Obzwar hier mit vornehmlich jüdischem Geld exzessives Hakenkreuztimr gefördert wird, wollen wir nichts dagegen sägen. Wir sind erfreut. Aber wir wollen scststellen, daß das Wiener großdeutsche Organ, also das Blatt einer Regierungspartei, gerade jetzt eine infame Hetze gegen die nach Wien vertriebenen 700 ungarisch-jüdischen Mediziner begonnen hat und. die/ Nachahmung des Numerus clausus verlangt. Wir stellen weiter fest, daß die „Reichspos^, das führende Organ der österreichischen Regierung, so — sagen wir — kleinlich ist, jede Erwähnung des „Joint" und seiner Spende von 50.000 Dollar, die in österreichischen Kronen kaum ausdrückbar ist, sorglich auszumerzen. Das ist kleinlich, taktlos und. herzlich unpolitisch. - Die übrige Wiener Press? steht gleichfalls auf der Hohe. Die „Neue Freie, Presse" hätte, wenn die Jeritza oder Fritz Kreisler diese Milliarden gebracht hätten, 15 Untertitel gemacht und sechs hervorragende Fachmänner aufmarschieren lassen. Da es sich aber um Juden handelt, hobt die „Nene Frei-' Presse" die kulturelle Bedeutung des österreichischen Mittelstandes hervor, notabene des Mittelstandes, der sie als Judenblatt täglich, beschimpft. Ihren amerikanischen Interviewer, der sonst eine Biogmphie des Spenders und seiner Bankverbindungen hätte beschaffen müssen bemüht sie diesmal nicht. Herr S i e g h a r t in der , Sieyrermühl weiß gleichfalls mit der Sache nichts anzUsangen Jä, wenn's der Kardinal. Piffl. gewesen wäre! Die „Deutschösterreichrsche Tageszeitung" unterschlägt die ganze l^eschichtk. Aber ihre Gesinnungsgenossen werden anMZrofessorentisch und iu den Stndentenmcnsen von den Juden redei;! GermanW-arisch, sittlich-resigiösj

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