Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1355 (18.11.1922)
- Date
- 1922-11-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zu Beginn der nächsten Woche wird sich das neue eng- Äsche Unterhaus versammeln. Das 'Bild seiner Zusammensetzung hat sich von Grund aus geändert. Das Zweiparteiensystem, das seit Jahrhunderten der englischen Parlaments- Geschichte.seinen Stempel aufgedrückt hat, besteht nicht mehr in der alten Form. Die Äcnderung ist so tiefgreifend, daß ihre politischen Konsequenzen sich nur langsam werden entwickeln rönnen. Die Konservativen haben einen über alle Erwartungen großen Sieg errungen. Sie sind so stark geworden, daß .sie aus sich allein die Majorität bilden, scheirr- Arr also in derselben günstigen Verfassung ans den Wahlen heinrkehren wie im Jahre 1900. Aber ihnen stehen nicht nähr als politisches Gegengewicht die Liberalen gegen- 'iber, sondern die Arbeiterpartei, die mit ihren 141 Deputierten die beiden liberalen Gruppen noch hinter sich läßt, -ie mit zusammen 109 Sitzen nn Unterhaus erscheinen. Mit dieser Tatsache hat von nun an nicht allein die Politik Englands, sondern ganz Europa zu rechnen. Es tritt ein ^eues Element aus den Plan, dessen außenpolitisches Programm grundverschieden von dem der Majoritätspartei ist und das sichals kräftig genug erweist, die Führung der Geschäfte Englands auch von der Opposition aus zu beein- Aussen. Wenngleich sich die in Mitteleuropa herrschenden Begriffe Wer Parteiwesen nicht ganz" aus England übertragen lassen, so ist doch maßgebend für die Beurteilung tes Wahlresultats, daß die äußersten Flügel von links und oechts die Stimmung der Wählermassen für sich gewonnen haben. / Dieses, Ergebnis stellt die Entwicklung aller Fragen, mit denendas europaff che Leben zu kämpfen hat, unter neue Aspekte. Die- Konservativen, deren Kampf gegen Lloyd SfötQe. wtfy gäerchtzt.. hat? Hätten Än großen Sieg 'nicht erwartet. Sie^hattiEgHöM- Ht [o vehement Bekämpfte als. Fühver einer Gruppe .von maßgebender Stärke zurückkchren und es ihnen leicht machen pevde, die Linien ihrer Politik, die rm Wesen den .Limen -einer Politik entsprechen, sestzühalten. Denn schon in dem kürzen Zeitraum seit der Demission Lloyd Georges hat es sich klar erwiesen, daß auch sein Nachfolger nichts anderes tun konnte, als was Lloyd George getan hätte. In der Reparationsfvage hat England mäßigend eingewirkt; Sturz des Kabinetts Wirth. ist weniger, durch außenpolitische als vielmehr durch innere Diomente verschuldet worden. In der Orientfvage hat Bonar Lato die Bestrebungen forffetzen müssen, mit den Freunden in der Enteilte noch vor der Konferenz von Lausanne zu einem Einvernehmen zu gelangen, um den wachsenden komalfftffchen Postulaten -inen Riegel vovznschieben. Bisher ist dies nicht gelungen, da Frankreich durch geheime Abmachungen mit der Zlngora- Türkü gebunden zu sein scheint. Das Tempo der EMgnisie im Orient hat sogar Bonar Law dazu gezwungen, noch energischer als Lloyd George zu handeln. Er hat seine Einwilligung dazu geben müssen, daß der Sultan unter dem Schutze der britischen Flagge nach Malta gebracht ivurde. Ueber die Vorfälle, die zu diesem Ereignis geführt haben, ist noch nichts bekannt. Aber jedenfalls besitzt England in der Person'des Sultans und'Kalifen ein sehr gewichtiges Unterpfand für die zukünftige Haltung seiner mohanunedanischen Staatsangehörigen. . Die: Arbeiterpartei, die von nun an die Liberalen in der Führung der -Opposition ablöst, steht m allen diesen Fragen weiter links,.ohne aber den nationalen Standpunkt auszugeben. Sie wünscht Frieden und Freundschaft mit Frankreich und mit Deutschland, sie wünscht die Durchdringung 'des Kolonialwerkes mit modernem sozialen Geist, ohne aber an ein Ausgoben/der Machtstellung Englands auch nur im entferntesten zu denken. Sie verlangt die Herstellung'normaler, durch keine politische Intrige getrübter Beziehungen zu Sowjetrußland. Ihr Radikalismus bezieht sich weniger auf die Verhältnisse Englands znm Ausland, als vielmehr auf die Förderung der sozialen Gerechtigkeit und die Nationalisierung der Produktionsmittel iw' Inland. Von besonderer Wichtigkeit fft ihre Einstellung zur ■ Frage des Bbandats in Palästina. Aus vielen Aeußerungcn der Führer dieser Partei geht unzweideutig hervor, daß sie die Verpflichtungen des. Vvlkerbundbeschlnffes annckenlUrn und sie dahin verstehen, daß denr jüdischen Polk .alle Unterstützung der zivilisierten. Pelt.zur Erreichung seines Endzieles geleistet werden muß. Die nn. Mandaisvertrag vom BölkÄuyd. vmgeiWNmene feierliche Anerkennung - der historischen Verbindung des jüdischen Volkes mit Palästina bum von ein?r Abstimmung'in irgend i einem Parlament nicht beeinträchtigt werdest: Aber -sowohl .die gegenwärtige' ostgkische Regierung wie nicht minder die übergroße Mehrheit der englischen Nation, bekemrt sich zu den Zusagen der Negierung Lloyd Georges. Die Wahlen in England haben dies über )eden Zweifel hinaus festgeMt. Unter dem Vorsitze des Herrn Bundespräsidenten Dr. Michael Hainisch hielt gestern das österreichische Komitee, welches bei der Verteilung von Spenden für den österreichischen Mittelstand der Oberleitung der American Relief Administration zur Seite steht, eine 'Sitzung ab. Vom Delegierten der American Relief Administration wurde bekanntgegeben, daß neue amerikanische Spenden in der Höhe von ungefähr 200.000 Dollar zur Fortsetzung der Mittelstandshilfe in Oesterreich und Polen von Amerika gewahrt worden sind. An der narren amerikanischen Spende von 200.600 Dollar ist der Commonwealth-Fund mit 150.00 Dollar beteiligt. DiebetröchtlicheSummeVouö 0.0 Ö 0 Pollar wurde vom amerikanisch-;übischen Joint Distribution Committee zur Verteilung in Oesterreich allein beigesteuert. Die letztere Beihilfe waii das Resultat einer in New-Iörk abgehalteneu Konferenz, bei welcher das Joint Distribution Committee von Herrn Felix M. Marburg, Vorsitzender, und Herrn James N. Rosenberg, Vorsitzender-Stellvertreter, vertreten wurde. Die große und dringende Notwendigkeit einer fortgesetzten Hilfeleistung in Wien wurde vom Vertreter der American Relief Administration in Wien als Kenner der Verhältnisse eindringlich dargelegt. Dessen Schilderungen wurden von Herrn Dr. Bernhard Kahn, dem Direktor des amerikanisch-jüdischen Joint Distribution Committee für Europas wirkungsvoll unterstützt. Das Komitee nahm die Mitteilungen des Kapitäns Richarden mit großer Freude zur Kenntnis. Der Herr Bundespräsident gab dem Dank der Oesterreicher für die so überaus erwünschte Fortsetzung der Mitetlstandshilse in warmen Worten Ausdruck. Pie amerikanische Mittelstandshilfe wäre, wie wir erfahren, im kommenden Monat programmgemäß zu Ende gegangen. Durch die hochherzigen Widmungen der großen amerikastischen Hilfsaktionen, des Commonwealth-Fund und des Joint Distributton Committee ist einer Verlängerung bis zum 1. Juni 1923 ermöglicht worden. Wie bisher wird die Mittelstandshilfe auch die Fürsorge für die Professorentische und Studenten- Mensen umfassen. r Paris. 17. November. (Havas.) Die Kammer setzte heute die Debatte über die Interpellationen betreffen-"-ie Politik der Regierung fort. Ministerpräsident Poineare wies ans seine bevorstehende Zusammenknnft mit Lord Cnrzon und Mussolini hin und erklärte, er sei sicher, daß zwischen England, Frankreich und Italien vor der Eröffnung der Laüsanner Konferenz ein Einvernehmen her gestellt sein werde. Desgleichen sei er LUrzeugt, daß es zu einer ebensolchen A e b e r e i nsi i m m n n g ans der Prüf s e l er Ko n s e r e n z kommen werde. (Lebhafter Beifall.) Hierauf wandte sich der Ministerpräsident unter gespannter Anfmerksamkeit der Kammer der Frageder Reparationen zu. Er erinnerte an die Zeit vor der Konferenz von Cannes und erörterte in großen Zügen die dort ausgearbeiteten Entwürfe und die Besprechungen von Genua. Sodann kam er auf die Beratungen des Bankierkomitees zu sprechen und erinnerte daran, wie sehr er sich dem Zugeständnis eines Moratoriums widerfetzt habe wegen -er durch das deutsche Reich selbst verschuldeten Lage Deutschlands, die seine Zahlungsfähigkeit nicht berühre. Poineare verwies ans die Treibereien des deutschen Reiches, daS«shstemürffch seine Mark entwertet und alles getan habe, um die Märkte der ganzen Welt wieder zu erobern, indem es den Jndustriellen gestattete, an die Anslander zu Preisen zu verkaufen, die jede Konkurrenz unmöglich machen. Deutschland habe den deutschen Staat s y st c m a t < sch ruiniert und einige deutsche Bürger bereichert. (Beifall.) Der Ministerpräsident erinnerte ferner an die englischen Einwände gegen den französischen Plan, -er die Gewährung eines allfälligen Moratoriums der Stellung von Bürgschaften unterordnete, und fügte hinzu: Ich bin mit leeren, aber freien Händen zurückgekommen. Redner legte sodann den Mechanismus der Reparationskommisiion dar und erklärterer sei weit entfernt davon, die Verfügungen, die sie beschlossen hat, befriedigend zu finden, aber Belgien habe sich damit zufrieden gegeben. Wir haben, sagte Poineare, also einen Beweis unserer Geduld gegeben, um uns nicht von den Belgiern zu trennen t» Fragen, wo diese die Mefftinteressierten waren. v i Ministerpräsident Poineare verweist darauf, daß der letzte Vorschlag Bradbürys ihm nicht annehmbar erschienen seiweil er noch zu viel Vertrauen zeige, daß, Deutschland den guten Willen hätte, sich Dank Witter gemäßigten Kontrolle wieder aufzurichten. Redner kommt ans die Finanzpolitik des deuffchen Reiches zurück, das alles getan habe, um sein Gl8ubiger zn ermüden, und zugelassen habe, daß sich seine Lage immer mehrend mehr verschlechterte. Dessenungeachtet könne seine Z a hln»gsf8hig?eit nicht in Frage gestellt werden, und nian werde von Deutschland niemals etwas erhalten, solange man sich darauf beschranke, Bitten oder Gesuche an Deuffchland zu richten. Poineare wendet sich sodann gegen die Kampagne, die Frankreich als vollkommen unnachgiebig darstelle« Dadurch, daß Deutschland seine Verpflichtungen nicht erfülle, werde Frankreich in feinen Lebensinteressen bedroht. Die Entwertung der Mark schaffe einen leichten Borwand für jene, die in Deutschland und anderswo den Willen habe«, die deutsche Schuld herabzusetzen und infolgedessen auch das Hauptguthaben, jenes Frankreichs. Es sei also Frankreich, dem tttem die schwersten Opfer aichuerlegen trachte, und andererseits erhebt man gegen Frankreich Vorwürfe. Frankreich werde znm Sündenbock, der für die Notlage Deutschlands und der. Welt verantwortlich sei. Der Ministerpräsident gibt sodann Einzelheiten über die Manöver Deutschlands, das den Sturz der Mark nicht bloß durch intensive und ununterbrochene Herstellung von Papiergeld, sondern auch durch unerhörte budgetäre Ausgaben beschleunigt habe, die die Handelsbilanz gefälscht haben. Poineare erklärt, er fei überzeugt, daß Deuffchland, loenn es wolle, die wittschaftlichc Bilanz noch immer ins Gleichgewicht bringen könne. Er sei der Ansicht, daß Deutschland namentlich die deutschen Guthaben, die sich im'Auslände verbergen, heimschaffen'könne. Er kommt sodann zu der F r a g e d e r S a ch l e i si n n gen und betont die Kompliziertheit des früher empfohlenen Systems bezüglich der Teilnahme der Industrie. Er halt« die Einkünfte von 3500 MMonen und das Kapitalvon 66 Milliarde«, die die deutsche Beteiligung angeblich darstellen würden, für sehr übertrieben. Diesen allzu komplizierten Plänen stelle Redner die Bemühungen der französischen Negierung entgegen, reelle wirffchastliche Abmachungen mit Deutschland abjuschlietzen. Redner stellt der Haltung Deutschlands jene Frankreichs gegenüber, das sich im Jahre 1871 durch Anleihen freigemacht habe. Sodann drückt er nochmals seine Ueberzeugung ans, daß keine Maßnahme wirksam sein Werde, wenn sie nicht von sttengen Maßregeln begleitet sei, um den Kredit Deutschlands zu heben und seine Finanzen zu bessern. Welches Mittel immer zu diesem Zwecke angewendet würde. Frankreich werde nur eine Lösung mw;:!i .!!