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Wiener Morgenzeitung · 1922-11-17 · Heft 1354 (17.11.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1354 (17.11.1922)
Date
1922-11-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer KllGO Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr. 1-3, oder in cinerVerschleisstelle (Trafik) monatl. K 20.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 30.000 Ts ch e c h o-Slowakei: Mon. K20. Ungarn: Mon. K 600. J u gos 1 awi e n: Mon. Dinar 30. Polen: Mon. Mk. 2800. Deutschland: Mon. Mark 600. Frank r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 BSP Nack7.«htungen "VU bei Preiserhöhungen Vorbehalten Nr. 1854 WWBMWBI Wir«. Freitag. 17. November 1922 TsehecfoOnSlowafc«? s tscheeh. K 1.20 Italien: Monatl. 10»Lire Rumänien, Bulgarien: Monatl. 60 L,ei bezw. Lewa Schweiz und das Übrig»' Ausland monatlich Frcs. 2. Redaktion u. Administration Wien,11., Taborstrasse l~b Telephone: 44-0-38,43-3-19 ab 6 Uhr abends 16-30' Tel.-Adr.: .Morgenzeitun»-1, Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 4. Fahrgang auwtmmuMm Das sind drePragerStudeuten! —V. Wien, 17. November. Die Prager deutschuationalen Studenten, von deren Laten so viele Lieder und Romane künden, haben ton neuem für ein Hochziel des deutschen Volkes gekämpft. La der Rektor der deutschen Universität eiü Jude ist und dem in Aussig im Frühjahr im Beisein seines Kollegen, des Senators Naegele, von den Studenten beschlossenen Bannfluch nicht weichen wollte, haben sie ihm vorgestern ihre Forderung ins Besicht gerülpst, die Universität besetzt und vor dem' anatomischen Institut chre jüdischen Kollegen angefallen. Die edlen Jünglinge aus Deutschböhmen, die von d.er Judenpresse stets gerne und begeistert besungene Blüte des deutschen Volkes, dulden die akademische Freiheit nur so lange, als es ihnen Paßt. Ist ein Jude Rektor, dann hole der Teusel die ganze Wissenschaft. Und so haben sie diesem Rektor gezeigt, wer Herr im.Hause ist. Von Turmplandles bis Libotschan braust ein einziger Ruf: Herl! Die tschechische Politik gerät da unversehens an eine Frage, die sie bisher nicht beachtet hat. Es ist ein dummes Erbe aus dem Gerümpel de^ österreichisch-ungarischen Monarchie, diese Stndentenautonomve, die in vergangenen Zeiten oft bis zur Höhe eines Staatsproblems hinauflizrüert wurde. Es -war überall an den deutschen Hochschulen die gleiche 'Erscheinung, nur zog sie sich jedesmal ein anderes Kleid an. In Wien wurden die jüdischen Studenten nicht als gleichartig, anerkannt und durch Prügelszenen hinausgedvangt; kn Gra) oder Innsbruck trugen klerikale Studenten das Anathema u-nd in Prag gehörte es zur wesentlichen Erzichung -des'. deutschen Studenten, mit Kappe und Band Krawalle zu provctzieren und der in Wien Hronenden SLa^sraison^LlLGelege^ -,,EiMreiten"MMen. Di^es Einschreiten hestarch.darin, daß man ans der ganzen Monarchie Militär und Gendarmen nach Prag schickte und dort das Standvocht. verkündete. Das war aber nur eine Seite der so vielfach gestaffelten Kulturarbeit des deutschen Studenten. Gr wurde antisemitisch erzogen und ^betätigte" sich in diesem Sinn, «war alldeutsch, antislawisch, redete gern und viel von, den „Schnalzlauten der tschechischen Sprache" und statvd stets.zur Berftigung, wenn ihn die radikale Politik für irgend einen Belang, für irgend ein Hochziel germanischer Weltanschauung rief: Juden verhauen, K. H. Woff Serenaden bringen, in Brünn gegen eine tschechische Hochschüle demonstrieren. Das war das, was der deutsche Student von Politik wußte und lernte. Im Weltkrieg war ex so wie alle anderen: stramm, schneidig, jeden: Bofchl gehorsam. Wie überhaupt Disziplin über das Nachdenken hinweghilft. Als der Zusamntenhvnch kam, wartete der deutsche Student, daßihm irgend jemand den Befchl erteilen werde, die heißgeliebte derrtsche Erde vor . dem Feind Zu schützen. Aber die Führer saßen in Wien, der deutsche Stlbdent nmßte aus dem Landsknechtkleid heraus. Die deutsche Mnorität begann ihre mit Recht so berühmte Negation des tschecho-slowakischen Staates. Für die Studenten hatte sie keine Verwendung, zumal die Machtmittel des Staates, die den Deutschen so lange zur Disposition gestanden, mittlerweile an die Tschechen übevgegangen waren. Mit Couleurcmszügen und Favbenbummeln sind jetzt keine Märtyrergloriolen, sondern nur gesalzene Prügel zu Ziehen. Da man aber schließlich so viele junge Leute nicht müßig gehen lassen darf —- weil sie ja zum Skachdenken zu viel Muße hätten so befiehlt man ihnen, im Namen der Mmutter Germania an dem Rektorat eines Inden Aergexnis zu. nehmen. Der Student gehorcht und nimmt Äevgernis. Seiner höheren Kultur entsprechend tut er das in den Fovnten, die er gelernt hat, die er in. Deutschland am Werke sieht. Er schreit, brüllt, haut, blockiert Institute und verhindert Vorlesungen. Wenn die Deutschen.den Hörsaal nicht betreten, wozu sollen es die Inden? Nieder mit den Juden! Heil' Alldeutschland! Haben die Drahtzieher der deutschen Politik, denen ihr Herr Medmger jüngst einen so schönen Brief geschrieben, bedacht, was sie tun, wenn si'e die Hochschulantonomie in. solcher Weise anwenden lassen? Bon Kultur mit diesen' Herren zu sprechen, lohnt sich ja nicht. Aber ihre Politik gerät ins Schwanken. Die Prager Universität ist schließlich dach auch eine poktisch-natioyale Position, die man nicht ungestraft in Gefahr bringt. Wenn nun die tschechische Regierung zur Wahrung der Hoheit des Gesetzes einschreitet und diese Position ganz an sich nimmt, wie werden die Lodgemans und Naegeles schreien, und welches Klaglied nüvd ihr führendes Organ, die „Neue Freie Presse", von ihren ad hoc bestellten gelernten Deutschböhmen austimmen assen? Wie werden sie reden und was werden sie reden, wenn tie Nölkevbundliga sich näher nach dem. inneren Le- 6en' der deutschen Minorität nmschanen und das Hakenkreuz sehen wird? Das einfachste, primitivste polnische Denker; NÜißte ihnen jagen, daß eine solche Nt .-.wität niemals London, 16.^ November. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Die am Mittwoch vollzogenen allgemeinen Wählen in England sind in der Gänze noch nicht bekannt, lassen aber beretts jetzt einen'überraschenden Erfolg der Oppos..ionsparteien erkennen. Zwar haben die Konservat i den ziffermäßig einen Vorsprung erreicht, der aber durch ihre Verluste politisch eingoschnürt wird. Bon den 615 Sitzen des Unterhauses find nach den bisherigen Meldungen 204 Konservative, 78 Arbettcrpartnler, 20 Asquith- Liberale, SS Lloyd George-Liberale und 8 andere gewählt. Die Basis, auf der die Regierung Bonar Laws steht, ist also ziemlich schwankend geworden. Der Gang der Wahlen beweist, daß die Friedenspolitik von den Wählern bestätigt wird und daß auch in der O r i e n t p o l i t i k keine Aenderung der Prinzipien Lloyd Georges zu erwarten ist. Ein besonderes Kennzeichen -es Wahlergebnisses ist die außerordentlich gewachsene Stimmenzahl der Arbeiterpartei, die bisher 33 Stze gewönnet hat und dadurch an die zweite S t e l l e yuner den Konservativen ri»^. Die Plovv io aut ab wie erwartet wurde, doch wird sie genügend stark sein, um zwischen Revolution und Reaktion die Wage zu halten. Zahlreiche Konservative sollen übrigens infolge eines Abkommens in verschiedenen Wahlkreisen als Anhänger Lloyd Georges gezählt werde«, 1 * - Eine große Uetzerraschimg ist der. Gewinn der Asquith-, stadt Oxford: In Oxford würde A den letzten 42 Jahre« niemals ttn anderer Abgeordneicr als ein Tory gewählt; die Wähle« ergaben , eine Abwanderung von 49.000 Stimmen. Asquith und Bonar Mw wurden Mit knapper Mehrheit gewählt. Der Hanpteinpeitscher der llnionisten Oberst Wilson erlitt eine Niederlage. Lord C u r z o n, Balfour, Wedgewood, Clhnes und Thomas sind wiedergewählt. Von den Kandidatinnen hat bisher nur Lady A stör mit beträchtlicher Mehrheit gesiegt. Eine Ueberraschung lieferte auch die Vorstadt Londons Nord-Battersea, in der der I n d e r S a k l a t v a l a, der radikalste der Kommunisten, mit über 2000 Stimmen Mehrheit gewählt wuxde. Der Unterstaatssekretär Oberst Stanley wurde von den Liberalen geschlagen. Sir Edward Grigg, der frühere Sekretär Lloyd Georges, wurde gewählt. Sir Charles Sykes, einer der Eigensiirrrer des „Daily Chronicle^, des Organs Lloyd Georges, ist dürchgefällen. Der Führer der Arbeiterpartei C lyn es wurde gewählt, ebenso der pazisistische Arbeiterparteiler Maedonäld. In Hnll ist der bekannte Gegner des Versailler Vertrages, K e n w or t h Y, als Kandidat der unabhängigen Liberalen wiedergewahlt Worden. Der bekannte Pazifist Buxton wurde als Kandidat der Arbeitspartei gegen den konservativen Kandidaten gewählt. Der Arbeiterführer Ben Till et siegte i« Nord-Salford mit einer Mehrheit von 21 Stimmen. Der Minister für Flugwesen Hoare sowie die ehemaligen Minister Mac Namara.und Mond, bekanntlich Zionist, befinden sich unter den Gewählten: Die bisher bekannten Ergebnisse stammen hauptsächlich aus den Stadt- und Industrie-Wahlbezirken. Nach den „Daily News" haben die Konservativen bisher 27 Sitze verloren, die Nationatttberalen 16 Sitze, während , die Arbeitspartei 36 und die unabhängigen Liberalen 10 Mandate gewonnen haben. Bisher 112 Arbektsvarteiler. L o n d o n.16. November. (Reuter.) Nach den bis 4 Uhr vorliegenden Wahlergebnissen erhalten die Konservativen 313, die Arbeiterpartei 112, die unabhängigen Liberalen 5V, die Nationalliberalen 43 und die Unabhängigen 11 Mandate. Der neue Finanzsekretär im Schatzamte, H i lls, wurde in Durham vom Arbeiterparteiler geschlagen. A u st i n C H amb e r l a i n und N e v i l l e C h a Alber lain wurden in Birmingham mit großer Mehrheit wiedergewahlt. Auch der neue Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, Mar NeiN, wurde rr^Canterbury wiehergewählt: Unter, den Wirvergewahlten befindet - sich auch Frau W i n t r ingh a m,^ die neben Lady Ästor die einzige. Frau ist, die nach den bisherigen Wahlergebnissen ins Unterhaus zurückkehrt. London, 16. November. (Wolfs.)Im Wahlkreis Widnes (Laneashire) besiegte der Konservative Clayton mit 14.679 Stimmen den Arbeiterführer H e n d e r s o n, der 12.897 Stimmen erhielt. Der Gesundheitsminister Bescawen wurde von einem Libemlen geschlagen. . Jas neue Unterhaus. London, 16. November. (Tel. der ,,Wr. Morgenzeitung.") Das neue Unterhaus wird a^n Montag zum ersten Male zusammentreten, um feine« Präsidenten z» wählen und den Treueid zu leisten. Die eigentliche Diskussion wird aber erst am Donnerstag eröffnst werden.! Sie wird sich hauptsächlich mit der Ratisrzierung des i r i s ch e n V e r t r a g e s beschäftigen, worauf sich das Parlament wieder vertagen wird.. pemlrche Aufmerksamkeit erregen darf, - daß sie sich durch ein möglichst hohes Niveau der Argumentation auszeichnen' muß, u-nd daß sie Hre Jugend in stiller Arbett lehren soll, den europäischen Gärst zu erkennen und niemals die Gewalt als bestirmmndes Moment zu verehren. Da sie das alles nicht tun, so göben sie ihren Gegnern recht. Die Politik des deutschen Volkstums ist auf das Hep Hep degradiert worden, und sein Leben in der Minorität ist auf die einfache Formel gebracht: Jud! Jud! Jud! Mehr. treffen. sie nicht,- weder im Reich, noch in Oesterreich, noch in der Tschecho-Slowcckei. Heil! - Ser Handelrverttag mit Pole«. Eine Meisterleistung der österreichischen Bureaükratte. Wer wollte es leugnen, daß Oesterreich aus die Sympathien und die werktätige Unterstützung durch das Ausland angewiesen ist? Jahrelang stieß es seine Hilferufe in die ÄSÄt hinaus und erhob ergreifende Klage gegen die Msperrungspolitll der NatioMlstaajen, die seiner Industrie' Absatz iend Erwerb unmöglich machten. Wer aber wollte bestretten, .daß ’ Unterstützungen für; Oesterreich weniger bedeuten M eine wirtschaftliche und polittsche Kvnstellatton, die ihm die Pflege der HandeMezichungen mit den Nationalstaaten gestattet? Nach vielen Jahren hat Polen dem vertragslosen Zustand, der - zwischen.Hm und Oesterreich im Handelsverkehr bestand,' iin .S^ptembep ^durch den Abschluß des H a nd el s v c v t ra ge " mit Osterrei ch ein Ende" gemacht.- Sobald Vertrag von den beiderseitigen' Uiiterhäudsernchnet war, beeilte sich die polnische Regierung, die .!age im Reichstage einzubringen, der Reichstag'ü'ieocr erledigte unverzüglich die Vorlage am 25. Sepleinber, und be,- rerkenswert war, I öaß azrs diesem Anlässe vorn Polnischen Beri5 :statter und mehreren Rednern die synipathischesten Worte an die Adresse Oesterreichs gerichtet wurden.! Aber der Vertrag bot Oesterreich nicht nur gute Worte, soridern sehr' günstige wirtschaftliche BedüMngen. Dank dem Entgegenkommen der Polnischen.Unterhändler bei dm Verhandlungen ivar es Oesterreich gelungen, für sich^ die M e i ft b e g ü n st i g u n g s k l a u s e l . dnrchznsetzen, es konnte also all die Vorteile genießen,.die Frarikreich, also derjenige Staat, der sich m Polen der größten Sympathien erfreut, besitzt. Für Frankreich ist die Pdeistbegünstigungs, tlausel deshalb von Wichtigkeit, , weil sie ihm dre Einfuhr von Luxusartikeln zu Zollsätzen, die bis zu 45 Prozent gegenüber -denen des Normaltarifs ermäßigt.silch, gestatten. In der österreichischen Produktion, spielen die Onalitätserzeugnisse eine bedeutende Rolle, aber die Begünstigungen des Handelsvertrages beschränken sich nicht nur auf die von Oesterreich erzeugten Luxnswaven, sondern auch — und das ist bei der gegenwärtigen Msatzkrise von besonder«^ Wichtigkeit — auf die Maschinenindust r i e mrd Erzeugnisse der T e x t i l i n d n st r ' e. Von all diesen Begünstigungen hat aber die österreichische Industrie bisher gar keinen Gebrauch genmcht. Es klingt geradezu phantastisch, aber es ist Tatsache, daß sie davon gar nicht Gebrauch'machen konnte, weil sie über den Wert des HandÄsdertva-ges von den zuständigen Faktoren bisher n ich t insormHxt worden ist. Die zuständigen Faktoren haben sich aber b'-> dieser Gelegenheit einer ichch größeren, und zlvar gnadezu grotesken Unterlassungssünde schuldig geniocht. B r b i n g v n g für das Inkrafttreten des Handelsv'.'-Lrc,ges war die sofortige Ratisiz'ermrg durch beide Staaten:, Dieser Verpflichtung w--'- -?!nische Staat sofort uachgekounncu, Oesterreich s ,, die?lngelegertheit tn'n er wirder hinaus. Ter ' E , '0 einer AngelegenH:;", die hv cu.immcit Inte. ’\c ' . ... lens, sondern O... rretchs g-legen r-ar,

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