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Wiener Morgenzeitung · 1922-11-15 · Heft 1352 (15.11.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1352 (15.11.1922)
Date
1922-11-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die Wahlen zum amerikanischen Kongreß haben die Stimmungsänderung des Volkes^ die sich seit der Washingtoner Abrüstungskonferenz vollzogest hat, noch nicht so entschieden zum Ausdruck gebracht, als es vielfach erwartet worden war. Die Demokraten konnten einen großen Vorsprung erzielen, aber nicht die Mehrheit im Repräsentationshaus erreichen, wo die Republikaner weiter die allgemeine Politik bestimmen werden. Die Unterschiede zwischen den beiden Parteien sinh nicht nach europäischen Begriffen zu definieren. Republikanisch und demokratisch find beide in den: Sinne/daß von einem Monarchismus, den man in europäischen, insbesondere in deutschen Kreisen, vielfach annimmt, auch nicht im entferntesten die Rede ist. Different sind diese Parteien in bezug auf die Zollpolitik. Die Republikaner sind Schutzzöllner, die De- 1 rnokraten Freihändler. Gemeinsam war beiden bis zum Krieg die Abneigung gegen jede aktive Anteilnahme an europäischen Angelegenheiten. Die Vereinigten Staaten beschränkten sich auf die Festhalinüg der Monroe-Doktrin, welche jeden neuen Landerwerb in Amerika durch andere Mächte ausschließt, und waren im übrigen - durch ihren ständigen Konflikt mit Japan boltanf beschäftigt. Erst die Demokraten wichen, sehr zum' Schaden der Welt, von diesen Grmchsätzen ab und traten in den Weltkrieg ein. Die Wahl Wilsons zum Präsidenten war unter der schärfsten Betonung der Friedeusparole erfolgt. Die törichten Provokationen der deutschen, Heeresleitung und zuletzt die Versenkung der „Lusitania" zerstörten die amerikanische Neutralität.. Trotzdem blieb Wilson ans der Basis des Frizens. Er konnte aber auf den: Friedenskongreß sich gegen Clersteneeau nicht; durchsetzen. Der. Gelyaltsriede von MtzxWles' wurde -WtLrzeichM sMhrte - kranke gcheMtigt nyd enttäuscht nach^HWezurüG . Bei den Prysidentsch-ftswahlenstürzte feiM WMi> Und Harving, der neue Leiter.Amerikas,, verkündigte alsbald das vollste Desinteressemeüt an Europa. Er zog die radikalsten Schlüsse.aus der irr Versailles geschaffenen Situation. Aber diese Politik mußte schon-in den. ersten Stadien Mit der in Europa beginnenden Abwärtsbewegung der kPirtschast in Konflikt geraten. Amerika überwand ziemlich rasch durch drakonische' Maßnahmen, wie Hochschntzzoll, Ernwanderüngsbeschränkung, seine eigene ökonomische Krise. Aber seine' Auslandsguthaben wurden durch den Abbau des europäischen Wohlstandes rrotleidend. Jmrner mehr macht sich das Fehlen der mitteleuropäischen und russischen Kundschaft geltend. Amerika, das dem Völkerbund nicht Leigetreten war und deshalb von jeder > Bindung . frei war, versuchte, den - Schwierigkeiten durch Synderverträge; beizukomrnen und begnügte - sich im übrigen, sich durch Beobachter die notwendige Kenntnis der politischen Vorgänge zu' schaffen. Eine Wendung brachte erst die im Oktober in Berlin stattgehabte Konferenz, der amerikanischen Gesandten in Europa. Eine genaue Prüfung der Sachlage mußte zu dem Beschluß führen, der Regierung eine Umschaltrmg der außenpolitischen Anschauungen, zu empfehlen. . Die Bankierkonferenz, die im Frühjahr unter dem Vorsitz Pierpont Morgans in Paris getagt hatte, um den .Reparationskonflikt zwischen Deutschland und Frankreich auf, die Basis der Vernunft zu stellen, hat damals, ihre Beratungen unterbrächen mit der Erklärung, die Kongreßwahlen abwarten zu wollen. Dieser Moment ist nun eingetreten, und tatsächlich zeigt! sich bereits der Beginn einer Aenderung in der Politik Amerikas. Präsident Harding hat nach den Neuwahlen-eine Botschaft an die Nation gerichtet, in der sich der Satz findet: „Wir sind ayf dem Punkt angelangt, da wir uns darüber Rechenschaft Wegen Müssen, daß wir uns der oft drückenden und schwierigen Verpflichtung und Verantwortung* nicht entziehen können, die. ..einen Teil des Preises bedeuten, den wir zahlen müssen, ttm; mit der Brüderschaft der Nationen glückliche Beziehungen zu unterhalten." Das ist die Rückkehr zur Politik Wilsons und vielleicht auch der Beginn der Annäherung an den Völkerbund,der seine großen Aufgaben nur erfüllen kann, wenn er alle Nationen umfaßt. In der moralischen Wertung dieser Institution durch die öffentliche Meinung Amerikas hat sich bereits ein . großer i Wandel! vollzogen,...der' sich jetzt m. den Mahlen zeigte und die Negierung veranlassen muß, dem Elend Europas, das -kaum mehr Widerstandskraft genug-gegen die aus Asien dorbrechcnden Aspirationen besitzt, zustouern. Es ist noch nicht; zu spät, eine großzügige Aktion zu beginnen.- Eine solche Aktion kann heute nur von den Ver-i einigten Staaten ausgehen, die sich durch den Austritt aus her Entente ihre politische Bewegungsfreiheit erhalten habe«. ' - Paris, 14. vroveruber. (Tel. der „Wr. Morgenzeitnng".) Die französischen Blätter melden aus Konstantinopel, es sei Tewsik Pascha gelungen, den Sultan zu bestimmen, seine bedingungslose Abdankung zu unterzeichnen. London, 14. Nodenrver. (Wolfs.) Aus Konstantinopel wird gemeldet: Die örtlichen Behörden sind nicht mehr Herren der La.ge. Die alliierten Oberkommissäre sind vollkommen einig in ihrer! Ratschlagen an die Regierungen, die durch die örtliche Lage geboten sind. In den alliierten Hauptstädten aber scheint eine solche Einigkeit nicht zu herrsche«, wodurch die Oberkommissäre zur Untätigkeit gezwungen sind, und zwar in dem Augenblicke, in dem eine energische Aktion nötigt Ware. Infolgedessen braucht Reset Pascha sich nicht um die Kapitulationen zu kümmern und protestiert auch jetzt gegen die alliierte Presftzensur. Da er diese nicht aufheben kann, wird geplant, ein offizielles türkisches Blatt heranszngeben. . London, 14. November. Das Rentersche Bureau' meldet aus Konstantinopel: Die französischen Konsuln von Merfina und Adana sind hier eingetroffen. Sie sind von den Kiemalisten ausge 1piese,n worden. Die Erneu- ' nüng dieser Konsuln war auf Grund eines Abkommens E che»'Wttalistm "erfoUünd-ihaftf den Schutz.'MHristworden. ME Denkschrift an hMMnzösische Regierüng gerichtet, worin erttärt U»ird, HU ftanKfischen Wirtschaftsinteresien In -.bedroht,-, wenn den Türken gestattet würde, ähre gegenwärtige Politik ungehindert fortzusetzen. . - London, 14. NovoEr.- Das Rentersche Bureau erfahrt, wenn nicht befriedigende Bochesprechungen zwischen den Alliierten stattsändrn, würde G r o tz b r i t a nn i e n' auf d e r' L auf a n n e r K o n f e r e n z «i ch t vertreten sein. Man sei der Ansicht, daß die Alliierten den Türken mit einem endgültigen Programm gegenübertrete» uiützteu, das zeigen würde, daß eine Einheitsfront bezüglich ^der Regelung der Orientfrage bestehe. Ein weiterer Aufschub der Lausamttr Konferenz werde daher als unvermeidlich angesehen. dürste allem Anschein nach bei der Vorbereitung der Konferenz von Lausanne folgendes Verfahren beobachtet werden: Die Haltung der französischen und der britischen Regiermig dürfte in den Hauptlinien im Wege dorr Besprechungen zwischen den beiden Staätskanzleien festgelegt werden. Ern englisches Memorandum würde die wichtigsten Fragen bezeichnen, bezüglich deren es notwendigerscheine, im Verlaufe der Friedensverhandlungen eine ge-- memfamc Haltung einzunehmen. Auf dieses Memorandum würde die französische Regierung erwidern. Cnrzon und Poineare hatten nichts anderes mehr zu tun, als dieses vorher ausgearbeitete Uchcreinkommen bei einer Zusammenkunft, die daun noch festzusetzen wäre, zum Abf Muß zu bringen. Ausdehnung der Konferenz vm LsusmmA Paris, 14. November. (Tel.-Ko mp.) „Petit Parisiey" meldet aus London, daß sich die englische Regierung bereit erklärt habe, den Vorschlag Poineares, daß Lord Cnrzon nach Paris komme, anzunehmen. Die englische Regierung wünscht aber, daß die Konferenz in Lausanne nicht vor Herstellung voller UeSereinstimmung zwischen England und Frankreich eröffnet werde. Wie in . Londoner Regiernngskreisen perlautet, würde die Regierung, falls es in Paris zwischen Poineare und Cnrzon zu keiner Einigung kauze, tzine n-eue Bei\chiib.nng-;Konferenz, vow’ Lmr-; Wne beantragen, ..! ., . Dasselbe Blatt meldet, die Reoiertrnqen vyn Spanien, ' -m,Wtznsch E MIer HpnferW von WzMne tMünehmen, Die franzö- Regierung tzäjPMMichmt, daß Ä Delegieren diesm: Maaterk unter denseMit Bedingungen. angeyört werden , sollen wie die belgischen, 'das heißt jedesmal, wenn wirt- ' schastliche oder finanzielle Interessen in Frage kämen. London, 14. November. (Wolfs.) Die „Times" melden aus Kairo, ine türkische Regierung hahe sich Wege« der Teilnahme Aegyptens an der Lausanner Friedenskonferenz mit Frankreich und Italien in Verbindung gesetzt. , A M KMAomN. Paris, 11. 9!obemljrt.' (S'cboä.i Mit Rücksicht aus die Unterredung zwischen Lord Enrzv» und dem sran- Botschaster in London Baint-Aulaire Paris, 14. Novenrber. (Tel. der „Wr. Morgenzertung") Der amerikanische Senator Mae Cormick ist gestern abends in Le Havre angekommen. Er beabsichtigt, eine Studienreise durch die errropäische» Lander zu unternehmen, mn festzustellen, ob eine Möglichkeit für eine Teilnahme, der Bereinigten Staaten von Amerika an dem Wiederaufbau Europas gegeben sei. Seine Reise, die ihn vornehmlich nach Wien und Prag führen soll, geschieht im Aufträge des Priffit denteu Hardiug. Bon Prof. Artur Freüd. WÄ: veröffentlichen -den folgenden Artffah im Rahmen der von'uns-eröffnejen Diskussion. (Die Rad.) . Die Zionistische Organisation hat ben Beschluß gefaßt, sich als. die rm Aftntdat "für Palästina vorMehene Zewish Ägench zu konstitmeren. Die Jewish Agency. hat bHrnntlich nicht nur.die Aufgabe, der. britischen Bevwstltnng Päsastinas in alleü die Errichtung' der jMschnytwnalen ttzimstatte betreffenden . Fragen ^beratend. zur Seite, zu ehest, sic übernimmt auch die. Berpftichtung, alle Schritte zu unternehmen, welche eine Beteiligung des Gesami- -Mentmns am jüdischen AstsbMwerk in Palästinas in die Wege leiten sollen. Es ist nicht allein der Wortlaut dieser unter, der Sanktion dvs Völkerbundes stehenden Bestimmungen/ welche der Zionistischen Organisation die nicht, zu itmgehende Arbeit aufeAegt, intrerhaLb.des mchtzionisti-- schen Judentums die Beteiligung" an der -Pailasttna-Arbeit zu organisieren; auch die gegenwärtige Situation der zionistischen Politik und der Stantk der Palästina-Frage, die ihr schwerstes Provfforium . glücklich überwuräen hat, machen es zur gebieterischtzn Notwendigkeit, daß von zionistischer Seite eine systematische und. breit angelegte. Propagastda entfaltet werde,, um daSi Postulat der jüdischen Einheitsfront für Palästina tunlichst zur Verwirklichung werden zu lassen. Daß der. Zionismus seine politischen Er- . folge nicht als zionistisches. Monopol zu verwerten bvabftchtrgt, sondern ein künftiges jüdisches Palästina stets als allgemein-jüdische Angelegenheit angesehen Hatz ist heute ebenso ein Gemeinplatz geworden wie der Hinweis yamus, daß nunmehr die Zeit gekommen ist, um alle zur Verfügung stehenden Mischen Energien in Palästina einzusetzen. Die Einsicht mag allgemein sein, aber geschehen ist nichts oder doch viel Zn wenig, und nichts Systematisches in einer Richtung, deren-Erfolge nicht von Zeitrlngsaufsätzen abhängig gemacht werden können. Die Beurteilung mtserer realen Situation hat in der letzten Zeit an Klarheit sehr beträchtlich gewonnen: Mandat, Befassung und die letzte englische Regierungsverordnung für Palästina zeigen, als erst Ganzes betrachtet, die Terrdenzen Englands, tvelche dadurch gekennzeichnet sind, daß dieses iit seiner keineswegs leichten Situation zwffchen jüdischen uird arabischen Ansprüchen Zu veMitteln sucht. Am deutlichsten tritt dies in der bezüglich der Einwanderung geltenden Verordnung hervor, welche das jeweils zulässige Einwandererkontürgent.von der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Lastdes abhängig .macht, die Beurtellung hierüber einer AM Palästinensern zusammengesetzten Kommission überläßt, die Entscheidung über deren Votum jedoch der Regierung reserviert. -; Es ist daher in «der gegebenen SiAmtron >von den jüdischen Anstrengungen abhängig, in loelchem Tempo sich der Aufbau :'des Landes vollziehen können wird. Dve Möglichkeit für d.ie Aufnahme ausgedehnter Arbeit in. agrikultnreller und ündüstrieller Hinsicht ist von keiner Seite beswrttennn. Vordergründe steht v

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