Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1345 (8.11.1922)
- Date
- 1922-11-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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November. „AMe-l 1: Da das türkische- Voll -in seinem Gvnnidgesetz seine siouveränen Rechte einer unanferWsren. unveräußerlichen und unieilbaren stküistischen.Person uibortragen Hai, hat' die Große NationalvevsairNlung beschlössm^ koinerberl Gstvalt oder Reyiemna aMuerkermen,. die sichnicht auf den Mionolen Willen stützt. Sie. erkennt. ÄrsÄgedefsen Än Rahmen des nationalen Paktes kerne andere RegierunMoom an als die Große Nationalversammlung und dotvachtes. die nicht auf die Volkssonverämtat gestützte Regievung von KvMantinopeil . vom 16. März 1920 ab als geDhichtttche DeMl-naen- 'helit. Artikel 2: Der Kalif wird unter dm oerusemsten MWeidern des Hauses Osman ausgesucht rmd gewählt werden. 'Der türkische Stciat wird die Spitze des Kalifats sein. Die Große Nationallversammlung . von-Angora wird den nmm Kalifen wöhlm." .. . Das ist der Wortlaut des Beschlusses, durch den die Nationalversammlung von Angora am 1.. Novenrber die/ Volkssouvepanitat proklamiert hat. . Die Agenee Lulvas fügt ergänzend ihrem Berichte hinzu, daß der Beschluß um 7 Uhr 30 Min. abends unter stürmischem Beifall gefaßt worden, ist. Es ist also der Eintritt des historischen Momentes für die Nachwelt mit. genügender Genauigkeit'festgehalten. Unsere raschlebige Zeit liest überdiese Meldung gleichgültig hinweg,' ohne sich darüber. Rechenschaft zu geben, daß eine für die weite Welt des Islams, aber auch für Europa an'großen und bedeutsamen Erei-gnisfen überreiche Periode der Völkergeschichte abschließt und von nun ab auf eines« neuen Geleise weiterläuft/ dessen Ende niemand kennt. ' Der Beschluß freilich ist reichlich unklar. Auf den ersten Blick scheint er an. die Stelle der Mbmonarchie die Wahlmonarchie zu setzen. Das. Haus Dsman, an dessen SchättenexlsMz' WM«, M weitWm Besi^ . , fatch, also der obersten geistlichen Macht,' blpvben,, dessen Spitze der türkische Staat sein soll. W'as dieseWrndung bedeutet, wird eine nicht allzu ferne Zukunft.'zu. lehren haben. Jedenfalls wird damit angedeutet, daß der tür-' Asche Stamm nicht gewillt ist, seine traditionelle Hegemonie im, Islam aufzugeben. Der Beschluß gerät mithin in sehr starken Widerspruch zu den großarabischen Ideen einer Restauration des Bagdader, Kalifates. In diesem Widerspruch liegt die Schwäche der Position-der türkischen Nationalisten, die aus der Geschichte ihres Staates noch immer nicht den einzig richtigen Schluß ziehen, jede Möglichkeit eines nichtislamitischen Einflusses auszuschließen. Die Bestimmung der obersten Persönlichkeit durch Wahl öffnet allen Intrigen das Tor und schon jetzt ist deutlich die tiefe Spaltung im Osmanentum zu erkennen, die auf das Arabertum, in dessen Mitte viele Prätensionen für den Thron des Kalifen bestehen, nicht ohne Wirkung bleiben' können. Die Vorgänge in Konstantinopel, die lebhaft an die mißglücke Flucht Ludwig des Serkszehnten vor dem Nationalkonvent erinnern, lassen erkennen, daß der Sultan Mohammed Wahid-eddin über einen Anhang verfügt, der seine Flucht förderte oder sie verhindern wollte. Das Ziel der Flucht soll Indien getvesen sein. Das würde die schon kürzlich ausgetauchte Nachricht bestätigen, daß die reichen und politisch, gut entwickelten Mohammedaner Indiens mit dem kemalistischen Radikalismus nichts tveniger als einverstanden sind. Es ist auch' zur genauen Beurteilung der! Dinge im Orient notwendig, hervorzuheben, daß mit alleiniger Ausnahme der Hagia Sophia keine einzige der heiligen Stätten des Islams heute mehr der türkisäM Herrschaft untersteht. Es ist selbstverständlich mit voller Absicht geschehen, daß die von Kemal beherrschte Nattonalversarnmlung ihren Beschluß jetzt, knapp vor dem Zusammentritt der Lausastner Konferenz gefaßt hat, den j'ie noch dadurch erweitert, daß sie alle seit März 1920, also seit ihrem Weggang aus Könstan- Linopel, .vollzogenen. Akte der. Konstanttnopeler Regie-' rung. für null- Mdnichtig erklärt.. Dadurch werden sehr ' gewichtige Interessen der europäischen Großmächte tangiert und es ist klardaß hinter diesem Akt das Bestreben der russischen Sowjets steckt, möglichst viele Feuerchen anzuzünden. Die UnNvälzung in der Türkei-!'7 s'ir'alle Falle ein gewaltiges Ereignis, wenngleich der ' »epgang der Macht von - dem? ruhmloss inmitten > seiner Schranzen« lebenden Sultan an das! Angora-Parlament nur ettvas' in Rechtsform bringt> was' inr.wesentlichen schon längst TatsaM war. Durch vier Jahrhunderte haben die' osmanischey Sultane,! seitsie' nach.der-Vernichtung der ^Massiven das Kalifat besaßen, - geherrscht - und ihre Herrschaft spar nicht schlechter, in vielem besser als die tzMm AMvÜieiL -Den Juden m ihrem Reich sind sie -emisfion der Konstantinopler Regierung. L d n d o n, 7. 9rov«nber. (Tel. d. ,Mr. Morgen-! zeiklüg") Nach einer ReuterMeldnutz aus Konstantinopel hat der Sultan den etylischen Oberkommissär Sir Harare Rumbold gebeten, ihn zu besuchend Der englische Oberkommistär traf darauf im Snltauspalast ein, der von e n g l.i s ch en Trup p en seitgestern bewacht wird. Die RadioageNtur. mesM Ws Konstantinopel, der Sultan habe.eine Proklamation an das türkische Volk gerichtet/ in! btte.. er auch das Gerücht -Z e m ent i e r t, er habe berests abgedankt. Nachdem der Sultan die Demission des Kabinetts angenommen hatte, W er de« Grotzwestr und die zurückgetretenen Minister, die laufenden Geschäfte zu erledigen. Nach de« letzten Berichten ist es in der Hauptstadt zu keiuem Ka m p f gekommen. Der Sultan hat noch nicht abgedankt und befindet sich im Palast. All e M i u i si e r d er K o U st a nt in o pler Regie rnn g haben i h r e A e m t e r «i e d e r g e l e g t, dagegen wird die Mehrzahl der Ünterbeamten beivehalten. Es verlautet, daß, die brikischers Behörden Maßnahmen treffen, um den Sultan und den Thronfolger zu schützen. Kritische Tage ta KonftMtinOel. Betlitt, 7. November. (TÄ.DDp.) „United Tele-! graph". meldet aus KonstauttnopGML Handstteich gegen GalliPoli hgt im europäischen . Viertel staxke Erregvng .hervoWttM üNd ^e B^ daß vdn.den eWtefH^^ lösnng der englischen P<ttrouÄDMztzÜge döttibergeyend ohne Schutz war. Die unvettennvnr eurchaerfchröliche Bewegung wird von Reffad Pascha gekettet, desftn energische Haltung gegenMer Iwu alliierten Oberikommiffaren -«Lichuend für die DokksstiMmung isl.^ Falls eine Verzögerung im Beginne der LaasUnner Kouferertz eintritt, wird das Schlimmste befürchtet. B e rli n,' 7. November. (Tel.-Komp.) „United- Telegraph" .Meldet mW Konstantinopel: .Auf Veranlassung des englischenOberbefehlchabetK Hatpington sind umfassende Militärische Börbereitnngen^züm Schütze der lLuröpäer getroffen worden. Die Strqtztznpatrouillen wurden erheblich verstärkt. Die Gefandttchafteu und Konsulate haben eine besondere Sicherheitswache «halten. Die christttche Bevöllttung ist anfgefordert Wörben, Mnds die Straßen nicht zu betreten. " ' Pt-ilin, 7.,Novernber.. (Tel,-Komp.) „United Tele- »graph" meldet aus Konstantinopel: Die Gärung unter der tüüischen'Bevölkerung, namentlich.unter der akademifchm Jugend, niMmt - ständig zu und. wird finanziell und agitatorW, von Vertrauensleuten - der Angora-Regierung unterstützt.. In Pera sind Gerüchte im Umlauf, daß ein Ueberfall durch kemälistische Truppe« vorbereitet wird. Die noch in Konstgntiuopel, zuriickMiebenen Europäer beginnen die Stadt zu verkäste«, da sie einen längere» Aufenthalt für gefährlich hatten. BMgenmgsMavd in Konftimtknotzrl. Paris, '7. November. (Havas.) Mit Rücksicht Mf die Entwicklung, Me die Ereignisse in der Türkei genommen haben, erbaten 8e OberkoMUüstäre dtt Alliierte« in KoUstantittöpel von ihren Regierungen Wesiungen hinsichtlich gewister zu treffender Maßnahmen, die praktisch der B e rh 8 n g » n g de SB« l a gernngszu st an de s übe r Ä o nsi a n t i n vp e l gleichkommen. Ihr Berkängen wurde veranlaßt durch Maßnahme« der Künstaytinopler Verwaltung, die im Widerspruch zu früheren Reglements stehen, die bisher den ÄEuder« zngute kamen, wie z. B. die Auftechthaltungder SechÜ«WlGtti-»2mdiv^chiedeMr-Zo^ tattfe. . Der alte Zustand sollte lyenigstens während der Duntr derÄduforeH vöstehen bleiben. milde^nrid verstäMge Drren gewesen,!sie Hüben ^dvr aus! Spanien flüchtenden gastfreundlich aüfgenommett/ die : rumänischen Juden nach, dein Frieden von San Stefano als Mühadschirs, den Jslarnttett gleichberechttgte RW wahderchr,, anerkannt usw die religiöse AütönvMe tzeschützt,"Das Verhältnis' zwischen Türkenirstd Juden,war - vis 'auf'sMeM?^D^uM.-vMoPälM' Einflüflv tzeÄorgerusene!CrÜptionen des Glanbenshasses ein vörtreff- .liches,. MüK Sultan MM-l. Lmmid wemaer von MiLs Erregung i« England. London, 7. November, (Wolff.) „Daily Chroniele" schreibt, der Waffenstillstand von M u d a n i a sei bereits eiq tote r Buchstabe. Zahlreiche Verletzungen der neutralen Zone finden statt.. Es sei kaum möglich, den rasch zunehmenden Ernst der Lage im u ahen Osten zu übertreiben. Durch ihren Staatsstreich iu Konst a n t i n o P e l hatten die Keumlisten die Verwaltung Konstantinopels, das unter Kontrolle der Alliierten stehen sollte, übernommen. Der aus Konstanttnopel zurückgekehrte Sonderberichta erstatter des „Daily Chronicle" fragt, ob Grpßbritcmnien unfähig oder nicht gewillt sei, seine bedrohte nationale Ehre und das Leben seiner Untertanen in der Türkei zu verteidigen. Es könne sein, datz.Blut fließen^ müste, um die Ehre Englands rein zu halten. Generalmajor Maurice schreibt in den „Daily News", die militärische Lage der Kemalisteu sei heute weit starker als zur Zeit der Konferenz von Mudania, denn die türkischen Streitkrafte feien jetzt an der Grenze der neuen neutralen Zone zusammengezogen und bereit, unverziiglich vorzudringen. Die Regierung Lloyd Georges Habe laut verkündet, daß sie all dies nicht gestatten werde, und habe es doch zulasten müssen. DtzMTürke habe gelernt, daß Erklärungen einer britischen Regie, r u u g nicht t es p.ektie rt zu wer de n bra u ch e u. In Konstantinopel befänden sich 750.000 Christen in cittem ZustaUhe der P a n i k und die Erregung der Türken Stam, ''i^'kv»M7*WfiG-/-Kre!'--Wtrschv «nd die ftanzösLschy RMenmg müßten ö hm e Rücksicht a u f, d i e N euwahlen in Ensofort, einen gemeinsäweü AkttonsPlaU verabrede^ der die Türkei überzeugen wütde> daß fie zn weit gehe. SrlechWes MKwMlsnd. Paris, 7. Nov«lnber. (Wolff.) Nach einer Meldung der „Chicago Tribüne" aus Athen beträgt die Zahl der kleinasiattsche« Flüchtlinge in Griechenland jetzt 98.000 Männer, 293.000 Frauen und 370.000 Kinder, darunter 70.00V Waisen. In der von der amerikanischen Unter-. stützuugsorganstatton angegebenen Gesamtzahl von 846.000 Flüchtlingen seien zahlreiche Personen nicht enthalten, die gemlgende Mittel besitzen, um selbst für ihren Unterhalt zu sorgen. Finanz- «nd HandelMfe. . Konstantinopel, 7. November. (Habas.) Ditz letzten Ereigniste haben eine starke Finanz- «nd Handels, krise hervorgerufen. Die Börse ist geschlossen. DaS türkische Geld stt im Kurse gesunken. Die Hauste in den ausländischen Devisen verschärft sich. Die Kanfleute widerrufen die Durchführung ihrer Aufträge. Die in den Zolllager« befindlichen Waren werden nicht behoben. FranMche Besorgnisse. Paris, 7. November. (Wolff.) Der „Figaro" hält es für wahrscheinlich, daß die Kemalisteu wissen wollten, was zu erreichen sei, bevor sie mit den Alliierten verhandelten^ und daß sie vor einer Einheitsftout viele ihrer Forderungen fallen lasten würden. Der Hauptgrund der Besorgnis liege in der Ungewißheit, in der man angesichts dieser nationalistischen Bewegung schwebe, die die Regierung von Angora ausgelöst habe und deren sie vielleicht nicht mehr! Herr sei. Ein weiterer Grund der Besorgnis liege in den Zweifeln, die man hinsichtlich der Folgen der religiösen Bewegung hegen müsse. Die neue, stark europäisierte Regierung laufe durch ihre Politik gegerüiber oem Kalifat gpotze Gefahr, sich die Gläubigen zu entfremden. Wenn die Regierung in Angora in ihrem sehr an seinem Glauben hangenden Lande gewisse Fragen aufwerfe, müsse mau sich fragen, wie lauge sie von Bestand sei« werde. trauen gegenüber den politischen Bestrebungen des zionisiisckien Judentums eingenommen geivesen, so stünde es heute sicherlich besser um die Türkei. Wie. sich die derzeitigen Machthaber in Angora zum Zionismus stellen, darüber liegen keine festen Anhaltspunkte vor. Es ift. aber im.Interesse des türkischen Volkes zu hoffen, daß es sich, nicht tiefer in die ilnperiaUstrsche Pplitik, hinemtreiben läßt und daß es verstehen /wird, sichÜMs .Ävmvatöien des. MMru ÄLlkes zu LLeuu' -