Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1341 (4.11.1922)
- Date
- 1922-11-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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i i Vßite Msn» Vamskag WkM» Mveserrzelkutttz. t MtzemLer MN Sh.iW Ser internationale Antisemitismus. Die Spionage Henry Fords. Die Zeit ist Wohl noch nicht ^kommen, schreibt I. L. D o l i d a n s k y in der New-Iorker „F e w i s h Gazette", da die geheime Hand wird arrfgedeckt werden können, welche die Mrtrsemitische Propaganda in Europa und Amerika zu gleicher Zeit so geschickt lenkt, daß es de« -Anschein erwecke, als ob die Juden in der ganzen Welt durch ifyt Verhalten die Feindschaft aller Völker sich zugezogen haben. In Amerika ist es der Liebling der Wiener „Neuen Freien Presse", Henry Ford, dessen ungezählte Millionen in den Dienst des Judenhasses gestellt werden. ©3 ist daher zu begrüßen, wenn gerade von nichtjüdischer Seite der Versuch gemacht wird, in das unterirdische Treiben des internationalen Antisemitismus hineinzuLeuchten. Diese selbstlose, dankenswerte Aufgabe hat die verbreitete englische Zeitschrift „Hearst International" auf sich genommen. Seit dem Monat IM erscheinen in dieser Zeitschrift <iu£ der Ftder ihres HauPtmitacheiteiL Norrnan Hopegood eine Reche von Artikeln, welche di»: sensationellsten Enthüllungen Mer die antisemitische Verschwörung gegen das amerikanische Juderckmn bringen. Nicht Meinungen allein äußert hier Mr. Hopegood, und nicht unverbürgte Gerüchte nach dem Hörensagen werden hier wkdepgogeben. Jede Behauptung wird durch faksimilierte Dokumente bckvastigt. Hopegood liefert eine wahre Naturgeschichte des Fordschen Antisemitisums und geleitet ihn von seinem Entstehen angeßmgen bis zu seiner heutigen Entwicklungsstufe. Die erste antisemitische Aeußerung Henry Fords richtet' sich gegen seine beiden schen Begleiter auf seinem inzwischen dem allgemeinen Hohn zum Opfer gefallenen Friedensschiff Li bald und S. S. Daniels, einen Bruder des gewesenen Staats-- sekretärs für Marinewesen. Kaum wurde Fords antisemitischer Sport bekannt, wurde er von einem ganzen Schtvarm von Nichtstuern und Geschäftsantiferniten umgeben, die von den Millionen Fords profitieren wollten. Das erste war die Gründung eines großen Spionagebüreaus, von.welchem aus ein großes, weitverzweigtes Spitzelsystem gegen hervorragende, im öffentlichen Leben stehende Juden ins Werk gefetzt wurde. Henry Ford ist wohl ein äußerst tüchtiger Geschäftsmann, in Politischen Dingm jedoch naiv und un--" erfahren wie ein Kind mrd läßt sich leicht von seinen neuen Freunden am Gängelband führen. Hier einige Fälle: Der Richter Julian Mack wird von Chicago nach New-Dork versetzt. Solche Transferierungen konrmen alle Tage vor, aber Mack ist auch ein Führer der amerikanischen Zionisten und da ist es wohl Aar, daß diese Versetzung irgendwie mit der „jüdischen Verschwörung" znsaMmerchängt. Ebenso klar ist es, daßksFordfche Spionageburea« feine Detektivs auSschickt, um jeden Schritt MackS zu überwachen und jede seiner Handlungen ruSMrndfchasten. Dr. Weizm-ann und Pwf. Einstein kommen nach Amerika. Beide sind Männer von Weltruf. ES ist daher offenbar, -atz ihre Ankunft in Amerika in engstem Zusammenhang mit ' einer Verschwörung der Juden der Welt gegen ihre nichtjüdischen Mitmenschen steht. Bon dom ersten Moment an, da diese beiden ihren Fuß auf amerikanischen Boden setzten, werden sie von den Ford-Spionen wie von ihrem Schalten verfolgt. Louis D. Brandeis ist Richter am Obersten Gerichtshof der Bereinigten Staaten. Was liegt da näher, als daß er gleichfalls ferne Hand in der jüdischen Verschwörung habe. Eine Gruppe von Geheimagenten wird ihm auf den Hals gehetzt. Jemand bringt das Gerücht auf, daß Branders durch enre geheime Telephonlrnie direkt mit Wilson und dem Weißen Haus verbunden fei. Es kostet schwere tausende Dollar, bis die DetÄtivs auf der Suche nach dem geheimen Telephondraht die Feststellung machen müssen, daß ein fMher Draht überhaupt nicht existiert. Um diese Zett erschein wie ein Daus ex Machina Bra sul auf dem Plan. Bvaful hat für dies« Zwecke die besten Empschlungen, denn er war der^Erfncher des R itualmordmärchens gegen Mendel Be ilis. Brasul hört«, daß Ford Besitzer ungezählter Millionen sei und jede antisemitische Hetze mtt Gold bezahlt. UndBrasrck zeigt bald, daß er etwas zu verkaufen habe. Er erzählt« Die schauerlichsten Dinge von der „jüdisch-futuristischen Verschwörung" gegen die christliche Welt, ,Ford glaubt es und bezahlt gut, und die Lügen Brasuls erscheinen in großer Aufmachung in dem Wochenblatt FordS: .„Dearborn Independent". Braful, der gleich einige Freunde aus Rußland mikbrachte, importierte auch die gefälschten Protokolle der sogenannten „Weisen von Zion". Zuerst bieten sie dieses Machwerk reichen jüdischen Organisationen an, indem sie sich bereit erklären, die Sache gegen hohes Schweiggeld zu unterdrücken. Die Juden werfen die Verkäufer der berüchtigten Fälscherbroschüre hinaus. Ford aber beißt sofort an, kauft sie für eine große Summe ab und versendet Abdrücke dieser niederträchtigsten Erfindung in Millionen von Exemplaren. Fast kern Amerikaner mit christlich klingendem Namen, kerne patriotische Organisation wuvde verschont, alle erhielten ein Exemplar dieser „Protokolle" und auch die Regierungsstellen wurden mit solchen Exemplaren . überschwsnmt. Die russischen Agenten und die amerikanifch-pattnotisch schillernden Bereinigungen verfolgten mit der Verbreitung dieser Hetzchriften dm Zweck nachzuweisen, daß der Bolschewismus mr ein Mittel des Judentums fei, die übrige Welt zu unndrücken. Mr. Hopegood weift nach, haß dieselben Leuten die schon zur Zeit des Krieges als Beamt« des staatlichen Kundschafterdienstes sich als Antisemiten erwiesen haben, heute bezahlte Angestellte Henrv_Lords.. beLieüunMveiie leiues gnttsMÄWm Das Me des Maas. Beschluß des A« go r a, 3/ Hövembör. (Havas.) Die RaÜyalvetsammlnng^ hat erklärt, daß das; JO t tom <r»i s ch e Kais«-reich zu bestehen ansgehSrt habe und daß sie dessen Erve emtrete. ' Ja» Kalifat. Konstantin o p t lf 3. Novernber. (Tel.^ der „Wr. Morgenztg.") Zur Meldung über die MsetzuW des Sultans wird aus Angora bestätigend mttgeteilt, daß-diese Frage iu der Nationalversammlung zur Mprache kommen werde, Nisa Nur! Bei hat vorgeschlagen, daß der Sultan seincr welMchen Besugttisie enthöben werden sollte, so daß also eine Trennung zwischen per weltlichen und geistlich-n Macht iks Sultans tJotfjojcn toErt«. eft (oBltWoS daS KaUfat behalten. Dieser Vorschlag wurde von Ke mal Pascha unterstützt. Es konnte aber keine Einigung erzielt werden, und nach mehrMndlger Debatte wurde beschlossen, diese Frage einer, parlamentarischen Kommission zn unterbreiten und erst nach deren-Mtachten einen endgültigen Entschluß zu fassen. Angora, 3. November. (Havas.) Die Regierung von Angora teilt mit, daß sie alle seit de« 18. März 1920 von der Verwaltung in Kynstautiuopel abgeschlösienen Verträge und Konventionen als null und nichtig bewachte. Sie Matm Mussolinis. Die Spfer des Faszistensieges. Paris, 3. November. (Tel. d. „Wr. Morgenztg.".) Während in Paris bisher nur wenige Nachrichten über die btniigen Zwischenfälle bei der Ueernahme der Macht durch die Fäszifien eingetrtzfsen sind, ist es dem „Jnttansigean^ zufolge bei dem E i n z« g der Faszisten in' R o m zu «ttzetördenttichen blutigen Zusammenstößen mit den Arbeitern gekommen. Im Stadtviertel San Lorenzö Mein blieben 18 Tote auf dem Platz.. Rach der Meinung des ^JNtranfigeant" werde die Diktatur der Faszisten nicht von langer Dauer sein. Wenn die italienischen Zeitungen die in ne rpoli t i sch e n Verhältnisse in einem günstigen Licht darstellen, so sei dies «ut auf die Bninflutzimg dnrch dir-Regierung Mussolinis zurückzusühren. Angriff mf die ruffische Nelegatüm. Rom, 3. November. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitunz") Dße gestrige Feier z« Ehre« des faszistischen Sieges hat neuerlich zn schweren blutigen Zwischenfällen geführt, die zahlreiche Tote »nd Verletzte erforderten. Aeberall ist es zn Ausschreitungen gegen Sozialisten «nd Kommunisten gekommen. Die gestrigen Zusammenstöße dürsten wegeir des Eindringens in das Gebäude der rnffifchrn Sowjetdekegativn rin diplomatisches Nachspiel habe». “Cföfplüd Hl Pllnll. Paris, 3. Novernbet. (TÄ. Wer ,Mr. Morgenztg") Am Quai d'Orsay sand gestern eine AnterreduNg zwischen Poinear« und dem srgnzösischen Botschafter in Siom Bar» rere statt, der gegenwärtig in Paris wellt. Die Besprechung dreht sich hauptsächlich um die neugeschafsene Lage . in Italien. In den leitenden Kreise» ist man der Meinung, daß das Programm MuffoliuiS antzttordentlich große G efahren für die Ruhe Europas in sich berge. Wtn« Mussolini tatsächlich die nationalen Wünsche der Jtaliener erfüllen wolle, so müsse mau sich aus kriegerische Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn, vor allem , mit Ingoslawien gesatzt machen. Me Kavaliere de» KMg». Neapel, 3. November. „Cavalieri de! Re", eine anscheinend den Faszisten Ähnliche Organisation, verübten gestern Plünderungen. Sie beschossen das Eisenbahnerheim, warfen Handgranaten hinein und verbrannte« es. Dann zogen sie zum Dom, iu dem sie währeud der Mesie eindrangen und aus dem sie die Priest« «nd Gläubigen verjagten. Sie drohten, den berühmten DöMschatz von San Gennaw zu rauben. Die Polizei griff ein uüd verhaftete die Grünhemden. Die Fa^iste« beteikigtm sich an der Berfölgung der Grünhemden, - indem sie er. klärten, diese seien Marodeure.? .' ' ■ ■. m Rom. ■ "'■% Rom, 3. November. Nach der Abreise Mer Mlltzen bietet die Stadt wieder ein vollständig norurales Bild. . jstaaunti r«ms find. Diese haben die Aufgabe, bei' Men seit dem Kriegsende in die OeffeMichteit gelangten KriegSflandalen wachzuspüren, welchen Anteil daran Juden hatten. Hope-- goott weist dokumentarisch nach, daß diese ehemaligen Staatsbeamten die Dokumente ihres Amtes oder Kopien verselben an Henry Ford verkauften. Der Spi-ona^ediettst der GcheiMagenten Fovds erstreckt sich jedoch nicht'nur auf IM«. Es werden auch alle judenfveundlich gesinnten Politiker und Gelchrte ansspiomert. Bon Wikson bis hinunter zum letzten christlichen Radikalen wurden Me nichtzüdifchen PöliMr genau beobachtet und über ihren VerKhr genaue Evidenz geführt. .Wie in allen ähnlichen FAlen, spielen auch hier chauvinistische Assimilanten eine tvanrige Rolle. Hopegood tonnte feststellen, daß sich Juden fanden, di« der antisemitischen Hetze Henry Fords durch ihve Michllfe Vorschub leisteten. Ein gewisser Morris Leon, der sich als f r a n z ö s i s ch e r Chrnvimst gab, übernahm den Spionagedienst gegen Me amerikanischen Juden mit dentschen Namen, wie Jakoh H. Schiff, Eelix Wartburg und ähnliche. Er lvar auch bei mancher lügenhaften Behauptung der Eideshelfer Henry Fovds. Die Artikels«« Mr. Hopogoods liest sich wie em billiger amerikanischer Detektiv wwan. Wäre nicht jede einzelne Behauptung durch Dokumente eiuwandftei bekräftigt, kern- MÄsch würde an ihre Richtigkeit glauben. Da ist der reichste Man« Amerikas. leichtglauLig wie ein Kind, der jedem Scharlatan auffitzr und ihn ausfüttert. Und dieser Mensch, der in seinen Reden und Schriften von Güte trieft, der auszog, feine Millionen in den Dienst des Friedens aller Menschen zu stellen, ist nun verdammt, seine Millimten zn einer Lügensaat mißbraucht zu sehen, mrs welcher der Hqß der Menschen gegeneinander aufgeht. Ja» Maurprogramm. Die Aendermtgeu des Vorentwnrfts. Heute sollen die Vorlagen über die WändevMzen des Reform- und SanieMMProgrammS im Nationalrat eingebvacht werden. Das sozialdemokratische Organ vrröfftnilicht eine Reche von Ilbändevungen an diesem Progvamw. Wie erklärt, wich, ist übrigens auch dieses 'Programm nicht definitiv^ sondern es finden »och irmechalb der Regierung Pesppechüngen statt. DiewesenÄchsten Aenderungm gegenüber dem erstm Entwürfe sinh die solgenden: Die Weinsteuer war im ersten Entwurf mit 3V &E d>^ Mgesttzt -md joll aui. 20 Goldkronen herabgesetzt werden, was ewen Entgqng von 69 Milliarden jährlich bedeutet. Der Obstmöst sollte bis zu einem Zchrttel des Steuersatzes für Wein besteuert werden und jetzt soll die Steuer nur ein Zwanzigstel betragen dürfen. Die Aufhebung der Stenerfvecheit für.den Haustrunk soll fallen gelassen werden, und zwar sowohl für Wein als für Branntwein. Die Einführung einer Wein prob uktionSab gäbe wich verboten und die Regierung bekommt nur die Ermächtigung, Zuschläge zu den bestehenden Verbranchssteuevn für den Handel einzu^ hebert. Der neue Entwurf sieht eine Steuer auf Gas und Elektrizität vor, welche bis zu 30 Prozent des Preises gehen soll. Für Wien bedeutet dies eine Belastung von jährlich 300 Milliarden; für eine Gasflamme soll die Steuer 24 K. -in der Stunde, für eim 16kerzige Metallfadenlampe 25 K. in der Stunde betragen, Pon dem Ertrage der Steuer bekommt die Gemeinde die Halste, die andere Hälfte der Bund. Die Ware numfatz st euer soll für dqs nychstr Jahr nicht 2 Prozent, sondern nur. 1 Prozent betmgen, und von 1924 ab auf 2 Prozent steigen. Die Waren aus km Auslande werden wcvvenumsatzsteuerpflichtig, Der Uebergang einer Ware von einßr selbständigen Abteilung eines Betriebes in eine andere Abteilung ist steuerpflichtig. Die Warelmmsatzsteuer für den Selbstverbrauch der Agrarier wich , mit einer.Pauschalsumme festgesetzt.. Der Finanzplan kr. Regierung verzichtet im neuen Entwurf auf die H a u s z i n s st e u e r von 4 Prozent irr .Gold für 192) und . von .6 . Prozent für 1924; er begnügt sich mit einer Hauszin-Ssteuer, die für 192g das Sechsfache und für 1924 das Neunfache der heutige» HauszinSsteuer auömacht. Der Grundsteuerertrag soll nicht wie im ersten Entwurf für 1923 ztvei Drittel und für 1924 den dollen Betrag der Friedenssteuer in Gold erreichen, fondernr für 1925 nur die Hälfte, für 1924 Mr 76 Prozent, und zwar bloß, von der Staatssteuer, ohne Einbeziehung der ' Zuschläge. Diehpafle sind von der Stempelgebühr befvett. Die Bestimmungen über den neuen Zolltarif werden wesentlich geändert; der alte Zolltarif von 1906 wird für^S neue Oesterreich angewendet uud.daS ermöglicht die Wiedereinführung.dep Lebens" Mittelzölle. . Jtl dem Abschnitte üb« die B u n,d e s b e t r i e b e wird erklärt, daß die Arbeiter. und Angestellten tn ku BetrieLSVerwalttmgen nicht dem für die AngestMen der Hoheitsverwallung geltenden öffentlichen Dienstvechte. unterstellt sind, sondern auf ihr Dienstverhältnis die allgemeilwn gesetzlichen Bestimmungen über daS Dienstverhalt-. . M der Acheiter mck AngelteM; h DrivattMternchmMi