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Wiener Morgenzeitung · 1922-10-22 · Heft 1328 (22.10.1922) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1328 (22.10.1922)
Date
1922-10-22
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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NL1S28 Wien. Ssmttag Wiener Morgenzettung. SL. Mover 1922 «Setter, Heute Sonntag den 22. Oktober 1922, V27 IJIir abends, in Grossen Konzerthaussaal Restliche Karten an der Abendkasse des Konzerthauses Restliche Karten an der Abendkasse des Konzerthauses' 'dringlichen Schaden erlitt. In den nächsten Tagen findet zwischen der Tschecho-Slowakei und Ungarn ein Austausch von solchen Häftlingen statt, welche ganz ohne Grund und gesetzliche Unterlage in Ungarn in Haft gehalten wurden. Unabhängig von diesem Transhort kehrte vor wenige» Tagen der Beamte der Kaschauer Staatspolizei M l ch a e l Raab von seinem unfreiwMgen drennonarigen Aufenthalte 'in Ungarn zurück. Raab weiß bis heute noch nicht, weshalb er in den Gefängnissen Horchy-UngarnL alle über ihn verhängte Quälereien auszustehen hatte. Ende Juli dieses Jahves begab sich RaaL zu seinem in einem ungarischen Grenzdorfe wohnenden Schwiegervater zu Besuch. Er traf dort mit einigen Jugendgenossen zusammen/mit denen er in einem Gasthaus gemütlich beisammen saß. In demselben Gasthaus unterhielt sich auch eine Baronin Melzer mit einer Gesellschaft, die die ungarische Hymne spielen ließ, während Raab und seine Gesellschaft ein tschechisches Lied sangen. Baronin Melzer rempelte deswegen Raab und seine Gesellschaft an, worauf Raab erwiderte, daß in Kaschau jedermann ungestört auch ungarische Weisen oufspielen lassen darf. Aus diesem scheinbar belanglosen Zwischenfalle entwickelte sich sehr rasch eine'Assaire. Am andren Morgen wurde Raab von zwei Gendarmen zur Ausweisleistnng gestellt, kurzerhand verhaftet und.gleich daraus gefesselt in die sechzchn Kilometer weit gelegene Gemeinde Gönz gebracht. Hier begann das berüchtigte „Verhör"/ Ein Gendarmerieivachtmeifter schlug ihn mit einem Ochsenziemer ins Gesicht, daß das Blut hervorspritzte, die anderen Gen- 'darruen hieben mit G e w e h r k 0 l b e n auf ihn ein, so daß Raab, ein starker, robuster Mann, ohnmächtig zusammenbrach. Als er wieder zu sich kam, erschien auch ein Offiziersstellvertreter, der sich gleichfalls Persönlich an den Mißhandlungen beteiligte. Nach einigen Tagen wurde der völlig gebrochene Mann in das Gefängnis der Staatsanlvaltschaft nach Miskolcz gebracht, wo ihm Staatsanwalt Penziger den Haftbeschluß einhändigte, laut welchem „wogen Singens eines tschechischen Liedes während des Vortrages der ungarischen Hymne, ferner wegen Verherrlichung der tschecho-siowakischen Demokratie und Aufreizung gegen den ungarischen Staatsgedanken" über Raab die Hast verhängt wird. Seinem wiederholt ausgesprochenen Wünsche um Beistellung eines Arztes zur Heilung seiner Wunden wurde nicht Folge gegeben. Ein Antrag des Untersuchungsrichters ans Freilassung wurde verworfen und Raab der Budapester Staatsanwaltschaft Werstellt, wo er schließlich in den erwähnten Austausch- M»«sport ausgenommen wurde. Kein Paßvisum ohne Taufschein. Vorgestern erschien in unserer Redaktion ein Wiener protokollierter Kaufmann, der in Handelsbeziehungen zu Ungarn steht und bisher anstandslos feine Geschäftsreisen nach Ungarn durchführen konnte. Als er vor einigen Tagen wieder bei d'r hiesigen ungarischen Gesandtschaft erschien, um für eine Reise nach Budapest seinen Paß vidieren zu lasten, wndr ihnr rundtveg erklärt, daß er nur nach Vorweisung riucs Tauf sch eines das Visum erhalten tonne. „Als Jude dürfen Sie nicht fahren!" erklärte der drenst^ibende Beamte der ungarischen Gesandtschaft kurz und bündig und schloß den Schalter. Diese Haltung der Wiener ungarischen Gesandtschaft überrascht uns nicht» 'da wir auch von anderer Seite dahin informiert wurden, daß die Horthy-Regierung im Anschluß an ihre geheimen Judenausweisungserlässe an sämtliche ausländische Vertretungen den Auftrag ergehen ließ, die Au§weffu«gsaktion der Regierung dadurch zu unterstützen, das a u slä nd ischen Iu de n ke in e Pa ßv rsa zur Einreise nach Ungarn gegeben werden. Die ausländischen Juden werden sich das Wohl merken, sie werden Ungarn mit ihren HandelsunLernehmungen meiden, aber auch die Delogierten der ausländischen Hilfsorganisationen werden es wohl unterlassen, mit den Millionen der ausländischen Juden nach- Budapest zu gehen, weil sie sonst Gefahr liefen, daß sie an dem Tage, an dem sie sich der inl Auslände gesammelten Gelder entledigten, als lästige jüdische Ausländer ins Internierungslager gebracht würden und dortLdie Gaststfreundschaft Horthys gegenüber wohltätigen ausländischen Juden kennen lewen. Sein Nervensystem war vollständig zermürbt, und so machte er temem Leben ein Ende. Er nahm eine große Dosis Morphium und schlummerte in den -Tod hinüber. Er wollte n och in den letzten Lebens stunden der Wissenschaft einen Dienst erweisen und machte genaue Aufzeichnungen über die fortschreitende Wirkung des Giftes. Diese Auszeichnungen lauten: Nachts 1 Uhr 45 Min. Ich fühle mich außerordentlich wohl. Ich habe mich bereits entkleidet und nun in zweieinhalb Gläsern Wasser 1,26 Gramm Morphium genommen. Ich bin wohl ein wenig aufgeregt, aber das bebrütet überhaupt gar nichts. Ich fürchte nicht, zittere nicht, denke und handle ruhig, ich möchte jedoch womöglich an gar nichts denken. 2 Uhr 5 Min. Ich bin ein wenig benommen, mein Arm schwer, mein Gesicht grün. Wie wenn es bloß ein kleines Fieber wäre, gar keine Auflösung? Ich bin unglaublich ruhig und fühle mich vielleicht gar wohl. Der Ab. schied schmerzt mich nicht. Außer meiner Familie und H. empfinde gar kein Bedauern, alles zurückzulassen. Jetzt wird alles ein Ende nehmen, ein stilles, ruhiges Ende. Ich rauche die zweite Darms, ich habe auch ein wenig Honig genommen, weil das Morphium bitter schmeckt. Angenehme Wärme in meinem ganzen Körper, meine Hand ist ein wenig steif, ich sehe nicht mehr ganz klar, überall Stille, es sind bereits 25 Minuten vergangen, seitdem ich das Pulver genommen habe. Ich habe Angst, daß es vielleicht nicht genügend sein wird. Mein Gott, welch ruhiges, glückliches Gefühl! Seit länger Zeit sind dies die ersten Minuten, daß ich allein bin und mich nicht langweile. Ich bin unsagbar glücklich, daß ich es getan habe. Mein Leben hat-also seine Lösung gefunden: ich habe es abgeschlossen. 2 Uhr 15 Min. Ich sehe nur mehr dunkel. Puls normal. Mein Gesicht glüht furchtbar, ich fühle meine Kraft schwinden, auch die Lähmung hat zugenommen. Der Puls geht rascher, es ist das ein herrlicher Tod, einen schöneren hätte ich mir gar lnicht wünschen können. Gar kein Schmerz, gar keine Zeremonie. Ich bedauere nur, daß ich Dames genommen habe, ich hätte auch eine Aegyptische haben können. 3 Uhr 18 Min. Ich werde das Schreiben wahrscheinlich eiinstellen müssen, meine Hand ist steif und ich sehe schon kaum. 3 Uhr 20 Min. Ich werde wahrscheinlich sogleich mich niederlegen, meine Augen fallen zu. Stille ist, ich bin allein, ich bin ruhig und glücklich. Consummatum esi . ., Die letzte« St««de« eine» Horthy« Op'err. Unser Budapester Berichterstatter schreibt uns: Bor einigen Tage» wurde hier am jüdischen Friedhof in aller Sülle ein junger Mensch zu Grabe getragen, der vor bcu Horthh-Leuten nach Wien flüchten mußte, - um dort seine Studien sortzusetzen. Ladislaus Eros stand bereits im dritten Semester seiner medizinischen Studien, als der Numerus clausus ihm die Tore der ungarischen Universität verschloß. Er kam nach Wien, und da er von seiner Familie keine nennenswerte Unterstützung erhalten konnte, kämpfte er sich mühselig bis zmn sechsten Semester, durch. Dann brach er zusammen.. Das teure Leben in Wien, die unerschwinglichen Kollegiengelder, die er als Fremder zu bezahlen hatte, waren ■ MübeWWjKe HinderMe Hx sein Fortkommen. Di« jüdische Fra« u»d die nationale Arbeit. Wahrend an der nationalen Arbeit bei den meisten zivilisierten Völkern die Frauen irk starkem Maße teilnehmen nnd die Erziehung des jungen Geschlechtes in nationale Sinne ohne ihre Mitwirkung geradezu undenkbar ist, bietet die Teilnahme der jüdischeir Frau am nationalen Lckben bisher keineswegs ein befriedigendes Bild. Die Tätigkeit der jüdischnationalen Wiedererweckung, die Arbeit für den Aufbau des jüdischen Palästina und die nationale Erziehung ist bisher im tvesentlichen Männerarbeit gewesen und bis aus verhältnismäßig geringe Ausnahmen stand bisher die Wische Frau dem Regenerationsprozeß in ihrem Volke fremd oder teilnahmslos gegenüber. Dies gilt namentlich von den jüdischen Frauen in Mittel- und Westeuropa. Die Erzlehu»lg im GListe der Assimilation, die kulturellen Einwirkungen der fremden Umwelt und der Jnteressenmangel an Politischen Vorgängen haben die jüdische Frau viel mehr noch ihrem Volke entfremdet, als dies beim männlicher! Geschlechte der Fall ist. Dieser Umstand fällt um so schwerer ins Gewicht, als wir die jüdischen Frauen an der allgemeinen Frauen-- bsweguug in hervorragendem Maße beteiligt finden, sie erscheinen als geistige Borkämpserimren und Theoretikerinnen der Frauenbewegung, in der Wistenschast gibt es bereits mehrere glänzende Namen jüdischer Frauen und auch in der sozialen Frarwnbeweguug Molen jüdische Frauen eine bedeutende Rolle. Es ist eine der wichtigsten und dringendsten Ausgaben der Mischen Arbeit, alle Kräfte anzustrengen, um die Teilnahme der jüdischen Frauen am Negenerationswerk chves Volkes in wachsendem Ausmaße zu sichern. Im Werk der Erziehung der künftigen Generation wird der Mädchen-- und Frauenerziehung ein ganz besonderes Augenmerk geschenkt werden nrüsten, und dies ist ein Gebiet, auf dem diele Versäumnisse nachznholen sind. Daneben aber ist es schon heute nottvendig, alle für jüdische Zwecke irgend in Betracht kommenden Frauen zur unmittelbaren Mitarbeit am Palästina-Aufbau heranzuziehen. Während es einer langen OBEL an ne!!.; SchetiEnfelrtgasse R .««jBfflro Telephon aSHiQS •■■■■■» Arbeit bedürfen wird, die mit ihrem Judentum nur lose und äußerlich verknüpften jüdischen Frauen und Mädchen des Westens zu bewußten, geistig und seelisch mit dem Judentum verknüpften Menschen zu erziehen, die den: Mischen Milieu entwachsene Ostjndin aus dem engen Milieiö und dem knappen Gesichtskreis ihrer Häuslichkeit aus soziales und kollektives Tun hirczulenken oder mit den notigen. Kulturinhalten zu erfüllen, gibt es für die jüdische Frau^ eine Aufgabe, die sie schon heute erfüllen kann und zu becj sie im Interesse des Palästina-Aufbaues, der kein Zögern zuläßt, sofort herangezogen werden muß: Die jüdischest Frauen müssen heran, um für den Paläst'ma-Gründnngs-s sonds, den Keren Hajessod, zu werben und für ihn! die jüdischen Energien zu mobilisieren. Es geht um konkrete^ Zwecke, die keiner theoretischen Schulung bedürfen, es geht, darum, den Pionieren der jüdischen Freiheit, den Ehaluzirn, ihre schwere Arbeit der Erschließung des Landes zu erleichtern und die Mittel sichern zu Helsen, ohne deren Vorhandensein der größte Idealismus an den harten Realitäten zerschellen muß. Zu dieser Arbeit sind die Frauen bcs Inders ge.igmt, und vielen unter ihnen steht nicht nur die Zeit zur Verfügung, deren Mangel den im Berufe stehenden Männern die Arbeit erschwert, sondern auch die Gabe, zu überreden und an das unmittelbare Gefühl zu appellieren. - ' i $ Die jüdischen Frauen, welche im Kriege ihren Schmus Hingaben, daß er zur Vermehrung der Mordwaffen diene/ sollen dazu erzogen werden, Gold und Silber zu opfern, umt aus dessen Ertrage ihrem Volke sein Hoim bereiten zu Helsen. Anfänge in dieser Richtung sind schon zu verzeichneitt Der „Verband Mischer Frauen für .Kulturarbeit in Palä< stina" hat manches Wertvolle geschaffen und.die allgemeine zionistische Fvauenovganstaiivn hat die Aufbringung eines ' Juwelenfonds für Palästina beschlosten, aus besten bishörigem Ergebnis bereits au die Schaffung' eines Einwandererheims in Jaffa geschritten werden konnte. Es ist aber nötig, daß diese Bestrebungen systematisch in allen Ländern ausgenommen werden, denn nur so kann der erwünschte Erfolg sich einstellen. Auch in Wien ergeben sich für diese Arbeit, wenn sie mit entsprechendem Ernst angegangen wird, aussichtsreiche Perspektiven! * Das Initiativkomitee der zionistischen Frauenorganifation in Wien hat die Aufbringung eines Palästina- Juwelenfonds kn ihr Programm aüfgenormmn und schreitet nunnrehr au die Verwirklichung desselben. Dick Frauengruppe der zionistischen Sektion 9 hat auf diesem Gebiete bereits einige Erfolge erzielt rmdist bemüht, dick aufgenonrmene Arbeit — vornehmlich handelt es sich unr die Sanrmlmrg von Trauringen — energisch fortzusetzen. GRÖSSTE AUSWAHL IN LUXUS- UND STIL¬ MÖBELN GEBOGENEI SESSEL MÄSSIGE PREISE 440 Der internationale Antisemitismus^ Die Heßeder „Morning Post". Die „M0rning Post", die feit-einiger Zeit ihre' antisemitische Hetze eingestellt hatte, hat letztens wieder einen Leitartikel veröffentlicht, worin siedie Inden beschuldigt, mit den Bolschewiken-verbündet zu sein. Das Judentum sei für den Bolschewismus verantwortlich. Selbst die Tatsache, daß die Bolschewiken die jüdische Religion verfolgen und auch der P Wiest des Joint F o-l reign Committees gegen diese-'Verfolgungen gilt der „Morning Post" nicht als Beweis, daß das Judentum nicht mit . dem VolschewisNkAs in Vevbmdung steht. Dick „Morning PoM stellt sogar die lächerliche. Behauptung auf, daß der Verdacht möglich sei, wonach' düs Protestschreiben, welches Lueien Wolf an den Vertreter.der Sowjetmacht gerichtet hat, sowie die Weigerung desselben, dieses Schreiben an die Sowjetvegierung weiter zu leiten, bloß ein Vorwand sei. Um die angöbliche Verbindung zwischen Judenturn und Bolschewismus zu beweisen, führt die „Morning Post" die Tatstlche an, daß die Zionisten zu Ehren von Colonel Wedgwood, ein Bankett veranstaltet haben, auf welchem bloß Freunde des Bolscheivismus anwesend tvaren, wie Emnurander Kenworthy/ Mr. Philipp S n 0 w d e n, Colonel M a l 0 u e und K ä p l a n s k y. Bezüglich des letzteren behauptet die „Morrring Post", daß er! daftir agitiert habe, daß der Zionisterckongreß sich für einck R e v 0 l u t io n erkläret! solle. Der Hinweis auf den Protest des englischen Joint Foreign Committee betrifft ein Schreiben Lueien Wolfs an den ruffischen Vertreter in England, in welchem auf die Unterdrückung des jüdischen Religionsmiterrichtes und jeder jüdischen Kulturtatigkeit, auf die Konfiskation der Synagogenschätze, die Verfolgungen der Mischen Lehrer und das grausame Urteil gegen dm Homeler Rabbiner Batischanskh und einige seiner Kollegen hingewiesen wird. Das Schreiben, welches mit der Bemerkung schloß, ^daß selbst unter dem dunkelsten Zarismus keine religiöse Gemeinde in Rußland solche» Verfolgungen ausgesetzt war, wurde von dem englischen Sowjetvertreter dahin beantwortet, er Halte es nicht für nwglich,. den Brief angesichts der falschen und grundlosen Anschuldigungen gegen -die Sowjets und des „frechen Tones",' der' barm angeschlagen toerde, seiner Regierung zu übermitteln oder fit eine Korrespondenz einzutreten. - . ä.-

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