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Wiener Morgenzeitung · 1922-10-01 · Heft 1308 (1.10.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1308 (1.10.1922)
Date
1922-10-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Elnzelmunmer K1100 Wien: Zam Abholen in der Expedition, IL.Taboratr. 1-3, oder in einerVerschleisstellc (Trafik) monatl. K 30.000 Mit Postveraand für Wien n. Oeaterr. monatl. K 30.000 Tach e c h o-S I owa k e i: Mon. K 20. Ungarn: Mon. K 600. Jugoslawien: Mon. Dinar 30. Polen: Mon. Mk. 2200. Deutschland: Mon. Mark 300. Frankr., Belgien: Monatl. Frcs. 8 MV* N «ch * ■ b I u a f o n *W> bei Pretierböhungen Vorbehalten Wiener 4 * Rr. 1308 Wie«, Sanutag, i. Oktober 1922 /, / <j ft /'■, .>■ 1. d C iseneeno- Slowakei r tschech. K 1.20 Italien: Monatl. 10 Lire Rumänien, Bulgarien:, Monatl. 60 Lei bezw. Lewa Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3. Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrnsse 1—3 Telephone ab 6 Uhr . 4 4-0- 58,-13-3-1 % abend* 16-301. Tel.-Adr.: Morgenzeitung" . Wien Oesterrcichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 WVWDiMMMMWVW 4. Jahrgang Wege« des Dersöhnungstages entfällt unsere morgige Mit agsaasgabe. Versöhnung. Kr. W i e i», 1. Oktober. Das Fest, das morgen überall, wo Juden leben, begangen wird, das Versöhnungsfest, oder richtiger gesagt, das Fest der Entsühnung, ist die Apotheose eines überaus hohen ethischen Gedankens. Das Versöhnungsfest ist durchaus keine rein religiöse Feier, wie das Judentum in seiner ganzen Geschichte und selbst in dem mosaischen Zeitalter niemals Religion anders als mit dem Volkstum verwoben aufgefaßt hat. Sämtliche Feste, die uns in der Bibel, dem Gesetzesbnche Moses, überliefert werden, haben die nationale Freiheit und den Besitz des nationalen Bodens zur Voraussetzung. Selbst an das Fest der Entsühnung wird, wie an jedes andere synagogale Fest, gewissermaßen als Begründung fiir die Feier, die Erinnerung an den Auszug ans der Knechtschaft und an die Erwerbung des eigenen Landes geknüpft. Dem Judentum wird selbst v-Mt seinen Gegnern zugestanden, ■ daß es als Verkünder und auch später Jahrtausende hindurch, als Träger d"" monotheistischen Gedankens der Mcnchheitskultur die wertvollsten, unvergänglichsten Dieitste geleistet hat. Das Versöhnungsfest gilt vor allem der Bejahung des Monotheismus. Dafür spricht auch die Jahreszeit, in welcher es angesetzt ist. Monate hindurch war der Jude auf seinem eigenen Boden in der freien Natur beschäftigt. Feld und Wiese, Weinberg und Oelpslanzungen hatten seine ganze Arbeit, sein ganzes Sinnen und Denkeunausgesetzt gefangen gehalten. Er war förmlich der Sklave seines Bodens, den er mit überschwenglicher Liebe betreute. Er segnete die Sonne, die ihm das Getreide reifen machte, war dankbar dem Tau uud dem Regen, der seinem Boden neue Säfte zufnhrte. Da hatte wohl der Gesetzgeber die begründete Befürchtung, daß der jüdische Landmann am Ende seines.erfolgreichen Jahreswerke' der Selbstüberhebung, der Anbetung der Naturkräfte auheimfallen könnte, wie es die Nachbarvölker der Juden zu üven pflegten. Das Entsühnunasfest sollte de'.k Inden von allen pantheisnschen Schlacken befreien und in ihm den nationalen Glauben befestigen. National-reiiaiös ist auch die A'----"ng über den Inhalt und das Wesen des Eutsnhnung'sseftes, w»; sie sich im Lande und in der Diaspora durch Jahrtausende hindurch erhalte.: hat. Der Entsühnung muß die Versöhnung vorangehen. Eilt Volk kann sich, sowie jeder Einzelmensch, nur nn frei von SüuA' und Schuld fühlen, wenn cs gegen sich und gegen fehle Mitvölker seine Pflicht erfüllt hat. Daher der schöne Brauch, dessen Sinn jedocb viel tiefer als seine äußere Form verrät, daß der Jude vor Eingang des Versöhnnnasfestes nicht nur Freund, ftcinb um ^rsöblmung angelst. Bor dem-Richterstuhl seines Gottes und seines Gewissens kann der Jude nur dann Ent'-bnung heischen, wenn er mit allen vechöhnt ist, die gleich ihm der Menschheit zu dienen haben. Dieser hohe Gedanke der Men'chen- und Volk r- Versöhnung ist demnach durchaus nicbt in der Zerstreuung des jüdischen V >'"tüand"". wie die Gegner des Judentums gerne behaupten, seine Friedenssehnsucht entspringt nicht dem Gelbst seiner Sch^näche als Minderheit inmitten der Mehrheitssölker .sondern liegt seiner ganzen Gerichte zugrunde, vom ersten Ta'" seines Eintrittes in d^s spvrwfrf'e'nt As Volksganzes bis auf den heutigen Tag, da es daran geht, in das Land seiner Väter znrücknikehren, in we'-'- , diese große Mensch,hsitslehre entstanden ist, um dort nicht nur dem eigenen Wohl, sondern der Förderin:- Wr Menschheitsknltnr und dem Frieden der Völker n, dienen. Diese seine Mission vermag jedoch anch das jüdische Volk wie jedes andere Volk nur dann zu erfüllen, wenn es mit sich und in sich einig ist, wenn jeder sich frei von jeder. Schuld weiß, nicht alles getan zu haben, damit sein Volk die Kraft besitze, seinen Beruf unter den Völkern der Erde im Sinne seiner uralten, unverwüstlichen, auch den härtesten Verfolgungen standhaltenden Ideale zu erfüllen. Vergeblich wird am Bersöhnnngstage derjenige sein Gewissen von der Schuld gegen sein Volk zu befreien suchen, der sein Schuldbekenntnis vor sich hinspricbt, jedoch unterläßt, seine größte Sünde, die Sünde gegen sein V.lk, in dieser S.hicksalszen Vs Jndent'lms einznbekennen und dr:rch Rückkehr zu seinen Pflichten d»e 'Entsühnung zu erlan^n. Mehr denn ie I Die österreichische frage in der Zchiusssilzuttg des Uölkerbundes. ©er Völkerbund tagt weiter. — Die Entscheidung in den nächsten Tagen. Genf, 30. September. (K.-B.) Die Schlußsitzung der dritten Völkerbundversammlung, die heute nachmittags stattfandgehörte ausschließlich der österreichischen Frage. Lord Balfonr hatte als Vorsitzender des österreichischen Komitees in der Sitzung des Völkerbundrates, die der Völkerbundversammlung vorausging, den Auftrag erhalten, dieser über den Stand der Verhandlungen des Komitees zu berichte«. Tatsächlich war es jedoch kein gewöhnlicher Bericht, den er erstattete, sondern die grotzangelegte und überaus eindrucksvolle Rede eines Mannes, der es als eine Pflicht der Völterfamilie erkannt hat, Oesterreich sofort das zu bieten, was es braucht, um sich als selbständiger Staat zu erhalten und seinem Volke die Grundlagen für sein wirtschaftliches Leben bieten zu können. Man merkte dem Redner an, daß er am Schluß der diesjährigen Völkerbundtagnng am liebsten bereits das vollständige Ergebnis der österreichischen Aktion verkündet hätte; anderseits ist aber auch die Mitteilung von Wert, daß der Völkerbundrat trotz des Schlusses der Session noch einige Tage versammelt bleibt, um >dicl letzen Schwierigkeiten zu beseitigen, die einer Einigung aller in Betracht kommenden Mächte in Einzelheiten noch eulgegenstehen und die zwischen ihnen abzu, schließenden Verhandlungen zur Unterschrift reif zu machen. Wie es der Bundeskanzler in der gestrigen Sitzung des österreichischen Komitees gefordert hat, so ist es geschehen. Der Völkerbund durste es sich bei seiner Aktion für Oesterreich nicht mit einer Scheinlösung oder mit einem unfertigen Abkommen genng sein lassen. Er durfte aber auch nicht, nnr um einige Tage früher seine Arbeiten beenden zu können, Schwierigkeiten oder Lücken, die diese noch ausweisen, geflissentlich übersehen. Tie Ocsicrrcicher werden es trotz aller berechtigten Ungeduld, mit der sie der endgültigen Antwort aus Genf entgegensehen, dem VöL kerbnndrat zn danken wissen, daß er ganze Arbeit zu leisten versucht. Der heutige Vormittag war von internen Beratungen des österreichischen Komitees und der Finanzkommission ausgefüllt. In den beiden Fragen, die gestern noch als offen bezeichne werden mußten, dürften die Kompromißformctn, die allen Teilen die Annahme dcdr vorgcschlagenen Lösung ermöglichen, bereits gefunden sein. Das österreichische Ko-- mitce wird Montag abermals zusammentreten. Dienstag oder Mittwoch soll dann der Völkerbundrat in öffentlicher- Sitzung die Sanierungsaktion für Oesterreich verabschieden. In dieser Sitzung wird der Bundeskanzler das Wort ergreifen. Heule erwiderte auf die Ausführungen Lord Balfonrs de. ständige Delegierte Oesterreichs beim Döllerbnnde Mensdorff. Wie sehr während dieser Tagung dir österreichisch- Frage als eine Angelegenheit des Völkerbundes empfunden wurde, zeigten die Reden Lord Robert C e e i l s und Leon Bourgeois, die spontan außerhalb des vorgesehenen Programms in der heutigen Sitzung des Völkerbundes das Wort ergriffen. Die Krise Türkische Truppe« gegenüber von Kouftautinopel. London, 30. September. (Tel.-Komp.) Wie „Daily News" erfahren, ist gestern abends in Regiernngskreiseu bekannt geworden, daß türkische Truppert an einem Punkte der Konstantinopel gegemibMiegenden Küste eingetroffen seien. In RegicVnngskroisen wird die Lage als überaus ernst betrachtet. London, 30. September. Das Reutersche Bureau erfährt von gutnnt-errichteter Seite, Kemal Pascha habe dein fra-nzösischeu Oberkommissär in Konstant'mopel und General Pelle, und der vor kurzem in einer Mission in Smyrna war, mitgeteilt, daß er nicht die Absicht habe, die tmkisckwn Streitkräfte aus der neutralen Zone zurückzuzichen. Grüfte Auffassung in London. London, 30. September. (Wolfs.) Die Aeußernngen der heutigen Morgenpresse spiegeln den außerordentlichen Ernst der Lage im nahen Lsten wieder. „Daily Chroniele" schreibt: Die Frage „Frieden oder Krieg" stcht auf des Messers Schneide. „Dally News" sagen, England stehe dicht vor dem Kri eg. General Harrington sei ermächtigt worden, den Türken zur Räumung der noutralen Zone eine Frist zu fetzeu. Wenn die Türken nicht zurückgehen, werde es znnt äußersten komnten. London, 30. September. (Wolfs.) Der Nationalrat der Unabhängigen Aribeiterpartvi hat ein Manifest veröffentlicht, worin gegen die Orientpolitik der Regierung Protestiert wird, weil sie geeignet sei, nur den Interessen der Kapitalisten zu dienen, die die Petrol.emngebie.te und die anderen reichen Schätze des nahen Ostens anszubenten wünschen. Die türkische Haltung — eine Or-nusforderung Englands. London, 30. September. (Wolfs.) Nach einer gestern abends nach der Sitzung de» Kabinetts ausgegebenen weiteren Note sei es vollkommen unmöglich, den Türken zn gestatten, daß sie vor den englischen Drahtverhauen bleiben und die englischen Stellungen am hellichten Tage auskundschastey. Im Bezirke von Isinid seien die Truppen bereits nm die Stadt herum IM Orient. konzentriert. Die Haltung der Türken sei eine dirette sorderung gegenüber den britischen Reich und stehe in veilem Widerspruch zur Note der Alliierten. Die Bediuguugen der KemE?L:n. London, 30. September. (Tel. Vamp.) Wie der .'.torre* spondenr der „T i m e s" in Konstantinopel erführt, mied die Antwort der retnoliftqtheit Regierung ans die Note der AUncrnu folgende Forderungen enthalten: I. Tie Regierung von Attaor.t verlangt die Besetzung der st r a : e g i s w tv; di:; a e tt Punkt? Thraziens, die sie für notwendig naduci, um die Ausführung der von den Alliierten bezüglidt Tara sie ns gesaßteu Beschlüsse.zu garantieren. 2. Die englischeit Truppenbeweattnaen uud urilitärischen Vorbereitungen sind ciuznuelt-en. 3. Tie uiin* tärische Besetzung Thraziens durch kemal ist iscbe rneiilräüe bat vor Zusammentritt der Friedenskonferenz zu erfolge», l. Tie Türkei behält sich das Recht vor, die Friedesbedi n gnngen zu diskutieren. 5. Die Türke« widersetzt sich der Entwassmu-g der Befestignngen am Bosporus, nicht aber der Entwaffnung der Dardanellen. 6. Rußland und alle anderen an da? schwarze Meer angrenzenden Staaten sind in gleicher Weise wie die Tür:ei zur Friedenskonssrenz zuznlasseti. Die Haltuuq Rublaudfi. Paris, 30. Tevtr.nder. «Tel. Konto.) . Ben: Iarnnn tt leidet ans London, daß dort Nachrichten eingetrossrn inen, nach donett Sowjeuruppen au der rumänischen o-vernn-, zentriert sind. Ern hoher bvlsebewdiieMr Beaniier b'be :u eitwut Interview erklärt, daß Rußland Tnieemnm an. eine»! bewa-iue teil Konflikt tetlznnehmett nnmjcln, sonoera :m Veaegentea nne friedliche Beilegung erstrebe. Das jugoslawische RegiernKSssrci an für Fefthalteuan der FriedenOys'.itik. Belgrad. 30. September. (Tschech. P.-B.l Da? RegiernugS' oraan ..Samonprawa' tritt in enischiedensi r Weise säe Fortsetzung dar von der Regierung bisher verfolgten FriedeN'.-polittk ein. Die Interessen Jugoslawiens seien d'trch die Ereionuie im nahen Osten nicht bedroht. Im gegenwärtigen Aitpenblw von der Regrerttng den Krieg ztr fordern, hieß, von Hu* etwas lieber - flüssiges, Unmögliche? verlangen. ist heute die Besinnung auf sein eigenes Bvlkstmn die Pflicht eines jeden Inden. Während weithin yordar der Sckwei nach Friedelt die Welt dnrchgellt, wird »uim orten dos Friedensideal durch gegenseitige Bergeivaln'- gnng und durch einen mehr oder miitder offenen Krieg gegen das jüdische Volk entweiht. Der ist sein geseyestreuer Jude und auch lein Allweltsittde. der dte Reiiaion gegen feilt Volk, das Schlagwort vom Weltbürger gcg n seine Nation ansspielt. Das Versöhnnngsfesl nüi! nictns anderes sein als die furchtbare, eindringliche Maunniig an jeden Inden, es endlich zn erkennen, daß er nur dann die Völker zur Versöhnung um nw wird it köimeu, tonnt er mm Eder Scktuldi iclueiu Volle aea/vT scher emiiilmt ür

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