Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1300 (22.9.1922)
- Date
- 1922-09-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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■ ‘'V\ ’”" '' ’ : . 'v''' * "r ' ..:lJ-’; :’ ■'#?'■■;••'' ■V','“V--'!*: ume * Wen, Frerrag. Herrschaft Wird zweifMoS diese Ablchnungmit dem Streik beantworten. Eine Kundgebung der Gastwirtegehilfen. In einer gestern nachmittags abgchaltenen, sehr stark besuchten Versammlung der Gastwirtegehlffen wurde . der Beschluß gefaßt, die streikenden und ausgesperrten Kaffeehausgchisen materiell zu unterstü'tzen, aber in seinen Golidaritätsstreil zu treten. Ferner wurde erklärt, daß in den. Gasthäusern den Gästen alle in den Kaffeehäusern üblichen Getränke, also auch Kaffee, Tee und Milch, auf deren Minsch serviert werden. * Merker Morgeirzeitirng. 22. September 1922 Är- 1305 Wir ein Ivde bei««he Hausarzt eitles vegiereude« deutfchen Fürste« wurde. Jüdische Leibärzte an den Höfen der mächtigsten fürsten — ist Spanien und in Portugal, in der Türkei, in rankreich und in Italien usw. — hat es auch im finstersten Mittelalter gegeben. Selbst zu Zeiten, wo unter hoher Patronanz oder zumindest unter nachsichtiger Duldung der Regierenden von Gottes Gnaden dem Pöbel hie und da das bißchen Totschlägen von Juden vergönnt war, schätzten die hohen Herren die medizinische Kunst jiidischer Aerzte genügend, um das eigene Leben ihnen anzuvertrauen. In deutschen Landen hatten die zahlreichen gierenden Fürsten, die sich ansonst mit Vorliebe an ausländische Vorbilder hielten, in diesem Punkte sich ihre Selbständigkeit bewahrt'. Von gelausten Juden, die das hohe Glück hatten, zu Leibärzten regierender Fürsten ernannt zu werden, weiß man wohl eine stattliche Anzahl Namen zu nennen. Von jüdischen Leibärzten weiß die Geschichte nichts zn melden, tvüwr im Mittelalter noch in neuerer Zeit. Eine Ausnahme hätte es allerdings —- beinahe gegeben,. und der Grund, daß dies schließlich doch nicht der Fall war, ist recht ergötzlich. ' Es war im Jahre 1837, als. D«, Max Ring, der sich später als Romandichter einen Namen machte, von dem mächtigen Ehrgeiz erfaßt wurde, sich um eine staatlich beßkkdete Stellung in einem deutschen Fürstentum zu bewerben. Dem Dr. Max Ring. der, bevor er sich^ganz der Schriftftellerei zuwandte, trotz seiner Jugend auch schon eine Zeitlang als Arzt praktiziert hatte, winkte wirklich, kaum daß er den Doktorhut erworben, die Hoffnung, in Pleß die Stelle eines fürsttrchen Hausarztes zu erhalten. Herzog Heinrich von Anhalt-Köthen, ein vielfach ge, bikdeter Mann, hatte genügend Vorurteilslosigkeit, um nicht die Konfession des Bewerbers als Hindernis zu betrachten, und hatte sich — wie Ring erfahren — über die ihm vorge^gteu Zeugnisse des jüdischen Petenten so lobend geäußert, daß dessen Anstellung als gewiß galt, obwohl es nicht an zahlreichen christlichen Mitbewerbern fehlte. In einer Audienz, die der Herzog dem Arzt — Ring war nicht älter als 22 Jahre — gewährte, sollte dieser das entscheidende Wort aus dem Munde des Fürsten selbst hören. Nach Rings autobiographischen Aufzeichnungen wurde er hulddoll empfange»:, aber der Fürst halt: Bedeukeu wegen seiner großen Jugend trotz Rings Hinweise auf seine Zeugnisse, Kenntnisse und Praxis. Aber der Herzog blieb bei seiner Meinung. „Das alles," sagte er, „mag ganz richtig sein, aber die Erfahrung bleibt für mich immer die Hauptsache. Ich gestehe Ihnen offen, daß ich für meine Person mehr Vertrauen zu einem alten Schäfer, als zu einem so jungen Arzte habe." „Hoheit haben ganz recht" eutgegnete ich verletzt, „wenn es sich nicht um kranke Menschen, sondern um Schafe handelt." Schon im nächsten Augenblick bereute ich meine vorschnelle, unbedachte Antwort, welche mir meine gekränkte Standeswürde entrissen hatte. Ich bemerkte nur noch, wie der .Herzog rot tourbc, mir eine kurze Verbeugung machte und mir dyr hohen Rücken zukchrte, voraus ich trotz meiner Unkenntnis der Hofetikette entnehme» konnte, daß ich in Ungnade entlassen sei. Ring erfuhr noch am selben Tage, weshalb seine schließlich doch nur harmlos gemeinte Antwort gar so verstimmend gewirkt hatte. Der Herzog litt seit Jahren an einen». Fußgeschwür, welches von. den berühmtesten Aerzten ohne Erfolg behandelt wurde, so daß der hohe Patient endlich den Versuch machte, da man ihm so viel ovn den Wunderkuren eines alten Schäfers im Dessausschen erzählt hatte, sich von diesem behandeln zu lassen. Mitteilungen aus tont Publikum. ” ’ Wir gratöliejen unserer Schwester,' beziehungsweise Schwägerin Bva anlässlich ihrer V e r l o b.u n g mit Herrn Moses Gehler (Strusöw)v heimlichst "" , David Kamintor und Braut trn V , Wian. ULES-FABRIK Telephon 69*1* Telephon 69-1.23 ■pnis» Knisbacher & Windschauer, Wies, I.," 6 ■ o’n'SnjpT’ri'jitt "bbxvi a3'’sir Export noch allen Staaten Zlonisfistlie BezirksscKtion LeopoMstndt Wahrend der hohen Feiertage findet in den eigenen Lokalitäten (Zirkusgasse 33) ein Ott Trigödie ctecs jüdische» Fremde»«!cgi»«8ts. Seit einiger Zeit fordert die Pariser ,,L' HmnanÄe" Unausgesetzt die französische Regierung auf, in eine Affäre Licht zu bringen, deren tragisch« r Held ein marokkanischer Jude ist, der das Unglück hätte, in die F r e m d e n l egio n zu geraten. Ueber diese tragische Angelegenheit meldet ,,L' Hmnarrite" folgendes: Afrika hat der liebe Gott der Soldateska zuliebe geschaffen. Die Soldateska vermag nicht ohne Morde zu leben, da schuf Gott Afrika, damit die französischen Herren Offiziere sich gründlich austoben können. Besonders in der Fremdenlegion sind solche Lluttge Unterhaltungen sehr häufig: der ru'mste Fall, trrrg sich in Udg a r neben Marokko zu. Ein neuer Rekrut rückte zur Kompagnie ein, ein gewisser I u da R a a o n, der aus Wi-MMbHas stMBtte^ Er war ein schwerer und schtetMWtt Mnge, Wmt mit Wltyt auf daS feurige arabische Roß hÄmuMtterie, das ihm .beigestM wurde. Der aMe JÄda. wtz Lei Gott teiuLicitTvgenie, aber statt Restliche Karten heute während des ganzen Tages sowohl beim Schalter der „Wiener Morgenzellung“ wie auch im eigenen Lokal (Zirkusgasse 83) 073c allen Heiligen,' daß er es diesem Msstjuden schon zeigen wolle, und er hartes ihm'gezeigt. Er ließ dem Pferd die Zügel und sonstiges (iwschirr abmhmen und beließ ihm bloß den Sattel. Der Junge wurde unter Peiffcherrhieben förmlich in den Sattel gesagt, dünn wurde er gefesselt und auch seine Berne wurden xi-bunten. Hierauf stieg der Kapitän gleichfalls ans sein Roß, .wählte aus der Kompagnie dis zwölf wildesten schlvarzeu Jungen aus. die er unter reichen Versprechungen auffcrderte, ihre Pflicht zu tun. Die Schwarzen grinsten, sie kannten bereits diese Passion ihres Kapitäns und wußten, teß er jetzt den armen Jntenjnngen in' die' »,hohr Schule" nehmen wolle. Der Wachtmeister erschrak. Militärisch meldete er dem Kapitän, daß bei diesen» Cxpernnent auch das Roß drausgehen könnte. Tut nichts, antwortete lachend der Kapitän Bidar. wenn es auf seinem Rücken den Judenbuben «durchsetzt, so soll es krepiere»», dann verdient es nicht besser. Dann gab er das Kommando. Die zehn Schwarzen ließen ihre mit Nägeln versehenen Peitschen aus das Pfevd medersausen, das Tier bäumte sich auf und rannte wild davon. Hinter ihm der Kapitän und die Schwarzen. Nun entstand eine Hütte Jagd. Das wild gewordene Roß gallopierie schäumend drauf los. hinterher zehn schwarze Teufel, und ein weißer. Juda N-aaen ist dieser furchtbaren Reiterei nicht lange gewachsen, er schwankt nach rechts u-nd links, dann bricht er zusammen und wird, da er gMmten ist. vor»» Roß s 0 rtgesch! cvv i. Eine gute halbe Stunde dauerte diese Neitlektion und Juda Naaon war bereits ein Sterbender, als er vom Pferde losgebunteu wurde. Und als der W>ach!mcister abermals meldete, daß Naaon sich „ausgeritten" Hab?. hatte diese Bestie von Kapitän nichts anderes. zu erwidern als' Er fall nur krepieren, dann hätten wir un» einen Juden welliger. Schweinerei, wie zähe so ein Ju-denjunge ist. Aber ich werte ihn schon mürbe machen, er kommt wegen Disziplinwidrigkeit in die Einzelzelle. D-r zerbrochene Junge wurde in die Zelle gebracht, wo er 48 Stunden lang, seiner Sinne beraubt, tobte, Da erschrak endlich der Kapitän und ließ ihn ins Militärspital 'befördern. Seine Schäte'ltecke wü>s bereits brandige Wunden aus, er wurde operiert, ater Juda Naaon hatte bereits ausgerunger». die Aerzte cteritrttn einen Leichnam. Als gleich arn anderen Tage der Fall.in Sidi-Bel-Abbald beginnt wurde, stellte der^ Senat bnc. State in einer Protestresolution auf Grund der Erhebungen fest, daß der Rekrut Juda Naaon im Lager von Ntgar zu Tode geritten wurde. Der Stadtseimt forderte die maßgebenden Behörden aus. den Fall streng zu untersuchen und die Schuldigen zu bestrafen. Die inaßgebenden Behörden rühren jedoch keinen Finger, und so hat denn „L' Humanrte" zn dem Auskunftsmittel gegriffen, alle fünf Tage den Fall von neuem zu erzählen und an den französischen Kolonialmimster die stereotypen Frage»» zu richten: Hat dcr Minister beretts über die niederträchtige, verwerfliche Tat des Kapitäns Vikar einen Berühr erhalten, wenn ja,, ist er geneigt, den Jyhstlt -bekam» tzugeben und die Öffentlichkeit wisse»», zu lassen.'- durch welche Alaßnabmen er diese Schandtat zu ahntet» beabsichtigt? Die franröstjche Regierung bleibt Abonnente« für! die **■' „Wiener* stumm wie bisher. Nur die nationalistische Presse'Mt über ,,L' Humanite^ her. wer'' sie wegen eines marokkanischen Jude!» der Regierung Verlegenheiten ztt bereiten, sucht. Privatlehrers Her-stsorgev. .... Ein freundliches altes Wort sagt: iven die Gö« , . hassen, den machen sie zum Lehrer. Wenn dieses Wnrt mke wahr gewesen/ int Frühherbst 1922 hat es seine volle Berechtigung erlangt, namentlich wenn man für „Lehrer"-in» allgemeinen „Privatlehrer" setzt. ' Im September beginnt die Lektionenjagd. Sie wird von Jahr zu Jahr schwieriger und qualvoller. Am leichtesten findet »roch der ganz jrmge Privatlehrer Beschäftigung. Er hat noch die Fühlung - ntit seiner Schule, kann durch seinen eigenen Lehrer noch^ otelr.dort^ü;-. enrHyhle^.^ werten. Der ältere Lehrer aber, um vom wirklich alte»» nicht zu sprechen, der einfach zum Hungern ver»»rteilt ist, sieht, selbst wenn er einen guten. Ruf und festen „Stock" besitzt, Jahr um Jahr die Schwierigkeiten, seine Zeit zu besetzen^, wachsen. Es entspricht der Entwicklung unserer soziasru Verhältnisse, daß die Nachfrage nach gediegenem, festen, nicht, marktschreierischem Unterricht immer geringer wird. Die Kinder aus Familien, in denen man die gute alte Trndiiion, lieber an Kleidern als am Unterricht zu sparen» aller Ungunst der Zeit zum Trotz noch aufvecht hiett, Entwachsen allmählich dem Lernen. Die t geistige Arbeiterschaft und der Handarbeiter, bei denen ehrliches Bildungsstreben vorhanden ist, müssen in immer weiterem Ausmaß darauf verzichten, ihrem Nachwuchs eine über den Schulunterricht hinausveichettde Ausbildung angedeihen zu lassen. Damit verschlechtert sich übrigens namentlich die Lage der jüdischen Privatlehrer, die m Wien einen sehr erheblichen Prozentsatz der Lehrerschaft bilden, ganz empfindlich. Denn der jüdische Privatlehrer ist in der .ha»»ptsache auf die jüdische Intelligenz angetvjesen. Die neuen Reichen bieten für das Verlorene nur sehs geringen Ersatz. Ihr Interesse für Bildung ist im allgemeinen — sicherlich gibt es da auch Ausnahmen — überhaupt nicht rege, und wenn sie Lehrer beschäftigen, dann sind es zumeist die großen" mit den klmgenden Namen. Nehmen sie aber einmal mit einem unberührten vovlieb« dann bringe»» sie seiner Arbeit so ivemg Beijtändnis entgegen, daß sie von. Vorneherein nicht aussichtsreich ist. Bei all dem schwillt aber die 'Zahl der Privatlehrer alljährlich noch weiter an. Der Abfluß jn die Provinz, der rüher doch immer erfolgte, hat fast vollständig aufgejört, und so drängt die Entwicklung einer Katastrophe des Wiener Privatlehrerstandes zu. Trotzdem wird dieser Beruf' von vielen jungen Mädchen, namentlich von jüdischen' Mädchen, inrmer wieder gewählt, von Mädchen, die s'chorr' um des Idealismus willen, der in dieser Wahl steckt, ein: besseres Geschick verdienten als die Bitterkeiten, dr« -frucht-' lose PlagedaS Mühen vhne Hoffnung, das heut«' Wvat- ' lehrerlös ist. Um aber nicht. mk der Schattenseiten des .gegenwärtigen Augenblickes zu gedenken, fei auch erwähnt,^ daß die ärgste Schmutzkonkurrenz auf dem Gebiete des Privatunterrichtes aufgehört hat. Diese Konkurrenz wurde nicht etwa von den verelendeten, armseligen, halbverhungerterr Kollegen mit geringer Vorbildung ausgeübt, sondern von den jungen Da»nen aus „gutem" Hause, die sich ihre Handschuhe und ihre Bonbons verdienen wollten. Diese jungen Damen, die „zum Vergnügen" unterrichteten, haben ihre Tätigkeit eingestellt. Pvivatstunden zu geben, ist heute'wirklich kein Vergnügen mehr: Wer sich diesem Beruf widmet, der muß es bstter notwendig haben, sein täglich Brot damit zu erwerben.- K. M Morge»thau uud Oberst Rath»« Hor»witz. Mir besprachen vor kurzem das aufsehenerrermde Buch' Ernst G ä r a m i s Über das Ungarn der letzten drei Jahre und reproduzierten daraus jenes traurige Kapitel, in welchem auf die unwürdige und verröterische Art hingewiesen wird, in welcher der a m e r i k 0 n.» s ch-j ü d i s ch e Ohe r st P a t h a n ß 0 r 0w i tz stein Amt als Mitglied der' amerikanischen Mtssion in Budapest nach dem Zusammenbruch des Kommunismus versehen hat. Dirstr Raihan Lorowitz hat damals dem wütenden Antisemitismus und weißen Terror gegen besseres Wissen das ^ugnis ausgetteltf, daß in Ungarn keine Luden- und Arbeiterverfolgungen. keine Morde und Ptünderungrn stattjindtn und daß das neue chriillichnationale Regime eine Regierung der Rechtsordnung sei. Diese Erklärung, welche die ungarische Regierung seinerzeit jn alle Welt hinauslelegraphierle. hat seither vielen Lüden dar Leben, dar Vermögen und die Freiheit gekostet. .Aber auch der Kampf, den wir und andere unabhängige Blätter gegen düs Korthy-Regime ausnahmen, wurde durch den.Kinweis aus diese schmähliche, lügenhafte Erklärung des Nathan Lorowitz erschwert. Letzt, da w'r aniätzlich der Erscheinen» der Buches GarqmiS abermals auf d»ese Schandtat eines selbstvergessenen Luden und Beamten hinwiesen, beichäsiigt stch auch die amerikanisch-jüdische Presse mit diesem Menschen und stellt seine Erklärung auf dir gleiche niedrige Stufe, wie den. berüchtigten Morgenthau-Bericyl über dir Pogrome im Osten. So schreibt das, >L ü d i f ch t % q a b l a t i“: Wenn -die Angaben Qaramis den Tatsachen ,en‘* cprechen (und sie entlprrchen wirklich den Tatsachen. Anm. d.Red.). so gehört die Korowitz-Assäre zu den grausigsten Kapiteln in de» Geschichte der amerikanischen Ludeniums. Neben den Taten eines Mvrgenthau und eines Horq t verblassen die «ährend der Kriegsjühre erworbenen Derdiu'. die wir in die KrieMch fchWy/ MhiM SWrtWh Sände. der europäischen Pogromheldin drMen. Während-p'boci ^Motkiwthg»^^«iNAMaeiebßLeMedönMchüM^ MW 51