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Wiener Morgenzeitung · 1922-09-21 · Heft 1299 (21.9.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1299 (21.9.1922)
Date
1922-09-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Ilizslmnmner KllOü Wien: Zum Abholen in der Expedition, H.,Taborstr. 1-3, oder in einerVerscbleisatelle (Trafik) monatl. K 30,000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl, K 30.000 Tschecho-Slowakei: Mon. K 20. Ungarn: Mon. K 600. Jugoslawien: Mon, Dinar 30. Polen: Mon. Mk. 2200. Deutschland: Mon. Mark 300. Frankreich: Monatlich Frcs. 8 Daff~ Nie)tsahlun;rn bei Preiserhöhungen Vorbehalte» Nr. 1299 Wie«» Donnerstags 21. September 1922 Tichicho. Slowakei tschech. K 1.20 Italiefa: Monatl« 10 Lir< Rumänien: Mon. 69'Ln Schweiz und das übrig« Ausland monatlich Frcs. 3 'Redaktion u. Administrativ Wien, II., Taborstrasse 1 Telephone: 44-0-38,43-3-111 ab 6 Uhr abends 16-301 Tel.-Adr.: .Morgenzeitung* Wien Oesterreichisches Postspar’ kassen-Konto Nr. 150.69’ 4. Jahrgang Um die Meerenge«. F. Wien, 2i. September. Der ciuV’jdjc Aunenwinffter Lord Curzon begibt pch nach Paris, um mit Poincare in direkten Meinungsaustausch über die Orientsrage zu treten, tvelche gegenwärtig die dringendste Sorge des englischen Kabinetts bildet. Englands Regierung hat bisher die Absicht gezeigt, energische Maßnahmen zu ergreifen, um ein Uebergreifen der kriegerischen Operationen auf europäischen Boden zu verhindern und die Aufforderung a>t die Domions, Truppen zum Schuhe der Meerengen und,der Halbinsel Gallipoli bereitzustellen, spricht eine deutliche Sprache. Die arg verfahrene Situation auf dem bisherigen griechisch-türkischen Kriegsschauplatz wird durch die Haltung Frankreichs und Italiens noch kompliziert, welche dein siegreichen Angora gegenüber eine wohlwollende Neutralität beobachten. Während sich Italien, seit es sich in der Hoffnung auf den erwarteten Erwerb an der kleinasiatischen Küste und ' auf den Inseln getäuscht sah, in der Orientfrage in Frankreichs Fußftapfen bewegt und durch eilt vor einiger Zeit mit den Kemalisten geschlossenes Abkommen eine Kompensation gefunden zu haben glaubt, hat man in Paris in dem Siege der Kemalisten die günstige Gelegenheit wahrgenommen, um dem englischen Prestige in der islamitischen Welt eine Schlappe zuzufügen und durch neu entstandene Verwicklungen die Kontrolle Englands über die Meerengen aufzuheben. Frankreich, dessen Generale in dem syrischen Mandatsgebiet mit harter Faust regieren und das mit strengen Maßregeln gegen die unter seinem Regime stehenden Mohammedaner in Tunis und Marokko keineswegs sparsam ist, möchte sich in der dankbaren Rolle gefallen, als Beschützer jener Völker des Islams aufzutreten/die nicht unter seiner Gewalt stehen und die antienglischen Kundgebungen im Fernen Osten sind Wasser auf die Mühlen des französischen Imperialismus, der den Kemalisten gegenüber in der Rolle des Befreiers auftritt. Aber die Entwickelung der Dinge wird auch die Staatsmänner von Paris zu einer klaren Meinungsäußerung drängen müssen. Der Versuch Englands, in der Orientsrage eine einheitliche Front der Alliierten herzustellen, ist nicht zustande gekommen, aber auch in Paris scheint bereits die Einsicht aus dem Wege zu sein, daß es nötig sein wird, zu einer Verständigung zu gelangen. Der ossiziöse „Temps" gibt bereits der Hoffnung Ausdruck, daß eine Unterredung zwischen Curzon und Poincare die bestehenden Mißverständnisse zerstreuen werde und erklärt, es werde nicht an dem guten Willen Frankreichs fehlen, um eine vollkommene Ueibereinstimmung der Ententemächte herbeizusühren. Frankreich ist allzusehr Kolonialmacht geworden ' lthb seine Macht über eine Reihe islamitischer Länder ist allzu ausgedehnt, als daß es eine Entwicklung herbeiwünschen sollte, die keineswegs, an der Schwelle des französischen Jmperiunts haltmachen könnte. Die englische Kundgebung, welche energische militärische Maßregeln in Aussicht stellte, falls die Türken nicht die neutrale Zone respektieren, hat in Paris verschnupft, aber schließlich muhte man sich zur Erklärung bequemen, daß Frankreich an dem Grundsatz der Neutralität der Meerengen festhalte. Immerhin ist der Schlüssel zu einer Lösung des Orientkonfliktes nur in einer Einigung zwischen den europäischen Hauptmächten.zu suchen und es mag fraglich erscheinen, ob Kemal, der Sieger, hinter dem sein russischer Bundesgenosse steht, die nötige Mäßigung aufbrinqen ’A mit den Weg zu dieser Einigung 'der A Merten ab,zukürze". Für die türkische Suche wäre aus der gegenwärtigen Situation heraus manches zu gewinnen und auch die englische Politik wird wobl angeiichts der letzten Ereignisse zu einer gewissen Revision ihres türkischen Programms zu haben sein. Die Freiheit )er Meerengen freilich und die Wacht an den Dardanellen wird England niemals aufgeben, und das alte ürkische Imperium wird nicht wieder erstehen, denn die ^rage von Mesopotamien und Palästina ist bereits!udgültig entschieden, selbst die Kemalisten haben sich n beit Verzicht aus diese Gebiete gefunden und Frank- 'eich glaubt eben im Interesse seiner syrischen Position mrch ciitfc Förderung Kemals am besten abzuschneiden. Auch die neueste Verwicklung wird hoffentlich auf ,em Wege von Konferenzen ihre Erledigung finden, ohne »aß es zu einer Erweiterung des Kriegsschauplatzes ömmt rmd Kemal scheint einen Wink aus Paris erlalten zu Haben, den Marsch an das Marmara-Mcer ticht allzusehr zu forcieren. Sollte er aber versuchen, den Tricg nach Europa zu. tragen, so wäre > der allgemeine 0igli$cMranzö$i$cbc UerMlungen. Versuche z»r Beilegung -es Orientkonflikts. Paris, 2«). September.'(Tel.-Komp.) Das Ergebnis der heute vormittags um 10 Uhr begonnenen Besprechungen icher die Orientfrage wird in den politischen Kreisen mit größter Spannung erwartet. Vormittags fand auf ausdrück-- lichen Wunsch eine englisch-französische Sonderbesprechung state. Ter ilallenßchc Botschafter Graf Sforza wird erst nachriiülags zugezogen und wahrscheinlich auch der jugoslawische Außenminister Nineic und ein rumänischer Vertreter. Die der Regierung nahestehende Presse neigt im allgemeinen der Auffassung zu, daß die Besprechungen vielleicht noch iicl.t. zu einem befriedigenden Ergeknis gebracht werdet: können. In anderen weniger offiztö.en Kreisen ist man der Ansicht, daß dte Verhandlungen längere Zeit in Anspruch nehme' und vülleicht sogar bis rn dir nächste Woche hü.c'u daueru Irtc**« Lord Curzon '.st mit weitgehenden Vollmachten ansaIt^ttet und hat auch militärische nnd maritime Rorgeber zur Seite, so das die Verhandlungen in dieser H nsich: keine Stockung cr'.eioen werden. Einbernfung einer Orientkonferenz. Paris, 20. September. (Havas.) Amtlich wird gemeldet: Ministerpräsident Poincare. Lord Curzon und Grell Sforza sind ül-ereingekommen, daß es nützlich wäre, so bald als möglich eine Konferenz cinzuberufen, auf der England, Italien, Frankreich. Japan, Griechenland, Rumänien, Jugoslawien und die Türkei vertreten sein würden und die sich mit der Regelung der Bedingungen für einen künftigen Frieden zu bcsckästigen hätte. Admiral Beatty erstattete über die militärische und die maritime Lage einen Bericht, der von Admiral Grasset ergänzt wurde. Die nächste Sitzung findet am Freitag statt. Ter türkische Standpunkt. Adana, 20. September. (Havas.) Ju^ Hinblick auf die über den Ortentfriedep in Umlauf befindlichen falschen Gerüchte wird der türkische Standpunkt folgendermaßen präzisiert: 1. Eine Me^rengenfrage besteht nicht, da die Regierung der großen' türAschen Nationalversammlung vor zwei Jahren im Nütionalpakt festgestellt hat, daß sie-den Grundsatz der Freiheit der Meerengen annehme und bereit sei, die Einzelheiten^ dieses Grundsatzes zu erörtern. 2. Die Regierung von Angora wird die Rückgabe Kon st ant in oPelsundThrazie ns an die Türkei fordern. Die Vermittlung -es Bölker-nn-es. Genf, 20. Septentber. (Tel.-Komp.) Die Jnitiativkommission hat beschlossen, den Antrag Nansen auf Vermittlung im griechisch-türkischen Krieg auf die Tagesordnung zu setzen und an die Sechserkommiffiou für politische Fragen zu verweisen. Die Aufnahme des neuen Gegenstandes in die Tagesordnung wurde ohne Aussprache angenommen. Paris, 20. September. (Wolfs.) Wie die Morgenblätter melden, werden sich die Vertreter Großbritanniens, Frank- -rüchs und Jtalicus in der formellsten Weise dagegen vct. ivahren, daß die L e v a n t.c f t a 3 e auf die Tagesordnung dcr Völkerbundversominlung gesetzt wird. Fethi Bei srach AngorL'ürrufen. Paris, 20. Sepetember. (Wolfs.) Nach einer Meldung der „EhjLLgo Tribuns" «ns Ksnstantinopel ist Fethi Bei von Mustafa Kemal Pascha zur Berichterstattung über feine Vevhandtungen in den europäischen Hauptstädten nach Smyrna berufen worden. Das Blatt hält es für unwahrscheinlich, daß der französische Oberütmmissär General Pelle, der zurzeit ebenfalls in Smyrna weilt, bis zur Ankunft Fethys Beis dort bleiben werde. Poincare seht nicht nach Gens. Paris, 20. Sepetember. iTel.-Komp.) In polittschen Kreisen, die.dem Auswärtigen Amt nahestehen, wird erklärt, daß Poincare von Paris^nicht abkömmlich sei und den Plan, nach Genf zu gehend endgültig aufgegeben habe. Dagegen tst in Aussicht genommen, Viviani, der offiziell Mitglied sra.cchsischen Bölkerbundsdelega tion ist, aber diesmal der Tagung fern blieb, mit der Vertretung w'chtigee fran^.sischer Interessen zu betrauen. Viviani wir'.- sich vermutlich Ende d.r Wocre nach Genf begrb n. Widerstand der Balkanstaaten die Folge, denn Jugoslawien und Rumänien könnten trotz ihrer französischen Orientierung nicht ruhig zuwarten, bis die Bewegung aus Bulgarien übergreift und Mazedonien und die Dobrudscha gefährde. Wie sehr man im Ungarn Hvrthys auf eine Konflagration spekuliert, beweist die Frettde, welche Dentals Siege dort ausgelöst haben utrd die in einer Gratulationskundgebung der „Erwachetwen" ihren kennzeichnendsten Ausdruck findet. Aber noch ist es nicht so weit. Man wird sich wieder an den grünett Tisch setzen und nach .Formeln suchen, welche, diese neueste Friedensgefahr bannen sollen und die französische Politik wird neue Gelegenheit finden, für ihre Zugeständnisse anderweitig Kompensationen zu fordern. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Deutschland beim Begräbnis des großgriechischen Traumes der nächste Leidtragende sein wird. Aus den Gründungstageu der Jüdischen Kolonialbantz. (Zu ihrem zwanzigjährigen Geschäftsjubiläum.) In diesem Jahre feiert die Jüdische Kolonialbank ihr zwanzigjähriges Geschäftsjubiläum. Als ein Unternehmen, das nicht nur „als gewöhnliches und auf Dividende hinzielendes Institut zum alleinigen Zweck der Sicherung großer Profite für die Aktionäre gegründet, sondern als das finanzielle Instrument, durch das die Ideen des Zionismus praktisch anszuführen sind", hatte die.Bank die Ausgabe, jene Institution zu bilden, die Herzl im „Zudensiaate" als die Jewish Company bezeichnete. Dalnals dachte Herzl an eine Jewish Company, die alles, was die Society os Jetvs, jene Keftllschajt, die die. „staatsbildende Macht" der Juden darstellen wird, „wissenschaftlich und Politisch vorbereitet, praktisch durchführen soll". Ihr sollte als der juristischen Person die große Ausgabe der Durchführung der Immigration in das jüdische Land Zufällen. Als einer Art Chartered Company sollte es ihre Aufgabe sein, die Verwirklichung des Endzieles zu ermöglichen. In seinem Pariser Arbeitszimmer träumte Herzl von einer Milliarde Mark, die der Jewish Company zur Verfügung stehen sollte. In jenen Tagen glaubte er noch, die Menschheit werde sofort begreifen, daß durch die Hilfeleistung an die Juden eine alte Schuld abzutragen fei und daß die Beteiligung der Hochbanken zu erreichen sein' ivird. Sollte das nicht gelingen, datui kamen die Mittelbanken in Betracht und als letztes Mittel stellte er eine öffentliche Anleihe in Aussicht, an der sich Juden und Christen beteiligen sollten. „Eine eigentümliche und neue Form des Plebiszits." Aber die Hoffnungen, die Herzl an dje Mitarbeit der Großjndcn an dem Werke der Befreiung seines Volkes fetzte, erfüllten sich nicht. Die jüdischen Kreise in London machten den Beitritt von. denjenigen des Pariser Roths ch i l d abhängig. Dieser aber verhielt sich ziemlich ablehnend, weil er nicht an dir Durchführbarkeit des Planes glaubte. Es blieb schließlich nur der dritte Weg übrig. Die Masse der Juden sollte ihr Geschick. selbst in die Hand nehmen. Die Zionistische Organisation wurde auf demokratischer Grundlage geschaffen, und ihr Institor, die Kolorüolbattk, als ein populäres, dem Aufbau der Bewegung entsprechendes Finanzinstrumen: ausgestaltet. Die Bank ist fern gewöhnliches. Geldinstitut, „vielmehr ha? sie die Ges amtinte, ressen d.es südis chon Volkes u-ahrzWehmen"»

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