Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1295 (17.9.1922)
- Date
- 1922-09-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Während Lei den Völkerbundvexhändlungen in Genf verschiedene.Kommissionen über die Frage der künftigen Abrüstung zu Wasser und. zu Lande beraten und Resolutionen verfassen, steht der vordere Osten wiederum in Hellen Flammen. Die griechische Armee hat in Kleinasien auf zwei Fronten eine völlige Niederlage erlitten, die geschlagenen Massen fluten in Unordnung zurück und neues Flüchtlingselend ruft die Hilfe Europas an. Kemal Pascha, d'ün Chef der Angora-Negierung, ist ein entscheidender Sieg geglückt, und der großgriechische Traum ist wieder einmal für absehbare Zeit zu Ende. Es kann kein Zweifel bestehen, durch wessen Hilfe die Siegestaten von Angora möglich wurden. Bald nach den Abmachungen von Sevres, welche das künftige Schicksal der Türkei bestimmen soflten/jedöch niemals ratifiziert werden konnten, hat die kemalistische Rebellenregierung von Angora, die bald als Wortsührerin der Türkei auftrat, die werktätigste Unterstützung Frankreichs gefunden, Es ist zu einem formellen Abkommen zwischen Frankreich und Kemal Pascha gekommen, in dessen Folge Frankreich Angora mit Kriegsmaterial aller Art versah und so ist der Sieg Kemals zu gutem Teile auf französisches Konto zu blichen. Ein Blick aus' den Triumphgesang, welchen die französische Presse an-' stimmt, genügt, um zu erkennen, was man, ohnedies seit langem weiß, daß Frankreich durchaus hinter den Kemalisten steht. Die Freude, welche in Paris über den Sieg Kemals herrscht, ist jedoch nichts anderes als der Ausdruck des Umstandes, daß man ihn als eine Schlappe für England wertet.! Der Kriegszustand in Kleinasien und die letzten Ereignisse haben ihre Ursache in dem Gegensatz zwischen .England und Frankreich, welcher sich in der. Orientfrage [in vollster Schärfe ansprägt. Das englische Programm mmftlßt ftit dwhr und Tac^hie Rtzdnftmn,des türkischen iBesitzes sowie die Stärkung Griechenlands Nnd die Festi- 1 'gung der britischen Stellung in Pyrheräsien an den ÄJkeereDstraßen gilt in London als eine der wichtigsten Bedingungen für die Sicherung der englischen Weltmachtstellung. Wer gerade diese Position ist es, welche Frankreich den Engländern neidet, und hier ist. der Grund zu suchen, weshalb weder der Vertrag von Sevres noch dessen durch spätere Konserenzabmachungen erfolgte Modifikationen bisher realisiert werden konnten, j Die Frage nach der künftigen Gestaltung der Grenzen tritt heute in den Hintergrund gegenüber dem Ge- 'samtproblem der orientalischen Frage, das sich wiederum 'in seiner ganzen Bedrohlichkeit vor Europa austut. Die orientalische Frage, welche die Mächte seit einem Jahrhundert beschäftigt, ist bis heute ungelöst, und der- „kranke Mann" von Europa tritt ihm, ein neuer Ludendorff in kleinerem Format, mit übermütiger Siegergeste, entgegen. Schon meldet sich auch, die SoWjetpolM zu Worte, welche den Sieg ihrer kemalistischezr Verbündeten als Befreiung feiert und sich sogar zum Vorschlag verfingt, die Vermittlung in dem Konflikte übernehmen zu wollen. Ebenso wie das Zarenrnßlayd sind die Sowjets an der Meerengenfrage interessiert sind spähen überdies nach der Gelegenheit, die Mächte Europas aufeinander zu Hetzen und deren Zusammenprall zu beschleunigen. Kemal Pascha hat das Waffenstillstaudsangebot Griechenlands abgelehnt. Er möchte sich die Vermittlung Europas verbitten und sein Programm bedeutet eigentliche die Wiederherstellung der früheren Türkei. In Paris aber hält man es für gut, dem Sieger Kemal nicht in den Arm zu, fallen. und die Tatsachen für eine Lösung der Angelegenheit in türkischem Sinne sprechen zu lassen, wie dies den. Wünschen der französischen Politik genehm ist.. Die englische Politik ist in der orientalischen Frage auf klare Richtlinien festgelegt und England kann heute weder mit Rücksicht auf. seine Interessen noch auf sein Prestige; zWÄL W'.wich; Mts,. da die Dinge schon soweit gediehen sind, wohl, großer Anstrengung bedürfen, um den Brand im östlichen Mttelmeer zu ersticken, aber ein rascher.Emgrrff der Mächte liegt im Interesse Europas, welchem sein Zustand die Belastung mit neuen Sorgen uyh Gefahren nicht gestattet. Heute mag man s(ch freilich in Paris als Sieger erscheinen. Deutschland ist niedergeworfen,, eine Kette neuer Staaten in Europa steht unter Frankreichs Diktat und im nahen Orient hat man sich von den Kemalisten die Mstsnien aus'dem Feuer holen lassen. Aber man wird auch in'Paris zur Einsicht kommen müssen, daß eine Bundesgenossenschaft, die von Paris üher Angora zu den Sowjets reicht, doch ein. einigermaßen' meryvurdig.es -Dild^. där'bictet^ Die französische Politik, die an deni Versailler-Vertrag nicht- Min Mt. wm es. die den Bertraa von Krv.M m& I Die ö$terreiebi$clK Trage vor dem 9Utwettfeigfeeit innerer Kefomett. - »eamtenjahl und Index. — Balfvnv gegen .tztz» «nschlntz a« Dentschland. und der Tschecho-Slowakei werden in dieser Sitzung zu dem Vorschlägen des FInanzlomitees Stellung nehnten. Genf, 16. September. (Te-l'.-KomP.) Der Sonderberichterstatter der Telegraphen-Kompagnie erfährt von einer eingeweihten Persönlichkeit der kleinen Entente, daß die vorgestrige Sitzung der Fünferkommission die Vorschläge Balfours behandelte. Balfourschlngvor, daß sich Oesterreich, bevor es einen Kredit erhalte, dem Garantievertrag der beteiligten Länder unterwerfe, der die Republik Oesterreich politisch und finanziell von allen eigenmächtigen Entschlüssen abzuhalten g e e i g n e t i st. Das Komitee studierte nun im Sinne des Auftrages von Balfour die Grundsätze eines solchen politischen und finanziellen Garantie- und Kontrollsystems. Alle Mächte, die sich an der Kreditgewährung durch ihre Garantie bctiligen, müssen gleichzeitig auch die materielle Erhaltung Oesterreichs g a r a u t i e r e n. T«e:es Verlangen Balfours richtet sich offenkundig gegen einen möglichen Anschluß Oesterreichs an De nt sch lau d. Genf, 16. Schtöniber. (K.-B.) In der heutigen Sitzung des Funserkomitees, das zur Beratung der äst erreichtschen Angelegenheiten eingesetzt worden ist> wurde unter dem Vorsitze Lord Balfours der Bericht des Finanzausschusses vorgetragen. Diese? Bericht kommt zu dem Schlüsse, daß zur finanziellen Sanierung Oesierrei chs ein Kredit von 520 M illionen Gold krön e n für die nächsten zwei I ah r e notwendig sei. Der Bericht enthält eine kritische Durchleuchtung des österreichischen Budgets und fiihrt insbesondere ans, daß die Zahl der Staat sangestellten in keinem Verhältnis zur Größe der Bevölkern n g, wie zur Größe der staatlichen Betriebe stehe. Während die Staatsausgaben, dem Jndexprinzipe entsprechend, sich unausgesetzt steigern, finde der Index auf die Einnahme nur teilweise und verspätet Anwendung. Die finanzielle Sanierung Oesterreichs durch einen Kredit sei nur unter der Voraussetzung möglich, daß Maßnahmen getrosten werden, welche die Durchführung der notwendigen inneren Reformen-sichern und auch in der öffentlichen Meinung die UebHeugung befestigen, daß der feste Wille bestehe, diese Heformen tatsächlich durchzuführen. 1 v Minister des Aeutzern Dr. G r ü n b e x g« r brachte hierauf die im Ausschuß für Aeußeresdes 'österreichischen Nationalrates am 13. d. festgesetzten Richtlinie» betreffmd diinternationale Kontra e f dem Komitee zur ., Hie lüichstä Sijmg wutdeUüt,nächsten Dir-nstirg' Mhetamist.'^/.Ätti«Lör'EnMßlH^FMkreichs, Italiens Der Antrag Imp er iaiis gilt als bereits abgetan, insbesondere weil die Tschecho-Slowakei entschieden g egen das italienische Verlangen nach einer raschen Durchführung dM Beschlüsse von Portorose ist. Die Tschech o-Slowa k M hat ihrerseits noch kernen positipm Ant rag in Hi^östWeichischen Frage gestellt ist jedoch prinzipiell hereU WNHr Kredttgewährungia kt i v zu bri eiligem rissen hat, und daß Kemal, der geächtete Rebell, nachträglich offiziell anerkannt wurde, ist gleichfalls ihr Werk. Frankreich' setzt im Orient die Tradition seiner allerchristlichsten Könige treulich fort, und liefert die christlichen Minoritäten Kleinasiens ruhig dem Uebermut der Sieger aus. Wer die Orientfrage rührt zu sehr an gesamteuropäische Interessen, und eine gegen Europa gerichtete kemalisttsch-bolschewikische Einheitsfront wäre auch für Frankreichs Orientpolitik so gefährlich, daß man in Paris wohl rasch die protürkische Begeisterung abdämpsen wird. Die Kundgebungen in Aegypten und Mesopotamien sind deutliche. Kennzeichen, wie gut der türkische Chauvinismus sich auf die Propaganda versteht, und Frankreichs Position in Syrien ist-keineswegs so fest, daß. es darauf rechnen könnte, die Bewegung im Orient auf die unter englischer Oberhoheit stehenden Territorien beschränkt zu sehen. ' Die letzten offiziellen Aeußerungen aus Paris lassen immerhin darauf schließen, daß man den Weg zu einem Einvernehmen Mit England suchen will. Eine erchgültige-Lösung der Orientfrage ist eineMgemein-europäische NotwendiAeit. Die Völker des Ostens uyd auch die Türken haben den vollen Anspruch aus freie Enttvicklung,. aber der mit dem Bolschewismus verbündete Kemal Pascha als Befteier und eine imperialistische Türkei können wohl kaum wünschenswerte Perspektiven eröstnen. _^_ ■ . wählen i» Ostgalizien. R. ll e m b.^r g. 15. Semptember. Wie bereits gemeldet, sprach das Präsidium der Zionistischen Organisation für Ostgalizien beim Premier N otwa k vor, um gegen das Regierungsprojekt über die Autonomie in Ostgalizien Protest, zu erheben. Wie bekannt, wird, in' diesem Projekt der Juden mit keiner Silbe» ja nicht einmal in konfessioneller.Hinsicht erwähnt.' Im Projekt ist nur die Rede von einem polnischen und ukrainischen Kataster. Die 70Y.0Y0 Juden, die im galizischen Wirtschafts- und Kulturleben eine nicht unbedeutende Rolle Melen, werden einfach totgeschwiegem. Für den Kenner der Judenfvage in Polen, ist dies nichts neues. Es war im vorhineinklardaß die polnische . Regierung in einem Autönowiepro jekt für QstgaljzieN es nie zulassen werde, den Juden einen Kataster zu gewähren, denn wie sollte M ZLLt feto Grigen zwchjHalb. Willionett Judep das verwehren, was er in einem Autonomie- Projekt für Ostgalizien den Juderr gewährt. Diesem Umstand zuliebe und um auf diese Werse für die polnische Judenschaft keinen Präzedenzfall zu schaffen, zog es die Regierung vor, die 'Juden totzuschweigen. Andererseits liegt, es : aber im Interesse der Regierung, angesichts -der bevorstehenden Wahlen die: ostgalizische Jndenschäft für die Teilnahme zu gewinnen, um ans diese Weise der Entente den Beweis erbringen zu können, daß außer den Ukrainern die gesamte Bevölkerung Ostgaliziens an einer Lösung der oftgalizischen Frage zugunsten Polens Interesse habe. Trotz dieser Tatsache hat es die Regierung nicht verstanden, die ostgalizische Jndenschäft für dieses Eintreten zugunsten Polens zu gewinnen, im' Gegenteil hat die Regierung durch das obevwähnte Autonomieprojekt die ostgalizische Jndenschäft von sich abgestoßen. Vielleicht in der Meinung, daß es ihr auf dem Wege des allbekannten Terrors des galizischen Bezirkshaupimannes gelingen werde, die Inden zu den Wahlen führen zu können. Die ostgalizische Judenschast befindet sich gegenwärtig zwischen Hammer und Amboß. Die Ukrainer haben in einer ganzen Reihe von Enunziationen bekanntgegeben, daß eine eventuelle Teilnahme der Juden an den Wahlen innerhalb der ukrainischen Bauernschaft, die bis nun dm Juden sympathffch gegenüberstand, anttsemitische Exzesse hervorruftn könnte. In den letzten Tagen wurde sogar in einer stark besuchten ukrainischen Volksversamnrlnng in Lemberg dßr Beschluß gefaßt, die ukrainische Gesellschaftaufzusordern, ihren gesamten Lebensbedars nur in ukrainischen Geschäften zu decken, welcher' Beschluß nichts anderes als einen zarten Wink an die Juden bedeuten soll, daß die Ukrainer geneigt seien, die Teilnahme der Juden an den Wahlen selbst mit einem Wirisch aftsboykott zu beantworten. In 'dieser vielleicht nicht sehr angenehrnen polnischen Smtion ergibt sich nun die Frage, wie sich die Juden verhalten sollen. Wie bekannt, proklamierte die ostgalizische Judenschaft nach dem Umsturz im Jahre 1918 die Neutralität im Polnisch-ukrainischen Streite. Bis nun wurde auch von den maßgebenden jüdischen Faktoren die jüdische Politik im Rahmen dieser Neutralität geführt. Die Juden vermieden es, zugunsten oder zuungunsten der Ukrainer oder Polen Stellung zu nehmen. Ihre ganze politische Tätigkeit galt einzig und allein, dem Schutze der Interessen dep Wischen BevöllerunL.- 55