Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1287 (30.8.1922)
- Date
- 1922-08-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die nächste Tagung des Völkerbundrates wird nicht nur fiir die österreichiscke Republik^ sondern auch für Ungarn von hoher Bedeutung sein. Die ungarische Regierung, welche vor ungefähr einem Jahre das Ansuchen um Aufnahme in den Völkerbund gestellt und mit Rücksicht auf die damalige Stimmung wieder zurückgezogen hat, bittet abermals um Einlaß. Die Zurückziehung des Aufnahmsgesuches war damals wohlbegründet, denn selbst der glänzendste Dialektiker des, heutigen Ungarn, Graf Albert Apponyi, wollte cs damals nicht wagen, vor diesem internationalen Forum die Lüge glaubhaft zu machen, daß das Ungarn Hvrthhs ein Kulturstaat mit gefestigter Rechtsordnung und mit allen Rechtsgarantien und daher würdig sei, Mitglied eines Bundes zivilisierter Staaten zu werden. Was gibt heute der Bethlen- Regiernng den Mut, abermals um die-Aufnahme in den Völkerbund zu werben? Ist Ungarn seither wirklich ein demokratisch geleiteter Knlturstaat geworden, hat sich die Stimmung des Auslandes gegen Ungarn zum Bessern gewendet? Alles, was in den letzten Monaten in Ungarn der liberaleren Auffassung über die Regierungsmethoden zugestanden wurde, ist nichts als trügerischer Schein, als Firnis und Blendwerk, bewußt darauf angelegt, die Außenwelt zu betrügen und gewissermaßen den Anspruch auf die Aufnahme in den Völkerbund zu rechtfertigen. Die ungarische Regierung'beruft sich darauf, daß heute in der Nationalversammlung auch die liberalen Elemente und-selbst die Arbeiterklasse vertreten sind, und schreibt dies auf das Konto ihrer liberaleren Regierungstechnik. In Wahrheit sitzen diese Elemente, trotz des unerhörtesten Wahlterrors, trotz des rückschrittlichsten Wahlgesetzes auf ihrem Platz. Eine Anzahl der mit Gefährdung ihres Lebens zuin Siege gelangten linksstehenden. Abgeordneten, die in irgend ^iner^Weise von der Negierungsgewalt abhängig ist,' wurde' nach . der. Wahl, auf widerrechtliche Weisegemaßregelt, wie z, B. der sozialdemokratische Abgeordnete Dr.Hebelt.' Die so- , zialdemokratische Fraktion hat denn auch die Taktik der Bethlen-Regierung richtig eingeschätzt, als.sie beschloß, -an der Interparlamentarischen Konferenz in Wien nicht leilzunehrnen, um nicht auf solche Weise im Ausland den Glauben aufkommen zu lassen, daß in Ungarn tatsächlich Rechtsordnung herrsche oder daß die Negierung den ernsten Willen habe, aus Ungarn einen Rechtsstaat zu machen. Auch die Rechtspflege, dieses Fundament jedes Ordnungsstaates, hat seither nicht wieder ihre völlige Unabhängigkeit erlangt. Zahllos sind noch immer die ungesühnten Mordtaten der sogenannten unverantwortlichen Elemente. Wohl wird die eine oder die andere Affäre trotz allen Druckes der Regierung nach unten in den Verhanluugssaal gezerrt, aber das geschieht immer mit einem Freibrief für die Mörder: Noch ehe sie als Angeklagte den Verhandlungssaal betreten, sind sie bereits durch einen der asiatisch annutieubeit Amnestieerlässe Horthys von der Schuld des nachgewiesenen Mordes befreit. Klassische Beispiele hierfür waren die Prozesse gegen die Mörder von Izsak nnd Orgovany Und in den letzten Tagen der famose Landau-Prozeß und das an seinem Schlüsse gefällte Urteil. Dieser Landau-Prozeß hat, einmal ausgerollt, Dimensionen angenommen, die nicht in der Absicht der Regierung lagen, die aber auch die Augen der gesamten Oessentlichkeit öffnen und selbst jene ausländischen Preßorgane, die, nicht immer aus freien Stricken, für Ungarn Sympathie zeigten, 'von diesem Lande der Mörder und Erpresser abwenden müssen. In diesem Prozeß trat unzweideutig zutage, daß die ewige Mtsrehp. -Degiem seit Beginn des Hörthy-Negimes. bt£l Greuel seien von unverantwortlichen Elementen begangen worden, bewußte Lüge ist. Angeklagte und Zeugen mußten zugeben, daß sie die Verbrechen auf Geheiß der Obrigkeit vollbracht haben und daß sie das ausübende Werkzeug in der Hand einer Nebenregierung waren und noch heute sind, die anzutasten weder Bethlen noch Horthh sich getrauen. Diese Nebenregierung oder, richtiger gesagt, .diese politischen Banden^ die bald unter Führung des Ivan Hesias. bald unter der Leitung Pronais, immer aber unter der Oberherrschaft des intimsten“ Freundes Horthys, des. Julius. Gmnbös, an der Operflgche erscheinen und auf die Geschicke des Landes unheilvoll einwrrken, machen sich jedoch nicht nur innerpolitisch, sondern auch anß.'.'Upolitisch in der schädlichsten Weise fühlbar. Diese Organisationen verhindern die restlose- Durchführung d.es Friedensvertrages über' die Entwaffnung Ungarns. ' London, 29. August. (Tel.' h. „Wr. Morgenzeitung".) Gestern fand ein .eilig zusantmWerusener Kabinet tsra t statt, über dessen Verlauf keinerlei Mitteilung geurscht wurde. Indessen erfährt „Dally Telegraph", daß dem Kabinettsrat Br a b bu r y s Betrachtungen überrdie fina n z i eile L a g e D ent s chl a n d s ' Vorgelegen^ haben, die von ihm während'sMxr jüngsten Anwesenheit in Berlin gesammelt wurden. .Die. großen sozialem, und.s p o l i t is ch.e n. F o l ge n,. .die PrMury voraussieht,. .haben, wie das. Blatt berichtet, tiefen Eindruck aus die Minister gemacht. ,F. In Politischen Kreisen wixd erklärt,. es sei ziemlich schwer^ die .Haltung der französischen-Regierung zu verstehen, wenn man in Betracht zieht, daß Belgien, das gerechtevweife alle.BarzahlustgenWoADeutschsarch' für, den Rest des laufenden .Jahves verlangen könnte, selbst seine Bereit-, Willigkeit, erklärt, hat, anstatt der Barzahlungen langfristige Wechsel anzunehmen. Berlin, 29. August. (Wolfs.) In weiterer Verfolgung des der Reparationskonrission imÄrbreiteten Planes einer Sicherung der Holz- und Kohlenlieserungen an die Alliierten durch LieserungSverträge mit den' entsprechenden deutschen: Jndu-. strien hat heute“ die Reichsvegrerung mit den Vertretern, des Kohlenbergbaues. und der Holzindustrie. verhandelt. Die Ber-^ . ireter des Kohlenbergbaues erklärten sich damit einverstanden, . alsbald zusarnnen. nüt der. Reichsregierung, in Verhandlungen über,den, Abschluß p rivatwirtschaftlicher Lieferungsverträge oinzutreteu. Als Unierhändler für den“ K o h l e n b e r g b a u wurden die Herren Hugo Si i n nD, Peter P lock ner, Dr.“Schlve r b e r g -und T-'aellor L ü b sen ernannt.-Ae'hnbichr Verhandlungen, ühev die Holzliefernnsteu sollen.-sich unmittelbar -anschließen. Besprechung.Mi dcp mätzMenden VrrirHxn .der'^.rFar^stMverbändeMW dfr; Arboitep erggb Wchsqlls^^rMMMW^ BerrittvillfEit ä-ni der Mrchsührüng der, “^k- Reichsregierung - hat - pon •- dieM^HMniSl-tztt,.Listigen ’ BespvrchuM-n ihren nach Paris zu den Verhandlungen mit 'der Lange Zeit haben hie interällilertest^ Kontrollkommissionen durch die Finger gesehen unhgeduldet, -daß so- H, tut Innern des Landes als auch an den Grenzen große geheime Waffen- und Munitionslager -erhalten Nlld immer, nrehr ansgesülft wurden. Ws -man ihre Nase auf diese. Wasfenlager stieß und sie Mießlich gezwungen -waren, diese den europäischen Frieden'in so hohem'Maße gefährdenden Geheimlager onfzuspüren und wenigstens den Versuch der Beschlagnahme zu machen, da waren es wieder, diese. sogenannten unverqrttwortlichen Ele-. mente, die, sonderbarerweise stets, ppn der geplanten Kontrollreise der Kommission rechtzeitig unterrichtet^ die Bevölkerung der betressenden Gegend gegen die'herannahenden interalliierten' Offiziere aufstachelten und es in mehreren Fällen erreichten, daß, die interalliierte Kommission förmlich davongesagt wurde. / Diese Organisationen lassen aber auch, die Umgebung njcht zur Ruhe kommen. Sie -unterhalten einen gut aüsgebanten Spionagedienst m allen Nachbarstaaten, betreiben noch immer lebhaften Waffenschmuggel s und bereiten durch ihre Agenten langsam.die Revolution in den von Ungarn losgetreunten Gebieten vor. In tziner seiner jüngsten Erklärungen hat denn auch der jugoslawische Außenminister Ninüe einem Ungarischen. Iylttnalisten gegenüber ganz afAir sein tiefes Bedauern alts-, -gesprochen, baß- „die ungaMche Regierung die Tätigkeit' von Organisationen duldet^Pie sichMe Spionage in Ingoflütvien zum Ziele gesetzt habeUMh auf mgoslawischetn Gebiet UNMen an^tteln wöllen." PieWe sWfahrung haben die Tschecho-SlowMr. Italien, und Vor allem Oesterreich gemacht, wo wir -jeden Tag die Mruhige Arbeit der Horthy-Agenten zu spüren bekommest.. .Auch hie Tatsache, haß der Numerus.clausus in Ungarn noch immer Gesetz ist, daß ' die. Arbeiterschaft unterdrückt wird, daß die Juden mw dann zuihren Rechten gelangen, wenn sie den Erpressungen dev Wbenregenten nachgeben oder mit Hörthh paktieren Und mit seinen'Leuten Geschäfte-machen/ , daß die Internierungslager, mit ihrem grauenhaften Reglement poch immet-fut Juden und Arbeiter bestehen, ist keine. Wtzsehlung siir die Aufnahme 'UWarns? ist den Völkerbund. Nicht nur die kleine Entestte/Pie sich unausgesetzt gegen die ungarische Gefahr gerüstet halten muß, die Osfcht-. lichkeit' der gesamten zivilisichten Welt - ist heute ist'dem Urteil einig: das Ungarn i Hort HM ist noch nichtreif, MtgUed eines KulLurstaaterchundes. zu werden. --Reparationskommission - entsaMen....Vertreter iele-graphisch unterrichtet. , . '. . ' 55rablmti) gegen Sfimlttiaite«. ' London, 29. August. (Wolfs.) s^er ^Pariser Bericht erstarter dcr „Times" meldet, dev'-brriische" Delegierte bei - ider Reparationskommission' "B r abb ür y habe ihm Erklärungen abgegeben, üc denen br aüsführte, die Lage Deutschlands seiderartig, daß die Alliierten v e r p s l i chte t feien, der deutschen Regierung e in gewisses V ert r a u? it und ein gewisses. Wohlwollen M erweisen und danach zu streben, zu Pereinbarüngen zu gelangen, .unter denen der deutsche Kredit wieder-.heWstellt-.werden könnte. Die Folgen einer Forderung von Barzablüngervinr gegenwärtigen Augenblick oder Heß Verlangens jiä'ch Wargntien, die Deutschland zu leisten nicht, incstande sei, sowie.die An- .Wendung von Sa n'k t io.ne it.zstr ErMingUvg' deutscher Zahlungen und Garantien.wurden''nicht nur für Deutschland v e r häng ü,'i 's voll sein, sondern mich mmtittelbar-e Wirkungen.ans andere Länder halben., - . Optim'isMHS in Düvir. “ ' Paris, 29. rlugust. (Tcl.-Krrnp:) Die französische Presse ilnd sr-anzös.ische. politische Kreise , sind auch jetzt noch imychr ziemlich optimistisch gestimmt. ' ,;; " Der ,,Malm" hält den i-engüjchen Vorschlag, -Kegen Ersyn« ■ terung der Garantien und Pfänder ein Moratorium auf längere Dauer' zugewähren, für! Frankreich nicht für -nnäv-nHmbar. Eine Ausnahme-Macht,-nur. der „Petit Pavrsjen",.der“bei . Besprechung - der Erklästtnge n Bradbu-rys - sag:, der Standpünkt der französischen Regiermrg sei niwerändrrt der, daß “kein-Mo-, ^ratoritmn ohne Ersiillnng - dervon Poiuoare, msLondan^ .gestrll- -te>n BtLin-grlng-en,/^-der Verpfätzdnng der,staatlichen Grnbe-n 'nnd gegeben -weLder^UHÄG^^E.?. ,Der fwnzösh'che. Ministerxa't wird DoiinerÄag chor- ' Pens im RÜmboUillet' nntdvW6tsitz dtzsr PräsiidLNt-en. -M i tt ee “vä-n d zus-am-menireten, da inan die.^sischMung, der Repära- 'tioNskommission noch Mi'tttvöch abends erwartet.. , Grisfith und CMins. ' Der „Frankfurter Zeitststg" wird aus London geschrieben: Liegt ein Much über Irland, wie. St. Patrick weissagte? .Alles schlägt biesem Volke zmn Unheil aus. Binnen zwei. Wochen Hirt -es nun seine ztvei Führer verloren: A rtur G r i ff i t h.' und Mi ch a e l.E pl l'i n s. Jeiwr ein Dpnker, dieser ein.Kraftmensch, frisch in den Dreißigern. Jener ein -Gründer der Sinn Fein-Bowegnng, dieser einer ihrer, tollftihnsten'Frontkämpfer. In der Vereinigung der beiden an der Spitze der gemäßigten,Regiemng, die, wie -die große Mehrheit -des Volkes, das Ziel des Kampfes nm die irische Frciheiti erreicht, sieht, lag ihr entscheidender Wert. Sie ergänzten sich trefflich. Artur Gviffich. erlag den Strapazen und Erregungen der Kampfesjähre, -CollrnS fiel in' ber Abwehr eines Ueberfalles durch Rebellen -7-. durch diejenigen, die noch.vor zwei.Iahren seine treuesten.Freustde tvaren. Es kam ihm hart an, diesen Aufstand mit-Geivalt Niederschlagen zu müssen, aber wie Grisfith, war er überz-mgt, kmß nim das Kämpfen zu Ende sein und das konstruktive Arbeiten'beginnen-'-müsse: Mit dest^ Worten Bernhard Shaw s,- dev.dieser- Tage öffentlich das. Wort ergriff: i es' ist jetzt nicht niehr die Pflicht,' für - Irland zu sterben, sondern für Irland zu leben. ' Michael Collins lebte seit vielen. Monaten, seit seine.. Bekehrung zuni - Frieden mit England, .für dessen Zustandekommen er das meiste mit beitrug, in dringender. Gefahr für sein LWn,' denn - die - EAveinen scheinen ihn als Verräter zum Tod verurlellt zu haben. Viehrmals. wurden-Anschläge auf hin verübt.-Sein Mut ivar wundervolle Die Massen liebten ihn dafür. Er wirkte, ansteckend rktch belebend. Es ist bezeichnend,!vas ein Ungcnanter im „Dailh Chronicle" über ihn sagt: „Die irischen^ Führer'warm^^ während drei Vierteln eines Jahrhunderts -harte,- grimmige Männer, .ohne. ein Lächeln. Parnell, D.i-llo n,- G risfi-th — .nran -raucht nur an -die setzten Nqmen zu-denken, M sich den Typ' vorzuslellest.' Ban Collins /wurde gesagt,, er sei der einzige fiihrende Ire, der lachen käiine. Walwhaftig, er war a great boy, mft aller Fröhlichl^'., unerschöpflicher Energie-und L-ebendWit eines Jungen," Sicher tat das den Menschen.WM rn einem Lande, dem Unheil über Unheil beschieden war.. l' Bis zum Kriege war Collins-^^ern' kleiner:Angestellter in London. Dann ging erin seine Heintatzurück. Aus dem, Was über seim. PeLsönlichkeit gcsacjr wurde, läßt sich lejAt erkennen, warstm e^rgsch $^ 3$^