Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1280 (23.8.1922)
- Date
- 1922-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kl&zel aammer K 2 5 o Wien: Zam Abholen in der Expedition, ll.,Taborstr.l-3, «der in einerVerschleisstelle (Trafik) monatlich K 7000 Mit Postversand für Wien n. Oesterreich monatl. K 7000 Ts checHo-SIowakei: Mon. K 20. Ungarn: Moh. iC 150. Jugoslawien: Mon, Dinar 25. Polen: Mon. Mark 800. Deutschland: Mon. Mark 60. Frankreich: Monatlich Freu. 6 Nachzahlungen hei Preiserhöhungen Vorbehalten teuer rseitecho-Slewofcei tsehecti. K 1.20 Italien: Monatl. 6. Lir Rumänien: Mon. 40. La Schweiz und das übrig« Ausland monatlich Free. 3 Redaktion u. Adminisiatioi Wien, II„ Taborstrasse 1—; Telephone: 44-0-38,43-3-19 ab 6 Uhr abends 16-301 Tel.-Adr.: .Mofgenzcitung* Wien Österreichisch es Postspaf kassen-Konto Nr. 150.692 Nr. 1280 Wir«. Mitt»»ch. 23. «»gast 1922 4. AaHrga«, Die Reserven. —y. S i e*, 23. ffatwR. Die Berichte über die Aussprache zwischen dem oster- . reichischen Bundeskanzler und dem tschechischen Ätinisterpräsidenten lauten) außerordentlich unklar. Es läßt sich! nicht erkennen, wie sich'Oesterreich die Mitwirkung der Tschecho-Slowakei an der Sanierung vorstellt und was man unter der wirtschaftlichen Kooperation zu verstehen habe. Es ist möglich, daß eine Ausdehnung der Wirtschaftsgemeinschaft zwischen der Tschecho-Slowakei und Jugoslawien, die in Marienbad beschlossen. werden soll, auf Oesterreich geplant ist. Der Verwirklichung dieser Idee würden sich freilich außerordentliche Schwierigkeiten in den Weg stellen, die in der Entkräftung der österreichisäM Währung liegen. Da aber alle Beteiligten auf den Standpunkt stehen, die österreichische Frage als eine politische aufzufassen, die entweder von der kleinen Entente allein oder vom Völkerbund als der Repräsentanz der Alliierten und Assoziierten zu lösen wäre, so müßte die politische Diskussion nunmehr auf das Währungsgebiet übergreisen. Die in der Zeit vor der Haager Konferenz unterbrochenen Verhandlungen Oesterreichs mit der Morgan-Kommission würden unter wesentlich geänderten Voraussetzungen neue Aktualität erhalten. Da Dr. Seipel in Berlin die Mitglieder der Reparationskommission antrifft, so wird man den Zweck seiner Reist am.richtigsten dahin verstehen können, daß er die Freigabe der Pfänder ausnützen und auch von hier aus zu bestimmten Anträgen an den Völkerbund gelangen will. .' Was die österreichische Regierung über die Prager Konferenz mitteilen läßt, klingt ziemlich günstig. Man wird abwarten müssen, ob die Resultate diesem Eindruck entsprechen und. ob die Neuorientierung der. österreichischen Politik auch die Gewähr für eine Sanierung von Grund ans bieten, kann.. Wäll muß für alle Fälle, zwischen dewMMrunZen-Wt^W^MWemn Tschecho-Slowakei einen gewissen Widerspruch, feststellen. Während Oesterreich unbeschadet der politischen Seite der Frage den Völkerbundkredit und gleichzeitig die Anlehnung an eine nicht näher bezeichnet- Mächtegruppe im Auge hat, spricht Dr. Benesch ausschließlich vom Völkerbund und lehnt ziemlich deutlich eine sofortige Behandlung des mitteleuropäischen Problems ab. Ob dieser Widerspruch sachlich einer Verschiebung gleichkommt oder lediglich sich aus dem Stimmungsunterschied des Hilfeheischenden und Hilfegewährenden erklären läßt, wird sich in Kiirze zeigen müssen. Denn die Lage. Oesterreichs erfordert sofortiges Handeln. Der Banknotenumlauf ist wieder und zwar um 80 Milliarden aus 913 Milliarden gestiegen. Die Teuerung nimmt eine derartige Entwicklung, daß die Rekordziffer von 124 Prozent schon jetzt hinter den Tatsachen zurückbleibt. Die Juliausgaben des Staates für sein Personal sind durch die Indexziffer auf 340 Milliarden im August oder 4080 Milliarden jährlich gestiegen, werden aber bei dieser Ziffer nicht stehen bleiben, da sich, ja der Index stündlich erhöht. Dazu kommen noch die übrigeil Defizite des Staates, die Bereitstellungen der finanziellen Mittel für Kohle und Zucker. Die Regierung hat selbst konstatiert, daß der Finanzplan kaum mehr, existiert, und wie unter diesen Umständen die neue Notenbank eine gedeihliche Tätigkeit entfalten soll, ift; ctrtc Frage, deren Beantwortung sich von selbst ergibt. Die Situation des Staates zeichnet am besten die Tatsache, daß der Staat derzeit den 13.000 Angestellten des Steuerdienstes 34 Milliarden Kr. mehr an Gehältern, auszahlt, als er an direkten Steuern bezieht. Wie immer sich die Dinge im Ausland sich.gestalten mögen, sicher ist, daß die abstürzende Bewegung der österreichischen Verhältnisse ans irgend eine Weise eingehalien werden muß. Die Notenpresse mutz stillgelegt werden. Diese 'Forderung ist nicht so aussichtslos, als es scheint. Oesterreich besitzt an Reserven 40 Millionen Goldkronen aus seinem Liquidationsanleil. an der österrelchisch-nngarischen Bank und die gleiche Summe an französischen und italienischen Kreditvorschüsseu. Diese .80 Millionen stehen zur Verfügung der Regirung und können zur Eindämmung der Notenflut verwendet werdend Es märe, unsinnig, sie in die Tresors der Notenbank zu. hiuterlegen, also: dem Zirkulationsprozeß zu entziehen. Hier wäre ein sofort wirksamer.Akt der Selbsthilfe zu leisten, der das Vertrauen der österreichischen Bevölkerung zur Krone kräftig unterstützen würde. In werterer Linie aber muß sofort, mit den Sparsamkeitsuraßregeln, das ist mit dchn Veamtenabba-u ernst gemacht werden. Es ist ttnmöglich, das .die Staatswirtschaft unter dein ständigen Alpdruck der Indexziffer arbeitet. Solange dieses Nebel besteht, ist an ein Interesse' fremden Kapitals für Oester^icb'lticktt'EbettkeiU . . ' Ärrszatz lürrg vM 7« Millionen tschechischen Krone» an Oesterreich. Prag, 22. Augusts (Privattelegramm der „Mener Morgenzeitung".) Wie Ihr Korrespondent VvA maß ebrnder Stelle erfghrt^ hat die tschecho-slowalrisch^ Regierung dem BrrnLarrrt de« Auftrag erteilt, den bisher noch nicht z»r Auszahlung §eka gie r Betrag von 70 Millionen tschech. K. (etwa Millia den Sfterr. K.V der österreichischen Negierung zur DersÜgnug z« stellen. Die Uederrveifüng erfolgt n ch im Laufe dieses Monats. Gerüchte üher eine österreichischrtttrienifchL ^yÄnniott. Berlin, 22. August.. (Tel.-Komp.) Kanzler Dyktor Seipel wird nach seiner Rückkehr nach Wien wahrscheinlich zunächst den italienischen Außenminister Schanzer auf seinem Landgute aufsuchen und vor allem die wichtige Frage der österreichisch-italienischen Zollunion zum Abschluß bringen. Der Bundesksrrzler ia Berlin. Berlin, 22. August. Bundeskanzler Dr. Seipel, ist in Begleitung des Finanzministers S e g u r und des. Gesandten Dr.':Wi l dner um bald 6 Uhr abends in Berlin aus Prag ängekommen und wurde vom Reichskanzler Dr. Wi r t h,' Staatssekretär Dr. v. Simson, den 'Geheimräten Rümelin mw. Kemp her vom Auswärtigen Amt und. vom österreichischen Gesandten Riedl mit dem Personal der Gesandtschaft empfangen.. Der Bundeskanzler ist-mit seiner Begleitung in. der Gesandtschaft abgestiegen. . V j V:; . v P«r», W. August. „Peiit meldet «iS (Senf: Anläßlich; >der bevorstehenden Tagung' der Völleobundversanmilung wird da s Finanzkomitee des Völkerbundes ' sich neuerlich mit -der Frage der Österreich zu gewährenden Hilfe befassen. Wie sr«»zisische Presse S»er da, öfter« reichische Problem. Paris, 22. August. Per tinax schreibt im Mcho de Paris":.Die Ereignisse, die sich jetzt in der Republik Oesterreich abspielen, bieten ein eindrucksvolles Relief -für sich die Regierung des Kanzlers Dr: Seipek nicht env mutigen lassen. Sie sei entschlössen, unter allen Umständen au der Durchführung ihres Programmes der Selbsthilfe sestzuhalten. Die Grundlage dieses Programmes bildet die Schaffung der neuen Notenbank, die durch die Londoner Beschlüsse in ihren Grundlagen keineswegs erschüttert worden sei, vorausgesetzt, daß ausländische Hilfe die Bemühungen der Wiener Negierung wirksam unterstützen werde. Das - Blatt schildert fobanit bis in die kleinsten Einzelheiten den Mechanismus der neuen Emissionsbank und hebt insbesondere jene Bestimmung des Statuts hervor, die der Notenpresse Einhalt gebietet. Es betont schließlich, daß das Aktienkapital und. der Zinsendienst.durch, die Garantie der Zolle, Forste und Domänen vollkommen gedeckt seien. Die Kooperation mit der Tscheche- Prager BWerfstmmen. , Prag, 22. August. „Cas" schreibt, 'das Communique über.die Verhandlungen Dr. S ei p.els mit Dr.-Ben es ch herstEL^die von allzu bunter -Pharwasie getoobeuen Nebel, m welche Zweck und Bedeutung der Reise Dr. Seipels gehüllt worden seien.. Die tschecho-slMvakische Republik sei heute nicht in der Lage, Oesterreich weitere Kr ed i t e - zu gewähren, jedoch würden die versprochenen Kredite s ch l e u n i g st I i q.n i d i e r t werden. Die tschecho-solvakische Republik habe neuerlich ihre Bereitwilligkeit bewiesen, Oesterreich nach Möglichkeit zu helfen, jedoch würbe alle Hilfe, die Europa Oesterreich bieten könnte, vereitelt werden, wenn Oesterreich nicht gemtg festen Willen an den Tag legen sollte, ntit denen zu a rbe it en die.ihm helsend die Hand reichen. Die Lagt Oesterreichs sei zwar schwierig, aber doch nicht verzweifelt. die Rede Poincares in Bar-le-Due. Denn diese Ereignisse legen dar, daß weder eine Allianz noch eine internationale Zusammenarbeit besteht. Wie können die Großmächte, die nicht imstande sind, den kleinen Donaustaat zu retten, bei der viel schwierigeren und verwickelten Aufgabe in Deutschland eine Losung finden? In naher Zukunft wird män vielleicht abschatzen können, welche Folgen — von der Donau bis zum Rhein —die Politik untätigen Zuwartens haben wirddie die Alliierten in der ehemaligen Hauptstadt der Habsburger-Monarchie befolgt haben. F r a n k- ' r ei ch und die kl eineEnte nte können gegenüber . einer Wiederkehr des Pangermanismus auf . den Handelswegen nach dem Osten nicht untätig bleiben. Man hat nichts Ernstliches unternommen. Für di» Aushebung der Pfandrechte hat man Monate und Monate verloren und die Vorschüsse sind Oesterreich pnt dem Tropfenzähler'zugewieseu Wörden. Wo es notwendig ge- 1 wesen, wäre, uen auszubauen, hat man Almosen gespendet. Ilebrigerrs ist auch diese Periode schon vorbei. Aus alledem läßt sich der Schluß ziehen, daß die Völker Europas niemals weniger als heute in der Lage sinh, selbst das bescheidenste Unternehmen gemeinsam durchzuführen. ..Man hat einen Völkerbund und eine souveräne Reparationskommission, geschafsen, Institutionell, denen ein rein dekorativer Charakter zukonnnt' und hinter denen der Egoismus des einzelnen sich verbirgt. Der Zeitpunkt ist gekommen, mit dieser unheilvollen Ideologie. zu -brechen/' - „C a b lö g r a m m e" veröffentlicht einen ausführlichen Artikel über die neue. Noten bank. Das Blatt bespricht einleitend die flüchtige Behandlung der österreichischen Frage auf. der. Londoner Konferenz und betont/ der Beschluß, des Obersten Rates, das österreichische ' Ansuchen dem Völkerbund zu überweisen, habe für" die Wiener. Regierung .ungeheure finanzielle und innere. Schwierig- ' keiten geschaffen. Obgleich durch die Nachricht von dem Scheitern der Londoner Konferenz der tiefste Pessim j s m u 6'- Oesterrcick' betvoAernM worden fei* "Me „Cesko s.lovenska Republik«" hobt hervor daß Oesterreich infolge seiner geographischen Lage bloß m.i t t e l e u r o p ä i s ch c Politik trei'ben könne. Die Tschecho-Slolvakei werde für die Losullg des österreichischer Problems alles tun, was in ihrer Macht liege und was brr realen mitteleuropäischen Politik entsprechen werde Der tschecho-slowakische Ministerprästdertt gab alles, was zu. geben war: Informationen, Rat und materielle Hilfe letztere insoweit, als bestinurrte Kredite, die bereits gesetzlich bewilligt sind, Zug üm Zug flüssig gemacht werden und Erleichterungen .im gegenwärtigen Verkehr emtreten. Wenn Dr. Seipel Prag verläßt, weiß er daß 'der Weg zum Völkerbund der letzte ist, der noch Erfolc verspricht, und daß von hier aus alles geschehen wird, um Oesterreich die Uebevwindung dieser neuen Frist zu ermöglichen und die Genfer Entscheidung utoglichst günstig zu gestalten. :■ Der „Sozialdemokrat" . schreibt: Die Gewalthaber Etwa Pas haben dem kleinen Laude Oesterreich den Anschlrtf an Deutschland entwoder zu gestatten oder, sofern dieaugenblicklich nicht' geschehen kann, muß ein engerer Wirtschaftsanschluß. an die Nachbarstaaten hergestellt werden Der Tschecho-Swlvakei kann diese wirtschaftliche Annähc r>rng nur nützlich sein. Es ist ein Symbol, daß i-n derselbcr Woche, da der österreichische Bundeskanzler mit dem tsche cho-slwvakischen Mmisterprästdenten einen Ausweg aut Oesterreichs Elend bespricht, die Wirtschaftskrise in de: Tschecho-Slowakei gera>dezu beängstigende Formen annimmt. Am SarMag ist in der nordwestböhmischen Glas iindnstrie 12.000 Arbeitern gekündigt worden, 4000 davor sind vollkommen arbeitslos. Mögert die tschecho-stowakrscher Staatsmärmer nicht stolz auf Oesterreich herabblicken die Arbeiterbevölkerung dieses Staates kannnicht von Hochstande der tschecho-slowakischen Krone, sondern nu: von ihrer^Arbeit leben. Die..Tschecho-Slowakei ha also ein Lebe'nsmteresse daran, MittAeuröPa nicht v e r armen zu lassen. Mir müssen auch unsererseits ein Opfe' bringen, um Oesterreich M Helsen, weil lvir Ms dadurö selbst hslseri.