Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1279 (22.8.1922)
- Date
- 1922-08-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite J Bien, Dienstag keichische Gebiet cn,grenzt, regte Poineare an, durch den Völkerbund ein«« dringlichen Bericht absassen zu -asten, was auch beschlossen wurde. Wenn also Frankreich gekonnt und England gewollt hatte, wäre es nicht bei «esem Stande der Dinge geblieben. Was nun? Wenn der iinanzielle Sanierungsplan der. österreichischen Negierung and durch die österreichischen Einkünfte garantierte Kredite genügen sollen, dürfe man nicht zögern, und jeder Alliierte, müßte erklären, daß er seinem Parlament empfehlen werde, j sie notwendige Bürgfch ast zu votieren. Wenn ] diese Hilfsmittel ungenügend sind, mutz man neue suchen und sich auf jede Eventualität vorbereiten. Als das britische Kabinett den Entschluß faßte, Oesterreich nicht zu helfen, hatte es ohne Zweifel die möglichen Folgen einer österreichischen Katastrophe geprüft. Als Lloyd George eine italienische Intervention anzuregen schien, dachte er zweifellos an gewisse Wirkungen einer solchen Katastrophe. Was würde er also dulden? Man weiß nicht, wie diese Fragen zu beantworten seien, aber .es ist schon viel, -atz man sie stellen kann. Das Blatt schließt: Ein Konflikt in Mitteleuropa wäre, selbst lokalisiert oder latent, unheilvoll für alle Völker des Kon- , ttnents. Welche Vorstellung man auch von der Zukunft Oesterreichs habe, dessen Unabhängigkeit wir wollen — die oberste Pflicht der Solidarität gebietet, die bestehenden Grenzen zu achte«. Jene, die die Initiative ergreifen würden, dieKarteEuroP»aszu8ndcrn, und jene, die einen Vorwand liefern würden, nm sie zu ändern, würde» eine große Verantwortlichkeit auf sich nehmen und vielleicht eine Lawine loslösen, die ihre Häuser zerschmettern würde. Die Ausgabe der RschfoLgestaaLeN. Paris, 21. August. (Havas.) In Besprechung der Finanzlage Oesterreichs schreibt das „Journal", daß die aus der Habsburgermonarchie hervorgegangenen Staaten das Mittel zur Rettung Oesterreichs besitzen. Die wahre Ursache der Not Oesterreichs fei die Zerstörung des wirtschaftlichen Organismus, der sich im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet hatte. Für den Ministerpräsidenten Benefch komme der Augenblick, zu zeigen, daß feine Geschicklichkeit sich nicht darauf beschränke, Maßnahmen gegen eine gewaltsame, heute vollständig unwahrscheinliche Rückkehr der Vergangenheit zu treffen, sondern daß sie nicht vor den gewiß verwickelten Problemen der Zukunft zurückschrecke. Die F»rcht vsr dem Chvos. London, 21. August. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Die „Westmünster Gazette" befaßt sich mit der Lage in Oesterreich und meint, sämtliche in Betracht kommenden Parteien halten dazu beizetragen,, daß sich die Katastrophe irr Oesterreich entwickelt habe, aber Oesterreich selbst habe den erste» Schritt ans der abschüssigen Bahn begangen, als es den Krieg begann. Europa stehe nunmehr vor einer u nmittelbar drohenden Katastrophe in Oesterreich, deren Folgen unmöglich übertrieben werden könnten. Die Verbündeten dürsten unter keinen Umständen zugebe», daß ein Staat im Herzen Europas wiederum in das Chaos versinke. „BliNde rmd blödsinnige PsLilik." London, 21. August. (Tel. der Wr. Morgenzeitung".) Auf einer Versammlung der Eisenbahnangestellten hielt der Arbeiterführer Thomas gestern in Chester eine Rede, in der er erklärt, das Problem der Arbeitslosigkeit werde niemals gelöst werden, solange die Arbeiterpartei nicht die Regierungsgewalt übernommen habe und solange die internationale Politik nicht geändert werde. Thomas nennt die blinde und blödsinnige Po- .- litik, die in Versailles sestgelszt wurde, als Ursache der Arbeitslosenkrise und der schwierigen industrielle» Lage Englands. Ei« AmerikLnifierungsplan Vrmderlips. London, 21. August. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Der amerikanische Finanzmann Frank Vanderlip ist von einer längeren Studienreise auf dem Kontinent in London eingetrojsen und äußerte sich gestern vor Pressevertretern über die trostlose Wirtschaftslage Mitteleuropas. Er , erklärte, daß die Valutaschwankungen in Mitteleuropa jeden Handel unmöglich machen. Vanderlip entwickelte einen Plan,'der seiner Meinung nach geeignet wäre, die Donauländer finanziell zu retten. Dazu wäre es erforderlich, Oesterreich unter die Vormundschaft einer amerikanischen Bank z« : stellen. Eine maerikarrische Bankgruppe hätte ein Zen-! tralbureau in Wien zu errichten, das den äußerer Handel der Donanlander in amerikanischen Dollars unterstützen würde. Der Dollar müßte als neue Währung für den Außenhandel dieser Länder erklärt werden, während die gegenwärtigen Geldsorten nur für den inneren Verkehr aufrechtzuerhalten wären. JnterPapla«e«ts?ische Arnnn. Die Tschecho-Slowakei nimmt nicht teil. Prag, 21. August. (Tschecho-slowakffches Preßbureau.) -Da einige Staaten die Teilnahme am Wiener Kongreß der > -interparlamentarischen Union ähgelehnt haben, beschloß das Präsidium der - ffchecho-slowakischim' .Sektion, an diesem Kongreß gleichfalls n i ch t teilzumehrnem " Wiener Morgenzeitrmg. 22. Anglist 19ZZ Rk. 1279 Bedeutsame Erklärung Nabuws SsLvlows. Berlin, 20. August- (I. L. B.) Nahmn Sololow Und Dr; S ch m a r ja h u L e w i -'.sprachen hier in einigen . gleichzeitig .stattgesnndene«; zionistischen. Massenversammlungen. Nahm« Sokolow konstatierte einleitend, daß die B e-, st crf t g u n g des Palästina-Mandats im wesentlichsten dtzr Stellungnahme der amerikanischen Negierung, und des amerikanischen Volkes zu verdanken sei. Daß Amerika trotz seiner Aheigung gegen Angelegenheiten des Völkerbundes dem Mandat dennoch zugestimmt hat, sei nach Sokolow „ein Wunder". Dieser Erfolg ist in erster Linie der zionistischen Organisation der Vereinigten Staaten zu 'verdanken. Die Resolution zugunsten Palästinas, die hu amerikanischen Senat und im, Repräsentantenhaus einstimmig angenommen worden ist, eröffne eine neue Epoche in der Geschichte des Zionismus. Pis dähin war der-Zionismus eine Angelegenheit der Kabinette Englands, Frankreichs und Italiens. Die Vereinigten.- Staaten hatten wohl in geheimen Kabinettssitzungen ' oder - durch diplomatische Schriftstücke die Ziele des Zionismus gebilligt, zum ersten Male aber, sagte' Sokolow iveiter, wurde der Zionismus von einem Parlament gutgeheißen. In der Bestätigung des Mandats seitens des Bölkerbundrates be¬ Das ostgälizische Problem. (Von unserem Warschauer Korrespondenten.) Warschau, 15. August 1922. ' Im Vordergründe der jetzigen polnischen Innen- und Außenpolitik steht immer noch die ostgvlizische Fragen Premierminister Nowak hat, wie schon gemeldet, ein spezielles Expertenkomitee eingesetzt mit der Aufgabe, das bereits gesammelte Material zur oftgalizischen Frage zu verarbeiten und einen Regierüngsenttvurf über die Autonomie zu verfassen. Der Kommission wurden die.-'in Polen als beste-Kenner der ukrainisch-polnische« Frage geltenden Persönlichkeiten zugezogen. Unter andere« wurden mrch der gewesene galizische Statthalter' Professor Dr. Michael Bobrzynski und Professor Simon Aschkeuase zü Mitgliedern dieses Komitees ernannt. Diese Tatsache allem genügte, um den Nationaldemokoaten Gelegenheit-zu Liehen, in ihrer Presse Nowaks Politik als äntfftaatlich herabzusetzen. Bobrzynski zahlte ' schon - zu Oesterreichs - Zetten -zu den erfolgreichsten Unterhändlern inr polnisch-ukrainischen Streite. Nowak will nun mit seiner Hilfe die gemäßigteren Ukrainer für den Autonomisgedanken gewinnen.-Es nst fraglich, inwieweit iMHstsgeMgen Wi^». Der Umstand, daß dem Komitee' auch.zweiWVön, Proseffor Aschkenase uno Dr. Löwen herz .Leide wohlbekannte Polen, mosaischer Konfession — angehoren, bedeutet bereits für die. Nationaldemokraten ein Preisgoben Ostgaliziens an. die Interessensphären der- „anonymen Weltmacht" (gemeint sind hier die Juden). Man findet gegenwävttg selten-ein nationaldemokratisches Organ, in dem nicht Hetzürtikel gege n .die V e rjudun g Polens durch Professor Aschkenase ustv. zu lesen wären. Zu bemerken wäre, daß die Genannten nicht im geringsten für die Interessen der ostgalizischen Juden eingetreten sind. Das Komiteehat - bereits seine Arbeiten vollendet. Das von ihm ausgearbeitete Projekt ist-in seiner Gänze nicht bekannt. Wie jedoch informierte Kreise behaupten, sieht das Projekt eine ziemlich breite Autonomie in kulturell-religiösen ^Angelegenheiten vor. Ostgalizien soll eine« „W o j w o d s ch a f t s r a L" mit einer polnischen und ukrainischen.Sektton erhalten. Während der Wojwodschaftsrat' nur die Handelsangelegerchsiten zu erledigen hätte, gehören in die Kompetenz der zwei Sektionen nur natwnal-kulturelle Angelegenheiten.' Im Warschauer Innenministerium soll eine spezielle Sektion für ukrainische Angelegenheiten geschaffen werden, dem Kabinett soll ein Ukrainer Äs Lands manu/minister angehören. Die griechisch-katholische Kirche'genießt alle Rechte der römisch-wtholischen. Dieses Projekt soll bereits den für morgen einberufenen Außen- und Berfassungskommisslonen des Sejm vorgelegt werden. Bor de^ Vorlage soll es noch im polnischen Komitee des .Kabinetts durchberaten werden. Premierminister Nowak glaubst-daß die Sejmkommistionen das Projekt annehmen werden. Die NatioMdeniokMen schlagen bereits Alarm und Derben durch ihre Kommissions- Mitglieder schärfste Opposition gegen das Projekt machen. Die Lembexger NationMemolraten drohen sogar — int Falle der Annahme dieses. Projekts — Ostgalizien von der »unpatriotischen" polnischen Republik loszureißen und 'hier, eine polnische selbständige Regierung eingusetzen. Doch werde« diese Drohungen in Warschau nicht ernst genommen. Mch Annahme des Projekts wird der Außenminister -Narutowicz nach Paris und London reisen. Jntereffant ist auch,' daß die Ukrainer in Ostgalizien zu der ganzen Aktion des Premierministers Nowak so gut wie gar Jetttc Stellung nehmen. Ihre Presse verzeichnet emsig alle diese Tatsachen, jedoch ohne Kommentar. Die ukrainischen Führer sind nach wie vor intransingent und wollen von einem Ausgleich mit Polen * nichts wissen. Bisher hat-sich unter ihnen weder cm Poli- .tiker noch eine.Gruppe,.Hestmden,, die genügt, wären, .der polnischen Negierung auf der Grundlage, einer Territorialautönomie in Verhandlungen zu treten. Der einzige Nst .kolaj. Han kiewic z, .der bsrsU tväre, Verhandlungen zu führen, ist v^r zivei Monaten gerade wegen seines PolonosWni aus. ieim MuM «MsslchloLm würden. sitzen wir ein Dokument, das uns als Basis für die Bet« wirklichung mfferer Ideale dienen wird. . Ich denke, die Interpretation, die die englische Negierung vor zwei Monaten gab (das. „Wsstte Paper", welches die Korrespondenz der Colonial Office-mit-derarabischen rmd zionistischen Organisation wiedergibt), ist nicht'die letzte. Es werden noch andere Interpretationen, erfolgen. Düs Mandat aber, ist das letzte. Wort. Die Interpretation ist ein liquide Sache, eine Taffache ist es jedoch, daß England allen Grund zur Zufriedenheit hat, daß das Mandat bestätigt worden ist. ' Zur Frage der Jewish Agency erklärte Sokolow, die Zionistische.Organisation ist die Jewish A g e n c e. Die Zionistische Organisation ist aber bereit, alle Juden der Welt aufzunehmen und sie an dem Ausbau Palästinas teilnehmen zu lassen. Sokolow.richtete/' einen Appell an alle Juden, sich der Zionistischen Organisation anzuschließen. Zur Ar a b e r f r a g e äußerte sich Sokolow dahin, daß die Juden den Autonomiebestrebungen-der Araber in Palästina keineswegs feindlich gegeuübevstehen, ja, sie werden sogar die autonomistische Bewegung der Araber unterstützen. Es ist nun abzuwarten, welche Schritte Nowak oder vielleicht sein Vertrauteren ukranischen Fragen Professor M. Bobrzhnski einleiten wird, um mit den Ukrainern in näheren Kontakt zu kommen. Wie aus dem geschilderten Grundriß des Projektes zu ersehen ist, werden nur zwei Völker — die Polen und Ukrainer — erwähnt, von der dritten Landesnatson,.den Juden, die über"12 Prozent der ostgalizischen Bevölkerung ausmachen, ist gar keine Rede. Sie werden im Projekte totgeschwiegen. Es ist von . den Verfassern des Projektes geradezu lächerlich, diese Toffchweigepolitik — wenn auch mit Hilfe der zwei Assimilanten Professor Aschkenase und Doktor Löwenherz rzu betreiben. Da im Projekte zwei nationale Kataster -7< ein polnischer und ein ukrainischer — vorgesehen sind, ist anzumhmen, daß hie Warschauer Regierung sich mit der Absicht trägt,, die Juden nach der altbewährten galizischen Tradition , den Pole« zuzrtzählen. In. dieser Hinsicht ivich aber die Negierung nur. E n t 1 ä u s ch u ngen exleben müssen. Die Juden Ostgaliziens sind bereits national der? ütft bewußt, daß sie durch nichts gezwungen werden könnten, sich zu einer anderen als der jüdischen Nattonalität.zu Le- . kennen. 'Die letzte Volkszählung hat dies klar, gezeigt. . Oder will etwa' die Warschauer Regierung dse Juden.-aMhW^ gen, dem ukmmffchen .Kataster beizutveten, was doch: sicherlich nichtin ihrer Msicht liegen kann, da aus^ diese Weise nur der ukwinische Besitzstand vergrößert werden könnte?. Wen« sich die Warschauer Pegierung r« der ganzen ostgalizischen Frage won dem allpolnischen Chauvinismus insoweit befreit hat, so liegt es sicherlich im Jntereffe der polnischen Staatlichkeit, auch in der Judenfrage dern staatsverderbenden-Einfluß der Nationaldemokvaten Valet zu sagen. Schließlich muß auch Premier Nowak nach der Natifizievung des Palästina-Mandats einsehen, daß heute die polnische Regierung i« der ' Frage der Anerkennung der jüdischen Nationalität eine-andere Stellung emnehmen müsse. Das Paläsüna-Mandat hat durch die Bestimmung der historischen Rechte der Jrwen aus Palästina und die Anerkennung der Notwendigkeit einer Errichtung der jüdisch-nationalen Heimstätte die Existenzberechtigung und hiermit die Anerkennung der jüdischen Nationalttät deutlich .ausgesprochen. Das Palästina-Mandat ist ein internationaler Vertrag, der auch für Polen als Mitglied'des Völkerbundes bindend fft. Somit muß Polen nolens volens mit der Tatsache des Bestandes einer jüdischen Nationalität auch in Ostgalizien rechnen und Lei der. Regelung der imtional-kulturellen Fragen dieses Gebietes, aalch die Bedürfnisse der Juden ins Auge fasten. Die bisherige Taktik des Toffchweigens wird daher wertlos bleiben müssen. Die Vertreter des jüdischen Abgeordneienklubs in der Außenkommistion (Abg. Thon) und in der Verfassungs-. kommistion (Abg. G r ü n b a u m) werden auch gegen diese Art der BehaMung der Judenfrage in Ostgalizien schärsstm Protest erheben, und die Aufnahme entsprechender Bestimmungen über die,Juden' im Entwurf verlangen. Hoffentlich wird Premier Nowak, der den jüdischen Abgeotdrreten das letzte Vertrauensvotum verdankt, im Interesse der Staatsraison die Lücke im Projekte ergänzen und die Forderungen der. Juden rmch Errichtung ihrer nytionalkultnrellerr Aüionomie erfüllen. Schließlich kan« es ja der polnischen Regiemng nicht gleichgültig sein, wie sichdie 700.000 Juden im Falle , eines eventuellen Plebiszits —- mit dem bei der Lösung der ostgalizischen Frage gerechnet wird — verhalten werden. Oesterreich. Gin Ullimätnm der Arbeitslssen. . Demonsträttone« auf der Ringstraße. Gestern vormittags 'gegen' 11 Uhr marschierten chff '.der Ningstraß'e Züge.von Arbeit s'l o s e.n allst. Sio wuvdcn von Ordnern mit roten Armbinden flankiert. Dtz Demonstrattten, etiwt 5Ü0Ö. Köpfe stark, zogen znm Nathans Hier iperrlrn Qrdne.MMr den mm Mtz Ab, mn M