Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1273 (16.8.1922)
- Date
- 1922-08-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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liiztlBMnmerK250 Wien: Zum Abholen in der Expedition, ll.,Taborstr.l-3, •der in einerVerschleisstelle (Trafik) monatlich, K 7000 Mit Postversand für Wien n. Oesterreich monatl. K 7000 Ta che c ho-S 1 owake i: Mon. K 20. Ungarn: Mon. K150. Jugos 1 awisn; Mon. Dinar 25. Polen: Mon. Mark 800. Deutschland: Mon. Mark 60. Frankreich: Monatlich Free. 6 Nachzahlungen . . b«i Prciaerbohuagen Vorbehalten Rr. 1273 Wmlor V8MD Wie«. Mittwoch, 18. Ä«g«ft 1922 t schftcho>8lowikeii tschttch. K 1.EO Italien: Monatl. 6. Lir Rumänien: Mon. 40. Le Schweiz und das übrig, Ausland monatlich Fres. J Redaktion u. Administratioi Wien, II., Taborstrasse 1 —• Telephone: 44-0-35,43-3-19. ab 6 Uhr abends 16-301 Tel-Adr.: .Morgenzeitung* Wien Oesterreichisches Postspar kassen-Konto Nr. 150.69/ 4. Jahrgang Der Index-Staat. —y. W i e», 16. «,g»p. Die Konferenz der Ententeminisker hat Oesterreichs Ersuchen um Kredite in der Gesamthöhe von 15 Millionen Pfund an den Völkerbund geleitet. Analoge Beschlüsse sind vom Obersten Rät schon zweimal gefaßt worden und das Resultat war jederzeit negativ. Der Völkerbund hat eine Expertise in Wiest vorgenommen, die Sachverständigen berichteten an die Finanzkommission, diese an. das Plenum des Völkerbundes, dieser an den Oberstest Rat. Eine wirkungsvolle und sofort wirksame Abhilfe in der österreichischen Frage ist auf diesem Wege nicht möglich, .so lange Oesterreich nicht als Mitglied des Völkerbundes die. bedingungslose Durchführung der Mantelnote zum Friedensverträg fordert. Die Möglichkeit hierzu ergibt sich, bei der Ende August stattfindenden Plenarsession des Völkerbundes, und die Situation Oesterreichs ist so geartet, daß diese Versammlung die Dringlichkeit der Angeleaenheit verstehen muß, wenn sie klar und bündig dargestellt wird. Die Entmutigung ist in Oesterreich allgemein. Die Teuerung ist von Mitte Juli bis Mitte August um 124 Prozent gestiegen. Dieses Entwicklungstempo, das sich besonders in den Preisen für die Lebensmittel zeigt, hat die Grundlagen der Finanzreform fast zur Gänze aufgehoben und auch die Voraussetzungen für die Errichtung der Notenbank geändert. Der Banknotenumkauf hat sich auf 833 Milliarden erhöht, so daß das verhältnismäßig, geringe Grundkapital von 60 Millionen Schweizer Franken von Tag zu Tag an Bedeckungsfläche verliert. Die Maßnahmen der.Regierimg haben den gewünschten Zweck .nicht erreichst Es wurde die zentrale Bewirtschaftung auf dem Finanzgebstt wieder.her-, gestellt, doch ließ man HandeWlM'PWdstktionihreu «rgenen Gesetzen folgen, wodurch ein unerträgliches Mißverhältnis zwischen dem Devisenbedarf-und der zur Verfügung "stehenden Menge entstanden ist. Diese finanzpolitische Unbedachtsamkeit hat entsetzlichen Schäden angerichtet und zu einer neuen Ausverkaufs- Welle geführt, andererseits den Schleichhandel kräftig alimentiert. Die Planlosigkeit, die die österreichische Politik beherrscht, zeigt sich auch auf dem (Gebiet der Wirtschaft. Die Regierung hat sicherlich einen schweren Stand. Sie versucht dem Uebel durch Polizeimaßnahmen beizukommen, aber sie muß erkennen, daß sie immer nur eine Erscheinung, nicht aber die Krankheit bekämpft. Oesterreich ist politisch uud wirtschaftlich isoliert. Das ist seine Kraukheit und das Gegenmittel kann nur in einer gründlichen' Reform , des Systems und der Gehirne liegen.. Die. Sostaldenivkratie hat aus Oesterreich, einem zur Hälfte agrarischen Land, ein . industriell - soziales Experimentierfeld gemacht, in welchem sie die funkelnagelneuesten Theorien approbiert. Oesterreich ist, wie wir das immer hören, an die Spitze ster sozialen Entwicklung gerückt. Trotzdem ist für den Arbeiter der Ankauf von Schuhen und Hemden -in fast unlösbares Problem geworden. Daß es neben den Industriearbeitern, den Angestellten, den Beamten und den-Bauern auch noch ein arbeitendes Bürgertum gibt', daran wird gewöhnlich vergessen. Ebenso hat man daran vergessen, für Oesterieichs Beziehungen zum übrigen Europa ein festes^ System zu begründen. Die österreichischen Politiker machen sich, über diese Fragen überhaupt keine Gedanken. Sie. leben, ans einer Insel; die großen Ideen, die draußen die Menschen bewegen, verrinnen an der Donau, die Wirtschaftsprozesse, Unter denen die mächtige Entente stöhnt, tut man hier mit der antiscmitscheu Parole ab. Die Börse sind die Juden, die Banken die Insten, wie überhaupt Finanzfragen gerne als jüdisches Annexionsgebiet behandelt werden.' Dadurch ist die ganze Bevölkerung in einen Zustand der Ratlosigkeit geraten, obwohl sie heute bereits soweit hält, daß sie den frechen antisemstschen Schwindel' durchschaut. . Die Existenz. Oesterreichs kann nur gesichert Wersen, wenn der Staat die Isolierung., durchbricht.' Die Politik der ersten Kabinette der Republik,, die. auf einest .Zollanschluß an die Sukzessionsstaachn hinarbeitete, war richtig.' Sie hat sich noch bis in die letzte Zeit bewährt. Die hirnrissige Propaganda der Großdeutschen machte unaufhörlich Schwierigkeiten, die aber doch überivunden werden konnten. Die Vorgänge bei. der Zusammen ste.llung der jetzigen Negierung haben aber das durch Schober .mit gutem.Erfolg bekämpfte Mißtrauen wieder bestärkt. Die politische Linie ist unkenntlich geworden, seitdem wir ein gemischtes System besitzen, das durch den Herrn Waber hervorragend präsentiert wird, und ctrtfeu Frankreich gegen ei» Moratorium. London, 14. August. (Reuter.) Der Sachverständigenaüsschuß der Konferenz hüt einstimmig ein Gutachten angenommen, wonach Deutschland die nächste Rate von zwei Millionen Pfund Sterling zur Begleichung von PriMschulden an die Alliierte« i»nerhälb vier Wochen bezahlen soll. Hierauf soll nach dem Gutachten das Abkommen über diese Zählungen außer Kraft treten. Schließlich empfiehlt das Gutachten, daß die alliierten Regierungen für die von Deutschland in dieser Hinsicht zu leistenden Zahlungen Svnderabmachungen treffen sollen, die der Zustimmung der Reparationskommissiön bedürfen. Die Konferenz nahm ferner einen Bericht Theunis' und Poincares entgegen, worin es heißt, sie hatten große Opfer für die Sache der Alliierten ge-. bracht. Infolge des. Abbruches der Konferenz werden die französische und die italienische Delegation morgen London verlassen.' Vor dem Zusammenbruch der Konferenz machte Schan'zer alle Anstrengungen, um die Meinüngsverschiedenheiten zwischen Poinea r e und Llohst George zu überbrücken. Sein Vorschlag, die Konferenz auf sechs bis. acht Wochen, zu vertagen, wurde von den britischen Vertretern ^nMnywmen, aber die französischen Vertreter «rächten zur Mstingung, daß Deutschland die während dieses. Zeitraumes fällig werdende Reparationsraw bezahlen solle. Schanzer und Lloyd George, ‘^■tteu anderer Ansicht, -erffaMä aber, lie seien bereit, zustimMeu, daß Ue" ReparatioMümmission darüber entscheide, was Dentschlaud rMkenih Zeitraumes zahlen solle. Tie FrMzoseu))pä^tzn'idamtü' nicht einverstanden, woranf die Berhaiüölungen ihr Ende fanden. In seiner S ch l u tz r e d e betonte Schanzer, daß die Reparationen nicht getrennt von den' Kriegsschulden der Alliierten in Erwägung gezogen werden könnten. Obwohl die Verhandlungen'zu keinem Einverständnis führten, haben sie die Beziehungen der Alliierten doch nicht verschlechtert; wie sich aus der Tatsache ergibt, das; nach Abbruch der Konferenz Poinearc mit de« übrigen Alliierten die österreichische Frage besprach. Eine amtliche Mitteilung über den Schluß der Konferenz läßt die Stellung erkennen, in der der Abbruch ersojgl ist: Llohd George erklärte in der Versammlung he»üe früh, Großbritannien sei gewillt, 1.4mt italienischen Vorschlag betreffend die Vertagung. der K o n f e r c it z bis Ende dieses Jahres anzunehmen, 2. die Frage eines Moratoriums der Reparationskommission zur Entscheidung zu überlassen, 3. zuzustimmen, daß die'bereits von dem Garäntiekomitee geforderten und von Deutschland angenommenen Garantien sofort angewendet würden und 4. von den alliierten Schuldnern bis zur nächsten Konferenz Ende dieses Jahres keine Zinsen zu fordern. Die' britischen Vorschläge wurden,von sämtlichen Alliierten mit Ausnahme Frankreichs angenommen. Poineare erklärte, zu seinem großen Bedauern körrne er dies nicht annehmen, Frankreich nehme dxn Standpunkt ein, daß o h n e n e u e G a r a n 1 i e n seitens Deutschlands kein Moratorium gewährt werden . könne.: . Lloyd George erwiderte, er könne einer Vertagung der Konferenz ohne Moratorium nicht zustimmen. Groß, britannien mißbillige die von den französischen Vertretern vorgeschlagenen neuen Garantien nicht aus irgendwelcher Nachsicht mit Deutschland, sondern weil er überzeugt sei, daß diese Garantien ihren Zweck nicht erfüllen würden. Der französische Minist er rat wird sich am Mittwoch mit der Lage beschäftigen. Poin- . eare wird dem französischen Vertreter in der Reparationskommission, Dubais, neuerlich die Weisung geben, sich der Gewährung eines Moratoriums zu widersetzen. Es ist nicht unmöglich, daß der belgische Delegierte ähnliche Weisungen erhält. Man würde so, falls England und Italien in ihrer Haltung verharren, zu einer Stimmengleichheit im Schoße der Reparationskommisson gelangen. Dg der amerikanische Vertreter offiziell den Sitzungen nicht mehr beiwohnt, würde die Stimme des Präsidenten der Kommission, Dubais, ausschlaggebend sein und einen Beschluß zugunsten der Aufrechterhaltung der Zahlungen Deutschlands, wie sie am 13. März vorgesehen wurden, herbeiführen können. Wenn jedoch Deutschland ein Moratorium gewährt werden sollte, würde, die französische Regierung zweifellos die notwendigen Maßnahmen ins Auge fassen, da sie sich volle AktlouSfrelheiit gewahrt hat. Poinerre hat diesbezüglich jede Erklär:::./ *. v e st w e ist e r t, Selbst in dem Falle, wo die Stimme Dubais: nicht dew'An^schlNg geben, sollte, würde - das gleiche Votum der Belgier und derFranzosewzur Der- ' wörfnng des Mörätöriums führen, da die notwendige Majorität nicht erreicht wäre und die Stimmengleichheit die Anfrechterhaltung des Status quo bedeuten wurde ' MitzstLMWurrg in EKgLanÄ. Lon d o n, 15. August. (Wolff.) „Daily Chromele" schreibt: Ohne Frankreich hätten sich die anderen Alliierten aus der Konferenz binnen einer Viertelstunde auf eine alle befriedigende Politik geeinigt. Frankreich verfolgt zwei einander entgegengesetzte Ziele: Deutschland zu vernichten und Deutschland zahlen zu lasten. Die Frage des Mora- | toriums geht jetzt an die Reparationskommission. Der natürliche Weg wäre es, daß die Kommission ein Moratorium bis Ende des Jahres gewähre in Erwartung einer neuen Irrst,innrenknrrft der Alliierten zu Beginn des Winters. Die einzige nunmehr sichtbare Alternative, ist, daß Frankreich d e n B e r s a i l l e r *V e r t r a g zerreißt und zu einer S eparat akti v n gegen Deutschland übergeht. Wenn Frankreich dies tut, wird England wissen, woran es ist. Man kann sich aber nicht denken, daß Frankreich sich auf ein so gefährliches Abenteuer einlassen wird. , „Times" schreiben: Die für die Wohlfahrt des englip scheu Volkes verantwortlichen Politiker haben sich drei volle Jahre nach dem Friedensschluß hindurch ihrer Ausgabe nicht gewachsen gefühlt. Vielleicht sind die Politiker, die nu rin W ü h lb egriffen denk en, der Ansicht, daß.nach den amerikanisch enWah len im November die Lage bezüglich der Fundierung der Kriegsschulden vom Standpunkt Europas und Englands aus sich günstiger gestalten könnte, als es augenblicklich der Fall ist. Das Blatt tritt dieser Ansicht in längeren Ausführunnrn - entgegen. __ Vizekanzler besitzt, der den Finanzplan öffentlich, als wertlos, bezeichnet. Es ist unter diesen Umständen , auch für einen Minden leicht zu verstehen, daß ein Staat, der sich selbst emmauert und mit dem Gejammer über seine Lebensrmfahigkeit vor sich hin weint, kein Vertrauen, finanziell äebrochcn, keinen Kredit finden kann. . - Trotz alledem bleibt aber Oesterreich ein Zentralproblein 'Europas, das sich mitder stillen Beobachtttng dieses^ Rastvnalparkes politischer Unfähigkeit nicht - be- ^gnügen-.darf. Auch Staaten sinh Produkte des Milieus und Oesterreich ist nur darum in die Sackgasse geraten,? weil seine Protektoren sich selbst überließen. In .Oesterreichs Aufrichtung liegt die letzte Garantie für den Frieden und die Ruhe Europas. Man muß dem Krüppel'statt Ahnosen Prothesen geben. Der Völkerbund wird helferi umssen, wenn Oesterreich zu redenversteht.; :! Amerika und der Aufbau Palästinas. F. W i e r, 16. Augu' . . T i'c Ratifizierung des Palästina-Mäyldats stellt das ' jüdische Voll vor Anfgäben mw -Anstrengungen von gewal- ' tiger Größe. Die zionistische Organisation ist durch das ' Mandat zur. Ivwish Agency erklärt'worden. Sie ist danüt - zu einer öffentlich und mternatioual anerkannten Körperschm't geworden, welcher beim Ausbau des künftigen Pa- ' lastina eine Reihe von bodeutetchen und genau urnschric- ' betten Rechten zusällt, und bn die Tbufgabe zugetviesen ist, ' alle Kreise des jüdischen Volkes zu aktiver Pcilästma-Arbeit heranznziehen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß dieses letzte Problein ohne Verzng in Angriff genommen ' werden muß, und es wird eine der Hauptaufgaben der be- - vorstehendenzi-onistifchen Iabreslonferettz sein müssen, in dieser Richtung entscheidende Beschlüsse m fassen.- Aber