Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1263 (6.8.1922)
- Date
- 1922-08-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1263 Men, Sonntag Hand zu haben, eigentlich überflüssig geworden, und was die strafende Nemesis ihrer etwa au- Hilfe verliert, wird reichlich durch den Vorteil der Unterstützung der Kollegialität unter, den -Zeitnngsleuten aüfgehoben. ' * Ein weiteres wichtiges Teilgebiet des Preßrechtes ist die Regelung der Verbreitung von Preßprodukten. Darunter ist nicht nur der Verkauf von Druckwerken verstanden, sondern auch das Anschlägen oder Aushängen von Plakaten, das Auflegen, die Verteilung und überhaupt jede Tätigkeit, durch die ein Druckwerk einem größeren Personenkreis zugänglich gemacht wird. Die Verbreitung von Druckwerken ist nicht nur begrifflich wesentlich, wie wir bereits gesehen haben, sondern auch praktisch das Wichtigste, der eigentliche Zweck der Presse. Die Bestimmungen über. Buchhandel, Kolportage usw. sind daher von großer Bedeutung. Im allgemeinen kommt die Einschränkung der Zensur und Beschlagnahme natürlich an sich der natürlichen Tendenz der Preßgewerbe entgegen; so entfällt durch das neue Gesetz die Zensur für Plakate, deren Anschlag mmmehr ohne jede Bewilligung möglich ist, wenn er nur an den von der Sicherheitsbehörde zugelafsenen Plätzen geschieht. Besonders wichtig aber ist die Behandlung des Handels mit Druckschriften, also des Buchhandels, des Zeitungsverschleißes. Der Buchhandel war bisher in Oesterreich an die gewerbebehördliche Konzesiion gebunden. Diese Konzassion ist ein altes, rechtshistorisches, nicht uninteressantes Institut, welches zum Teil aus dem patrinwnialen Privilegienshstem des Feudalismus herstamMt. Die Landesherren gewährten anfänglich das Recht des Buchhandels als vereinzeltes Privileg, und die so ent-. standene Exklusivität führte' folgerichtig dann weiterhin dazu, daß die Privilegierten durch den Landesherrn gegen Außenseiter geschützt werden mußten. So kam es zu der Verpflichtung, vor Eröffnung eines Buchhandels erst die behördliche Konzession einzuholen. Ein anderer Teil der Wurzeln dieser Institution geht natürlich wieder auf . die Zensur zurück. Die österreichischen Buchhändler haben dieses recht mittelalterlich anmutende, System bis jetzt. hartnäckig verteidigt und haben auch . aus. dem Beispiel Deutschlands, wo der Konzessionszwang längst nicht mehr besteht und trotzdem der Buchhandel eine so hohe Blüte erreicht hat, nicht gelernt, daß die Aufhebung der Schranken ihres Standes eher eine Förderung als eine BeMchteilignng für sie bedeutet. Noch bei der BeraMng des letzten Pveßgesetzentwurfes im Jahre 1900 wurde dieser ablehnende Standpunkt mit aller Schärfe vertreten,!Und im Jahre 1919, wo er denn , doch nicht mehr voll rufrechterhalten werden konnte, wurde wenigstens eine Ka- > venzfrist für den Eintritt der Konzesiicmssreiheit verlangt. Diesem Wunsche hat auch das neue Gesetz Rechnung ge- Re sied riefe Wien—Palästina. Von Wolfgang WM. . ( Von Rhodus «ach Jaffa. Am zweit-en Schewuothtag war meine Arbeit in'Rhodus beendet und ich hatte nicht die Geduld, vier Tage auf das nächste Schiff nach Palästina zu warten: Ich wählte daher einen kleinen griechischen Dampfer, >der nach Mersina abgin-g,. und hoffte, dort ein paar Tage bleiben zu können, bis irgend ein Küstan-- fahrzug von -Mersina. nach Jaffa gehen wüvde. Ich hielt diese Art der Reise nicht nur für interessanter, sondern auch für billiger als die mit einem touren italienischen oder französischen' Schiff. ' / . -v. Die Fahrpreise der italienischen Linien wachsen nämlich, je näher man nach Palästina kommt. In Konstantinopel ver». langt m<m für die Reise von dort nach Jaffa von Zwischendeckhc-ssagivven zirka 8 englische Pfund;' Palästina-Emigranten gri' ßen dabei 50 Prozent Ermäßigung, aber nur, wenn sie sich in Konstantiaropel ernschiffen; in Smyrna kostet die Reffe noch rm'.-nrizirka '8 Pfund (ägyptische Dampfer, die über Piräus. ucch Mexaudria fahren, verlangen 2,6 Pfund), und in Rhodus, a/f halbem Wege zwischen Konstantinopel und Jaffa,' kostet die Reise nach Jaffa 4 Pstmd, zweiter Klaffe (mit Verpflegung) etwa 15 Pfund. Das war mir zu teuer und so . kam ich auf den unglücklichen Einfäll, mir in Mersina ein billigeres Schiff zu suchen. ' Die Fahrt bis Mersina war ja wunderschön und sehr imtevessaut; sie verdient im Bädvker zweifellos zwei Sterne. Bon Nhoous bis zum Golf von. Alexandrette, an dessen Weftcnde di>> türkische Hafenstadt Mersina liegt, fährt das ■ Schiikf längst der Südküste Kleinasiens; 18 Stunden lang dauert: die Fahrt und 48 Stunden lang starren hunderte von Metern hohe steile Fl*swände auf das Meer nieder. :v Hinter dem Küstengobiege erheben sich .schneebedeckte Bergketten; die mächtigen Gipfel des Taurus. Wo die Steilküste, etwas Kuvückweichend, einen kleinen Streifen Kulturland freiläßt, ist der Kontrast zwischen dem Armen Meer,-, -dem üppigen Grün der Gärten, dem starren Dunkel der Felsmassen und dem leuchwMn Schnee des Hochgebirges — — so schöp, daß ich ihn gär nicht schildern muß, denn so viel Phantasie, um sich ein solches Billd vorzustellen, hat jeder oder niemand. Traurig.war es aber, als-wir in Adal-ia, Ms halbem: Wege nach Mersina, landeten und die türkische Hafenpolizvr mir nicht erlaubte, ans Land zu gehen. Adal-ia ist angeblicheine wunderschöne' Gartenstadt, die vor dem Kriege ' eWa 50.000 Einwohner hatte, heute 100.000 Bewohner haben soll da die Türken aus dm von den Griechen besetzten Städten nach Adalia Mchten. Alles „soll"; gesehen habe ich gar nichts, außer Menev Drorgenzerrung. ma Zeichnet I 1 I Jährlich 2 Haupttreffer von je K 12,000.000 I Jedes Lös gewinnt 1 Sämtliche Gewinste vollkommen abzugs- und I einkommensteuepfpoi Kein Legitimationszwang Zeichnungspreis: 9733 K 13 80 für jedes Los tragen, indem es bestimmt, daß die Aufhebung des Kon- . zessionszwanges für Buchhändler erst am 1. Jänner 1926 wirksam werden soll, während die übrigen Bestimmungen des Gesetzes schon am 1. Oktober 1922 in, Knast treten werden. Gleichzeitig mit der Befreiung von der Konzesiion wird darin auch die Bücherkolportage, also der Straßenverkauf von Büchern, zulässig werden. Bei Zeitungen ist dies schon mit Inkrafttreten des Gesetzes der Fall, wodurch allerdings nur der seit dem Zusammenbruch tatsächliche Zustand bestätigt wird.. Ausnahmen von dieser Freiheit sind nur durch das Verbot des Hausierens von Haus zu Haus und durch die Altersgrenze von 18 Jahren für die Kolporteure geschaffen, unter welchem Minimalalter entgeltlicher oder unentgeltlicher Vertrieb von Druckwerken durch Kollportage nicht gestattet fft. Der Zweck dieser Ausnahmen ist ein sozialpolitischer, indem Jugendliche von dem nicht sehr entsprechenden Berus eines Straßenkolporteurs abgehalten werden sollen. Eine andere Beschränkung der freien Verbreitung haben wir schon in dem Rechte der Behörde kennen gelernt, über Antrag eines Unterrichts-' oder Jugendamtes gewisse Druckwerke von der. Verbreitung an Jugendliche unter achtzehn Jahren auszuschließen. ' Wenn der Sinn' dieser Bestimmung von der Praxis erfüllt werden wird und in ihr nicht etwa ein neuer Aus-, gangspunkt für einseitige Schikane gesehen wird, dann o, Mmasr irrzz Wue ö kann man wohl sagen, daß .die Freiheit der Verbreitung von Preßpvodukten in Oesterreich besteht. Kehren wir nunmehr zum Ausgangspunkt unserer Betrachtung, zur Frage der Preßfreiheit zurück, so müssen wir nach der natürlich nur in. großen Umrissen möglichen Betrachtung des geltenden' Rechtes und seiner Beziehungen zu Vergangenheit und Gegenwart wiederholen, daß Preßfreiheit ein technffcher, kein bloß philosophischer Begriff ist. Eine absolute Freiheit der Presse ist weder möglich noch wünschenswert, vielmehr ist das Preßrecht notwendigerweise die Resultante eines Kräfteparallelogramms, dessen Komponenten der Freiheitswillen des einzelnen'und der Beschränkungszwang der Gesamtheit sind, jene beiden sozialen Faktoren, welche bei jeder Vereinigung von einzelnen. zu einem geordneten Gemeinwesen vorhanden sein müssend Erst ihr Zusammenwirken'' gibt die Möglichkeit dauernder Gemeinschaft, ja, das Wesen von soziales Vereinigungen liegt in ihrem Vorhandensein und alle Geschichte beruht letzten Endes auf ihnen. Wir sehen daher auch im Preßrecht nur das ganz allgemein» Gesetz wirken, daß weder restlose Aufgabe oder Unterdrückung der Individualität noch auch schrankenloses Ausleben des einzelnen, eine staatliche oder nationale Gemeinschaft verwirklichen kann, sondern daß der einzig richtige Weg in der Mitte zwischen den beiden Extremen führt. Oesterreich. Die Freigabe der Aktiven. Im Ministerium für Ancheves' ist gestern die offizielle Mitteilung eingelangt, -daß die Reparationskommission in ihrer Sitzung , vom 4. d. die Freigabe der in Betracht kommenden österreichischen Aktiven definitiv bestätigt hat. Der Bearuu nadlMr. Gestern haben im Bundesministerium für Finanzen ' die internen Beratungen Mer die Herausgabe einer Durchführungsverordnung zum Angestelltenabbaugesetz begonnen. Polen. AbÄerrrf«Ag des Vragre Gesandten, r Warschau, 5. August. (Tel. d. „Wr. Morgenzeiiung".) Nach, übereinstimmenden Meldungen steht die Abberufung des polnischen Gesandten in Prag, Erasmus Piltz, angeblich wegen seiner Mißerfolge in der Regelung der Beziehungen zwischen Polen und der Tschecho-Slowakei unmittelbar bevor. Der polnisch-tschechische Präliminar-, vertrag wird dem gegenwärtigen Sejm nicht wehr zur Ratifikation unterbreitet werden.; im Kampf gegen die Teuerung. Beachten Sie unsere Preise für engl. Stoffe, Regenmäntel, Leib- und Bettwäsche etc. Taborstraße 48 Telepkon 4/-1^79 En «ros Kn SsiaH civil", das fft ein Beamter, der die Distriktsgouverneuvr zu rnetwa drei Dutzend malerisch verfallener Häuser am Meer, einem Vierteldutzend schäumender Wasserfälle, die sich.inhie Bai von Malta ergießen, und einer ruinanhaftyn Festungsmauer, hinter der die Stadt AdMa liegen „soll". Acht.Stunden lagen wir hier vor Anker und ich mußte mich damit begnügen, die Küste und den 3000 Meter hohen M-Dcvgh, der über der. Stadt aufragt, von Bord meines Schiffes aus zu zeichnen. (Im griechischen Sprachgebiet Kleinasiens heißt scheinbar jeder hohe Berg „Olympos", im türkischen Ak-Dagh —wenn er. überhaupt einen Namen hat.) Die Zahl der Juden, die heute in Adalia leben, ist ganz unbestimmt. In Smyrna schätzte man sie mir gegenüber äuf 1600, in Rhodus — vermutlich richtiger — auf 15 - Familien. Die Juden -des inneren Meinasiens .find nicht nur in bezug - auf die Statistik indolent, sie sindauch fönst ungebildet; sie sprechen nur türkisch und spaniolffch, verhältnismäßig weniger griechisch, gar nichts hebräisch. Ich reiste zusammen mit Juden, aus Sokia und aus mchevvn kleinen Orten der Müffchen.. Türkei, die Vicht einmal das ,-Schmcch-Jffroel" verstanden. Sie lernen die Gebete auswendig, können auch hebräisch lesen, haben aber keine Ahnung davon, was sie beten. DieehemalMU Schüler der Alliance-Schulen könnten wenigstens Französisch -prch haben dadurch einen gewissen Anstrich europäischer - Bildung; auch.ihre hobräffchen Kenntnisse sind effvas bester.' (Heute Mstd Überall in 'den Alliance-Schulen Modernes Hebräisch unterrichtet.) Die Juden Kleinasiens aber, die keim ' Alliance- Schulen besuchten, stehen auf dem gefftigen Niveau eines türkischen Krämers. Noch ärger steht es mit der Bildung der sephavdffcheu Frauen. Während die jüdischen Männer, die gar keine Schulbildung haben, doch verhältnismäßig selten sind, traf'ich fast überall Frauen— selbst in den reichen Häusern —, die keine andere . Sprache als ein ziemlich verdorbenes Spaniolffch sprachen und oft nicht e^umal lesen konnten. Heute ist es insofern besser geworden, als die Mädchen, überall jn die Volksschulen geschickt werden,-wenn es die-Eltern bezahlen können. Daß aber Mädchen auch eine bessere Bildung haben können oder sollen, halt man für ganz überflüssig. Es kommt höchst selten vor, daß sephardische- -Mädchen in ein - Gymnäsiuirn gehen, und dann verübelt man es den Wern getoohMch sehr, , sticht etwa'aus nationalen Gründen, weil-dieses ,Kyvoe" stets eine Klost rschule ist: min! Man hält 'es-'-nur 'fir..unnütz,''daß..Äst - Mädchen mehr weiß,- als für den Haushalt nötig ist: man iwchrt sich'gegen, den Fortschritt. >, ‘ ' Die Schulen der „Alliance Jsraeilite Urriverselle" sinp also ganz gewiß ein Segen für die Bevölkerung dieser weftververlaffenen Gegenden, nrcht v'-r für dü- Juden. Ich -nachte zunr Beispiel die Bekannischaft. eines ke.nalffüschen „Inspeisteur spizieren hat, der mir erzählte, daß er die , Alliance-Schule in Sokia, einer türkischen Stadt südlich von Smyrna, besucht hatte, um Französisch zu lernen; ich trafMch mohammedanische Bolksschullchver, die ihre (ziemlich geringe) Ausbildung der „Alliance" zu verdanken haben — aber trotz dieser unleu-gharen BeMenste ist das Schulwerk der Alliance weit davon entfernt, auch nur die bescheidensten Ansprüche moderner Pädagogik zu befrie-digm. Der^.Hauptfehler — aus dem alle anderen hervorgehen: die Schule ist in nationaler, religiöser und ku-Nuveller Beziehung gleich farblos. Die'Schüler werden für nichts.begefftevt; sie wovden m:r erzogen. Ein Beispiel'für viele: die Alliance legt — mit Recht — viel Wert auf den Gesang, und der Unterricht wird mit Ehovgffang eingeleitet. (Daß man in einer Mischen Schule beten lassen könnte, fällt den Herren nicht ein.) Daß das Lied nicht hebräisch, sondern »fast Überall franMsch fft, soll nicht besonders hevvovgchoben werden, nur der Inhalt des Liedeä soll als.BeffPicl für AM-nce-Pädagogik erwähnt werden. Ich hübe mir in Rhodus ein solches Lied -notiert. In dar ersten Strophe Pvorsen die Kinder die Humanität der braven'Herren von der Alliance, die ihnen die schöne Schule gegeben haben (kein Witz!), in der zweiten Strophe stellen sie fest, daß das jüdische Volk ein ödles, aber unglückliches Volk fei, desion Geist die Verfolgungen seiner Verächter ertragen könne, in der dritten Strophe -rühmen sie Frankreich als den Beschützer aller Bchrückbeu und geloben, ihr . Leben im. Snme der Traditionen-Frankreichs dem,-Fovt'schvitt" zu weihen! - Humanität, Judentum, ForffchM, Frankreich — das soll aus jungen Menschenkindern, die in dem ärgsten Bölkergemisch leben sollen, aufrechte, gerade, volksbewußte Individuen machen! Der Orientale kennt kein Vaterland, der Begriff der Heima-tsliöbe fft dem'Orientalen —.nicht mtt dem Juden — ziemlich fremd. Für ihn existiert nur . die Nation, das (vom Boden losgelöste) Volk.' ' . Weim nun also! die erste und wichtigste „Heanmung", die durch «die Bindung an den Baden gesetzt wird, bgi diesen Kindern von vornherein fehlt, so muß eine vernünftige Pädagogik dieses Manko irgendwie zu ersetzen trachten.. Sie wird die Liebe zu Palästina den Kindern ei>npflanzen, sie wird ilM.u nationale und religiöse Werte vermitteln. Sie wjrd bemüht sein, diesen jungen „Levantimrir"Mren Vaiterlarid die.. Welt, in der man verdient, fft, wenigstens ein Vaterland der Seele zu. geben. Statt desien gibt die „Alliance" — Aufklärung, Fortschritt, Frankreich. Die Kinder sind weder Jachen noch Franzosen, weder Orientalen noch Europäer, es sind — Levantiner. Erst der Zionisinus Mt diesen inneolich haMosm Menschen einen Lebenszweck und deshalb erringt er hier überall solche Erfolgs die in Ziffern'schwerer als m Daten zu zeigen snr^ nrnrntm mammsäomtii 06^17181175435