Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1256 (30.7.1922)
- Date
- 1922-07-30
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerte 8 SBiett, Sonnte»- Wiener MorgtnzettunK. 30. Aul» 19AS Nr. 1856 Z^ionistis«-!»«m Ijärndeelcosaiie© 4üp Oefistesrjc-cjirf* Anlässlich der morgen 7 Uhr abends im Festsaale des Hotels CONTINENTAL, ILTaborstrasse4, ein £n Massen! Ernährung. —r-’v— Die Lebe«smiLtelmarkte. Die Preise steigen weiter. Die Hoffnung, daß sich die Situation auf den Lebensmrttelmärtten nicht weiter verschlechtern werde, hat sich nicht erfi'rllt. Wohl wurde der Preis für Schweinefleisch um 1000 K. pro Kilogramm heruntergesetzt, doch spielt diese Ermäßigung keine Rolle, da andere Artikel sich weiterverteuert haben und dadurch der Konsum immer mehr und mehr eingeengt wird. Von Freitag auf Samstag verteuerten sich im Kleinhandel Kalbfleisch' unl 400 K., Filz um 500 K. pro Kilogramm, Schnitzelfleisch wurde gleich um nicht weniger als um 3000 K. pro Kilogramm höher bewertet. Der Verkehr war in der Großmarkthalle wohl stärker als in den Vortagen,, doch konnte man auch gestern die größte Zurückhaltung des Publikums beobachten, das zu einen: unfreiwilligen Streik angesichts der phantastischen Preise gezwungen wird. Lebhafte Nachfrage herrschte, nach dem amerikanischen Gefrierfleisch und nach gefrornen Haasen, die unter, starken Anstellungen abgegeben wurden. Ein Stück ohne Fell stellte sich aus 5000 bss 8000 K. Auch nach Seefischen herrschte trotz der warmen Jahreszeit größere Nachfrage; die Preise für diese Artikel ° haben sich in der letzten Woche um 600 K. e rhöht, so daß ein Kilogramm bereits 2400 bis 2800 K. kostete. Die Fleischvorräte reichten, obzwar keine neuen Zufuhren zu verzeichnen waren, weit über den Bedarf, und große Mengen waren in den Mittagsstunden noch unverkauft. Im Vergleich zur vorigen Woche verteuerten sich im Detailhandel in der Großmarkthalle pro Kilogramm: Rnrdfleisch um 200 bis 900 K., Bratenfleisch um 500 bis .800 K., Kalbfleisch um 400 bis 900 K., Schnitzel bis um 4000 K., Schweinefleisch um 500 bis 1000 K., Speck und Filz arm 2000 bis 2500 K., geselchtes Schweinefleisch um 3000 bis 4000 K. ' In der Großmarkthalle galten gestern im Kleinverkaus folgende Preise: Pferdefleisch 4600 bis 5000 K., Rindfleisch 4400 bis 8500 K., Bratenflersch '6200 bis .10.000 K., Kalbfleisch 6500 bis 9400 K., Schnitzelfleisch 40.000 bis 15.000 K., Schweinefleisch 10.000 bis 15.000 Kronen, Schaffleisch 4000 bis 4400 K., Ziegenfleisch 3000 bis 3400 K., Speck 18.000 K., Filz 19.500 K., Selchfleisch 13.000 bis 18.000 K., amerikanisches Schmalz 14.000 K. pro Kilogramnr . Auf den Grünwcrrenmärkten war die Beschickung gut ausgefallen, die Preise blieben trotzdem unverändert hoch. Karfiol verteuerte sich in seinen besten Qualitäten. Mit Obst sind die Märkte reich beschickt, doch ist der Absatz infolge der hohen Preise sehr stark zrrrückgegangen. Matt konnte stellenweise eine förmliche Stockung beobachten.' Unter dem Druck dieser Erscheinung wurden die Preise für Birnen um 300 M. pro Kilogramm im Laufe des Verkehres niedriger gehalten. Mit Eiern und Butter sind die Markte schwach versorgt, die Preise werden nach wie vor als Luxnspreise empfunden. Bühne und Kunst. TotenLarrz im Wiener Stadttheater. Kehraus der Literatur. Im Wiener Stadttheaber ist morgen „T o t e n t a n z" — nicht nur der von Strindbevg, der an diesem Abend als Abschiedsvorstellung der Direktion Jarpo zur Aufführung gelangt, sorchern auch in einem weiteren Sirrne der Totentanz eines künstlerischen Stre'bens. nach Vergeistigung der Wiener Bühne. Solch ein Wille^ war im Wierr der Nachkriegszeit natürlich zu.m Tode verurteilt. Daß. er nicht an der Unzulänglichkeit der aufgebotenen Mittel starb, beweist folgende' Statistik: Josef Jarno eröffnete das Theater am 1. Mai 1914 mit Goethes „Vorspiel auf dem Theater" und Strrndbergs ,Metterleuchten". Seither lernt Strmdbsrg, Jarnos Lieblingsautor, mit 18 Werken an 161 Abenden, ferner Gerhcirt ^Haupbmmrn^ mit 6 -Werken an 126 Abenden, Ludwig Anzengruber mit 8 Werken an 88 Abenden, Artur Schnitzler mit 2 Werken an 18 Abenden, Henrik Ibsen mit 2 Wercken an 16 Abenden. Auch die Klassiker ttmihen sehr oft gespielt, und -war Schiller mit. 4 Werken cm 38 Abenden, Shakespeare mit 2 Werken an 25 Abenden, Lefling mit 4 Werken an 17 Abenden, Goethe mit 3 Werken an 9 Abenden, Grillparzer mit 3 Werken an 12 Abenden, Hebbel mit 2. Werken an 5 Abew den. Außerdem gab es 26 Raimund-Abende, 77 Nestvoh- - Abertde sowie Aufführungen von Meliere und Kleist. Als Schauspieler traten hier unter anderen auf: Leopoldine Konstantin, Hansi Niese, .Käthe Dorsch, Gertruds Ehsoldt, Erika Gläßner, Helene Thimig, Irene Triesch, .tzermme Körner, Rosa Bertens, Ida Roland, .Helene Fehdmer und Friedrich Kayßler, Alexander Girardi, Willi Thaller, Otto Treßlcr, Hans Aiarr, Ferdinand Onno, Konrad Dreher, Karl Forest. Neben diesen klingenden Namen tauchten andere auf, derer: Ruhm erst hier aufgiug. Das gilt nicht' nur von einzelnen Dichtern und Schauspielern, sondern von ganzen Ensemble::, ja Nationen. Jarno gewährte nicht nur den: altberühmten Moskauer Ensemble eine künstlerisch reiche Früchte tragende Gastfreundschaft, sondern auch der damals nur in einem äußerst engen Rahmen bekannten Freier: Indischen V o l k s b ü h r: c. Jarno gehört zu derer: Entdeckern und ist der Urheber ihres rapiden Aufblühens geworden. So war Jarnos künstlerisches Wirken im Stadttheater -doch nicht ganz vergebens. Vielleicht ist es für unsere Zeit symbolisch, daß der Mann, der das Haus der deutschen Kunst erobern wollte, darin zum Paten der jüdischen Bühnenkunst geworden ist. Wir hoffen, daß Herr Jarno, wenn schon nicht genug Jude, so doch genug Kunstenthusi-ast ist, um diesen Gedanken als Trost über die verlorene Schlacht zu empfinden. Vereinigung des Deutschen Vslkststeaters und des Raimund-Theaters. or Zwischen den Direktoren Alfred Bernau und Dr. Rudolf Beer wurde die Vereinbarung getroffen, daß das Deutsche Volkstheater und das Raimund-Theater unter dem Namen „Vereinigte Schauspielh ä n s e r" zu einer künstlerischen Einheit zusammeugcsaßt und gemeinsam uyter der Direktion der beiden Herren geführt werden. Diese Vereinigung kann erst nach Genehmigung durch die beiden Theatervereine, um die von den beiden Direktoren bereits angesncht wurdet in Wirksamkeit treten. Die Zusammenlegung der beiden Bühnen soll die Möglichkeit bieten, durch Verteilung der schweren wirtschaftlichen Belastung auf zwei große tvagfähige Theater das künstlerische Niveau zu erhalten und zu erhöhen insbesondere aber Gelegenheit geben, weitere wertvolle Kräfte dauernd an Wien zu binden, um so an die Stelle des jetzt geübten Gastivesens den Wert des Theaters wieder in einem bodenständigen Ensemble zu finden. Die Vereibarungen/ die Direktor Bernau mit den Reinhardt-Bühnen getroffen hat, werden sich nunmehr auch auf das Raimund-Theater erstrecken. ' ArlL SM Theatern. Wvchenrpielplan derVolksoper: §euts (/Uhr)' „Aida". Morgen (l/sS Uhr) „Tosco". Dienstag (Va3 Uhr) „La Trav'aia". Mittwoch. si/r6 Ul)r> „Cavalleria rusticaria" — ..Der Pajazzv". Donnerstag ('/zst Ukr) .Der Troubadour". Freitag (Vs8 Uhr) „Rigoietio". Samsmg (7 Uhr) „Die 3il6 n". In der B o lksoper galliert teule Kerr Ke'nrich Schlusrius. der sich von seiner Indisposition erholt und seine ond-rmäitiaen Gaslkpiiwerpflicktunaen derart ver>chvbrn hat. daß er sich der Vrlk-rper noch für einige Gostlpie'abeme zur Äersligung stellen kann, als Amonasro in ,.Ä r d o". Die Aida sinzt als Gas! Fräulem Gritzback, den Radames Kerr Rittersheim. Morgen osrobschi-det sich Frau Barllch-Ionas. die mit Kommender Saison an die Vereinig!en Siadtthe.tter in Lübeck verpflichtet wurde, als Tosca vom Wiener Publikum. Als Scarma gastiert D. Faro-lawsky, als Cavaradosii A. Ludwig. Beide Aufführungen dirigiert Egizio asiim als Gast. Wiedereröffnung deS ApollothcaterS. Dienstag den 1. August -debütiert als erste Sensation der beginnenden Saison unter der persönlichen Leitung Direktor Ben Tiebers das russische Tänzerpaar P irni ko ff und Pirnikown a in ihrem packend dramatischen Tanzsketch „Der Sklave". Die Pirnikowna war am bekannten zaristischen Hoftheater (Marreniheater) in St. Petersburg vielgeseierte Solotänzerin, Prinikosf war der dortige Ballettmeister. Eine weiteve spannende Attraktion des Novitätenprogrammes bilden Co- Ca und Jo-Re in ihrem Jllnsionsatt „Der Mitternachts- Kavalier". Als Komiker eines ganz eigenen Genres kann der sächsische Liebling Rudolf Mälzer gelten, bei dessen iselbstverfaßten Vorträgen das Publikum tatsächlich minutenlang nicht aus demLachen kommt. Knnstkräste aus Amerika, Australien, Japan und anderen Ländern« verleihen diesem im besten Sinne des Wortes internationalen Programm ihr Kolorit. Kurz die Marke des „Appollo" heißt ab 1.-August wieder: Ben Lieber. Beginn der Vorstellung präzise halb 8 Uhr äbcnds. 8ln Sonntagen finden ab halb 3 Uhr Nachmittagsvorstellungen zu bedeutend ermäßigten Preisen, mit dem vollständigen Abendprogramm, statt. Sommertheaier in Waidhofen. Kürzlich fand im Sommerihcater in Waidhoien a. d. Abbs eine sehr gellmgene Aufführung der Oskar Straußschen Operette „Ein Wal.zerträum" statt, die dank der energischen musikalischen Leitung des t'Ctl als Sommergast weilenden Kapellmeisters Herrn Oswald Plasser sowie dcs gesanglich nnid schauspielerisch gleich guten „Leutnant Niki" des Herrn E. Baumgartner schr animiert belief. Gerichtssaal. Die Eisenbahnmagazine u«d dxr Mieterschutz . Die Dpeditions- und Tvansport-gesellschast „Slavia" in Wien erhob beim Bezirlsgericht Favoriten gegen die durch die Südbahngesellschaft erfolgte Kündigung des Magazins äm Matzleinsdorfer Frachtcubahnhofe die. Einwendung nach dem Mieterschutzgesetze. Das Bezirksgericht erklärte die Kündigung für unwirksam. Bei der über die Berufung der Südbahngesellschast vor dem Zivillandesger-ichte unter Vorsitz deZ.Hof- . rfitcS Dr. Hellmer (Ferialfenat) stattgehabten Verhandlung bestritt der Vertreter .der Südbahngcsellschaft Dr. Moritz S t e r n b e r g die Anwendbarkeit des Mieterschntzgesetzes auf die den Spediteuren gegen einen Pauschallqgerzins überlassenen Magainsteile, da diese nur zur Einlagerung der zur Weiter-- befördemmg mit der Bahn bestnnmten Güter dienen, weshalb. hier kein Mietverhältnis vorliege. Der Berusturgssenai gab dex Berufung Folge und wies die Einwendung als zur Ein-, leitung des gerichtlichen. Verfahrens über-. Haupt nicht geeignet zurück, Iveil das Uvbereinkomnwn der Eisen'bahn mit den Spediteuren in betreff der Benützung der Frachtbahnhofmagazine nicht als Mietvertrag anzusehen sei. : , Der Abbau der weiblichen BeamLe^ Die Buchfühverin im Postsparkässenamte Stephanie. Index wurde aus dem Staatsdienste entlassen, )veil sie den tschecho-sloivakrschen Staatsangehörigen Rudolfe Ruziczka geheiratet habe und hierdllrch selbst tschecho-flowakische Staats- ■ bürgevin geworden fei; Staatsbeanrtinnen in Oesterreich; können aber nur Oesterreicherinnen fein. Stephanie^ Rnziczka-Judex brachte nun gegen das Postsparkassenaant beim Berfassuttgsgerichtshofe eine Klage auf Wioderanstellung und. Bezahlung der bis jetzt rückständigen Monatsbezüge ein. -Sie sei als Oesterreicherin in den Staatsdienst getreten und ihre;- währcr^ be§ StaatsdienstvevMtnisfes erfolgte Heirat bilde keinen Grund zu ihrer Entlassung, um so-weniger, als ihr .' Gatte bis 1920 als Wehrmann beim Bolkswchr-Bataillon ge- - dient habe und schon durch seinen Eintritt in die Wehrmacht - österreichischer Staatsbürger geworden sei. Das beklagte Postsparkassenamt führte in der Gegenschrift aus, die österreichische Staatsbürgerschaft bilde die notlvenidige Voraussetzung nicht nur für die Anstellung als Staatsbewmtin, sondern auch für die Fortdauer des Dienstverhältnisses. Da die Klägerin durch ihre Heirat tschecho-flowakische Staatsbürgerin geworden^ sei, mußte sie aus dem Staatsdienste entlassen werden. Der Bersaffungsgerichtshof (Vorsitzender Präsident Dr. Bittor e l l i) wies die K l a ge a b, weil zur Entscheidung üb-: -die Wiederanstellung der Klägerin der Verfassungsgerichtshos nicht kompetent sei; insofern aber die Klage auf die Weiter- - bcahlung der jeweils fälligen Monatsbezüge gerichtet sei, sei ' die Klaae aus den vom Postsparkassenamte angeführten Gründen unbegründet. Die Mörder Lanbavs. Budapest, 27. Juli. (I. C. B.) In der heutigen Derhand» lung wurde der Advokat Franz Ruzfics einvernommen, der ausführlich die Ereignsse schilderte. Er sei in Vertretung Ferdinand Dobes bemüht gewesen, von Landart den Wein- . lcller, den dieser' seinerzeit von Dobe gekauft hatle, wieder zurückzuerhalten. Als ihm dies nicht gelang, sei er an bei: s Journalisten Kamillo Sipos herangetreten, dieser möge- Landau aus irgend eine Weise „entlarven". Sipos, der nie bei einem ungarischen Blatt tätig gewesen ist und damals M i l i t ä r r e ch e r ch e u r war, ließ auch Adolf Landau und dessen Sohn wegen Beleidigung des Reichsverw-esers verhaften. Die beiden Landau ivurden in eine: Ka s c r n e der Hauptstadt, in der eine g eh ei n: e M i«. i it ärorganisation ihren Sitz hatte, gosangeirgehalten. Ms die jüdischen Hanpffeiertoge herannahten, bot Adolf Landau seinen Peinigern 300.000 K. an, falls er die Feiertage bei seiner Famalie znbringen dürfe. Die Militärrcchercheure gingen auch aus den Vorschlag ein. Als jedoch die Familie Landau die erwähnte Summe nicht sofort herbeisckafsen konnte, begannen sie mit ihren Folternngcn und Peinigungen wieder. Am nächste:: Tag wurde Adolf Landau in seiner Zelle erhängt ausgeftmden. Der Prozeß wird voraussichtlich mehrere Wochen in Anspruch nehmen. , Die Augst vor Hejias. Budapest, 29. Juli. Die Staatsanwaltschaft hat gegen Ivan Hejjas ioegen einer in einer Sitzung des,Vereins'der Erwachenden Ungarn gehaltenen Rede dgs Verfahren wegen öffentlicher Ruhestörung erngvleitet. Sie inkvimmierte zwei Sätze, jener Rede, in denen Hejjas erklärte, daß er sst Izsak noch nicht seinen letzten Befehl erteilt habe und daß/ wenn es wieder auf dein ungarichen Firmament donnern werde, er der Blitzschlag für Budapest sein würde. Heute wurde vor dem Budapester Bezirksgericht in Straffachen die Verhandlung dieser Angelegenheit durchgesührt. Noch Einvernqhme Ivan HejjaS fatzder das Gericht den Beschluß, die Angelegenheit als nicht in seine Kompetenz gehörend dem Stvasgevichtshos zu überweisen, da,es in den Erklärungen Hejjas nicht eine Uelbertvotung, sondern das Ver> brechen der Aufreizung erblicke. ' ' ' - Der Untersuchungsrichter hat die wegen der westungarischci: Affäre in, Haft befindlicher: f ü n f. B e s ch u l d i gt e n aus freiem F u ß gesetzt. Der Staatsanwalt hat - gegen diese Versi'igung rekurrierst doch wurde sie vom Anklagesenat'''des- Gerichtshofes - Mfvechterhalte:^. / ammasasmä