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Wiener Morgenzeitung · 1922-07-23 · Heft 1249 (23.7.1922) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1249 (23.7.1922)
Date
1922-07-23
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Kr. 1249 Wien, Sonntag Hejjas mtd die.„Erwachenden". Budapest, 22. Juli. (Tel. der „Wr. Morgeuzeitung".) Auf die Nachricht von der Verhaftung Ivan Hejjas hielt der Verein der Erwachenden Magyaren eine Sitzung, in der die Angelegenheit verhandelt wurde. Wie verlautet, stehen weitere Verhaftungen 'bevor. Es sollen auch solche politistlsi Persönlichkeiten in Haft grntMwLn werden, die bisher in der westungarischen Frage keine Rolle gespielt haben, gegen die jedoch die Polizei schwerwiegende Belastungsmomente besitzt. Hejjas schreibt allder Z^lle an der: Verein der Erwachenden Magyaren einen es, in dem er darauf hinweist, daß er in eine Zelle gebracht wurde, in der bisher uux solche Leute angehalten 'wurden, die aus der Gesellschaft ansgestoßen sind. Er Littet, man möge seine Angehörigen trösten, er werde ihnen keine Schande, sondern nur Ehre machen. Er werde uns Kecs kernet und das ungarische Volk nur Glanz werfen. Wie verlautet, dürfte die Aktion der Regierung gegen die Bandenbewegung in Westuugarn auf außenpolitische Momente zurückzuführen sein. Die Regierung legt Gewicht darauf, daß die Nachfolgestaaten volle Beruhigung darüber erhalten, daß sie jede Aktion unverantwortlicher Elemente an der Grenze energisch verhindere. Die Regierung will die Gelegenheit gleichzeitig dazu benützen, allen Bandenbewegnngen, die sich in der letzen Zeit wieder in der Hauptstadt und in der Provinz bemerkbar gemacht haben, ein für allemal ein Ende zu bereit?-». Die Verhaftung Hejjas' erfolgte wegen geheimer Anwerbung. Hejjas erklärte Lei feiner Einvernahme: Er habe seit längerer Zeit die österreichischen Ereignisse beobachtet und den Eindruck gewonnen, daß in Oesterreich pie Ausruftlng der Prolctarierdiktatur unvermeidlich sei. Er rechnete damit, daß in diesem Falle die Nachfolgestaaten Ungarn wie einen Ring umschließen werden. Da sei irr ihm der Gedanke entstanden, daß man nicht gestatten dürfe, daß die feindlichen Nachfolgestaaten das ehenralige Burgenland besetzen. Um dies zu verhindern, habe er eine planmäßige Anwerbung betrieben. Die Insurgenten wurden in den verschiedensten Städten des Landes organisiert und in Kompanien ungeteilt. Es wurde ihnen die Losung erteilt, in dein Augenblick, wo sie den Befehl dazu erhalten^ würden, sich in eine bestimmte Zentrale zu begeben. Wenn sich die fremden Truppen in Bewegung setzen würden, hätten sie den Befehl erhalten, das frühere ungarische Gebiet Oesterreichs zu besetzen. Hejjas erklärte, daß er sich nicht schuldig fühle. Er übernehme die Verantwortung für alles, was er getan. Hejjas wurde nach feiner Verhaftung zur Staatsanwaltschaft des Pester Landbezirkes gebracht. Heute wurde auch der Abgeordnete Georg Hir verhört, in dessen Wohnung die Insurgenten Weisungen und Bezahlung erhielten. Ein „erwachender" Mörder. ' Budapest, 20. Juli. (I. C. B.) In Städtchen Abonh ..skrde >der angesehene jüdische Kaufmann Albert Lederer §n seiner Wohnung von dem Mitglied der Erwachenden Magyaren Dr. Balasz .während einer privaten Auseinandersetzung als Jude beschimpft und mit «ment Revolver erschossen. Der Ermordete wurde bereits vor zwei Jahren in I z s a k von den kürzlich verurteilten Pogromisten mißhandelt und ausgcplündert. Im InternierteAlager. Wie „Egyenlöseg" midt-eilt, befinden sich derzeit •ilo Juden im ungarische» Internierten^ager Zalaegcrszeg, die die -grausamsten Leiden mitzumacheu haben. So befinden sich dort die beiden jüdischen Familien Sch w 4 ugenkrug und M a y r o v >i c, die als unliebsame Ausländer nach Galizien ausgewiesen wurden und sich seit drei Jahren im Lager befinden, Schwingenkvng mit fünf und Mayrovie mit sieben Kindern. In divfom Lager tvevde-n auch zehn jüdische Soldaten gefauge-ngchMen,- die erst jetzt aus achtjähriger russischer Kviegsgefangenschaft hevmgekehrt sind «nind deshalb interniert Wurden, weil sie als Kommunisten verdächtigt werden. Polen. Der Kampf um die Wahlorduuug. Warschau, 22. Juli. Die Verfassmigskommission hat sich tu der letzten Sitzung mit den vom- Landtag > zurückgeschickton Amendements zum Wahlordnungsentwurf beschäftigt. Die Ablindcruugeu betreffen vor asm die Zahl der Mandate, das System der Rcichslisten, ^das Verbot der Listenkoppolurrg und mehrere Bestimmungen über die Wähler. Gerüchte Aber antijüdische Exzesse i« Minsk. Danzig, 21. Juli. (I. E. B.) Nach hier emgegangenen <?er irf)te*u haben, sich am vorigen Smmtag in M i nsk?lusschrvitunMn gegen die.Juden ereignet. Der Zusammenstoß soll auf dem Markte stattgefundon haben und sehr blutig verlaufen sein. Bier.Todesopfer sind zu beKagen, -unter ihnen die Kommunistin Fisch mann und ein gewisser Grünberg. Verletzt sind zehn Personen. EinzeKMen stehen noch aus. . Litauen. Die achte Session des jüdische« Ratio«Llrates. ■' Kowno, 20.' Juli. (I. C. B.) Seit einigen Tage» findet hier die für die Dauer einer Woche 'anberaumte Session' der j ü d i s ü) c n. N a.t i o n a l r a t es für Litauen statt. Die Tagesordnung umfaßt eine ganze Reibe politischer Md Oyganiiatians- Wi'enev Morgenzeitung. 23. Juli 1922 Seite 5 und die rumänische Okkupation. Sine Interpellation Paul Sandoro in der Nationalversammlung. . Wie erinnerlich, hat im Mordprozeß von Jszak das Argument eine Nolle gespielt, daß die Juden von Jszak den Ruinänen eine hohe Summe in Aussicht gestellt hätten, wenn sie die Dauer ihrer Besetzung verlängern würden ,und der Mordbube H e j j a s hat feinen zu gringen Kerkerstvasen vevurteiltell Ku-nrpanen den Auftrag gegeben, die „jüdischen Hochverräter kalt z st m a ch e n. Die Beschuldigung des Hochverrates, die immer wiederkehrt, wenn man den Juden eins am Zeug flicken will, ist in dem famosen Prozeß vor aller Welt als haltlose Verleumdung ausgedeckt worden. Jin Anschlüsse an diesen Skandalprozeß ist auf oppositioneller Seite die Förderung ausgesprochen worden, jene Personen vor Gericht zu stellen, welche tatsächlich die Rumänen ins Land gerufen haben, und es besteht kein Zweifel darüber, daß. es. sich hier um eine Klique handelt, welche die Rückkehr des Liberalismus verhindern wollte, während seit Jahr und Tag von dem antisemitischen Chorus die Inden des Hochverrates bezichtigt werden, die es gewesen seien, welche die Rumänen ins Land gerufen und bestochen hätten, um der Strafe für den Kommunismus zu entgehen und sich unter dem rumänischen Regime zu bereichern. In der Nationalversammlung hat der Abgeordnete Paul Sandor die Forderung erhoben, daß jene Elemente vor Gericht gestellt werden ,welche an dem Einzug der Rumänen in Budapest verantwortlich seien. Sandor wies ansdie ungeheuerlichen Beschuldigungen hin, welche man gegen die ungarische Judenheit erhebe und besprach den Prozeß gegen die Pogromisten von I s za -k, welcher bewiesen habe, daß drei u n s ch u l d i g e Juden ermo rd^e t worden seien, weil man sie bezichtigt habe, sie 'hätten die Rumänen veranlaßt, die Okkupation artszudehuen. Die Antisemiten, erklärte Sandor, verbreiten Plakate,. welche einen rumänischen Soldaten darstellen, an dessen Füßen Juden Hänger. Es wurde auch behauptet, die Juden hätten bei den vmnämschen Besatzungs'beihötden ein mit 80.000 Unterschriften versehenes Bittgesuch eingereicht, in dem sie um die Verlängerung der Besetzung bitten. Wenn man behauptet, daß. Juden dies getan haben, ja warum reicht man dann auch nur einem einzigen jener Konfession Re Hand,-die diesen Hochverrat verübt hat? Jetzt beginne man langsam einzusehen, daß diese Beschuldigungen erlogen sind. Die Rumänen wurden in -den vornehmsten ungarischen Gesellschaftskreisen empfangen. Daß auch jüdische Schieber sie empfingen und mit ihnen champagnisierten, um dies zu Geschäftszwecker auszunützen, leugne ich nicht. In jeder gesellschaftlichen unk konftssionellen Schichte finden sich Elemente, die traurige Ereignisse zu ihren Zwecken ausnützen. Aber man darf dies auf keine Konfession verallgemeinern, weder auf die jüdische, noch auf die christliche. Man kann die Jndenschafi. nicht beschuldigen, sie habe den roten Terror gemacht. Ich habe in meinen Interviews "für das Ausland immer geleugnet, daß in diesem Lande Weiße» Terror herrsche. Ernst Nagy (ruft dazwischen): Schade genug! Paul Sandor (fortfahrend): Wie ich spreche, denken viele meiner Glmtbeusgenossen. lieber die Frage, wer die Rumänen ins Land gebracht habe, könnte vor allem der gewesene Kultusminister Julius Pekar, der Verbindungsoffizier, der in alles eingeweiht war, vieles sagen. Will Herr Pekar keine Aufklärung geben, kann ihn die Nationalversammlung dazu zwingen. Die sozialdemokratische Partei befindet sich im Besitz sämtlicher notwendigen Daten. Die rumänische Invasion hatte eine traurige wirtschaftliche Begleiterschermmg. Die Rumänen haben aus Ungarn Eisenbahnmaterial im Worte von 30 bis 35 Milliarden Kronen fortgeschleppt> obgleich dies hätte vereitelt werden können. Meines Wissens wurde 'bei der Leitung der ungarischen Staatsbahn schon während des Bolschewismus ein Plan ausgearbeitet, wie man das Eiserrbahnmaterial im Falle einer rumänischen Invasion ins Gebiet jenseits der Donau schaffen könne, wo bekanntlich die ungarische Nätivnalarmee unter der Führung H o r 1 h y s stand. Diese große Menge Eisenbahnmateriäls hätte fatz 5111: Deckung unserer Schulden genügt, da die Waggons Goldwert repräsentierten. Der zweite Teil meiner Interpellation .bezieht sich also darauf, warum jene, die das Eisenbahnmaterial hätten retten können — es stand ihnen genügend Zeit zur Verfügung — dies nicht getan haben. Die Interpellation Sandors fordert Anfktärnm. von der Regierung, wer die Hochverräter seien, welche die Rurnänen um die Besetzung der Hauptstadt baten. Ferner wird der Handelsminffter aufgefordert, Aufklärung zu geben, wieso das Eisenbahnmaterial ver- ' schleppt werden konnte, obzwar die Möglichkeit zu seiner Rettung vorhanden war. fragen sowie die Organisierung des HilsswerkeS für die Hungernden in Rußland. Palästina. Arabische Ansstrenunge«. Jerusalem, 19. Juli. (I. C .B.) Die Palast meirsische Regierung veröffentlicht eine Erklärung gegen einen Aufruf der arabischen Delegation an das ägyptische Volk und alle Mohamnredaner, wonach die Zionisten beabsichtigen, die M 0 s ch e e von A l A s k a r in eine Synagoge zu verwandeln. Diese unwahren Ausstreuungen werden offenkundig von Unhüilstfftern verbreitet. Die britische Verwaltung ist auf Grund des Aämdats dem Völkerbund für den Schutz der heiligen Stätten vemntwortlich, weshalb jegliche Einmischung in die religiösen Recht« der Mohammedaner ganz unmöglich sei. Rundschau. Der Dölkerbnndesrat. London» 22. Juli. (Molsi.) In der gestrigen Vormittags'. sitzung des Böltzrbundsrates berichtete der Generalsekretär über die Resolution der Warschauer Äonferenzzur Bekämpftmg der Seuchen und ersuchte den Gesundheitsaus-. schuß, sich emen deu-tschen Vertreter anzugliedern. Hierauf'wurden einige technische rmd wirtschaftliche Entschließungen ange-> nonrnren. Der Bericht über den Opiumhandel wurde dem Opiumausschrrß mit geringen Wbändemngm zurückgesendet, damit dieser bis zur nächsten VAkerbundsverfammlung im September ihn nochmals erörtere. Zwei der wichtigsten Punkte m-'de-m Berichte des Fimnz- und W-irtschaftsmrsschussts bezrrhen sich aus die Kapital sabwand er n ng und d ie Doppelbesteuerung. Das Ersuchen der tschecho-slowakischm Regierung, >der Völkerbuudrat rnäge in gewissen Fragen zwischen ihr nrtlb ihren Gläubigern als Schirdsvichder aüftret-en, 'wurde vom Ausschuß zur Annahme empfohlm. Bezüglich der DoppMesteuerung werde hervorgehoben, daß es m der gegenwärftgön Zeit der hchen Einkommensteuer nötig sei, ,Frrmen^ die in mehr Äs einem Lande Hat^vl zu treiben wünsch'm, nicht durch Erhebung der Doppelsteuer zu entmutige». Auch würde da8 Wkommen über Re Doppekbesterlernng von großen: Nutzen sein'und Angaben zur Feststellung der KapitÄSbewegnng aus einem Lande ins andere ermöglichen. Der Bölkerbnnd'mt ersuchte -ferner, über. Antrag V i v i ä n i, das Finanzkömitee, die Mittel zur Förderung der Stabilität des ©ei* de- Kl evwa-v«!- Poincare gegen Deutschland. lleberraschung in England. London, 22. IW. Wolfs.) Der diplomatische M-itarbe-iteE des „Daily Telegraph" schreibt, die Nachricht, daß Poinearc, ohne die Fertigstellung des Berichtes des Gavantvekomitees abzuwavten, den ftanzösische.n Vertreter in der Reparatwuskommission ersucht hat, alle Alliierten auszufordeM, eine absichtliche Nichterfüllung durch das Deirffche Reich festzustellen, und ein Movalvrium von höchstens sechs Wochen zu erklären, hat in London sehr überrascht. Vorläufig kann bemerkt we-rdsu, daß dies>e Instruktion des französischen Ministerpräsidenten cm den französischen Bertreter in der Reparationskommission den Eindruck macht» daß Poincare die frühere Auffassung mffgegchen hat, wonach die Kommission als eine unabhängige und souveräne Körperschaft ihre wohlerwogenen Urteile ohne jeden Eyrgriff der emzelnen ReMvungm fällen sollte. Man ist in London nicht geneigt, irgendtvelche übereilten Schritte zu tun» aber man ampfmde-t beträchtliches Mßtr-cmsn. Wenn Frankreich sich in der Minderheit befinden würde, würde es nicht imstande sein, sich auf den 'borühmt'M Paragraph 18 zu bevusen, um ein selbständiges Ergreifen von Sanktionen zu rechtfertigen. Ueberdies hat auch Poincare erklärt, daß Fraurkrelch eine derartige Aktion nicht unterstütz c n würde, -bevor es sich mit seinen AMierten beraten hat. Es ist daher schwer zu erkennen, was Poincare gewinnen kann. Es mag sein, daß der einzige Zweck seiner Note an Dnbois der ist, der nächsten Konferenz der Alliierten die Alternative e i n >e r Solidarität der Entente auf gewissen, von Frankreich svrnnllierten Grundlagen oder einer selbständigen Pölit-ik Frankreichs vorzulegen. Auf joden Fall ist der vom französischen Ministerpräsidelüen unternommene Schritt überlegt u u d folgenschwer, worüber man sich in England noch nicht genug klar ist. Es wird mrgebracht sein, daß die britische Regierung bei der Entwicklung ihrer eigenen PoNik die Herabsetzung der Kriegsschulden und der Reparationen mitein-ander in Verbindung zu bringen, sehr bchuffMn vorgcht. Kein deutsches Konsnlat in Australien. Melbourne, 21. Juli. Weuter.) Die. Regierung hat ihre Zustimmung zivr Ernennung eines deutschen Konsuls für Australien v e r w e i g e r t. Ministerpräsident Hughes erklärte, die Regierung würde sich nicht länger weigern, die HändelKöeziehungeu zu Deutschland wieder'aufzunehmeu, aber er glaube,, man brauche nicht den Mechanismus der dautscheu Lv,.nd»lsmaschine zu öbiw>.

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