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Wiener Morgenzeitung · 1922-07-21 · Heft 1247 (21.7.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1247 (21.7.1922)
Date
1922-07-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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EUziinammeriUoo Zum Abholen in der Expedition, ll.,Taberstr.l-3, pder in einerVerschleisstelle Trafik) monatlich K 2900 Mit'Postversand für Wien u. Oesterreich monatl. K 2900 Tschecho-Slowakei: Won, K20. Ungarn: Mon. SC 150, Jugoslawien: Moii, Dinar 25. Polen: Mon. Mark 800. Deutschland: Mon. Mark 60. Frankr e i c h : Monatlich Frcs. 6 teuer Tschecho-SlownIcQlB schech. K 1.20 Italien: Monatl. 6. Lir* Rumänien: Mon. 40. Lei Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frei. 3 Redaktion u. Administration Wien, 1I„ Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,4S-3~19, ab 6 Uhr abends 16-301. Tel.- Adr.:, Morgenzeitunjr*. Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 LKr. 1247 Wien» Freitag» 21. Juli 1922 4. Jahrgang Die BeLtz.tzmlg und „Wehrhaftmachung" der Zagend. - Falsche amtliche Berichte. WIK Die russische Extratour. -y. Wien. 21. Juli. Die Haager Konferenz läuft in bezug auf ihren offiziellen Zweck, eine Vereinbarung der Alliierten mit 'Rußland über die Kreditfrage vorzubereiten, resultatlos aus. Das Doppelspiel der rufsischen Delegierten, die den einen Tag für ihre Moskauer Radikalen, den anderen; Tag für Westeuropa redeten, hat die hestehenden Differenzen vertieft. Man ist heute von einer Aussicht auf Rettung aus seinem ökonomischen Tiefstand vielleicht weiter entfernt als je, zumal das Sowjetregime gegenlvärtig durch keine andere Konstellation abgelöst werden könnte. Die politische Zerrissenheit Rußlands ist so arg, daß keine bürgerliche oder sozialistische Partei Ordnung anbahnen könnte. /Der Bolschewismus ist doch noch lnenigstens eine Art Organisation. Wenn durch ein Fortschreiten des Hungertodes auch dieses ' System stürzen würde, wäre Rußland vollends ein Leichnam. Das Volk würde sich in seine letzten Atome auflösen. Eine Besserung kann heute weder von außen kommen, da sich Rußland verschließt, noch aus der Kraft des russischen Volkes selbst, dem jede politische Aktionsfteude genommen worden ist. Die.bolschewikische Herrschaft mit ihrer blinden Nachäffung des zaristischen Regimes, mit ihrer Armee, ihrem Galgen und ihrer Parteijustiz hat alle politische Initiative zerbrochen und die im Ausland lebenden russischen Parteien verlieren - im Elend des Emtgrantendaseins Maß und Zieh . Ist also die Haager Konferenz nach dieser Seite hin ohne positives Ergebnis geblieben, so war sie doch in hem Sinne wertvoll, als sie die Alliierten für lange Zeit davon abbringt, alle Kräfte an das russische Problem zu setzen. Die Entente kann an dieser! Fraga gegenwärtig nichts ändern und. sie hat .diesr«WeDem- ■€& werchet sich wieder Mi^EkketMoMisW^MWrr^MsMfMe-' sem Gebiet, das sie zu Unrecht vernaDUM hat, sind in der letzten Zeit Veränderungenzum. Schlechteren entstanden, die die wirtschaftliche Situation, der Ententestaalen sehr bedenklich in Mitleidenschaft' ziehen. Zum ersten Male hat Frankreich die Wirkungen seiner Reparatronspolitik am eigenen Leibe zü spüren bekommen, und es ist heute viel eher geneigt, dem Drängen Englands nach einer entscheidenden Aussprache zu ent-' sprechen. Man wird diesmal über eine akademische Erörterung hinausgehen müssen, weil ' die englische Regierung bereits mit sehr bedeutsamen Vorschlägen an Amerika herangetreten ist, rn denen es den Verzicht auf die Reparationszahlungen ankündigt. Die englischen politischen und Handelskreise sehen mit Angst auf das Herannahen einer neuen schweren Krise, die aus dem Marksturz droht. In der gestrigen Sitzung des Verban-, des der britischen Handelskammern wurde .eine Entschließung angenommen, worin esheißt, die Versammlung beobachte mit Unruhe den Mangel an Zielbewußtsein in der Reparationsfrage. Sie sei der Meinung, daß, solange nicht endgültige Richtlinien mit den alliierten Regierungen vereinbart und befolgt würden, eine Besserung im Handel in Europa nicht eintreten könne. In einer weiteren'Entschließung wird verlangt, baldigst eine. Reicbskonftrenz einzuberuftn, auf der die Regierung, Vertreter der Dominions uüd' die Handels¬ und Itrdustriekreise vertreten sein sollen, um sich mit der Frage der Entwicklung der Hilfsquellen des britischen Reiches zu beschäftigen. Der Vorsitzende der Versammlung, Sir Artur Shirleh Denn/ sagte, die Kaufkraft des europäischen Marktes betrage gegenwärtig uur ein Viertel im Vergleiche mit der Zeit vor dem Kriege. England werde - keine gewinnbringenden. Handelsgeschäfte machenbevor es den europäischen Markt wieder habe. England und Amerika müsse»' zusammenarbtziten, um die Märkte der Welt wieder in einen befriedigenden Zustand zu bringen. - Die gleiche Ziellosigkeit herrscht in der' österreichischen Frage.. Das . Generalpfandrecht U -bereits zu einem Rätselspiel geworden und es zeigt sich nirgends ein Anzeichen, in welchem Ausmaß die Alliierten das Notenbankprosekt unterstützen wollen. Es liegt zwar eine Erklärung der englischen Regierung vor-,- wonach sie uns die Durchführung des österreichischen Finanzplanes hofft. Aber aus dieser Hoffung kann Oesterreich nichts Positives und Ermutigendes in seinern Daseinskampf schöpfen und taumelt immer, näher - an den wirtschaftlichen und politischen Abgrund heran. Otzr Beschluß Ms italienischen Senates, Oesterreich . den Kreditvorschüß von 160 Millioen-Lire zu bewilligen,Ikommt schon etwas spät. Immerhin ist es erfreulich, daß die Entente an den Zentralpunkt Europas nicht vergißt und nach der russischen Extratour wieder zurttckkehrt. Wohin dir Verhetzung der deutschen Mittel- und Hochschuljugend durch die reaktionären antisemitischen Hohenzollern-Leute, wohin die „Wehrhaftmachung" und „Militarisierung" der Studenten führt, das haben die Vorgänge in Deutschland deutlich illustriert. Wir haben die österreichische Regierung und Oefsentlichkeit darauf aufmerksam gemacht, daß in Wien das gleiche verderbliche Treibe» geübt wird und Stellungnahme der für die innere und äußere Ruhe des Staates verantwortlichen Funktionäre gefordert. Die Regierung hat nicht umhin können, zur Frage Stellung zu nehmen, aber sie hat es in einer Weise getan, die nichts weniger als den guten Willen beweist, dem gefährlichen Treiben ein Ende zu bereiten. Wohl wurde die Richtigkeit der von uns aufgestellten Behauptungen zugegeben, aber es wurde gleichzeitig der Versuch unternommen, die unter Berliner und Münchner Kommando stehenden Wiener Organisationen zu entlasten und die Sache so hinzustellen, als handle es sich nur Uebergriffe einzelner Personen. Uebe^die „Wehrhaftmachungder JügeH sagte der in der Dorliwche -nchgeUNe amtliche Bericht: »>.■ -'v „Was den gegen „Nationalverband Deutscher Offiziere" erhobenen Börwurf betrifft, daß dieser Verband die Jugendlichen, und zwar insbesondere die Gymnasiasten, zum Zwecke der „Wehrhaftmachung" und „Ertüchtigung im Gebrauche der'Waffen" emexerziere und im Waffengebrauche unterrichte, habe« die bisher gepflogenen Einvernahmen ergeben, daß n ich t d e r „N ationalverbaud Deutscher Offiziere, wohl aber dessen Mitglied Oberst d. R. Herrmann Herrl i n g e r Fühlung mit Mittelschülerverbindungen hat, die er an Ortsgruppen des „Nationalverbandes Deutscher Offiziere^ anzugliedern bestrebt ist. Ob und inwieweit der ,-Nationalverband Deutscher Offiziere" durch diese — allerdings ohne Auftrag erfolgte — Tätigkeit seines Mitgliedes seinen statutengemäße» Wirkungskreis überschritten hat, darüber sind die vereinSbehördlichen Erhebungen im Zuge." Wir können den Behörden die mühseligen „Vereins-- behördlichen Erhebungen" ersparen. Die Behauptungen im amtlichen Bericht sind falsch und lediglich eine Reproduktion lügnerischer Erfindungen. Wir erbringen dafür sofort den dokumentarischen Beweis. . ..; Das uns vorliegerche Originaldokument trägt die Firma „Nationalverband Deutscher Offiziere, Landesverband Deutschösterreich", die Geschastszahl 84 der Verbavdskanzlei und das Datum vom 32. Marz 1922. Es lautet: „An alle Ortsgruppen! Ueber Anregung der Ar- :beitsgemeinschaft des D. B. (deutschvölkischen) SchutzunV Trutzb undes — Zweig körperliche Ertüchtign.ng und Wehrhaftmachung der Jugeüd , j ft i t i - her „Nationalverband Deutscher Offiziere" . die Leitung in letzterem Belange (Weht-. haftmachung) in die Hand genommen.. Cs kommen hierbei alle Pennalverbindungen (Mittels chülervcrbindungen), alle Fugendverbände, wie: Adler und. Falken, Wandervögel, Sturmvolk, Deutscher Mittelschülerbund usw. in Betracht. In Wien haben sich bis heute innerhalb kürzester Frist 14 Pennalverbindnngen sowie eine Anzahl Jugendlicher aus anderen Verbänden, beziehungsweise Vereinen zusammengeschlossen, welche durch den „Nationalverband Deutscher Offiziere" militärisch ausgebildet werden. Der „Nationalverband Deutscher. Offiziere" übertrug die Oberleitung in dieser Ausbildung seinem Mitglied Ober st Herr mannHerrlinger, Wien, 16. Bez., Lerchenfeldergürtel 57, Tür 22, wohnhaft, welcher auch in Hinkunft die Oberleitung für den ganzen Landesverband Oesterreich führen wird. Nachdem der „Nationalverband Deutscher Offiziere" das größte Interesse hat, die gesamte Jugend Oesterreichs, soweit sie völkisch ist, in diese Bewegung hineinzubringen, da die später angeführten Pennalverbindungen selbst mit der diesbezüglichen Bitte um Wehrhastmachung herantraten, werden die Ortsgruppen aufgefordert, ehebätdigst die Namen und Anschriften jener Offi^iere hekAZM LH gLhen, welche sich f r ei willig erbötig machen, im Belange des Wohles unseres Volkes im Standort der Ortsgruppe diese Vorbildung zu le i t e n, die, soll sie ein wirkliches brauchbares Ergebnis zeitigen, von einer Zentralstelle aus geleitet und nach einem einheitlichen Plane durchgefiihrt werden muß. Diese bereits feststehende Einteilung des Borbildungsstoffes wird den betreffenden Ortsgruppen, beziehungsweise Herren durch Oberst Herrlinger schriftlich bekannt gegeben werden. Sollten die betreffenden Herren zufällig Wien als Aufenthalt nehmen, wenn auch nur vorüLergehenderweise, so Ware es angezeigt, daß diese Herren gegen vorherige Bekanntgabe der Trefsnngsmöglichkeiten mit Herrn Oberst Herrlinger Aussprache pflegen. Bisher wurden folgende' Peunalburschenfchafteu (Mittelschülerverbindungen) außerhalb Wiens für. den Borbildungsgedanken gewonnen: Anitas und Markomannia-Klosterneuburg, Gothia-Krems, Silesta-Waidhofen a. d. Ybbs, Markomannia-Leoben, Arminia-Graz, Germania-Wiener-Neustadt. Andere werden später bekannt gegeben. Mit treudeutschem Gruße, der Geschäftsführende (eigenhändige Unterschrift): Josef Legat, Oberst." Das Dokument, trägt, wohl zur Hervorhebung der besonderen Eignung des mit der Oberleitung betrauten Jugendbildners Herrlinger, den handschriftlichen Vermerk: „O b e r st H e r r l i n g e r, S t r e ck e tt l i n i e n m e i st e r der Staatsbahnen, Direktion Weftbahnhof, sprengte die „Reigen"-AuffLhrung, war mit der Aushebung der Rossauerkaserne, der Entwaffnung der Wachtposten und der Aushebung der dortigen WaffendepotS betraut." Weiters den Vermerk, daß bereits drei Kompagnien ausgebildet sind. , Wir fragen nunmehr die Negierung an, ob sie ihre. Behauptung von der Unschuld der beteiligten Organisationen aufrecht erhält, und ob sie gewillt ist, diesem frechen Spiele mit der deutschen Jugend, das in Deutschland Ströme von Blut entfesselt und den Staat an den Rand des Abgrundes gebracht l,at, ein Ende zu bereiten. Die Beweise für das Besten der Umtriebe haben wir erbracht. Alle behördlichen ^..sreden sind eitel.

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