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Wiener Morgenzeitung · 1922-07-20 · Heft 1246 (20.7.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1246 (20.7.1922)
Date
1922-07-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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! EiaztlnmnierKioo tyTieir. Zum Abholen in der Expedition, II.,Taboratr. 1-3, oder in einerVerscbleisstelle Trafik) monatlich K 290C Mit Postversand für Wien u. Oesterreich monatl. K 2900 Ts che c h o-Slowalc e i Mon. K20. Ungarn: Mon'. K 150. J u g o s 1 awi e n: Mon, Dinar 25. Polen: Mon. Mark 800. Deutschland: Mon. Mark 60. Frankreich: Monatlich Frcs. 6 teuer Ts«necbd-$fiw'wMfc«h schech. K 1.20 Italien: Monatl. 6. Lire Rumänien: Mon. 40. Lei Schweiz und das. übrige Ausland monatlich Frcs. 3. Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3*19, ab 6 Uhr abends 16-301, Tel.-^dr.:,Morgenzeitung*, Wien Oeö^erreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Rr. 124« Wie«, Donnerstag, 2«. Zuli 1922 4. Jahrgang Demonstrationen. —/.Wien, 20. Suli. Die Züricher.Notierung der österreichischen Krone kst gestern unverändert geblieben. Das Ausland hält es nicht für geboten, sein im Kurse von 0.017 js ausgedrücktes Urteil über die Gesamtläge des österreichischen Kleinstaates zu ändern. Dagegen sind in Wien Ereignisse eingetreten, deren Tragiveite. für die innere wie für die äußere Entwicklung eure unverkennbar bedeutende ist. Der Wirbeltanz der Preise für bie Artikel des täglichen Bedarfes hat einen Wahnsinnsgrad erreicht. Auf den Märkten waren Drohungen der verzweifelten Frauen gegen die Händler zu hören, die die stüändische Ware, Fleisch und Gemüse, als Auslandsware behandeln. Fett stieg auf 14.000 K., Zucker ging über 6000 K., Rindfleisch über 9000 K., einheimische Kartoffeln auf 1400 K. Die Märkte mussten-unter starken Polizeischutz gestellt werden. Die Frühzeitungen Verlautbarten die Erhöhung des Brotpreises von 1700 auf 2170 K. Und kündigten eine im August beginnende Erhöhung sämtlicher Verkehrstarise für Post und Eisenbahn an. Daraufhin legte ein Teil der Arbeiterschaft dje Arbeit nieder und marschierte vor das Parlament. Alle Kausleute schlossen rasch die Läden, die Herren Abgeordneten, die sich noch aut Dienstag so köstlich über die Rabbiner- Witze des Herrn Sever unterhalten hatten, krochen bleich und blaß hinter dem Polizeikordon zusammen, während. am Athenes-Brnnnen neben einer Sowfetsahne einGalgen anfgepftanzt wurde. . Die Dringe sind auf die Spitze, getrieben. Es gibt hoffentlich, mit Ausnahme-der Pärteibonzen im Nationalrat, niemanden, der nicht.fühlte, daß die mit unsäglicher Geduld zurückgedämmte Explosion jeden Augenblick erfolgen, kann.- Sicherlich wären ..ihre Wirkungen alles eher W -W. und. sie.würden eine Erleichterung der Lage nicht herbeiführen. Aber in solchen AituNtioNet^ Versagt jede. Vernünftige Erwägung. Die breiten Massen' sehen die Situation, so wie sie sich entwickelt hat, so wie sie ist. Sie sind, die metpetroffenen Opfer des Schlagwortes von den: lebensunfähigen Staat, das alle Energie, gelähmt und alle Kräfte auf die Erwartung der auswärtigen Hilfe eingestellt hat. Sie sind Zeugen der von allen Seiten, von allen Parteien betriebenen Sabotage der Finanzreform, die so lange als möglich — auch von seiten eines Regrerungsmitgliedes — verschrien wurde, bis ihr die Geldentwertung über ein Drittel der Basis weggespielt hatte. Die staatserhallende Klasse der Bauern drückte sich als erste von ' den Lasten des Finanzplanes; ihr folgte die Hochfinanz, die den Anteil cm der Fundierung der Notenbank auf ein Minimum hinunterhandelte; die Sozialdemokratie deckte vor allem den Index für Arbeiter und Beamte und schuf damit neue, ergiebige Arbeit für die Notenpresse. Diese Geschichte der Vorstadien der Finanzreform zeigt, daß zwischen den einzelnen Klassen in Oesterreich überhaupt nichts Gemeinsames besteht als nur die Ablehnung aller Pflichten. Einig sind sie alle nur in der Forderung, daß die anderen zahlen sollen, und in dem Wunsch, durch einen mit Diktaturallüren eingreifenden ckeüs ex machina von der Not befreit zu werden. Sie sehnen sich überhant sehr nach der Gewalt. Der allgemein auftretende Wunsch nach einer Neuauflage . der zentralen Bewirtschaftung der Lebensmittel entspringt dieser Sehnsucht und' erweist die totale Unfähigkeit zur Demokratie» Das ist eine aus der Konstruktion der Bevölkerung zu erklärende Erscheinung. Sie-hat nie für sich sorgen, sich bescheiden gelernsi Sie hat bis zum Krieg alle Politik und Wirtschaft der Dynastie und Bureaukratie überlasten. Im Krieg ist sie an die Bevormundung durch die Aemter und die Polizei gewöhnt worden und'hat diese-Anschauungen in die Republik hineingetrageu. Die Bevölkerung läßt sich von den. gottverlassensten Parteien gängeln. Wird es ihr zu viel, dann demonstriert sie.. Sie erkennt nicht, daß das harte Schick sal aus dem verlorenen Krieg herstammt und daß es einer generationenlangen Erziehung der Jugend bedarf, ehe ein neues Geschlecht an das Staätsrnder treten kann. Die Parteien, unter deren Händen heute die Bevölkerung verröchelt, haben den Krieg gepriesen, sie sind schuld an dem Elend und sie Müßten. einzeln und solidarisch zur Verantwortung gezogen werden für ihre Schuld und für die Hetze, die sie fetzt betreiben. Der gestrige Tag ist eine Warnung an alle, die es ängeht. Die Fortsetzung der Politik der Nadelstiche und der dummen Intrigen, die Fortsetzung der von München Und von Budapest hier angelegten Pogrompolitik, deren Frechheit wir in den letzten Tagen' durch unanfechtbare Dokumente ängeprangert haben, führt zu ärgerem als dem'Zusammenbruch des Staates. Sie führt Mich. StiMMUngsAmschwung im Haag. R o m, 19. Juli. Der Berichterstatter des „Messaggero" im Haag legt die Gründe dar, die zu einer Wendung in der Konferenz geführt haben. Gegenwärtig.bilde nicht mehr Rußland die Hauptsorge, sondern die finanziellen Schwierigkeiten Deutschlands und Oesterreichs. Die englischen Bankett erklären, die Krise in Mitteleuropa und insbesondere in diesen beiden Ländern wirke auf die europäische Lage bestimmend ein. Diese Krise sei g e s 8 h r l i chi e r als die russische Frage. Die Ansicht der City habe einen Umschwung in der Stimmung der englischen Delcgatton hervorgerufen, die zunächst eine Rekonstruktion Deutschlands fordere und kein. Interesse mehr für Rußland bekunde. Auch die englischen Blätter erinnern an das Problem Oesterreich und Deutsch» laufe und sagen, daß es der russischen Frage Vorangehe. Ern Zusammenbruch Oesterreichs und Deutschlands wäre weit gefährlicher als der schon erfolgte Zusammenbruch Rußlands. Der Berichterstatter fügt hinzu, auch die fran- -zöfischen Finanzkreise hätten ihre Ansicht hinsichtlich des deutschen Problems revidiert. Die Pariser Banken seien für ein Moratorium und erklären, die verfügbaren Gelder Europas seien zu mobilisieren, um Deutschland und Oesterreich zu helfen. Die europäischen Staaten haben also bei der Haager Konferenz erkannt, daß das europäische Problem wichtiger sei, und hätten Rußland beiseite gestellt. Oie Sitzung des MrMrates. Die Mandate. P a r i s, 19. Juli. (Tel.-Komp.) Der Bölkerbundrat hat sich in seiner gestrigen Sitzung mit der M a n d a t s s r a g e besaßt und folgende- Mandate bestätigt: Für Belgien Belqisch-Ostasrika, für Frankreich Französisch-Kongo und Kamerun, für Großbritannien Englisch-Kongo, Kamerun und Ostafrika. Lord Balso ur. gab eure Erklärung ab, demzufolge die Berhandkungen Großbritanniens mit den Bereinig t e n Staaten über Pal8st ina un d Mesopotarn i e-n. -f;. einer Y o ll körn men e n, Ein i g u n g Mnhrt habew Graf 'Kfht^MWWfffShsotntio« gegen Alkoholmißbräuche vor.; : n Dev Streik let Uraher. Jerusalem, 1L. Juli. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Der von den Arabern inszenierte Generalstreik zum Proteste gegen das palästinensische Mandat ist bisher ruhig verlaufen^ Fast , sämtliche arabischen Geschäfte und Werkstätten sind, geschlossen. Im arabischen Viertel haben die jüdischen Geschästszum Zusammenbruch eines Volkes mit allen Begleiterscheinungen, . die wir aus der Geschichte aller Völker und aus dem Schicksal Rußlands kennen. Aber auch für die Entente sind die gestrigen Demonstrationen ein Signal, ihre Politik der leeren Freundlichkeiten, die aus die Dauer zu einer Verhöhnung werden, cmfzugeben. Schon fetzt herrscht in den führenden Stellen der Tschecho-Slowakei Bestürzung, und das Prager Kabinett erwägt einen Schritt bei der Entente. Ohne Kredite und ohne Revision der Verträge im Sinne einer vollkommenen Aufhebung der Reparationen für Deutschland und Oesterreich ist das Chaos nicht aufzuhalten. ' Gesamtdemrsston der italienischen Regierung. Rom, 19. Juli.' (Stefarn.) In der heutigen Sitzung der italienischen Kammer wurde ein Mißtrauensv o t u m gegen die R e g i erst n g mit 288 gegen 103 Stimmen a n g e n o nt nt c n. Für die Regierung stimmten nur die Nationalsozialisten, die Agrarier, die Demokraten und die Rechtsliberalen. Um 7 Uhr abends begab sich Ministerpräsident Facta zum König, dem er die Demission des Gesamtkabinetts überreichte. Der König bchielt sich die Entscheidung vor. Die Demission der Regierung wird'morgen im Parlament' zur Kenntnis gebracht'Werden. Rom, 19. Juli. Das Hauptinteresse in der . heutigen Kammersitzung erweckte die Erklärung Mussolinis, der die Regierung als z u s ch w a ch bezeichnete. Wenn sich ans der .'Krise'eine Gewaltreaktiön gegen den Faszismus ergeben sollte, würde dieser mit der größten Energie dagegen Vorgehen. Seine Anhänger, die über eine Million zählech wurden mit einer Insurrektion erwidern, doch zögen sie eine legale Entwicklung vor. Der Volksparteiler G r o n ch r verwies unter lebhaften Unterbrechungen seitens der Rechten auf die Unhaltbar k e i t des B ü r g e r r r i e g e s und begründete eine Tagesordnung, - worin zum Vorgehen gegen die G e w a l t aufgefordert wirb Inhaber ihre Läden gesperrt. DK Araber fordern den Emir A b d n l a h in Transjordanien auf, zum Proteste gegen das palästmensrsche Mandat zu demissionier c n. Sämtliche Gassen und Marktplätze sind menschenleer. Die Araber verhalten sich ruhig. Bisher haben keine größeren Versammlungen staltgefrmderr. Der Bahnverkehr entwickelt sich regelmäßig. Auf dem Lande haben sich einige Zwischenfälle ereignet. So wurde in der Kolonie Ekr o tt von Arabern der Versuch gemacht, sämtliche t ü d is ch e n G e t,reife c speiche rin B ran dzus e tz em " MückWHcMise mißWg deLWr^ strch und. die arabischen Attentäter wurden söforL v .e-t« h a s t e t. Im H a i s ü< wuOLN einige Araber, die .deü Juden Waren angeboten, von den Streikenden überfallen und geprügelt. In Haifa sind telegraphische Nachrichten eingclangt, daß in mehreren syrischen Städten antisranz ö s i s ch e D e m o n st r a t ione n ausgebrochen sind. Den französischen Besatzrmgstruppen ist es gelungen, die Unruhen zu unterdrücken, wobei sieben Soldaten schwer verwundet wurden. Abg. T u r a t i erklärte, die Regierung sei ein G efangener des Faszismus und der kapitalistischen Reaktion. Die Kammer habe heute zu entscheiden, ob Italien künftig ein zivilisiertes Land sein oder ob es der Barbarei verfallen werde. Hierauf wurde -zur namentlichen Abstimmung' ge> schritten. Nom, 19. Juli. Tie Mehcheitsführer hatten heute vormittags den Ministerpräsidenten aufgefordert, durch die' Demission eine Debatte in der Kammer zu vermeiden. 'Die Regierung lehnte jedoch diesen Vorschlag ab, da sie eine Entscheidung durch die Kammer wünsche. Maßregelung deutscher RegLeruWs^ Presidenten. Berlin, 19. Juli. (Wolff.) Die Regieruugspräsidenteil ' von Merseburg, Cvblenz, Aachen, Aurich, Münster und Hildesheim sind aus allgemeinen politisichen Gründen in den zeitweiligen Ruhestand versetzt worden. Das HorLhy-ChristenLum Marschiert schon wieder. Wien, 19. Juli. Amtlich wird gemeldet: Der Grenzyrt Hagcrsdorf im südlichen Burgenland wurde in der Rächt von gestern auf heute von ungarischen, mit Gewehren, Mcischinengewehren und Händgranaten bewaffneten Kräften überfallen. Die den Ort sichernden Bundestruppen haben den Angriff der ungarischen Banden nach zweistündigem Feuerkampf angewiesen. Die durch, den ungarischen Ueberfall notwendig gewordenen Maßnahmen sind getroffen. Die ö st e r r e i ch i s ch e Regier n n g hat sogleich nach dem Einlangcn der ersten Meldungen über die wiedereinsetzende Bildung von ungarischen Banden , alle notwendigen diplomaüschen Schritte eingeleitet, um auch auf diesem Wege den Versuch einer neuerlicbe.n M>anrnhigung des Burgenlandes abznwehren.

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