Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1238 (12.7.1922)
- Date
- 1922-07-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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liaZSlRSBlMf K100 Zj<h» Alfholen in der Expedition, II.,Taborstr.l-3, oder in «inerVerschleisstelle ^Trafik) monatlich JC 2900 Mit Postversand für Wien u. Oesterreich monath K 2900 Tsehe ch o-S löwakei: Mon.;K20. Ungarn: Mon. K150. Jugoslawien: Mon. Dinar 25. Polen: Mo*. Mark 800. Deutschland: Mon. Mark 60. Frankreich: Monatlich Frcs, .6 Nr. 1238 Wie», Mittwoch, 12. Autt 1922 fseheeiio-siowsiCBij ischech. K 1.20 Italien: Monatl. 6. Lir« Rumä ni en: Mon. 40. Lei Schweiz und das übrig« Ausland monatlich Frcs. $, t Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abends K-301. Tel.-Adr.: .Morgenzeitung*, j / Wien .• Oesterreichisches Postspar« kassen - Konto Nr. 150.693 4. Jahrgang Auf der schiefen Ebene. , V i e n. 13 Juli 1922. Zu der schweren politischen Krise, in die der Mord an Rathenau-Deutschland gestürzt chat, -gesellt sich eine finanzielle-Katastrophe, die bereits zu sehr nachdenklichen Erwägungen in den Ententestaaten Anlaß gibt. Man könnte fast sagen, daß die Panik,wieder Marksturz Hervorrust, bei den-Siegern stärker ist als in Deutschland. Die Meldungen..'aus Paris und London lassen dies genau erkennen. „Petit Parisien" zufolge sind die Mitglieder der Reparatwnskommission der Ansicht, daß ■ die Gewährung eines Moratoriums - an Deutschland nicht genügen werde, um die'Folgen, die der Martsturz sür die stanzösische Valuta gehabt hat, ' aufzuhalten. Es werde unter allen Umständen eine äußere Anleihe notwendig sein.'Das Blatt erinnert in diesem Zusammenhang darandaß Poincare wiederholt,erklärt habt, es werde eine solche Anleihe notwendig sein und daß er sich Vorbehalten habe, zu geeigneter Zeit auf che zurückzukommen. In London hat Montag abends ein Kabinettsrat stattgefunden. In dieser Besprechung betonte Lloyd George, der sich mehr und mehr zu den Ansichten Keynes und Mae Kennas bekGrt, daß nur die Bereinigten Staaten die erforderlichen Mittel zur Beschwörung, der wirtschaftlichen Krise Europasin der Hand hätten, daß aber die Washingtoner Politik, bestärkt durch die Ansichten des Morgatt-Komitees, auf die Nichtbeteiligung an europäischen, diplomatischen und finanziellen Angelegenheiten gerichtet sei. Die englische Regierung habe nach der Rückkehr Sir Aückland Geddes nach London eine inoffizielle Bestätigung dieser Politik erhalten, die die Bereinigten Staaten unbedingt so lange, fortjetzen würden, Äs nicht wenigstens zwei unter .den alliierten Mächen, das: heißt Frankreich^und (Englarch^ zu einem MnWstWnP. gelangt wyM- ÜM einen.ge-. Mittfamen alldemsich auch Amerika beteiligen könM.. Das einzige Mittel zu einem Einverständnis zwischen Frankreich- und England könne nur in einem beiderseitigen Verzicht liegen^ Tatsächlich hat der englische Premierminister bereits im Unterhaus eine Redmtion der eng'u scheu Ansprüche auf die deutschen Reparationen auf 22 Prozent angekündigt, die zugunsten Frankreichs geh:-i sollen, falls Frankreich auf albe Gewaltmaßnahmen verzichtet. Alle diese Erleichterungen haben nut geringen Wert, weil sie zu weit von der Wurzel des Hebels entfernt sind. Die deutsche Finanzkrise steht in direktem Zusammenhang mit den Mordassaren der letzten Zeit. Diese Vorfälle wachsen sich zu einem großangelegten Komplott gegen das Leben des ganzen deutschen Volkes aus uno sie wirken, wie uns in Wien besonders empfindlich deutlich wird, auch auf Oesterreich. Die deutsche Regierung ’ war nach dem Scheitern der Anleiheverhandlungen in Paris zwar in Schwierigkeiten, konnte sich aber doch auf die starkett Devisenreserven aus . der Industrie stützen. Die. Ermordung Rathenaus und die Furcht vor Putschen oder Neuwahlen zwang' die.Industrie zur panikartigen Eindeckung mit Devisen zur Sicherung der Rohstoffversorgung. Im inneren--Geschäftsleben Deutschlands zeigten sich plötzlich die gleichen Verfallssymptome wie in Oesterreich. Die. Spannung zwischen dem äußeren und inneren Wert der Mark wurde immtzr geringer. Der ursächliche Zusammenhang dieser Entwrcklungsstadien mit den - Politischen Vorgängen, ist nicht zu verkennen. Am Tage vor der Ermordung Rathenaus hatte Helfferich in einer Reichstagsrede das Mißlingen der Anleiheverhandlungen freudig begrüßt. Was seither in Deutschland geschieht oder vielmehr nicht geschieht, fördert nur die Entwertung der Arbeit und die politische Radikalisierung. Die Rechtsparteien haben nur zu gut ihr Werk der Zerstörung der Republik vorbereitet. Sie lassen es aber yicht bei der Sabotage der Wirtschaft bewenden. Die bayrischen Mithelfer ay der Mordjhetze nehmen .jetzt offen und . ungescheut alle Staats- und Landesfeinde unter ihre Protektion. Sie haben, ihren ' Separatismus. wieder hervorgeholt , und droben mit der Sprengung des Reiches, wenn das. Gesetz zum. Schutze. . der Republik nicht ihren Wünschen, gemäß umgemddelt würden Bayern ist bekanntlich, eine Oxdnüngsze.lle, in der jede antisemitische Gemeinheit durch irgendeinen Paragraphen gedeckt wird. In dieser Ordnüngszelle wird aber nicht allein, der Iuhenmord gepredigt', dort ist auch ein sehr wichtiges' Zentrum, der. s detttschest. und der europäischen' monarchistischen 'Reaktion.Jn Bayern sitzen die - Erfinder der ,Geheimorganisätio.nett und der bewasfneteill Einwohnerwehren, ,dö.rt 'leben die 'russischen Monarchisten und maghaxilchen, .Agenten^ die alle M Minister Waber yritzhrstücht sein Amt im Dienste von Einbrechern und ‘ W asienschrnvHAlevN. — Ej? liefert ihnen Aktenstücke ans. Den Diebstahl der 10.000 Kronen stellt Gadringer iü Abrcdr. Benierkt sei jedoch, daß er wegen eines Eigentumsdeliktes vorbestraft erscheint. - Wir haben in einer unserer letzten Nummern über die Waffenlager und die verbrecherischen Umtriebe. des Naüonaloerbandes'deuffcher Osfiziere, Landcsstelle Oesterreich: nuddittihm verwandtesOrganisationen berichtet und bei dieser Gelegenheit mitgeDt?daß der großdeutsche Minister Wab^r im.Dienste -dMer'-Huischiste» ssejn Amt mißbraucht/ ihre Verfolgung-behindert, und so weit geht, den--'. Beschuldigten. amttiches^Meystycke.- üuSzufolgen. Wr sind heute;in der Lage/ die Oeffentlichkeit mit dem Inhalt eines derartigen Aktenstückes vertraut zu machen, Es bezieht sich auf einen Ein br «sch in die Wohnung Politlscher Gegner, welcher von Angehörigen der oben genannten Organisation' -ans ch einend i m Auftrag der Bu da Pest er Horthy-Regierung verübt wurde und bei welchem Geld und Schriftstücke gestohlen Wurden. DiePollzei hatte die Täter festgestellt, über her Nationalverhaird'deutscher Offiziere' hat durch den großdeutschen Abgeordneten Dr. U r s i» den damaligen Innenminister W abe r zum Schutze der Parteigenössischen Perbrecherattgerusenund Dr, Waber hat prochpt gearbeitet. Er Hai.sEort..einen Bericht d er ihm unterstehenden Polizei birektion . eingeh o lt li tt d d i e s e n i m Ori g l q l > d e m N a t ion a t- - v e r b a n d de u t s ch e r Offiziere zur „v e r t r a u-- M ch e st" De^ntttisnahmtz v-rgelxgt.. ' «onj »ragt^Äben folgenden -Fa l i ch e ns yr e-r d t4 Min ist er s H chbM'- ' ' **$ 4 h a b^ m ichffog l ^ich nach E i n l a n g e n di i efe s des D r. U rsinan' die Pol i z e id i^r e t i io n : g r we n b ttuit d ch ad e folge n - e Mitteilung erhalten: - Der nuu folgende Polizeidircktionsbericht lautet: , »Äw:% Juni 1921 kamen mehrere Personen, die sich selbst als „Hör t h h - An Han ge r"/Sezeichneten, in das HauS -Grinzingerstratze 42, in.welchem drei, kömmunistische Flüchtynge auS.Ungarn eine möblierte Wohnung inne. habe«, . öffneten, gewaltsam die Türe dieser - Wyhnuyg und nahmen in derselben eine Hansdurchsüchüng vor,, wobei sie, auch - verschiedene Schriftstücke an/ sich yahmem Räch Angabe, der WohnnngSinhaber vermißten dieselben, «ach ihrer Heimkehr auch eine Zehnlausendkronennote, die in derselben Ladf wie die Schriftstücke verwahrt gewesen war. Auf Grund einer vertraulichen Mitteilung, dab der Unteroffizier M.aximilia» G a d ring e.-r, der bis vor kurzem . Angestellter dos S e l b st sch u tz v, erst a it d e s, 3. Bez., Salmgaffe 4, war, mit mehreren Helfershelfern die Tat verübt habe, wurde Gadringer am 31. Ortober l921 angehatten und dem Sicherheitsbureau der Polizeidircktion überstellt. Gadringer gibt zu, die Revistön mit zwei Helfershelfer» dnxchgeführt zu' haben. Er habe über Auftrag des Ö bm an ne s des. Selbstschuhverbandes, O b e r st en Drag o n k, gehandelt und auch die saisierten Schriften an diesen ckögeliefert. '- 'T ' - Maximilian Gadri.nger wurde bereits dem SahkS* grrichte Wien einzeliesert. Aber Leutnant Bauer und - Oberleutnant Erich S p i tz e r (Anm. d. Ned^- Mitglieder des Nationalverbandes d«:tscher. Offiziere), die 6er Mitschuld an dem von Gadringer verübten Hansfriedensbrnch hezichtigt werden, wurden nach Einvernahme und Klärung des Tatbestandes entlassen und der Staatsanwaltschaft zur Anzeige gebracht. Oberst Dralgonl, , der sich nach Angabe Gadringers der Anstiftung zum Haus» fricdensbruche schuldig gemacht hatte und dehsalb gleich- . falls am 2. November 1921 verhaftet wurde, will de» Gadringer wohl mit Erhebungen über das „KommmiiKennest" Grinzing-xstratze 42, keineswegs.jedoch nicht mit der Vornahme einer Hausdurchsuchung betraut-haben. Auch er wurde nach Abschluß der erforderlichen Er- ■; Hebungen wieder auf freien -Futz gestellt und der Starts- - anwaltschaft angezeigt." : ■ Nun folgt wieder ein handschriftNcher Berin e r k des Jnnenministexs Waber. Erlautet: /,!. Herrn Natio nä lr atDr Josef Urs in, Hann 2; Ratio nalv erb an d d eüis chösterreich i sM e r O f f Hz i-MböMeutnant Legat) z u r gel rg e n M r't r ä ü l i'ch en Ä e n Üt n is! DFil deutschem-Grüß bin ich Ihr ganz ergehener Wabert" -' "'V--; ' Der Akt trägt die Einlaufszahl 310 der Kanzlei des Nationalverhandes deutscher Offiziere und das.Einlanssdatum 7. November 1921. Nach einem.Vermerk des Geschäftsführers Oberst L e g a t wurde dez: Akt sofort den Mitgliedern des Präsidiums, General Kraus, Obersten B u l e y und Obersten Pr o h a s k a, vorgelegt. Auch würde laut Vermerk der' am Einbruch beteiligte Oberleutnant Bauer beauftragt, s i ch s o f o r t p e r s ö n l i ch. m i t M i n i st e r. Wabe r in Verbindung zu setzen, Das Refültat dieses Amtsmitzbrauches deS „ganz ergebenen" Ministers Waber und seines intimen amtlichen Verkehrs mit Einbrechern und ihren Auftraggebern und Schützern war ein glänzendes.. Keinem , e i n z i g e n Mitglied der Gilde wurde auch nur rin Haargekrümmt. Alles wurde vertuscht! Die polizeilichen Anzeigen liegen im Papierkorb und die Herren kaufen weiter Waffen und bereites „befreiende Taten" vor. Selbst der abgestrafte Dieb Gadringer blieb ungeschoren. Der gute Mann weiß zu viel. Dies eine von den Heldentaten des damaligen Innenministers und derzeitigrn. Justizministers Dr. Waber! Kann dieftr Mann noch weiterhin oberster Hüter des Rechtswcsens im Staate Oesterreich bleiben? Wird die Regierung schweigen? Wenn ja, dann ist die Republik der Wtung aller Oesterreicher und Ausländer verlustig geworden. sammen an.b«ir'UnterwMtt.Yg--MWiedens tätig sind, Es ist.kein Zufall, daß diese Reaktivnsich auch in Antisemitismus ausdrückt, weil sie vor" allem die Bölkervetsöhnung ^iylertreiben'-tt)M,"'PirMr das Judentum Überall W) einsetzt.'Der Kämpf gegen den Versailler Friedensvertrag wird durch' diese- Tätigkeit der Ordnungsmenschen/durch ihre 'Machrstätiönen mit Zeitungsgift, mit Handgrayüien^undMisäusäure völlftgndig gelähmt und der Schaden trifft nicht die Anstifter, sondern die Juden .und alle übrigen' arbeitenden Menschen. ■ Das österrelchisGe Np^epdauügcletz. - Im Ausschuß angenpHmen. Der Finanzausschuß des österreichischen Natwnalrates hat gestern die Voriage Lber die Errichtung der Not e n b a n k mit allen ge gell die Stimmen der Sozialdemokraten angenommen. r . Eine Vorlage über -as StMt her Notenbank ist bishcr n i ch t eingebracht worden/ awsnvjgeamsaükzss^ Sieicf otts Warschau. - (Von unserem Korrespondenten.) Warschau, 8. Juli. Te^Sejm hat trotz aller Anstrengungen der linken Parteien in seiner vorgestrigen Sitzung dem neuen 'Kabinett Sliwinski das Mißtrauen ausgesprochen. Slstvinskis Kabinett mußte, nach kaum 24stündiger Aints- ^tätigkeit den Intrigen der Nationaldemokraten weichen. Elombinski, Lutoslawski und der frischgebackene Führer des Klubs sür konstitutionelle Arbeit, Graf Baworottiski, leiteten den Sturmangriff gegen Sliwinski. Bedauerlich ist die Tatsache, daß sie in diesem Kampfe gegen das demokratische Kabinett Sliwinski auch von den vier von jüdischen Wählern in Ostgalizien seinerzeit ins ö st e r r e i ch i s ch e 'P a r l a m e n t entsandten' Abgeordneten K o l i s ch e r, L ö w e n ft c i n, R auch und dein jüngsten Kinde der katholischen Kirche, dem Täufling Steinhaus unterstützt wurden. Mit, einer Majorität Won sechs Stimmen beschloß'der Sejm das Kabinett Sliwinski zu entlassen. Umso interessanter ist das Mißtrauensvotum als feststeht, ü: daß .weder die Rationaldempkraien. MA. der Küsd jür v -