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Wiener Morgenzeitung · 1922-07-09 · Heft 1235 (9.7.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1235 (9.7.1922)
Date
1922-07-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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HgztiBommerKioo Fi o n: Zum Abholon in der Expedition, lI.,Tabqrsti#-3, »der in emerVers'chleisstelle [Trafik) monatlich K 2900 Mit Postversand für Wien u. Desterreich monatl. K 2900 lener ss oh e ch o-S1 oyra k e i: Mon. K20. Ungarn: Mon. C150. Jugoslawien: Mon, Dinar 25. Polen: Mon. jdark 800. Deutschland Mon. Mark 60. Frank- /eich: Monatlich Frcs. 6 Tseheciie«Siowakkei: tschedh. K 1.20 Italien: Monatl. 6. Lire Rumänien: Mon. 49. Lei Schweiz und das übrige Ausland monatlich Fres. S. , Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse. 1—4 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abends 16-301.' T el.- Adr,:,Morgenzeitung*, Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Nr. 1235 Wien» Sonntag, 9. Juli 1922 4. Jahrgang Die antisemitische Kriegslüge. —X- W i e n. 9. 3uli 1922. Nach der Lesart der internationalen antisemitischen Maffia ist der Weltkrieg durch eine zielbewußte Aktion des Judentums herbeigeführt worden, das, von einem geheimen Zentrum aus geleitet, alle Mittel in Bewegung gesetzt Habe,'um im Wege der großen Katastrophe die Herrschaft über die Staaten an sich zu bringen. Diese Erzählung sollte gewissermaßen die moralische Berechtigung des nach dem Kriege üppig aufgeschossenen Judenhasses erweisen und sie war deshalb in Massenbroschüren und dicken Büchern zur gleichen Zeit, an verschiedenen Punkten der. Erde in die Völker geworfen worden. Die Anlage dieser Fälschung, deutet auf eine zentrale Organisation und man hat teils in Amerika, wo sich Henry Ford der Sache mit viel Eifer und Geld widmete, teils in Parisin Rom,. in Berlin oder in Warschau nach den Urhebern gesucht. Die Recherchen konnten nur den Verdacht der Planmäßigkeit dieser Vergiftung bestätigen, ohne jedoch zu einem abschließenden Resultat zu führen. Ueber die Schuld am Weltkrieg aber ist das Dunkel so ziemlich gelichtet und je weiter die Diskussion fortschrMet, je puchr Material aus den Geheimschränken der Regierungen den Forschern zustromt, um so klarer enthüllt sich die Frechheit der gegen das Judentum gerichteten Lüge. Es ist vergebens, daß sich Ludendorff höchstpersönlich für ihre Verbreitung bemüht, um auf diese Weise die psychischen Grundlagen für seine alldeutsche, an den Mord mündende Politik zu legen. . •' Hat schon die - im Vormonat durchgeführte Verhandlung der Münchener Schöffen über die Eisner-Dokumente die sorglich verschwiegene Tatsache zutage gefördert, daß man in den kritischen Julitägen des Jahres 1914 in Berlin die. ultimative 9lotc. Oesterreich-Ungarns an Serbien noch vor der Ueberreichung an^Paste:.ge-' könnt hat, so find neuerlich Momente ans Licht getreten, die die Voraussetzungen des Versailler Vertrages / von . der Schuld der. Mittelmächte' - bekräftigen.: Dieser Friedensvertrag ist unhaltbar, weil, er den Besiegten unmögliche Bestimmungen auferlegt Und . weil er sich im , Rahmen des Krieges als ein Instrument der Rache hält, statt der Versöhnung zu dienen. Aber der Kampf gegen ihn, der notwendigerweise geführt werden muß, wird auf der falschen Basis von der Schuld der Entente geftihrt, anstatt feinen materiellen Inhalt anzugreifen. Das erschwerte die Position Deutschlands nach außen, untergräbt die Demokratie und liefert insbesondere der Mordkanaille immer neuen Angriffsstosf. Auch die letzten Morde hat man aus diesem Bemühen, das die Juden als Zweckverbündete der Entente stigmatisieren will, erklärt. Es ist deshalb gut, daß gerade in diesem Deutschland immer wieder Publikationen die Presse verlassen, die der Absicht ihrer Erzeuger schnurstracks entgegenarbeiten. Da hat jetzt der bayrische Landtag eine Sammlung von Dokumenten zum .Kriegsausbruch herausgeben lassen, die den Zweck hat, den Partikularismns für die Reinwaschung des Alldeutschtums zu verwenden. Aber auch dieser Versuch ist untauglich. Denn man bekommt da Dinge zu lesen, die sich absolut nicht gegen die Juden ausmünzen lassen. Da berichtet der bayrische Ge-, sandte in Wien am 30. Juni 1914,'also zwei Tage nach dem Attentat von Sarajewo: „Die Monarchie ist schwer krank, die seit Jahren in der auswärtigen und Inneren Politik begangenen Fehler rächen sich. Der Haß der Serben, -der unter den Obrcnowitsch nicht bestand, ist säst systematisch gezüchtet worden; das selbstsüchtige Agrariertmn hat ihn gepflanzt, die Ausbeutung seitens der österreichischen Industrie hat ihn entwickelt, und die hochmütige Politik des Ballplatzcs hat ihn großwevden lassen." Am. 14. Juli meldet er über die Note an Serbien: „Man will. . . der Note einen unannehmbaren Inhalt geben, damit man gezwungen sei,- nach Zurückweisung derselben sofort die militärische Aktion zu beginnen". Bier Tage später, als man in der ganzen Welt verbreiten ließ, es sei nur ein Schlag gegen Serbien allein, geplant, berichtet Herr v. Tücher: „Man äußert sich, (am Ballplatz) besorgt,, daß eine vollkommene Nachgiebigkeit Serbiens das Ausholen zum Schlage . erschweren könne> und meint, wenn Rußland die Lokalisierung des Streites mit Serbien nicht zulasse, so sei der 1 jetzige Augenblick zur Abrechnung günstiger als jeder spätere." Das sind nur einige Proben aus diesem Buch, das zu der Zeit .erschienen ist, wo diedeutschvölkische Pro-', paganda gegen, die Juden ganz besonders, scharfe For-. men angenommen und eine Anzahl von Gcheimorganisationen zu einem - neuen wütenden Generalsturm gegen die jüdische'Republik, ' die jüdische Geheimallianz und gegen das Judentum überhaupt begeistert hatte. .Wo ünd, aber, in dielen Merten Dokumenten die Juden?. Die Mcheimorganisatione« der Deutschvölkische». In alphabetischer Reihenfolge mögen hier die Gehe imorganisat io n Mt Deutschlands —- der Polizei sind fast alle bekannt, der Oeffentlichkeit kaum drei — verzeichnet werden: 1. In Berlin, Blchreütherstratze 13, und in Wannsee, Otto-Erichstraße 10, befindet sich ein „D e u t s ch e s A v skunfts- und Detektivbtt r eau". In Wirklichkeit ist dieses Detektivburean die „Arb eitsgem eins ch a f t R o tz b a ch". Nach einer im Verlag der „Viva" dorr Paul F r ö l i ch herausgegebenen Broschüre umfaßt der Stab der Arbeitsgemeinschaft 4500 aktive Mitglieder. Die Organisation besteht aus den Gauen: M e ü l e nb u r g, P o m m e r n, Nied e r- und Mittels ch l esien. Der Arbeitsgemeinschaft gehört der Mörder der Rosa Luxemburg, Rirrige, an. 2. „B und der Au ft echte n" mit dem Ehrenmitglied Prinz Oskar von Preußen und — wie Frölich noch mitteilt — dem Abgeordneten Grafen Westarp. 3. „D entsch er Wa.ffe nrin g" — seine Mitglieder sind Studenten. 4. „Heimatbund btt Königstreuen" — mit L n d e.n d o r f f an der Spitze. 5. : „I un g deutsch er O r p e n." Seine Mitglieder heißen „Knappen". (In der.Broschüre „Wider den weißen Mord" -sind die telegraphischen Abkürzungen des Ordens angegeben und seine Umgangssprache. So heißt z. B. Knüppel mZtbriugen.^ 6. „Inng-Brsmarckllünd" in Berlin mit militärischer Orgänisation^ - 7. ' HD-l-tz Wp i a, Verein füp . Leibesübungen"-. ' pem . WMG MgjnMtz MWnh a r o t angehört. - ' d.1 tz.. „NationalvexbachM de.ü'tscher Soldat e n4j (bereits offiziell aufgelöst) mif (nach Frölich) 20M00 Mitgliedern und schließlich > 9. „B e r b ä n d n a t i o na l g es in n t e r Soldaten." — Dazu kommen noch kleinere Organisationen, wie. „Stahlhelm", Wanderklnbs, „Siedln n g e n", „S ch ützengild e n" nsw. * Frölich teilt mit, daß sich unter den „Organisationszentralen" des „Deutschen Offiziersbnndes" unter anderen deutschen Städten noch zwei fremde befinden. Nämlich: Am e ton ge »und Innsbruck. Nach unseren Informationen untersteht auch der Wiener Nationalverband deutscher Offiziere der Berliner Leitung. Eine Geheimzenirale soll sich auch in einer deutschböhmischen Stadt befinden. Im sächsischen Landtag hat der Münster des Innern L r p i n s k i bemerkenswerte Mitteilungen über die Gehcimorganisationen gemacht. Der Mord an Nathenau sei aller Wahrscheinlichkeit nach in Dresden ausgeheckt worden. In der. Tat sind auch ein Student und ein Ingenieur als der Teilnahme an den Vorbereitungen zu dem Morde dringend verdächtig. Aus verschiedenen Waffensunden in Sachsen habe sich deutlich ergeben, daß die Geheimorganisation C mit den Partei.e n der Rechten , organisatorisch im Zusammenhang st e h e. Lipinski teilte ferner mit, daß auch ihm in den letzten Tagen aufgelauert worden sei. - Wttssenlagev in Thüringen. - Weimar, 8. Juli. (Tel. d. „Wrl,Morgenzeitung".)' In Jena wurden zwei-'Studenten, die der Organisation C angehören, verhastet und nach Weimar gebracht. Negiernngskommissäre, die in Thüringen mit der Durchführung des Arrsnahmezustattdes Betraut sind, haben an verschiederwn Orten Thüringens kleine Wasfenlager rechtsradikaler Organisationen entdeckt und ausgehoben, darunter vier Maschinengewehre, 12 Gewehre, 35 Gasmasken und 20.000 Schüsse Jnfanteriemunition. In Gera wurde der deutschnationale Beamtenbund aufgelöst. Die Deutschnationalen von Magdeburg. Magdeburg, 8. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenz'eitung".) Zu den Wasfenfunden in Magdeburg wird noch mitgeteilt, daß eine größere Anzahl von Personen, die der deutschnationalen Partei angehören, verhaftet wurde. Unter ihnen befindet sich der Oberstleutnant a.'D. Raffa u ft 'anf dessen- Gut das erste Wasfenlager in Stallungen hinter'Strohhaufen verborgen entdeckt wurde. Als: Mitwisser, beziehungsweise Vermittler der Waffen wuvde der Hanptutann und Vorsißende. dit. dentschnationalen P arte! in Magdeburg, Mpjor a. D. S chäfer, ein Mitglied des deutschvölkWen Schutz-, und Trntzbundes, kMenorumeu. Die „Hamburger Warte" verboten. H a m b u r g, 8. Juli. (Test-Komp.) Die „H a W b ürg er Warte" ist vom Oberprüsidenten der Provinz Schleswig-Holstein für sechs Monate verböten worden. Verhaftungen in Spanien. Madrid, 8. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenzeituttg") - Wie ein hiesiges Blatt berichtet, ist in Vigo ein Dampfer emgetroffen, an dessen Bord sich zwei Herren befanden, die von bewaffneten Matrosen in eine Kaserne der S(M eskortiert wurden. Man vermutet, daß es sich um Personen handelt, die an der Ermordung Rathenans teilgenommen haben. Beschlagnahmte Geschütze. Erfurt, 8. Juli. (Tel.-Komp.) Bei einem hiesige« F a b r i k s b e f i tz e r wurden zwei Geschütze mit de« dazugehörenden Verschlußteilen und Munition beschlagnahmt. Eine russische Monarchistenzentrale. Paris, 8. Juli, (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Wie verlautet, hat der vor einigen Tage« hier eingetroffene ruffischc Monarchist M a r k o.f f die Absicht, in Paris ein r u s s i sch es m o n a r ch i ft i s ch es P r o p a g a n d abnreau zu errichten und eine neue monarchistische ruffische Zeitung herauszugcven. Viöglicherweise wird er die Redaktion der ,,Rvwoje Wremja" nach Paris verlegen. V: \ ' 't'rt!, •£T ■yjd- Tie ' GsheimorganisatiM. Ein inhibiertes Telegramm. Der Wiener Vertreter des Jüdischen Korrespondenzbureaus wollte gestern d'.e 'Aiew''r.g o „Wiener Moracuzeitung" über die Treibereien der W i e n e r 'd e u t s chvölkischen G e h e i m o r g a n i s a t i o n rwch London telegraphieren. Darauf erhielt er unter Exhib. Nr. 1234—-a, Dienstnotiz 34, die folgende Mitteilung der Telegrapherrdirektion: „Das am 8. Juli 1922 beim Telegraphenai:li Wien, Zentrale unter der Adresse . . . . aufgegebene Telegramm Nr. 11.451 konnte nicht zngestellt werden, weil dasselbe auf Grund des Artikels 7 des internationalen Telegrapheuvcrtrages inhibiert wurde." Der Vertreter des Jüdischen Ko'crespondenzbureaus sprach sogleich bei der T e l e g r a P h e n d iw e k t i o n vor, wo ihm nach langenr Recherchieren die Inhibierung der Depesche bestätigt wurde. Das Telegramm selbst war nicht mehr zu beschaffen, da es sich, wie ihm bedeutet wurde, nicht mehr in der Zentrale befindet. Der zur Erlassung der merkwürdigen Verfügung herangezogene Artikel 7 des irrternationalen Telegraphenvertrages besagt, die vertragsschließenden Staaten könnten sich das Recht Vorbehalten, telegraphische Meldungen zu inhibieren, in denen eine Gefährdung des Staates erblickt werden könne. Wir find der Meinung, daß nicht die Verbreitrmg der Meldung, sondern die Existenz der deutschvölkischen Organisation eine Gefährdung des Staates darstellt. Noch stärker wird diese Gefährdimg durch den Schutz, den ihr der seinerzeitige Innenminister und jetzige Leiter des Juftizressorts, der Herr Waber, angedeihen läßt. Wir verstehen es sehr gut, daß sich dieser Waber als ein wichtiger Bestandteil des Staates fühlt und Kritik an seiner Person als Angriff auf die Sicherheit des Staates behandelt wissen will. Was uns aber sehr interessiert, ist die Frage, ob die Regierung die sonderbare Verfügung der Postdirektion deckt oder ob nur der Minister Waber als verantlvortlicher Redakteur zeichnet. Das erste „Alibi". Die Korrespondenz Wilhelm schreibt: Bezüglich der Nachricht, daß im D i a k o n i s s e n h a u s Waffen und Muni, •tton gesunden worden seien, ersucht uns der Obmann des Vereins für die evangelische Diakonisstnsache, der evangelische Pfarrer und Professor Dr. Paul.Zimmermann, um die yestirellung, daß sich in den dem, Verein gehörigen Häusern, 18. Vez , Canongasse 11, und Hans Sachsgasse 12, sich nie ein Waüerllager befunden hat und dort nie eine Durchsuchung vorgenonmicn tvorden ist. — Was wir ohne weiteres zugeben. Das von uns besprochene Diakonissenheim befindet sich näm» \ lich in der Langegas s e. Auch, war in unseren Aussührnnj gen mc von einem ev.a n g e l i s ch e n Diakonissenheim die * Rede.

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