Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1233 (7.7.1922)
- Date
- 1922-07-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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rr.'11 ‘ IfM»lnamiBsrKlOO Wie*: Znm Abholen in der Expedition, II., Tabor str. 1 -3, oder in einerVerschlcisatellc (Trafik) monatlich K 290C Mit Postversand .für Wien u. Oesterreich monatl. K 2900 Ts ch e ch o- S 1 owa k e i: Mon. K20. Ungarn.: Mon. K 150. Jugoslawien: Mon. Dinar 25. Polen: Mon. Mark 800. Deutschland: Mon. Mark 60. F r a n Icke ich: Monatlich Frcs. 6 Nr. 1233 v.: 7 przr ' w*: Tsehecho>5lovaks|i| tschech. K 1.SO Italiens Monatl. 6. Lira R u m a n i e n: Mon. 40.: Lei Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. .3* Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse'l—4# Telephone: 44-0-38,43-3-1% ab 6 Uhr abends 16-301. Tel.-Adr.:, Morgenzeitung1, Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Wien, Freitag,?. Juli 1922 4. Jahrgang Blut und Eisen. —y. W i en. 7. Juli 1922. Die reaktionären Parteien in Deutschland erkennen heute schon, daß ihre Sache durch die Mördervereine am stärksten geschädigt worden ist. Die Verhandlungen über den Eintritt der Unabhängigen, also der radikalen Sozialdemokraten, in die Regierung, die sonst einen Sturm der Entrüstung gerade bei den Monarchisten wachgerufen hätten, vollziehen sich mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit und wenngleich die bürgerlichen ' Regierungsparteien Einwendungen erheben, ist doch die Nachdenklichkeit bei den Hohenzollern-Parteien nicht zu : vexkennen. Unterstützt wird, diese Stimmung durch die Ergebnisse der polizeilichen Recherchen, die immer weiter greifen. Es sind in Westpreußen, in Thüringen, in Sachsen und in dem bei Deutschland verbliebenen Oberschlesien neue Mordherde aufgedeckt worden. Die Zusammenhänge zwischen den Kraftänßerungen deutschnationaler Weltanschauung tretenimmer klarer zutage. Es führt ein schnurgerader, blutbesndelter Weg von dem mißglückten Anschlag auf Scheidemann bis zu dem gleichfalls fehlgeschlagenefi feigen Ueberfall auf Harden, und die Anstifter dieser Taten sind zur Genüge bloßgestellt, obzwar die Behörden nach dieser Seite hin jede Energie vermissen lasten. EL ist eine Menge von Mitgliedern der völkischen Mörderbanden eingesteckt worden, die der direkten Teilnahme an den Morden oder der Mitwisserschaft überwiesen werden konnten. Aber über diesen, allerdings sehr weit sich dehnenden Kreis hinaus hat die Behörde noch nicht gegriffen. Sie begnügt sich mit den Erklärungen der deUtschnationalen Abgeordneten und hat im übrigen eine Aeußerung Hindenburgs mit Präsentiergriff. zur Kenntnis genommen. Die Mörder Rathenaus und einer der Harden- Lurnpen scheinen bereits im Ausland zu -sein.; Die republikanischen Parteien ' haben; einen Block gebildet, der - die Zweidrittelmehrheit.: des" Reichstages umfaßt und für die Annahme des Schützgesetzesgenügen würde, wenn der ernste Wille' besteht, mit den Exzessen der Reaktion auszuräumen. Aber dieser Wille hat inzwischen etwas nachgelasten. Das Zentrum und die bürgerlichen Demokraten erheben, noch Einspruch gegen die Unabhängigen in der Regierung und finden, daß man genügend Energie gezeigt hat. Es sind wieder drei Tage. ohne Attentat vergangen. Auch zeigt man nicht übel Lustdie ganze Schuld an der Revolverpolitik der auswärtigen (Situation zuzuschieben. Man verweist darauf, daß es ohne die Gewaltsamkeiten der fianzösischen Imperialisten und Militaristen nie so weit gekommen wäre. Diese Argumentation klingt nicht unwahr. -Aber sie ist es. Denn die Stimmung, die zu den Morden, antrieb, datiert ja nicht erst seit dem Verlust des Krieges oder seit dem Versailler Vertrag. Sie war . in Deutschland schon vorher vorhanden und ist während des Krieges durch die Hetzereien der im Hinterland siegenden Reventlows und der sonstigen. Heimat- .romantiker des Schlachtfeldes bis zur Psychose getrieben worden^' Die Rechtspresse hat schon damals in demselben niederträchtigen Ton gegen, die Juden geschrieben und ihre Lügeulegenden sind eben nur fortgesetzt und durch den Ausgang des Krieges in ihrer-Intensität gesteigert worden/Frankreich — so viel Schuld seine Politik auch auf sich geladen hat — ist an dieser Verschärfung der Känaillengesittnng unschuldig. Es mag von sehr viel Glück sagen, daß es den Krieg gewonnen hat. Denn wenn es diesen Bestien ausgesetzt gewesen-wäre, so hätte es eben so viel Grund zur Klage wie das deutsche Iudentuni. Die alldeutsche Propaganda war seit jeher auf die brutale Gewalt eingestellt und sie hat Morde nur dann verschmäht,- wenn sie in Rußland sich ereigneten.' Sie'hat seit der Blut- und Eisen-Aera Bismarcks —- hinter der wenigstens'noch eine , gewisse politische Raison steckte — nichts' anderes getan, als die Jugend mit dem Gift des Krieges und des Antisemitismus vollgestopft und dasneue Deutschland erntet im vollsten Ausmaß die Drachensaat/ Die Studenten von Marburg und von Karlsruhe, die Kriegsverbrecher und die Erfinder der Zeppelin-Bomben find in den Schulen dieser alldeutschen -Faustrecht-Methoden ausgewachsen: Was in Generationen an Gemeinheit der Gesinnung und . an Verbildung der jugendlichen Gehirne geleistet worden ist' das verspürt jetzt die Republik und mit ihr Europa. . -" - ' 3: Der Krieg in Irland. v: ' London! 6. Juli. (Wolfs.) In Dublin, haben sich alle Aufständischen' ergeben,! Sjte Befestigungen sind niedergehrgnnt. '' ' " ‘ >■ .1 ' " -5*"- - Me MteMate gegen ScherdemaAN und Harden. Berlin, 6. Juli. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Die Ermittlung des Attentats auf Maximilian H a r d e n wurde auf Oldenburg Mstzedehnt. Beide Attentäter, sowohl der Landwirtschaftsö/amte Reichsrdt als auch Oberleutnant a. D. Ankermann, stammen aus Oldenburg. In den Wohnungen der Beiden wurden Hausdurchsuchungen vorgenommen. Ferner wurde der deutschnationale Buchhändler Albert Grenz verhaftet. Grenz spielt in deutschvölkistchen Kreisen eine Rolle. Noch bei der kürzlichen Sonnwendfeier hat er eine große Rede altgermanischen Stils gehalten und über eine Reihe von Politikern, die ihm nicht paßen nicht nur bildlich gesprochen den Stab gebrochen. Nähere Einzelheiten über die Verhaftung und Hausdurchsuchungen wurden von der Polizei noch nicht mitgeteilt. Im Zusammenhangs mit der Untersuchung über eine in Schlesien bestehende Geheimorganisation sind sämtliche bekannten Mitglieder der Organisation C in B r eslan verhaftet worden. Darüber hinaus ist eine Reihe weiterer Teilnehmer an der Geheimorganisation fisigenommen worden. Nach einer Meldung aus T r t e r wurde in einem dortigen Krankenhaus ein junger Mann verhaftet und sofort nach Berlin überführt. Wie die Blätter melden, soll der Verhaftete am Scheidem ann-Attentat beteiligt gewesen sein. StratzenkSmpftzM Zwickaa. Z w i »a u, 6. Juli. (WÄW: Im Anschlich'«> die hiesigen: Demonstrationen Wen sich gestern abends in der inneren- Stadt bis in die Nacht Hinein vor der Kaserne der Sicherheitspolizei. lWaste S t ratzen kämpfe entwÄett,die mehrere? OPWßhMrien^ie Demonstranten bemächtigten sich im Rathguse der Wirf f e n d e r P o l izei. Auf dem Marktplätze kam es zn einem Zusammenstoß mit her Schntzpolizei, wobei ein Arb eit er verwundet wurdel Die Menge' belagerte die'Kaserne der Polizei, wofich eine S ch i e ß e r e i entwickelte. Hierbei erlitt eine Anzahl Demonstranten sehr schwere Verletzungen. Auch mehrere Polizisten wurden verwundet. Ei» Polizeibeamter ist in der Nacht seinen Verletzungen erlegen, so daß also zwei Tote zu beklagen sind. Der Aktionsausschuß hat den Stadtrat als Geisel erklärt, um von der Regierung die Zurückziehung der Schntzpolizei zu erzwingen. Wieder «srmÄe Lage. Zwickau, 6. Juli. (Wolfs.) Wie das „Sächsische Bollsblatt^ berichtet, ist die Lage in Zwickau normal.- Die Verhandlungen der drei sozialistischen Parteien mit' den Regierrmgßvertretern hatten folgendes Ergebnis: Die auswärtige Schutzpolizei verläßt Zwickau, diesozialistis ch e n P ü r t e i e n übern eh men den Schützt der Ordnung in Zwickau. Am Donnerstag wird die Arbeit wieder ausgenommen. . . Berlin, .6. .Juli. (Tel. b., „Wr. Morgenzeitung".) Zu den Zusammenstößen in Z w ick a u wird noch gemeldet, dätz die Polizei von dett Demonstranten entwaffnet wurde. Als Verstärkungen heran^ezogen wurden, kam es zu einem Feuergefecht. ' . Es stellte sich jedochheraus,daß die ersten Nachrichten über die Zahl der Opfer übertriebe« war. Es wurden bisher 30 Schwerverletzte gezählt, darunter 10 Polizeibeamte. In Zwickau und Umgebung herrscht augenblicklich ei^ revolutionäres Aktionskomitee, das komm n n i st i s ch orientiert ist und sein Programm mit größter Schärfe durchführt. Es scheint notwendig zu werden, daß eine größere Polizeiaktion unternommen werden muß, um die Ruhe wieder herzustelleru Die Suche nach Äen Mördern NaLherraus Berlin, 6. Juli. (Tel.-Komp.). Die für die Ergreifung der Mörder Rathenaus ansgewiesene Belohnung ist von einer auf zwei Millionen erhöht worden. Eirre stürmische Sitzung des Werchs- - tap.es. Berlin, 6. Jilli. (Wolfs.) Der Reichstag nahm heute endgültig den Gesetzentwurf zur Ausführung des Artikels 18 der Re'rchsversassnng an, der die Neugliederung des Reiches betrifft. Das Haus beriet weiters die mit dem Gesetze zum Schutze der Republik im Zusammenhang stehenden Interpellationen der Linksparteien betreffend das Fortbestehen von- Selb st sch u tz o r g ä n isationen und antirepublikani chen Kundgebungen von Angehörigen der alten Armee und Beteiligung der Reichswehr daran. Der Unabhängige Moses führte aus, es sei besser, daß die Republik verfassungswidrig lebe, als daß sie verfassungsmäßig zugründxgehe, Das; Proletariat sei auf dem Wege zur Einigung. Es verlangt Schluß der bisherigen Zustände, sonst würden wir zum Bürgekrieg kommen. Reichsminister' des Innern Dr. K o e si e r erklärte, das Gesetz zum Schutz der Republik gibt uns bessere Mittel als bishergegew^die^ Geheimorganisaionen. Ob dM ansreicht, wird die Zukunft lehren. Ein Reichspolizeigesetz ist dem Reichstag zügegmtgen und wird in den nächsten Tagen vor den Reichstag kommen. Wir sind mit größter Strenge vorgegangen, aber die Frage hat auch eine wir/- schastliche Seite. Bereits im Herbst haben wir versucht, wurzellose Existenzen aus den Selbstschutzorganisationen wirtschaftlich unterzubringen. Auch jetzt wieder haben wir in Oberschlesien Hunderte von Selbstschutzleuten, die existenzlos geworden sind. Ich bin mit den WirLschafts- und Jndnsirieverbanden in Verbindung getreten, und freue mich, sägen zn können, dätz der Gewerkschastsbund bereit ist, diesen Leuten wirtschaftlich durch Verschaffung von Arbeit zu helfend Als der Wg. Cuno (Deutsche Volkspartei) die Reise Hindenburgs -durch Ostpreußen schilderte, kam es zu Beisallskundgebnngen der Tribiinenbesücher, die in die Hände klatschten. Dies löste großen Lärm bei den Kommunisten und den Unabhängigen aus, die die Räumung der Tribüne verlangten. Die Personen, die sich am Klatschen beteiligt: hatten, wurden, darauf von den Tribünen entfernt. Als der Abg. Hensel (deütschnatwnal) die Behauptung wiederholtedaß die Heimat dem Frontheere, in den Rücken gefallen , sei, setzte gleichfalls ungeheyrer Lärm auf der Linken ein. Die Abgeordneten der Linken drangen auf den Redner ein, und der Präsident mußte die Sitzung auf einige Zeit unterbrechen. Als kurze Zeit darauf die Sitzung von. Präsident Loebe wieder eröffnet wurde, verhinderten die Linksstehenden den Abg. Hensel am Reden, so daß der Präsident die Sitzung schließen mutzte. Die Schülv W Kriege. Eine Debatte in der französischen Kammer. Paris, 5. Juli. (Havas... Kammer.) An erster Stelle begründet Abg. Billeneant seine Interpellation. Er erklärt, es handle sich um eine'Ehrensache, die keinen Aufschub dulde. Um festzustellen, wer die VerantWörtlichkeit für den Krieg.trage, brauche man nur die Dokumente bei . den deutschen. Sozialdemokraten zu suchen, die-die Verantwortlichkeit feftgestellt hatten. . ‘ Als zweiter Interpellant ergriff der kommunistische Abgeordnete Vaillänt-Eouturier das Wort: Wir haben, so erklärt er, niemals die Verantwortlichk e i t D eü t s-ch l a n-d s . f ür. d e n K r i e g geleugnet. Der -Vertrckg vdn BeHaillesnbestätigt die Vemntworrlichkeit Deutschlands und^ seiner- Verbündeten. Wäre aber Frankreich besiegt l Wörden und hätte es - mit dem Messer an der -Kehle-einen'ähnlichen Text unterschreiben müssen, dann : hätten - nicht,, nnparteiffche Geschichtsschreiber nach der' Verantwortlichkeit'Deutschlands suchen können. Im Inhrx. 1A4 hat das .Svielder geü-eimen Allianzen den Krieg unverrneidlich gemacht. Es hat eine Kriegspartei bestanden, nämlich die Kapitalisten, die ihre Vorräte verkaufen wollten, die D i p l o m a t e n und Militärs, deren Gewerbe der Krieg ist, und.die. jungen Leute, - die-einer Politik ohne Schwung überdrüssig geworden-sind. Schließlich habe die von Jaures gebrandmarkte Kolonialpolitik zum Krieg geführt. Viviani betont, Oesterreich habe erst 14,Tage nach dem Attentat in Sarajevo ein Uljimatu-m. an Serbien gesandt, zn einem Zeitpunkt, indem sich P o i n c a r e n a ch K r o n st a d t eingeschifft habe. Trotz der Volt Serbien gegebenen Genugtuung und-der- Ratschläge Frankreichs, Englands und Rußlands habe. Oesterreich die Operationen begonnen. Sir Edtvard Grey habe im Einvernehmen mit Frank- ' reich und Rußland Verhandlungen angeregt, deren Verwirklichung den Krieg verhindert hätten. Redner bemerkt, daß Deutschland versucht habe,, diese Umstände sich zunutze zu machen. Er verweist auf eine Rede Giolittis, worin dieser daran erinnerte, daß Italien es im Jahre 1913 abgelehnt habe, an einem vorherbedachten Schlag gegeft