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Wiener Morgenzeitung · 1922-06-29 · Heft 1225 (29.6.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1225 (29.6.1922)
Date
1922-06-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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tlnMlnnrnmerKIOQ W i ea: Ziim Abholen in der Expedition, lI.,Taborstr. 1-3. oder in einerVersyhleisstelle Trafik) monatlich K 2900 Mit Postversand .für Wien u. Oesterreich monatl. K 2900 Tschecho-Slowakei: Mon. K20. Ungarn: Mon. K150. J u g o s 1 awi en: Mon. Dinar 25. Polen.: Mon. Mark 800. Deutschland: Mon. Mark 60. Frankreich: Monatlich Frcs. 6 teuer Slr. 1225 Wien, Donnerstag» 29. Juni 1922 fs<he<ho>Stowakfil » tschech. K 1.*0 It alien: Monatl. €. -Urt Rumänien: Mon. 40. Le? Schweiz und das.übrige Ausland monatlich Frei. 3- Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1 —3 Telephone: 44-0-38,43-3-19» ab 6 Uhr . abends 16-301. Tel.-Adr.: »Morgenzeitung*, Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 4. Jahrgang Don Königsberg bis Konstanz. —y. Wien. 29. Juni. Der deutsche Reichstag hat beschlossen, die nach' der Ermordung R^thcnaus gehaltenen Reden des Präüdmten Loebe und des Reichskanzlers Wirth öffentlich anschlagen zu lassen. Gege.' den Antrag stimmten Sie Deutschnationalm und dt? Deittiche VolkspaÄei ntit Ausnahme von drei Mitgliedern. Es ist verständlich, daß sich diese Parteien, aus deren Reihen >die Mordparole gegen Nathenau gekommen ist, gegen eine Maßregel stemmen, die öffentlich gegen sie die Mordklagr erhebt. Der Reichstügspräsident Loebe sagte in seiner Rede: . \ „Die Täter haben Gehilfen und Spießgesellen. Ich bin der Ueberzeugung, - die Mörder haben - Gehilfen, sie haben Spießgesellen, sie haben eine Organisation von . Mördern , hinter sich, die sie schützt und die sie für ihre Taten unterhält- Anders wäre es v'.br möglich gewejen, Und das Blut des Ermordeten fällt ans die, die dazu anreizten, es fällt aus die, die frühere Anschläge, wenn sie nicht'gelangen, mit Spott und Hohn begleiteten und das Andenken der Opfer zu besudeln wagten. Dieser Stuhl (auf Rathenaus Platz zeigend) stände heute nicht leer, die Tat wäre nicht geschehen, ohne die grenzenlose und gewissenlose Hetze gegen die Männer, die an der Spitze der Regierung stehen. Hier hat eine gewisse Presse gehetzt bis zu dem Attentat aus Scheidemann, das nicht gelungen ist, und weiter gehetzt bis zum heutigen Tage, wo das Attentat gelungen ist, unb es scheint keinen Schutz dagegen , zu geben. Die Täter haben Helfer, die sie verschwinden lassen und immer und -immer wieder von neuem schützen. Einer nach dem andern von uns erliegt der kaltblütigen. Mörder- Hand, neben uns sinkt ein Freund nach dem ändern nieder. ,,Dieses Mal hat der Mor-dstahl den Mann,getroffen, der begabt und geeignet schien, die Fäden wieder anzuknüpfen, die -der Krieg zerrissen hat und der hierbei die ersten Erfolge hatte." ... .... ' Leider hat.der Präsident des Reichstages seine Ausführungen nicht durch Mitteilungen, darüber ergänzen können, was die deutsche Gesellschaft getan hat, um die Vergiftung der Seelen zu hindern. Es handelt sich nicht um Polizeimaßnahmen, die wirkungslos bleiben müssen, Wenn sie nicht-die Unterstützung, der Massen, insbesondere aber der Erzieher der Jugend, finden. Diese Maßnahmen, die setzt in der Erörterung der Mordaffäre einen breiten Raum einnehmen, find die gleichen, die nach der Ermordung Erzbergers ergriffen wurden, und es scheint bisher nicht, daß sie Erfolg haben werden/ Denn die von Herrn Loebe zitierte Mörderorganisation ist viel breiter, als man ahnt, itrtb sie reicht in Gesell-, schaftskreise, die solche Attentate aus politischen Gründen billigen und unterstützen. Der Kanzler Wirth hat in fei-; nem Nachruf erklärt, daß das Gift mit Millionengeldern ' in das Volk hineingegossen werde, so daß von Königsberg bis Konstanz eine einzige Mordhetze besteht. Gegen diese schamlose Agitation hat die Regierung niemals etwas Ernstes unternommen. Sie hat dies auch darum nicht tun können, weil den nationalistischen Vereinigungen der volle Schutz des rechtsstehenden Bürgertums zuteil wurde, das in ihnen die Erinnerung an die schönen Tage der Wachparaden und der wilhelminischen' Drohpolitik liebt. Die Regierung hat aber auch gar nichts zur Stärkung der 'republikanisch-demokratischen Idee unternommen. Was ihr aber in ganz besonderem Maße zur Last *fällt, ist ihre Geduld gegenüber der antisemitischen Hetze. Seit der Revolution hat sich diese Propaganda mit Hilfe' riesiger Geldmittel bis zur Höhe einer internationalen Verschwörung entwickelt, die ihre Fühler bis nach Budapest, New Zork, Warschau, Wien und Paris streckt und alle reaktionären Elemente zunächst zu einem Generals sturm auf das Judentum zusammensühren will. Der Antisemitismus ist das Schiboleth, zu dem sich die Reaktionäre. aller Länder bekennen. Das Zentrum dieser Maffia befindet sich in München und-gedeiht dort., dank der liebevollen Pflege aller gutbayrischen Männer. Wiederholt sind die deutschen Behörden auf diese Möröerzellen aufmerksam gemacht worden, wiederholt wurde die Aufmerksamkeit der Gerichte Deutschlands auf diese Umtriebe gelenkt. Was die deutsche Rechtspresse von, Rathenau geschrieben hat, zeigt nur, daß er ihr nicht wegen seiner Politik, sondern wegen seines Judentums verhaßt war. Er bat als Deutscher wirken wollen und ist als Jud<i gestorben. Die deutsche Regierung und ihre' Organe tragen Del Schuldem diesem Ereignis dessen internationale Wirkungen sich schon'in Frankreich zn zeigen beginnen. Die Mörder.haben Deutschland keinen guten Dienst erwiesen. Aber das wollten sie ja gar nicht. ♦♦ Mitglieder der alldeutschen Mörderzentrale.' Berlin, 28. Juni. Das Wolffsche Bureau meldet: Eine amtliche Mitteilung des Polizeipräsidiums besagt, daß der Mord an Dr. Rathenau aufgeklärt ist, nennt die Namen. her' Mörder und führt ihr genaues Signalement an. Die Täter sind der Berliner Ernst Werner T e ch ö w, der Sachse Fischer, auch Vogel genannt, uüd“ der Mecklenburger Knauer, auch Körner und Kern genannt. Alle drei gehören der Organisation „C" an und' waren früher Mitglieder 'der Brigade Erhart. Mehrere der Mittäterschaft überführte Personen wurden bereits verhaftet. Das Auto der Mörder. Berlin, 28. Juni. (Wolff.) Das Polizeipräsidium teilt mit: Der Kraftwagen, der von-den Mördern des Ministers Dr. Rathenau benützt wurhe, ist gestern von der Berliner politischen Polizei ermittelt und sichergestellt worden. ' Berlin, 29. Juni. (Tel.-Komp.) Das von den Mördern Rathenaus bei Ausübung der Tat benützte Auto ist heute von der Berliner Kriminalpolizei ermittelt und beschlagnahmt worden. Es handelt sich um'einen Mercedes-. , Wagen (16 Pferdestärken) -neuester Konstruktion, der am Vorabend des Mordtages von einem Chauffeur in einer Garage des Berliner Westends mit der Bemerkung eingestellt wurde, der Besitzer habe eine längere Autotour hinter sich und wolle die Garage Dr einige Tage mieten, um 'den. Wagen wieder nnstäydzusetzen. Am nächsten ' Morgen ' kam .derselbe Chauffeur .und fuhr mit dem Auto. davon,, angeblich, um fernen Herrn..abzuholen. . . ' daß das Auto ganz , kurz vordebTatbieGarage'verließ. Nach mehreren Stunden kam der Chauffeur mit dem stark bestaubten Wägen ohne Besitzer wieder' zurück und entfernte sich. .Seit diesem Zeitptmkt hat'sich niemand -mehr um den Wagen gekümmert. : Von dieser neuen Spur aus- . gehend, ist im Laufe des heutigen Tages eine Reihe neuer Verhaftungen vorgenommen worden. . Die Fahndungskommandos der der Kriminalpolizei-sind sowohl in Berlin als auch anderen Orts fieberhaft tätig und verfolgen noch eine zweite Spur, die aber, wie die Polizei glaubt, mit der ersten zusamnienlaufen dürfte. Man nimmt an, daß. man es in der Person des angeblichen Chauffeurs mit einem der Mörder selbst zu tun hat. Wie die deutsche Republik geschützt werden soll. ■ Berlin, 28. Juni. (Wolfs.) In einer Sonderausgabe veröffentlicht der „Vorwärts" die Forderungen, welche die drei sozialistischen Parteien gemeinsam mit dem Vorstände des Allgemeinen Deutschen Gewerbebundes und dem Afa-Bunde an die Reichsregierung und den Reichstag gerichtet haben. Danach soll das Gesetz zum Schutze der Regierung u. a. enthalten: Strenge Bestrafung jeder monarchistischen Agitation und jedes Angriffes aus die republikanischen Farben und Fahnen, strenge Säuberung der Regierungsstellen und Behörden, der Gerichte nnd der Reichswehr von allen antirepublikanischen Elementen, Verbot des Waffentragens außerhalb des. Dienstes, Verbot des Uniformtragens, für ehemalige Offiziere, Einsetzung eines. außerordentlichen Gerichtshofes in Berlin, Schaffung einer Reichsexekutive, insbesondere einer Reichskriminalpolizei. Die Geltungsdauer dps Gesetzes soll zunächst auf mindestens zwei Fahre festgesetzt werde«; weiters , wird gefordert sofortige Amnestie für alle politischen Bergehen, ferner verlangt die Erklärung von.den Gcwerkschqsten und Arbeiterparteien des Ausländes eine starke Einwirkung auf ihre Regierungen in der Richtung, daß die Entente von ihrer Gewaltpolitik gegen das deutsche Volk, ablasse, die den Nationalisten und Monarchisten immer neuen Agitationsstoff geliefert habe. Die bayrischen MoLdprotektoren. , München, 28. Juni. Im. Landtag wurden heute die Interpellationen.der Bayrischen -Volkspartei und der Mittelpartei verhandelt. Darin wird eine Erklärung der . bayrischen.. Stäfltsregitrimg - .übet - die- Stellungnahme zu der Verordnung des Reichspräsidenten für den Schutz'der - Republik gefordert. - . Ministerpräsident Graf L e. r ch e n f e l d führte aus, die bayrische Regierung habe sich sofort an die Reichsretzierung mit dem Ersuchen gewendet, ketneM Verordnung ohne vorherige Verständigung mit den Regierungen der Länder zu erlassen. Die bayrische Regierung könne sich auch heute der Auffassung nicht verschließen, daß die Verordnung unter den ersten Eindrücken mit einseitiger Einstellung ergangen sei. Die bayrische Regierung könne sich mit dem Inhalt der Hauptverordnung nicht e i n v e r st a n d e n e r k l ä r e n. München, 27. Juni. Im Anschluß an eine im Stadtrat vom Bürgermeister Schmied -gehaltene Gedächtnisrede für den ermordeten Minister Dr. Rathenau haben die Fraktionen der demokratischen,'der sozialistischen und der k ommu nistif ch en Partei eine Resolution beschlossen, worin dem Abscheu gegenüber den Treibereien,' die zu diesem Verbrechen geDhrt haben, Ausdruck gegeben wird. Der Stadtrat fordert von der Reichsregierung und der bayrischen Landesregierung, mit allen Mitteln und an allen Stellen die, zum Schutz der Verfassung und der für sie tätigen Personen erlassenen Maßnahmen umfassend und rücksichtslos durchzuführerr. Der Vertreter der bayrischen Volkspartei erklärte, mit Rücksicht darauf, daß sich die Entschließung ans Aus», ttahmsgesetze berufe, könne feine Partei dabei nicht'Mitwirken. Alle Ministerpräsidenten ernberufen. Berlin, 27. Juni. Die Ministerpräsidenten der Länder sind für'Donnerstag nachmittags zu.einer Besprechung der politischen Lage mit der Reichsregierung emgeladen worden. - - v - ' ■.AMentskWMtten. - ■ --' . . Berlin, 28 Juni. (Tel. d. - „Wr. Morgenzeitung". j Wie berichtet, ist uach^M^Grmordung Rathenaüs dessen greise Mutter mit einer Flut . wüstester Schmäh- - Briefe, die sich in unsagbaren Ausdrücken halten, überschwemmt worden. Weiter haben eine ganze Anzahl unbekannter Personen die greise Frau unter falschen Vorspiegelungen wiederholtan das Telephon bitten lassen und ihr dann die wüstesten B e s ch i m p s u n g e n entgegengerufen. Die Reichspost hat Vorkehrungen getroffen, daß sich derartige skandalöse Vorgänge nicht wiederholen. Die Kriminalpolizei hat sich die anonymen Schmähbriefe erbeten, um nach den Schreibern zu forschen. Ausschreitungen in Darmstadt. Berlin, 27. Juni. Die heutigen Kungebungen aus Anlaß der Ermordung R.athenaus sind in den meistert Teilen des Reiches ruhig verlaufen. In Darmstadt kam, es zu Zwischenfällen, die gegen Abend ernsten Charakter annahmen. Die Menge drang in die Wohnungen der Abgeordneten der Deutschen Volkspartei, Dingeldey und Dr O s a-r n, ein, und zertrümmerte die Wohnungseinrichtungen. Der Abgeordnete . Dingeldey wurde so schwer verletzt, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird. Auch Abgeordneter Dr. Osarn wurde f ch w e r mißhandelt. Hierauf drang die Menge in die Redaktion der „Hessischen Landeszeitüng" ein, zerschlug die Türen und Fensterscheiben, demolierte das Mobiliar und warf Zeitungen und Manuskripte auf die Straße. Auch in. der Redaktion des „Täglichen Anzeiger" wurden sämtliche Fensterscheiben eingeschlagen, das Mobiliar zerstört und Zeitungen auf die Straße geworfen. Um 8 Uhr ahends schritt Polizei ein, feuerte nach einigen Hiitbcit Schüssen scharf auf die Menge, worauf diese auseinander- - stob. Mehrere Personen wurden verwundet. In den späten -Abendstunden ist wieder Ruhe eingetreten. Nach den letzten Meldungen soll es bei dm Zusammenstößen drei Tote und etwa 25 Verwundete gegeben haben. Rathenaus Europäerturrr. Im „Berliner Tageblatt" widmet Bernhard Der it* bürg dem ermordeten Nathenau einen Nachruf, in welchem er u. a. schreibt: „Bis in' die-letzten Tage bemühte er sich/ einen Weg zu finden, wie -unseren armen, von der großen Heimat getrennten österreichischen Brüdern, ohne Verletzung der uns bindenden Verträge zu - Hilfe gekommen werden könne. Aber er erkannte mehr und früher als andere, daß auch unser Volk nur ein Splitter der großen Kult Urmensch heit ist, daß es sich weder aufrichten noch wieder glücklich werden könne, wenn nicht eine Weltharmonie der Menschen guten Willens hergestellt werde, wenn nicht Kultur- und Opfermut * »if'u.SkatJv, Ja**.«;

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