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Wiener Morgenzeitung · 1922-06-28 · Heft 1224 (28.6.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1224 (28.6.1922)
Date
1922-06-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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ElnzilBamnerEioo Wi«»: Znm Abholen in der Expedition, n.,Tabor8tr.l-3, oder in einerVerachle&stelle Trafik) monatlich K2900 Mit Postversand für Wien u. Oesterreich monatl. K 2900 rener Tsch e ch o-S1owak ei: Man. K20. Ungarn: Man. K150. Jugoslawien: Man. Dinar 25. 4? o 1 e n: Mon. Mark 800, Deptschland: Mon. Mark 60. Frankreich: Monatlich Frcs. 6 Tschecho-Slowattei: Bchecta K 1-tO Italien: MoyHtl. 6. Lire Rumänien: Mon. 40. Lei 8 c h w e! z und das übrig« Ausland monatlich Frcs. 3, Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasso 1~3 : '-rr—r-'.' > Telephone: 44*0-38,43-3-19, ab "6, Uhr abends 16-301. : Tel.-Adr.: .MorgenzeibBajr*, , Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Rr. 1224 Wien, Mittwoch. 28. Juni 1922 4. Jahrgang vtt StreiR der Wiener ZMsendadM. Baldiger Abbrach? j— Die Bediensteten der Gas- und Elektrizitätswerke lehnen die Beteiligung am Streik ab. - Der 300-Krönen-Tarif bevorstehend. Die Mörder Rathenaus. ~y. Wien, 28. Punk Die Unterfertigung des Vertrages von Versailles, die heute vor drei Jahren erfolgt ist, soll am heutigen Tag durch nationalistische Gedenkfeiern in ganz Deutschland in die Erinnerung gerufen werden. Dieser Tag sollte dem Kriegszustand ein Ende setzen und damit eine st'ir die weitere friedliche Entwicklung Europas notwendige Vorbedingung erfüllen. Die Unterzeichnung des Friedenspaktes wäre ein symbolischer Akt gewesen, der die Neuordnung der Dinge vielverheißend einleitete. Den trotz aller Unsinnigkeiten und Härten, von denen der Vertrag wimmelt, trotz des Geistes der Rache, von denr er geformt worden war, führte er den Namen des Friedens und war der völkerrechtliche Abschluß des bewaffneten Konfliktes. Aber erst die Durchführung des Vertrages hätte beweisen müssen, ob er auch wirklich dem Frieden dient. Dieser, Beweis ist nicht erbracht worden. Der Vertrag hat die Hoffnungen nicht erfüllt, die sich an ahn knüpften. Er ist in seiner Wirksamkeit eine Fortsetzung des Krieges, an den er auch in seinem Anfangsdatum erinnert. Am 28. Juni 1914 war der Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajewo ermordet worden. Es ist eine merkwürdige Politische Entwicklung, die dazu geführt hat, daß gerade die deutschen Nationalisten den Akt von Versailles ausznnützen versuchen. Ihnen und ihrem Wirken ist es mit zuzuschreiben, daß der Geist des Krieges unb dieses Friedens bisher lebendig geblieben ist. Ans ihrer Tätigkeit konnten die Feinde des Friedens in Frankreich ihre Vorhände und geistigen Unterlagen für ihre Arbeit holen. Wcis'in Deutschland von den Körperschaften dieser Richtung 'offen und geheim, in Presse und Rede getan worden ist, richtet sich gar nicht. gegen den Vertrag, sondern gegen die Strömungen im deutschen Volk, die sich nach ruhiger Konsolidierung sehnen uüd von dem Friedensvertrag ans zu. seiner Revision gelangen wollen. Daß der Vertrag abgeändert werden muß, ist heute eine Forderung, die itt allen Staaten gestellt wird. Er hat nirgends den politischen und wirtschaftlichen Bedürfnissen standgehalten, und die vielen. Konferenzen der Ententestaaten sind cm deutliches Zeichen, daß selbst die Schöpfer des Vertrages ihn nicht'mehr anerkennen wollen. Aber die Aenderung kann nur von dem gesamten deutschen Volk angestrebt und erreicht werden, das seine Fricdensentschlossenheit nachzuweisen und die Unerfüllbarkeit der Verpflichtungen aufzuzeigen hat. Bis zu, einem sehr, hohen Grad ist dies bereits gelungen, und.der Reparationskonflikt spielt heute gar nicht mehr zwischen Deutschland und Frankreich, sondern zwischen Frankreich und England, wobei Frankreich sich immer wieder auf die 'Vorgänge in Deutschland selbst, berufen kann. Die nationalistischen Offiziere, Beamten, Professoren, die sich der Führung des durch die Revolution ans dem Geleise und aus seiner Machtstellung geworfenen Bürgertums bemächtigt haben, wünschen aber keine Revision, sondern den Bruch des Vertrages. Allerdings ohne die Verantwortung zu übernehmen. Als sie in: März des veraangenen Jahres infolge der überraschenden Kopflosigkeii der Scheidernann-Regierung in Berlin siegten, war die erste Tat der Kapp-Leute eine feierliche Verbeugung vor per Entente und das Angebot demütigster Erfüllungspolitik. Sre wollen eben.herrschen, die Macht besitzen, den Thron wieder aufrichten und dann Deutschland wieder in eine. Kaserne verwandeln. Der Krieg als Folge des Vertragsbruches kommt für sie erst in zweiter Linie und höchstens als Fortsetzung ihrer inneren Politik, in Betracht. Nicht sie, sondern das'erschöpfte Volk müßte in die Schützengräben. Jeder Radikalismus wirkt sich nur nach innen aus. Den deutschen Chauvinisten handelt es sich um Rache an der Revolution. Sie wollen die Republik stürzen, weil sie in Deutschland die erste Voraussetzung der Demokratie ist. Sie hassen die Demokratie, weil sie sich nicht mit Standesvorrechten verträgt^ weil sie den Staat dem Bürger und seiner Arbeit anvertraut. Da die Majorität des deutschen Volkes von der Arbeiterschaft gestellt wird, die zum' Frieden und zur Versöhnung entschlossen ist, und deshalb den Schutz der Republik als ihre ureigenste Sache ansieht, versucht es der Chauvinismus, sein Ziel durch die Beseitigung aller Führer de^ demokratischen Richtung zu erreichen,"denen er zuerstdre^ Ehre und dann den Hals'ab'schneidet.- Ein anständiger Mensch kann in Deutschland nicht niehr leben. Diese, Worte, die die Sachlage nach drv Ermordung Rathenaus^ gxell zeichnen, stammen von dem Kanzler Wirth, über dem auch schon der Tod schwebt. Der Streik der Straßenbahner hält wohl noch an, aber er dürfte nur noch von sehr kurzer Dauer sein. Daran wird ihre intransigente Haltung der Gemeindeverwaltung gegenüber, deren Stellungnahme gegen die streikenden Straßenbahner von dem überwiegenden Teil' der Bevölkerung vollkommen gebilligtwird, nichts geändert. Die Streikenden sind schon aus materiellen Gründen nicht in der Lage, den Streik hinaüszuziehen, weil sie ihre letzte Auszahlung am 15. d. 'erhalten haben, im Gegensatz zu jenen, die im Kollektivvertrag geblieben sind und auch nach dem 15. d. eine Zahlung erhalten haben. Ans diesem Grunde bemühen sich die streikenden Straßenbahner, Hilfstruppen in den Arbeitern der städtischen Gas-, und Elektrizitätswerke zu gewinnen. Aber diese Hoffnung dürfte nicht in Erfüllung gehen, denn gestern vormittags erschienen die Betriebsräte der-Gas- und 'Elektrizitätswerke im Rathaus und gaben die Erklärung ab, daß die Arbeiter dieser Werke sich dem Streik der Straßenbahner! nicht an schließen werden. Die Betriebsräte erklärten, daß sie damit allen Gerüchten von einem S Y mp a t h i e st r e i k mit den Straßenbahnern entgegentreten wollen. Der Straßenbahnerstreik 'haste gestern als einziger den -StithtsMLbeschäftigt, in welchem Vizebürgermeister E mmerling eine genaue Darstellung über den Streik und dessen augenblickliche Ausdehnung gab. Er führte aus, daß die Hauptwerkstätte und fast alle Bahnhsswerkstätten einen vollkommen ungestörten Betrieb führen und daß in der Nacht von Montag auf Dienstag an der Ausbesserung' der Straßenbahngeleise und des Oberbaues wie gewöhnlich gearbeitet wurde. Ebenso klaglos erfolgte die Milchzufuhr in der üblichen Weise und die beiden Geld wagen, welche die Gelder von den Bahnhöfen sammelten, konnten ungehindert abgefertigt werden. Diese Mitteilungen Emmerlings ergänzte. Stadtrat Speiser durch eine Darlegung der wesentlichen Streitpunkte, die zum Streik geführt haben. Als Haupthindernis der Verständigung wird von den Straßenbahnern das Verlangen der Gemeinde nach Intensivierung der Arbeit durch Kürzung der Pausen empfunden. Diese Pansen wurden seinerzeit bei einer Arbeitszeit bis zu 14 Stunden eingeführt und waren damals auch begründet, heute aber sind sie unter den gegenwärtigen Verhältnissen ’ bei einer höchstens zehnstündigen Arbeitszeit einschließlich der Ueberstundenverpftichtung nicht mehr aufrecht zu erhalten. Ein entscheidendes Hindernis bildet das Verlangen der Gemeinde nach Durchrechnu-rg der Arbeitsleistung für den Monat auf Grund von 208 Arbeitsstunden. Der neue Vertrag enthält eine vollständigeAenderung der Uebersiundengebühren. Jetzt soll wie bei der Jndustriearbeiterschäst ein 50prozentlger Zn», schlag für die Ueberstunden auf den Durchschnitt der Normalstunde gegeben werden. Es ist klar,, daß. die Gemeindeverwaltung aus dem Standpunkt beharren mutzte, daß nicht an einem Tage eine.sechsstündige Arbeitslei stÜn g für acht SLÜnden gilt, während am nächsten.Tage eine zehnstündige Arbeitsleistung mit Neberpundengebilhr verrechnet wird. Wie ungerechtfertigt die Haltung der Streikenden ist, gebt daraus hervor, hotz ein Anaestettter aus der Gruvve des Fahrpersonals mit zehn Dienstjähren für den Monat Juni ohne Berücksichtigung i r gen -welche t Ueb erstunden nach dem neuen Vertrage eine Auszahlung von rund 184.000 K. zu erwarten'gehabt Habe, und die gleitende Zulage für den Monat Juli, die ungefähr bereits berechnet ist, würde diesen Monatsbezrrg auf etwa 220.000 K. erhöh c n, immer ohne Einrechnung der Ueberstunden. Aus alledem geht hervor, daß die Gemeinde den Straßenbahnern gegenüber sich durchaus nicht aus den Iustamentstarrdpunk\ gestellt habe, zumal sie immer wieder und wieder mit den Lohnkonntec? in Verhandlungen eintrat, ja sogar mit dem Aktionskomitee in Verhandlungen einzutreten bereit war/ was von diesem aber äbgelehnt wurde. - ' - Vizebürgermeister Emmerling gab seiner Meinung Ausdruck, daß unter solchen Verhältnissen man mit einer: längeren Dauer dös Streiks sich vertraut machen müsse, weil die Gemeinde durchaus nicht in der Lage sei, von ihrem Verlangen nach einer stärkeren Arbeitsleistung - bei entsprechender Bezahlung abznsehen. Auch ohne daß man-die Forderung nach einem Anschaffungsbeitrag von 120.000 K., für die. jedwede Begründung fehle, und der einen Aufwand von T,8 Milliarden erfordern Würde, in Betracht ziehe, arbeiten, die Straßenbahnen schon jetzt mit einem derartigen Defizit, daß eine s e h r b e» deutende Tarrfcrhöhnng erforderlich ist. Würden die Forderungen der Angestellten einfach erfüllt, so käme man zu einem Tarif von weit Liber 300 Kronen, der unter den heutigen Verhältnissen ganz imdiSkntab^ sei. Durch die projektierte ÄrvertsinteNsivierung würde es aber möglich sein, 600 bis 700 Angestellte in vollkommen schmerzloser Weise durch Pensionierungen ab« z n b a u e n. Wie entgegenkommend die Gemeinde den Streikenden gegenüber sich verhält, geht, wie Stadtrat-Speiser ausführte, auch daraus hervor, daß sie die Verpflichtung übernommen habe, auch die Pensionssrage bis 30. d. einer befriedigenden Regelung zuzusühren. Die hierzu notwendigen Verhandlungen konnten jedoch mit Rücksicht auf die bisherigen zeitraubenden Besprechungen mit den Aktiven noch nicht begonnen werden Diesbezüglich würbe sich eine allerdings nur ganz, kleine Verzögerung ergeben. Was die.. Auszahlungen an» langt, so wurden sie an alle Gruppen, die den Vertrag angenommen haben, also insbesondere in der Hauptwerk-- stätte, beim Hochbau, in. den Bahnhöfwerkstatten und Baynhos tatsächlich bereits geleistet, während an das Fahrpersonal die Leistung nnterblesben mußte, da es sich eben zu den damit im Zusammenhang stehenden Mehrleistungen nicht verstehen will. Die christlichsozialen Mitglieder des Stadtsenats, Dr. Kienböck, Hotz,. Rnmmelhardt, nehmen die Ausführungen Emmerlings und Speisers mit einer gewissen Schadenfreude zur Kenntnis, indem sie daraus verwiesen, daß die Rathausherrscher über die Bediensteten nicht mehr so sicher verfügen, aber in jedem Falle für die Ereignisse allein die Verantwortung zu tragen hätten. Für die Bevölkerung ist aber die ganze Angelegenheit kein Parteienstreit, kein Politikum. Sie Wirt zweifellos auf seiten der Gemeindeverwaltung stehen,, wenn sie ihren Standpunkt den Straßenbahnern gegenüber nicht aufgibt. Dev Streik dauert an. In später Abendstunde erfahren wir von verantwöc« tnnqsvoller Seite im Rathause.über den Streik folgende mmmasmw

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