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Wiener Morgenzeitung · 1922-06-27 · Heft 1223 (27.6.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1223 (27.6.1922)
Date
1922-06-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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>'«4JU» W i en: Zum Abholen in der üxpedition, II.,Taborstr. 1-3, oder in einerVerschleisstelle Trafik) monatlich K 2900 Mit Postversand für Wien u. Oesterreich monatl. K 2900 Tschech o-S1 owak ei: Mon. K20. Ungarn: Mon. K150. Jugoslawien: Mon« Dinar 25. Polen: Mon. Mark 800. Deutschland: Mon. Mark 60, Frankreich: Monatlich Frcs. 6 ■ atmacno-seowattei: tschech. K l.tO Italien: Monatl. 6. Lire Rumänien: Mon. 40. Lei Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3. Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19. ab 6 Uhr abends 16-301. Tel.-Adr.:,Morgenzeitung', Wien Oesterreichisches Postsparkassen -Konto Nr. 150.693 Nr. 1223 Wien, Dienstag, 27. Juni 1922 4. Jahrgang Der Post Post, Telephon und Eisenbahn in normalem Betrieb. Der Streik ist gestern spät nachts durch einen Beschluß der Vertrauensmänner beendet worden. Seit Mitternacht funktioniert wieder das Telephon und der Telegraph. Auch der Eisenbahnverkehr wurde nach Mitternacht bereits ausgenommen, so daß der normale Betrieb heute nn ganzen Umsange funktionieren wird. Die Korrespondenz Herzog meldet: Knapp vor Mitternacht hat die Vertrauensmännerversammlung der sozialdemokratischen Gewerkschaften mit überwiegender Stimmenmehrheit beschlossen, die Vereinbarung mit der.Regierung zu genehmigen und den Streik abzubrechen. Es wurden sofort Weisungen über die W i e d e r a u f n a h m e des Dienstes bei den Eisen- L ahne«, bei der Post, beim Telephon und Telegraphen hinausgegeben. Tatsächlich funktionierte noch vor Mitternacht der telephonische Dienst. Tie heutige Satzung des Nationalrates, in welcher eine Debatte über den Streik stattfinden wird, wird einen programmäßigen Verlauf nehmen. Iw Laufe des Sonntags wurden wiederholt Versuche unternommen, den Streit zwischen der Regierung und den Streikenden beizulegen. Als außerordentlich hinderlich erwies sich die von der Negierung am Samstag aufgeworfene Prestigefrage. ^Gestern tauchte der Vorschlag auf, die ganze AngeleMheit v o r d e n N ationalrat zu verweisen und aus dem parlamentarischen Boden eine Aussprache herbeizuführen, die dir Grundlagen zu einer Einigung legen könnte. ' . * - ’ Zwischen Vertretern der Regierung und der Eisen« b a h n e r wurden die Besprechungen gestern weitergesührt. Auch bei diesen trat die Anschauung zutage, daß das Parlament der kompetente Ort zur Schlichtung solcher Fragen sei, die sich aus der allgemeinen Situation des Staates ergeben. Die Differenzen bezüglich der Märzbezüge sind in der ganzen Ängelegenheit in den Hintergrund getreten. Die Sozialdemokraten sind der Meinung, daß es sich um eine politische Machtfrage handelt. Sie betrachten die Haltung der Regierung als ein Signal, das einen Angriff auf das Koalitionsrecht ankündigt. Tatsächlich ist der großdeutsche und christlichsoziale Teil der Beamtenschaft von der Gewerkschaft losgelöst worden und es standen in den letzten Stunden die Sozialdemokraten allein der Regierung^ gegenüber. Ihre Situation ist auch durch die offenkundige Antipathie des Publikums gegen den Streik verschärft worden. ES ergab sich gestern das Resultat, daß das arbeitende Polk vom Verkehr ausgeschlossen war, während die begüterte» Schichtest und die Landwirischäst gar nicht berührt wurden« Die Bediensteten der SB teuer Straßenbahn sind um 6 Uhr abends, mit dem Maus des von ihnen in der Nacht auf Sonntag beschlossenen Ultimatums, in den Streik emgetreten. *. Die Vorgänge nn Lager der Straßenbahner sind weitaus komplizierter. Dort kämpfen Arbeiter gegen einen sozialdemokratischen Unternehmer, nämlich die Stadt Wien. Ein Flugblatt des sozialdemokratischen Parteivorstandes, machte aus die Umtriebe ch r i st l i chsozialer Agitatoren aufmerksam, die nur als ein Angriff auf die Einheitlichkeit der Angestellten aufzufassen sind. Gemeinsam mit den Christlichsozialen gehen die Kommunisten vor, die ihrem Radikalismus die Zügel schießen lassen. Auch heir handelt es sich weniger um die materiellen Forderungen, obzwar auch deren Erfüllung nur mit Hilfe der Noten presse möglich wäre. Der Kampf galt vielmehr der vom Rathaus intendierten Ausnützung der vollen achtstündigen Ärbeitszeit. Die Straßenbahner hatten der Gemeinde ein mit 6 Uhr abends befristetes Ultimatum gestellt. Nach dessen Ablauf wurde der gesamte Tramwayverkehr stillgclegt. Die Forderungen der Stratzenbahner. Gestern vormittags erschien beim Bürgermeister Reumann eine sechsgliedrige-Abordnung, die vom Sekretär des Handels- und Transportarbeiterverbandes, Gemeinderat. W e i g l, geführt wurde 'und berichtete, daß die am Sonntag, nachts-abgehaltene Versammlung der Straßenbahnbediensteten' vor allem die monatliche Durchrechnung der Arbeit s st n n den und die Verlängerung der Mittags- Paus e. nm cine.halbe Skun.d e abge.lehnt habe. In bezug auf die Arbeitsleistung wurde von der Versammlung noch gefordert, daß ein' Bediensteter vor" seinem freien' Tag spätestens um 3 Uhr nachmittags aus dem Dienst gehen Streik der Bedienstete«. könne und nach seinem freien Tag vor 11 Uhr nicht zum Dienst eingeteilt werden dürfe. Ferner wurde die Forderung auf eine einmalige Zuwendung von 120.000 K. gestellt. Demgegenüber setzte die Direktion der Straßenbahnen auseinander, daß die Durchrechnung der Arbeitszeit in allen Verkehrsunternehmungen einschließlich der Straßenbahnen überall eingeführt und im Gesetze begründet sei, daß es sich also dabei um die Abstellung eines bei der Wiener Straßenbahn allein bestehenden unhaltbaren Zustandes handle. Bürgermeister Reumann und die amtsführenden Stadträte Emmerling und Speiser griffen des öfteren in die dreistündigen Auseinandersetzungen ein. Bei Annahme des Vertrages würden die Bediensteten ein wöchentliches E inko mmen von 46.000 K. haben, das sich mit der gleitenden Zulage im Juli ans mindestens 55.000 St. erhöhen würde. Wenn der Vertrag angenommen werde, könne an die Fahrbedienstl'tcn sofort die' in Aussicht genommene weitere außervrdemliche Zuwendung für Juni im Betrage von 22.000 K. ausgezahlt werden. Diese.Zuwendung könne, da auch die Abrechnung jetzt schon weiter vorgeschritten sei, bis auf etwa 30.000 K. ergänzt werden. Ebenso könnte am 1. Juli außer den nach dem alten Vertrag anfallenden'Bezügen ein provisorischer Zuschuß von 50.000 K. als Auswirkung des neuen Vertrages ausgefolgt werden, worum der Handels- und Transportarbeiterverband bereits ersucht habe. Die Abordnung nahm diesen Sachverhalt zur Kenntnis und erklärte, daß sie den Bediensteten berichten werde. Der Streik beschlossen. Die Bediensteten haben nun den Bericht der Abordnung nicht zur Kenntnis genommen und um 6 Uhr abends wurden alle Wagen in die zuständigen Remisen geleitet. Eine Ausfahrt fand nicht mehr statt, so daß der Streik eingesetzt hat. Der Vorstand bes Klubs der Sozialdemokraten im Wiener Gemeinderat hat in einer noch gestern abgehaltenen Sitzung einen ausführlichen Bericht über die im Laufe der letzten Wochen mit den Straßenbahnbediensteten geführten Verhandlungen entgegengenommen und in einem Aufruf die Gründe dargelegt, die die Gemeinderatsmehryeit zu ihrer Haltung veranlaßt haben. Der alldeutsche Nihilismus. —y. Wien, 27. Zuni Infolge des österreichischen Verkehrsstreiks kommen nur spärliche Nachrichten aus Deutschland, die aber doch die Erregung und Bestürzung der Führer der Republik erkennen lassen. Der Präsident, der nach Berlin zurückgekehrt ist, hat eine Ausnahmsverordnung erlassen, die alle Angriffe auf die Sicherheit des Staates und seiner Diener verhindern soll. Die Negierung erläßt einen Aufruf, aus dem man die Gefahr deutlich ersieht: „Ein Netz von Verschwörern droht das Friedenswerk der Republik zu zerstören. Der Mord ist nur ein Glied in der Kette wohlvorbereiietcr Anschläge auf die Republik. Dem wachsenden Terror, dem Nihilismus, der sich vielfach unter dem Deckmantel nationaler Gesinnung verbirgt, darf nicht mehr mit Nachsicht begegnet werden. Der Ruf: „Die Republik ist in Gefahr!" muß alle freiheitsliebenden Schichten der Bevölkerung vereinigen." Es geht heuteün Deutschland vielleicht weniger nn: die Staatsform. Eine solche Auseinandersetzung ist auch ohne gewaltsame Effekte denkbar und es käme lediglich darauf an, ob: das republikanische oder das monarchistische Bekenntnis den stärkeren Einfluß auf das Gemüt und die politische Phantasie der breiten Massen erringen kann. Der monarchistsicben Partei aber liegt es nicht, Jdeenpropagandä zu treiben. Sie fiirchict sie, weil die Vergleiche zu der gottgewollten Vergangenheit zu offen liegen, weil das Volk schließlich auch nicht den vom preußischen Gottesgnadentum verursachten Beginn der Katastrophe vergißt. Darum haben sich die Monarchisten entschlossen, zur Propaganda der Tat überzugehen. Sie machen diese Anleihe beim Anarchismus sehr gern. Sie erspart lästige Diskussionen, bei denen man auch Gehirnschmalz und politische Kenntnisse zeigen müßte. Der Revolver ist bequemer. Im preußischemLandtag und.im Reichstag. hat die Linke die Deutschnationalen des Mordes angeklagt. Formell mit Unrecht. Denn die Helsserich und Hergt sind wahrscheinlich so. schlau gewesen, keine direkten Beweise existieren zu lassen. Jedes ihrer Worte ist ja Mord und in den letzten Wochen hat die Hetze gegen alles Demokratische, das man in diesen Kreisen gern als jüdisch'anspricht, jedes Maß überschritten, um die Gemüter der Kinder, die's so gerne hören, für den 28. Juni entsprechend zu präparieren. An diesem Tage ist der Versailler Frieden unterschrieben worden und diese Gedenkfeier soll durch einen grandiosen Festpogrom an Juden, Demokraten und Sozialisten verschönt werden. In diesen Kreisen ist ja der Mord eine Kleinigkeit. Sie haben unbedenklich im Jahre 1914 das große Morden angefangen, und so kommt es ihnen.auf ein mehr oder minder umfangreiches Blutvergießen nicht weiter an. Sie reden ja sehr viel von einer St. Bartholomäus-Nacht, einer Nacht, in der ein römisch-katholischer französischer König in Paris und den großen Städten Frankreichs die Protestantenziffer um ein Erkleckliches hat vermindern lassen. Die Deutschnationalen sind in Nord- und Mitteldeutschlandprotestantisch, in Süddeutschland katholisch. Ihre Streitfragen löschen sie, da sich ja die Zeiten geändert haben, gerne in jüdischem Blut. Ist kein Jnde zur Hand, dann nimmt man auch andere. Wie sich's trifft. Die Sache ist mit der berühmten organisatorischen Akkuratesse der preußischen Nation in ein System gebracht. Sie werfen dem Judentum gerne eine zentral geleitete Geheimarbeit vor. Selbst aber haben sie für das, was sie Politik nennen, eine geheime Körperschaft gebildet, die mit viel Geld, viel Druckerschwärze und viel Gemeinheit an der Arbeit ist. Das ganze Arsenal der.Kinoromantik ist da vertreten. Es gibt anonyme Briefe, Masken, rasende Autos und hauptsächlich Revolver und Handgranaten. Denn dort, wo Begriffe. fehlen, da stellt ein Mord zur rechten Zeit sich ein. Im Dienst dieser Organisation, die militärisch gegliedert ist — auf dem Gebiet der Menschenmetzgerei hat die deutsche Oberschicht seit jeher beträchtliches geleistet — stehen die Behörden. Die Mörder entkommen oder werden freigesprochen. Die politische Phraseologie Deutschlands gebraucht' sthr gerne die Worte Erfüllungspolitik oder Selbst-, bestimmungsrecht. Das sind dumme Lügen, gut genug für den berufsmäßigen Politiker. Für den gewöhnlichen Mantt. find sie. Frieden oder Krieg zu lesen. Darauf, läuft alles hinaus. Will man Frieden, Erholung und; Sammlung, dann muß man den Friedensvertrag, der vorläufig nicht zu ändern ist, halten, ohne dabei die Re-. Vision als nächstes Ziel aus' den Augen zu verlieren. Will man das nicht, so hat man den Krieg. Das eine fordert die Natur und die Rücksicht auf die verlorene Kraft, das andere die Rachel Beides ist ehrlich. Das Alldeutschtmn ist es nicht. Es will den Krieg, aber das Volk soll ibn tübren. Es weint blutige Tränen um .Oberschlesien und denkt an den Elsaß. Es redet von Selbstbestimmung und meint den Krieg gegen' die -Arbeiter. Es. singt von der Freiheit und will die Juden ansrotten. Es schwärmt für die Autarkie und schmuggelt Waren durch -die Okkupationslücken. Es ist für die Besteuerung aller und schiebt Gold, Juwelen und' Bilder' im Auto nach der Schweiz und nach Holland. ' Es schluchzt von der deutschen Treue und hat im . Burgenland auf die österreichischen Gendarmen geschossen. Es ist gut.christlich und mordet in Kleinasien christliche Armenier und Miechen. Schulter, sn .Schulter mit,.den bolschewikisch honorierten Angora-Türken. Es hat Kultur und läßt Jungmannen vor einem jüdischen Friedhof ausspucken, Es greint, daß die Franzosen und Belgier nicht an die. zerstörte Picardie vergessen, und feiert die Generäle, die dort gewütet haben. Sie sind ein Ausbund aller Gesittung, Ordnung und Gesetzlichkeit und haben Dolch und Verschwörerlarve im Wäppen. Sie sind tapfer , und mutig'und morden von hinten. Sie haben alle Courage gepachtet und, zittern vor jedem Inden. Denn ihr ganzer Antisemitismus ist nichts als blutige säMmerliche Feigheit

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