Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1221 (25.6.1922)
- Date
- 1922-06-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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r- Seite 4 Wien, Sottnidn Misttirr MoLgömeitung. 25 Juni 1922 Nr. 1221 zur Reällsürung Helsen woll? oder nicht. Ich brauche eine Autorität gegenüber der Weit, die ich mit meiner Ivee Hinreißen will. Ich würde ans Dankbarkeit für die „Nene Freie Presse", die meine Kapiere wenn schon nicht machte, so doch ermöglichte, am liebsten mit meinen jetzigen Freunden gehen. Aber ich mache die Politik der Juden und kann nnch von persönlichen Rücksichten nicht zun: Ausgeben mcmer Idee bestimmen lassen. Benedikts Verstand leuchtete wieder. Er besprach — „laut denwnd", und ohtre daß ich ihm antworten solle — die Blaitscrm, um die es sich handeln könne. Sofort erwähnte £>■ die alte Presse, die, wie er gehört habe, umgestaltet w^'-den solle. Dann die Eventualität eines „Judenblattes". dann eines Konrnrrenzblaties für die „Neue Feere Presse" mit großem Gründungskapital. So beriet er mich, ohne mich zu fragen. Scklüßlich, meinte er, sei es eine persönliche Frage. Ob ich nieinen geebneten Weg als angesehener Schriststeller in der „Neuen Freien Presse" weitergehen wolle, bequem, b-haglich, um sieben Uhr aus dem Bureau und Netter keine. Sorgen. Oder ob ich mir mein Leben so zerstören wolle, wie er und Bacher es getan — keinen Tag, keine Nacht mehr haben? Ich sagte: „Ich bin kein bequemer Mensch. Jetzt kann ich noch Zwanzig Jahre die Welt zusammenreißen. Hut Geld zu gewinnen, täte ich es nicht. Aber ich habe meine Idee!" Bencdikt sagte endlich: „Ich persönlich bin mit Ihrer Idee im großen und ganzen einverstanden. Ob es das Blatt sein darf, kann ich nicht entscheiden. Ich wage es nicht. Ihre Idee ist für uns eine Bornbenidee. Ich meine, Sie sollten es zuerst mit der Gründung einer jochte d'etudcs in Paris oder London versuchen. Wir werden Ihnen dazu eiuen Urlaub geben und Sie persönlich mit unserem Einfluß-unterstützen. Ob wir in absehbarer Zeit uder überhaupt jemals die publizistische Vertretung übernehmen, weiß ich nicht, und ich glaube, wir können.es Ihnen, nicht versprechen. Es wird vielleicht einmal zu schweren antisemitischen Ausschreitungen kommen. Mord, Totschlag Plünderung — dann werden wir vielleicht ohnehin gezwungen sein, Ihre Idee zu benützen. Es ist damit immerhin der Punkt gegeben, hinter den wir springen und uns retten können. Aber sollen wir Ihnen sagen, wir werden es lun, und Sie damit vielleicht in eine Täuschung führen, die Sic uns später vorwersen würden?" Ich ging dann zu Bacher, der aber zur Parteikonferenz der Vereinigten Linken mußte. Ich konnte ihm in der Eile nur sagen, daß ich einen Antrag habe. Alles Nähere wisse Benedikt schon. Er war oder zeigte sich betroffener als Benedikt. Wir nahmen sür morgen Rendezvous. Dann schrieb ich Glogau einige Worte und bat um 24 Stunden Aufschub. Sie werden vermuten, daß ich doch kompensatorische Verhandlungen führe. So peinlich mir dieser Geldverdacht ist, kann ich mir doch nicht Helsen. 28. Oktober. Gut ausgeschlafen, gut überschlasen. Heute ist ein noch größerer Tag als gestern. Ich stehe vor einer ungeheuren Entscheidung — und.Mt mir die Iudensache. Und die „Neue Freie Presse" auch- ■.* Sie werden mich verstehen. Super os movcöo! Tatsächlich hat die Iudcuschlacht zwischen mir und den 'gen Juden schon begonnen. Ich dachte mir zuerst, daß ich die Rothschilds vor das Dilemma stellen müsse. Aber die erste Schlacht muh ich der „Neuen Freien Presse" liefern. V. - Abends. Die.Schlacht ist geliefert und verloren — für wen? . Von 5 bis 8 Uhr abends las ich Bacher in seiner Wohnung die Rede an die Rothschilds vor. Wenigstens das war erreicht, baß er, der mich vor einigen Wochen a limine abgewiesen, mich jetzt anhörte — und wie! Er, der Ablehner, war auck ganz anders geworden. Er fand die Idee groß und erschütternd. Aber er könne sich dom nicht von einem Augenblick auf den anderen über eine so ungeheure Lebensfrage des Blattes entscheiden. Er stellte mir vor, was ich verliere, wenn ich von der „Neuen Freien Presse" wcggehe. Sie brauchen mich eigentlich nicht, haben aber doch den Posten des Feuilletonrcdaktcurs geschaffen, als ich nicht ui Paris bleibenwollte. Meine Iudenidce fand er generös — aber schwerlich ausführbar. Die „Nene Freie Presse" riskiere zu viel. Die Iudm werden vielleicht darauf nicht eingehcn — und was dann? Ich stellte ihm vor, daß die „Nelle Freie Presse" dieser Frage nicht werde auswcichen können. Sie werden früher oder später Farbe bekennen müssen. „Ja," meinte er, „wir haben auch zwanzig Jahre lang nichts von der Sozialdemokratie gesprochen." Das war eigentlich sein merkwürdigstes Wort. . Von da ab war cs und ist es klar, daß ich für die Sache nichts von der „Neuen Freien Presse" zu erwarten habe. Was man der „Neuen Freien Presse" als Kurzsichtigkeit zum Vorwurf gemacht hatte: daß sie den Antisemitismus^) so lange totschwieg — war ihre Politik! Ich sagte: „Diese Sache werden Sie schließlich ebensowenig verschweigen können, wie den Antisemitismus'--). Wir waren schon auf. der Gasse und gingen der. Redaktion zu, als ich das sagte. Er murmelte wie im Selbstgespräch vor sich hin: „Es ist eine verfluchte Geschichte!" Ich . antwortete: „Ja, es ist eine verfluchte Idee! Man kann ihr heute nicht entrinnen. Mit Ja wie mit Nein engagiert man sich furchtbar." Er daraus. „Es ist etwas Großes, und ich begreife, daß -in anständiger Mensch sein Leben daran setzen will. Ob Sie noch viele solche Herzls finden werden, möchte ich bezweifeln" Resultat: Sie können sich nicht-zu dem - herzhaften Schritt entschließen. Ich wieder kann mich itnb meine Idee ün Bornrarsch nicht.äufhalten lassen. Es wird also nichts übrig bleiben, als zu scheiden. — # Jerusalem, 18. Mäi 1928. Schade, daß noch keine Streikstatistik von Palästina besteht. Sie würde vermutlich überraschend kleine absolute und relative Ziffern ergeben. Für Streiks kommen nur jüdische Arbeiter in Betracht, die arabischen Arbeiter sind zu weit von jeder Arbeiterbewegung entfernt, um auch nur eine Ahnung von der Bedeutung des Streiks clls Knmpfwasfe zu haben. Für die jüdischen Arbeiter liegt die Sache so. daß din großer Teil von ihnen — etwa ein Drittel — kooperativ arbeitet, sei es in den Kwuzoth 'des Nationalfonds oder in städtischen Kooperativen; die selbst, als Arbeitgeber auftreten, vor allem in der 500 Arbeiter umfassenden Kooperative für öffentliche Arbeiten. Für diese Kooperativer! fällt natürlich die Möglichkeit eines Streiks von vornherein weg. Dazu kommt für die anderen Arbeiter die ständige Konkurrenz der arabischen Arbeiter, die kein Klassenbewusstsein haben und jeden Mornent bereit wären, als Streikbrecher zu fungieren. So kommt es, daß trotz einer sehr stark sozial bewußten jüdischen Arbeiterschaft die Zahl. der Streiks sehr klein ist. Nur in den Produktionszweigen, wo keine arabische Konkurrenz möglich ist — und das sind verschwindend wenige — kann der jüdische Arbeiter überhaupt an Kamps denken. In den letzten Wochen gab es mehrere Streiks, die Auf- : sehen erregt haben. Der eine ist in der Druckerei der Gesellschaft Hasolcl, die das Tagblatt „Doar Hajom" herausgibt, ausgebrochen und dauert nun fast schon vier Wochen an. Die Zahl der feiernden Arbeiter ist klein (nicht ganz ein Dutzend) aber der Streik erregt Aussehen, denn er verhindert, den „Doar Hajom", im vollen Umfange zu erscheinen. Sowohl „Doar Hajom", wie die im gleichen Verlage erscheinende „Palestine Weekly" benützen ben Anlaß zu sehr scharfen Angrifen auf die Arbeiterschaft. „Palestine Weekly" fordert das Eingreifen der Negierung und der Gesetzgebung zum Schutze der Arbeitgeber. Ursache der Differenz war die Einführung von Maschinen in die Druckerei des Hasolel, dessen Eigentümer im Zusammenhang damit die Zahl der beim Drucke beschäftigten Arbeiter herabsetzen wollten, wogegen sich die Arbeiter zur Wehr setzten. Wichtiger und prinzipiell interessanter war die Aussperrung und der Streik bei den Baunnternehmungen in Telawiw — vermutlich die erste in Palästina. Hier weisen die Differenzen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern schon auf tiefer liegende Momente und Fragen des Aufbaus Palästinas hin. Bekanntlich herrschte in Palästina den Winter über eine sehr starke ArbditZlosigkeit. Auch heute ist sie trotz des' sehr großen Aufschwunges im Baugewerbe nicht ganz überwunden, es gibt noch etwa 700 Arbeitslose im Lande. Diese Arbeitslosigkeit führte zu entwürdigenden Zuständen auf dem Arbeitsmarkt. Arbeit erhielt, wer Protektion hatte, es kam vor, das; die kleinen Unternehmer den Arbeitern ansagien, morgen erhalte Arbeit, wer früher komme, und die Arbeiter rannten in aller Frühe um die Wette auf den Arbeitsplatz. Es wird sogar erzählt,'daß sich die Ehaluzim gefallen lassen mutzten, daß ihre Muskeln geprüft wurden, ehe sie Arbeit erhielten. Die ungelernten Ar- - beiter hatten keine Möglichkeit, andere als ^schwarze" Arbeit zu verrichten, und sich fachlich auszubilden. $) Für „Sozialismus" verschrieben? Ä!1 follstofie Her selbst sein Ruder in den Kahn, um kein Geräusch zu verursachen oder die Glätte des Wassers zu stören. Stille. Unendliche Sülle einige Minuten lang. Nur das Pochen der Herzen ist zu vernehmen, wie die drei Männer — sich über das Wasser beugend — in die Tiefe spähen. Eigentümlich rein ist in dieser Gegend das Meer und bei dem Scheine der in die blassen Schichten des durchsichtigen Wassers brennenden Sonnenstrahlen ist eine jede Bewegung des mystischen Innern des Ozeans rein auszuttehmen: die silbernen Flössen der pfeilgeschwind hin- und herhuschenden Fsche — die Schwingung, des Wassergrases — und das Metzeln der Krebse,- wie sie - sich im Sonnenschein, spielen, erscheinen und verschwinden. ' Dann ertönt die Stimme des Masters: „Du kannst gehen. Ich sehe keinen Hai." Und der Fischer taucht in die Tiefe? Seine Augen sind offen/damit er seine Umgebung dort unten sehen könne: den Schatz und auch die Gefahr, die diesen bewacht.!. Shark! Der Hai... Iuarez.flog aus der Ebene des Ozeans mit großer Geschwindigkeit.dahin. Dann langten wir an. Hinter unserem Rücken duckte sich das Ufer von Key- West wie ein langer, schmaler Streifen an den weiten Saum des Horizonts. Vor uns aber tauchte aus dem Meer wie irgendein schwarz-grauer, verfallener Trümmerhaufen die von Sandbänken umgebene Welt, der Old Cliffs auf. Iuarez griff mit plötzlicher Bewegung in das Segel und der Kahn blieb stehen. „Wir sind an Ort und Stelle." Fünfzehn bis zwanzig Barken waren - beisammen, plumpe, flache und schwere Fahrzeuge. Acht bis zehn Klafter lagen sie voneinander, einige Klafter vor uns. Ringsum herrschte Stille, selbst das Meer flutete nur vorsichtig, schäumend an die Felsen schlagend und zerstiebend. ' Dann kamen wir bei der einen Barke an; glänzind strahlte an deren Seite der aus Kupfer ausgeschlagene Name «Florida". Iuarez bildete aus seiner Hand einen Trichter und rief scharf: „Kui!... i... i... Master O'Ferral!" * ' Aus der Barke blickte ein Mann plötzlich aus, dann schaute er — Ruhe winkend — mit gespannter Aufmerksamkeit wieder in die Tiefe des Wassers. DaS Ende seines Strickes befand sich gerade aus den: Meeresgrund. „Haho, up!" Der Ruf verklang. Der Master zog. jetzt an dem Strick.. .-Dann tauchte ein nackter Mensch auf: mit einem Sacke um den Gürtel, einem Messer im Munde, und einem Stück Holz in der Linken. „Kui. i! Kommt!" Eine Minute später stand Iuarez' Kahn an der Seite der „Florida". Fünf, sechs Fischer umgaben, uns alsbald. Ünseren kleinen Handel schlossen wir auf der Setelle ab. O'Ferral zündete sich dann eine Pfeife an. „Der Hai?" O'Ferral wurde aus dieses Wort plötzlich ernst. Einige Minuten rauchte ernachdenklich seine Pfeife; endlich zuckte er mit der Achsel gleichgültig. „Well. Mit sieben Haifischen habe ich mich schon geschlagen ya unten. Es ist ein schreckliches Tier. Der Fischer überwältigt es aber manchmal dennoch." Jetzt packte er aus seinem Kahne mit plötzlicher Bewegung ein zwei Finger dickes, eine Spanne langes Holzstsick. Dies ist des Perlenfischers Waffe gegen den Hai. „Ich habe es aber nur einmal benützt. Es ist dies ein ungeschicktes Ding und dessen Erfolg zufällig; da hat das Messer ja doch einen größeren Wert als dieses, oder beide haben keinen Wert... Einmal habe ich das Holz benützt einer zwölf Fuß langen Bestie gegenüber; damals war ich aber noch jünger." , , Der Fischer verstummte, um seine Erinnerungen ein wenig in Ordnung zu bringen. Dann sprach er: „Mit meinem Atem ging es gerade dem Ende zu: hundertzwanzig hatte ich schon für mich gezählt . . . Der Hai näherte sich von rechts, langsam sich an einen Felsen schmiegend... Damals hatte er noch nicht bemerkt, daß ich in seiner Nähe stehe. | Für einen Augenblick stutzte ich, dann wartete ich unbeweglich, daß er wieder weiterschwimme ... j Bis acht zählte ich für mich; das Tier war noch immer > in einer Lage. Mein Kopf begann schon zu brummen und das Wasser sich vor meinen Augen infolge der Mattigkeit I zu verfinstern. j Da schnitt ich von meiner Seite plötzlich den Sack ab, >, packte krampfhaft das Messer und setzte mich gegen die Ober-! fläche des Wassers zu in Bewegung, s Der Hai stutzte. Für einen. Augenblick wich er zp.rück, ■ weil er vor mir erschrak. Dann legte er sich plötzlich auf! seinen Rücken und stieß seinen Körper blitzschnell aus. mich > los . . .. ' ' .! Ich hatte nur so viel Zeit, um aufspringen zu können, mein Messer sieß ich ihm aber in den Bauch? Der Kampf begann: der ungleichmäßige,, verzweifelte Kampf auf Leben und Tod. Während zehn Sekunden stieß ich ihm das-Messer dreimal in den Leib, er aber schlug mit seinem scharfen Schwänze zweimal nach mir. Das grüne Wasser begann vor meinen Augen langsam rot zu werden, sich färbend vom Blute von uns beiden.. Ich war da vielleicht schon zweieinhalb Minuten in der Tiefe. Ich hätte es nie gedacht, daß ich es' dort unten so lange aushalten kann. Jetzt ging ich aber schon meinem Ende zu, und dies machte mich wütend. Ja, die Wut war es, die mich tollkühn machte. Ich wußte, daß. ich jetzt von dort kaum entkommen werde, und ich bereitete mich ans das Aeußerste vor. Wie es geschehen ist? . . . Ich erinnere mich schon nicht mehr . . » Wir befanden uns nebeneinander, ich an die Felsenwand gelehnt, meinen Rücken schützend, er vor mir und trank sein eigen Blut... .Mit meiner linken Hand stieß ich ihm Vas Holzstück in dem Augenblick in den ausgespannten Rachen zwischen die Zähne, als aus meiner Lunge die schlechte Luft gerade hinausströmte. Eine Minute später hätte ich schon nicht .mehr gelebt? Er erstickte, weil sein Maul anfgespreizt war; mich zog man hinauf und man entleerte mich rasch vom Master..." -? - - - Es war schon gegen Mittag, als wir die' Gegend der Old Cliffs verließen, um nach Key-West zurückzukehren, j