Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1221 (25.6.1922)
- Date
- 1922-06-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Sonntag Wiener ÄorgenzeiLung. 25. Juni 1922 Nr. 1221 Seite 8 Der Lebensgang Rathermus. Dr. Walter R a t h e n a u, der im 55. Lebensfahre stand, war der Sohn des Begründers der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft Emil Nathenau und Erbe eines bedeutenden Vermögens. Er hat jedoch von den Möglichkeiten, die ihm dieses Vermögen bot, keiner: spezifisch kapitalistischen Gebrauch für seine Person gemacht, sondern zeitlebens der Sache und dem Geiste gelebt. Ziemlich bedürfnislos in feinem äußeren Leben, hauste er allein; er war nicht verheiratet und erschien selten in großer Gesellschaft. Von seinem Vater wurde er zum künftigen Leiter der A. E. G. erzogen; als deren Präsident hat er bis zuletzt gewirkt. Er kannte den Betrieb bis in seine kleinsten Einzelheiten, sein Blick Ipar aber immer auf die großen Zusammenhänge der Stats- und Weltwirtschaft gerichtet. Zinn ersten Mal tauchte seine Persönlichkeit im öffentlichen' -Wirtschaftsleben Deutschlands während des Krieges aus; da er die d eu t s ch e R o h st o s fversvrgung organisierte, zu einer.Zeit, als noch niemand die eminente Wichtigkeit dieses Defensivmittels im Wirtschaftskriege erkannt hatte. Diese im schönsten Wortsinn patriotische Wirksamkeit setzte Walter Rathenau fort, als die politische Wirrnis der letzten Jahre seiner ordnenden helfenden Hand bedurfte. Doktor- Rathenau.war zuerst W i e d er a u fb a u m i n i st e r/ nahm an den Verhandlungen, in Spa entscheidenden Anteil, trat aber sofort von seinem Posten zurück, als sich politischer Widerstand gegen ihn erhob. Er stand der deutschendemokratischen Partei nahe, doch nicht in dem Sinne, daß er. als deren Vertreter in die Regierung entsandt worden wäre. Zuletzt war Rat Henau Ministe^ des Aeußern und' als solcher der einzige Vertreter des deutschen Volkes, der allen Ententemachthabern durch seine Haltung, sein Auftreten, seine Energie und seine Geistigkeit imponierte. Wenn Rathenau in englischer oder französischer Sprache, die er 'mit der Meisterschaft eines Schriftstellers beherrschte, eine seiner groß angelegten, klat aufgebauten, sachlich präzisen Reden hielt, nahm er alle Staatsmänner des Auslandes gefangen. Er genoß auch das Vertrauen der Mehrheit des deutschen Reichstages. Von den nationalen Chauvinisten allerdings wurde Rathenau aufs heftigste bekämpft; seit der Ermordung Erzbergers wurde in zahlreichen Pamphleten und Hetzliäern zu 'seiner Tötung aufgefordert. Rai Henaus Wirksamkeit als Minister war nicht von.politischem Ehrgeiz,, sondern einfach vom Willen zur Pflicht und dem Bewußtsein seiner Zugehörigkeit zum deutschen Volk erfüllt. Seiner Konfession -nach war er I n d e, und' er hat in einer „S t r e i tschrift vom Glauben" genannten -Broschüre auseinandergesetzt, warum er den ererbten Glauben nicht wechselte. In dieser Schrift findet sich das Bekenntnis: „Auch meine Neschamah (Seele) ist auf dem Berg Sinai gewesen." Trotzdem ist er dem Judentum und - dessen Schicksal fremd gegenübergestanden. (Siehe der folgende Artikel.) ' Walter Rathenau war ein kühner, eigenwilliger Theoretiker, bald reiner Ethiker, bald Wirtschaftsphilosoph, als Schriftsteller von hoher formaler Begabung, als Denker eine überragende Persönlichkeit. Seine mit großer geistiger Kraft und Gründlichkeit geschriebenen Bücher sagen Grundlegendes zur demokratischen Neugestaltung des deutschen Stats- und. Wirtschaftskörpers. Von seinen zeitphilosophischen Werken ist das populärste ,.Von kommenden Dingen" geworden, das im Kriege großes Auffehen erregte. Die intensive Beschäftigung mit geistigen Dingen lähmte jedoch nicht.seine aktive Spannkraft im praktischen Leben. Walter Rathenau war ein Mann der Idee und der Tat. Rathenaus Stellung zum Judentum. Es ist die Tragik des jüdischen Volkes, daß es infolge seiner abnormalen Stellung inmitten einer von Feindschaft durchsetzten Nachbarschaft . seine besten Kräfte für . fremde Dienste hingeben muß. Noch größer aber wird diese Tragik durch die Tatsache, daß gerade diese Besten durch Erziehung und Bildungsgang veranlaßt werden, sich im Herzen von ihren: Muttervolk loszulösen, Das jüdische Volk braucht sich Raihenans nicht zu schämen, auch nicht seiner Entfremdung. Die Schande fällt auf die Völker, die uns hassen, unsere Opfer aber gerne annehmen und die geistige Kraft des Judentums für sich verwenden. Wie sich Rathenau zum Judentum stellt, das er.kalt, lieblos, ja sogar feindlich betracht:, obzwar er aus einem gewissen adeligen Trotz sich nicht äußerlich lossagt, das kann man in seinen „Jmvressioneu" Nachlesen, in denen er den: Judentum Worte widmet, die ganz gut in einen: antisemitischen Almanach stehen könnten. Aber die Angleichung, selbst wenn sie gefüh'Zmäßig noch so tief angelegt wird, nützt nichts. Das deutsche Bürgertum, das diesem Ingenieur nicht viel Gleichwertiges entgegenznstellen hat, haßte ihn aus tiefstem Herzen. 'Und schließlich ist er ermordet worden, weil er ein Jude war. „Die Geschichte gibt dem Unterliegenden unrecht", hat er selbst geschrieben. Unter den: Titel „Höre Israel!" schreibt er in dm „Impressionen": „Von vornherein will ich bekennen, daß ich Jude bin. Bedarf es einer Rechtfertigung, wenn ich in anderem Sinne schreibe als dem der Judenverteidigung? Viele meiner Stammesgenossen -kennen sich nur als Deutsche; nicht als Juden. Einzelne, zumal solche, die durch Beruf und Neigung veranlaßt, weniger' miv .ihresgleichen als mit Stammesdentschcn zu.schaffen haben,' von.denen sie sich ä n ch ä n ß e rl i ch nicht mehr a l l z u sehr unterscheiden mögen, sind ehrlich genug, den. Fahnen ihrer philosemitischen Beschützer nicht länger zu folgen, Ihnen schließe ich mich an. Die Philosemiten pflegen zu verkünden: „Es gibt keine Judensrage. Wenn die Juden ihr Land schädigen,, fo - geschieht das durch unzulässige Handlungen - einzelner. Hiergegen schaffe man Gesetze oder verschärfe die bestehenden." Sie haben nicht unrecht,. Die Beantwortung,, der, wirtschaftlichen Frage.ist Sache der Gesetzgebung. Aber von der wirtschaftlichen Frage wjll'.ich-nicht sprechen. ' . Drohender erhebt sich die gesellschaftliche, die Knltnrfrage. Wer ihre Sprache vernehmen. will, mag an Berliner Sonntagen, mittags um 12 Uhr, durch die Tiergartenstraße blicken. Seltsame Vision! Inmitten deutschen Lebens ein abgesondert fremdartiger Menschenstamm, glänzend und auffällig staffiert, von heißblütig beweglichen. Gebaren. Auf märkischem Sand eine asiatische Horde.. Die gezwungene Heiterkeit dieser' Menschen verrät nicht, wieviel alter, ungesättigter Haß auf ihren Schultern lastet. Sie ahnen nicht, daß nur ein Zeitalter, das alle natürlichen Gewalten gefesselt hält, sie vor dem zu beschützen vermag, was ihre Väter erlitten haben. In engem Zusammenhang unter sich, in strenger.Abgeschlossenheit nach außen —: so leben sie in einem bald freiwilligen, unsichtbaren Getto, kein lebendes Glied des Volkes, sondern ein fremder Organismus in seinem Leibe. Es frommt nicht, zu forschen, wie das geschah und auf welcher Seite die Schuld liegt. Das Leben fragt nach dem, was ist; und die Geschichte gibt dem Unterliegenden unrecht. Es besteht die unbestreitbare Wahrheit, daß die besten Deutschen einen tiefen Widerwillen gegen jüdisches Wesen und Treiben hegen, die am meisten, die nicht viel Worte davon machen und etliche Ausnahmen — gleichsam als seltsame Naturspiele — :zugeben. Und wenn die Juden über Breite und Tiefe der Strömung sich zu täuschen trachten — ein beklommenes Gefühl der Einengung und Verlassenheit werden sie nicht los. Der alte.Hcrrlichkeitsgedanke ist verrauscht, und sehnsüchtiger, als sie es gestehen, blicken sie aus nach Versöhnung. Aber , das Meer der Abgeschlossenheit will sich vor keinem Zauberspruch. zerteilen. Ich wiederhole: Mit der wirtschaftlichen Frage, dem, eigentlichen Gebiet des s o g e na n nten Antisemitism üs,. will ich mich hier nicht befassin. Noch lange, fürchte ich, werden die untsren 'Klassen des Judentums auf das Gewerbe des Handels ängewieseN''/ein. Es ist natürlich und berechtigt,, daß, wie jede.einseitige Bestrebung, so auch der Handel und vornehmlich seine typischen Miigänger eine - Gegenkraft und Opposition., erwecken./Dieser. Vorgang hat . mehr merkantile als kulturelle Bedeutung. Den Kern der gesellschaftlichen Frage sehe ich aber nicht im, wirtschäft- Uichen Interesse einzelner, wenn auch ausgedehnter Kreise, -sondern in -der' fast leidensch.aftl.ichen Abneigung der uninteressierten Mehrheit. Und diese gesellschaftliche Frage droht in allen Ecken des Reiches. Sie schwirrt durch die Schulstuben und Kollegiensöle, sie läuft durch die Straßen und mustert die Ladenschilder, sie rumort in' den Geschäftsräumen und Werkstätten, sie steigt die' Vordertreppen der Häuser vorsichtig hinauf und kichert die Hintertreppen hinab, sie nistet in den Polstern der Eisenbahncoupes und präsidiert an den Wirtstafeln, sie spreizt sich auf den Kasernenhöscn und klopft an die Türen der Gerichtssäle. Wer sucht ihr heute ernstlich die Antwort? Dem Stammesdeutschen ist die Frage so zuwider wie ihr Gegenstand. Er ist zufrieden, wenn das schwärzliche Volk ihm vom Leibe bleibt. Um ihre Zukunft sich zu kümmern, hat er keine Veranlassung. Gelingt die Assimilation doch kaum mit Polen und Dänen. Und was tut Israel, um vom Banne befreit zu werden? Weniger als nichts. Für auserwählter als andere Leute haltet ihr euch freilich nicht mehr — kaum noch für schlauer.. Aber mit dem, was an euch bleibt, deucht ihr euch über alle Kritik erhaben. Ihr sprächet, Schlauen und Weltgewandten: „Wer den R eichtum besitzt,' der hat die Macht." Nun habt ihr den Reichtum — und eure Reichen sind weniger geachtet als eure Armen. Eure Redekunst war eitel und eure- Agitation umsonst. Vereine habt ihr gegründet — zur Abwehr, anstatt zur Einkehr. Den Besten unter euch habt ihr das. Leben zuwider gemacht, so daß sie euch den Rücken kehrten, und.als sie ab- - trünnig wurden, habt ihr nichts vermocht, als sie zn verwünschen; daher-kommt es, daß es ihnen gut geht. Schreiet nicht nach Staat und Regierung.- Der Staat hat euch zu Bürgern gemacht, um euch zu Deutschen zu erziehen. Ihr seid Fremde geblieben und verlangt, er solle nun die volle Gleichberechtigung aussprechen? Ihr redet - von erfüllten Pflichten: Kriegsdienst und Steuern. Aber hier war mehr zu erfü'.en als Pflichten: nämlich Vertrauen. Man redet viel vom Rechte des Schwächeren; dies Recht besteht, aber cs läßt sich nicht ertrotzen. Keinen Stein wird man euch wcgrämneu und keinen- Schritt ersparen. Wollt ihr aber, in eure Stadtviertel verschanzt, weiter mit falschen Märtrerkronen stolzieren — nur zu, man wird euch nicht wehren." Herz! und Die „Nene Freie Presse". - Nachdruck verboten. Copyright 1922 bh Jüdischer Verlag Berlin. Wir haben bereits erwähnt, daß der Jüdische Verlag in. Berlin die Tagebücher Theodor H e rzl 8 in einer billigen Ausgabe herausbringt. - Mit Erlaubnis des Verlages geben wir im Folgenden jenen Teil der Aufzeichnungen wieder, der sich auf die Versuche Herzls bezieht, die „Nene Freie Presse" für die zionistische Idee zu gewinnen. Diese Versuche, die in das Jahr 1896, in die Zeit des rasch aufschießenden Luegerschen Antisemitismus fallen, sind fehlgeschlagen. Die blnt- und lebensvolle Darstellung Herzls gibt.auch die psychologische Erklärung: die Feigheit und bornierte Eitelkeit des sogenannten Weltblattes. In Wien waren am Tag vor Erew Rösch haschonoh die Gemeinderats Wählern Alle Mandate fielen den Antisemiten zu. Die Stimmung ist eine verzweifelte unter den Juden. Die Christen sind schwer -verhetzt. Laut ist die Bewegung eigentlich.nicht. Für mich an. den Lärm von Pariser Bewegungen Gewöhnten ist sie sogar viel zu still. Ich finde diese Ruhe unheimlicher. Dabei sieht man überall Blicke dös Hasses, auch wenn matt sie nicht mit der lauernden.Aügst eines Verfolgungswahnsinnigen in den Augen der Leute sucht. Ich war am Wahltag in der Leopoldstadt vor deK Wahllokal, sah mir ein bischen den Haß und Zorn in der Nähe an. , Gegen Abend ging ich auf. die Landstraße. Vor dem Wahlhaus eine-stumme, aufgeregte Menge. Plötzlich kam Dr. Lueger heraus auf dem Platz. Begeisterte Hochrufe; aus, den Fenstern schwenkten Frauen weiße Tücher. Die Polizei hielt die Leute zurück. Neben mir sagte einer mit zärtlicher Wärme, aber in stillem Ton:„Das ist unser Führer!" Mehr eigentlich als alle Deklamationen und Schimpfereien hat mir dieses Wort gezeigt, wie tief der Antisemitismus in den Herzen dieser Bevölkerung wurzelt. 20. September, Wien. Soeben war der Chefadministrator der Presse, Doktor Glogau, bei mir und trug mir die Chefredaktion eines neuen Blattes an. „Ich bin unter Umständen dafür zu haben", sagte ick^ 15. Oktober, Wien. Verschiedene Schritte und Rückschritte. Mit Güdemann ein paarmal gesprochen. Ich finde, ihn immer wieder erlaut und heize ihm jedesmal ein. Zu irgendeiner Bemühung ist er Nicht zu haben. Er ist einer der vielen, die mitgehen werden, wenn alle gehen. Zum Vorausgehen kein Mut. Die Verhandlungen wegen der Zeitung dauern. Ich kann -die Chefredaktion',nur annehmen, wenn meine Unabhängigkeit gesichert ist. ' ' : \ : Mit Professor Singer gesprochen, derauf mich schon bei seinem ersten Besuch in Baden den Eindruck gemach: .hatte, daß er ein Tygesblatt machen will. Ein Blatt brauche ich unbedingt für die Sache. ' Singer ist im Prinzip bereit, mit mir ein Blatt zu machen. Ich-setzte ihm die Fundierung durch. Inserate — gleichsam den Keller — und die Jndenidee —den Turn: — auseinander. - In der Judensache geht er bis zu einer gewisse Grenze mit. Die völlige Evakuierung der jetzigen Wohnorte hält er nicht für wünschenswert, noch für möglich. Das wäre kein Hindernis unserer Verständigung. - Aber er will ein scharf oppositionelles Blatt. Das wäre gegen meinen Zweck. Ich will unabhängig, aber gemäßigt sein, sonst macht mir die Regierung Schwierigkeiten, welche die ganze Judensache gefährden. Ich werde also auch mit Singer nichts machen diirfen. Ihm ist es übrigens, wenn ich ihn recht verstehe, nur um ein niederösterreichisches)Abg?ordnetenmandat zu tun. 18. Oktober. Gestern abends niit dnn Bancdirektor Dessauer drei Stunden gesprochen — und habe ihn gewonnen. Er hält die Finanzierung tn .Judenwmnderung^durcy die Mittelbar für möglich. Auf ti: Rothschilds sei nicht zu rechnen. ■ - - Er möchte die Society mit nur vier Millionen Pfund anfangen und spätere Emissionen Vorbehalten: Auch.solle nicht, das ganze Terrain gleich erworben werden. Er möchte klein anfangen. - Ich sagte ihm: Dann lieber gar nicht. Eine allmähliche Infiltration von Juden -- wo immer -7ruft bald den Antisemitism:^ hervor. Es n:uß dann der Augenblick kommen, wo man weitere Zuzüge verhindert und bannt unser ganzes Werk zerstört. Anders ist es, wenn wir von vornhereii: unsere Selbstäudigkeit erklären. Dann wird das Nachstrvmenvon Juden den Nachbarstaaten, deren Verkehr wir bereichern, im höchsten Grade erwünscht. Dessauer findet, daß es „eine schöne Sache" unfein „gutes Geschäft" wäre, Ich glaube, das werden alle Inden rasch erkennen —>■ und bannt ist der Staat gegründet D. meint auch, man müsse es den Rothschilds nur Geschäft, nicht als nationale Idee beibringen. Bemerkenswert: wie jeder b'7her, sagte amo Dessauer: „Mich können Sie dazu haben, aber ich zweifle, daß Sie noch andere in Wien finden." — And doch leuchtrt's jedem ein, wenn rch's sage. Bessere Valuta, biUiaere Preise Kann & Fried “ÄS