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Wiener Morgenzeitung · 1922-06-25 · Heft 1221 (25.6.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1221 (25.6.1922)
Date
1922-06-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelnummer ft.?° Wien: Znm Abholen in der Expedition, n.,Taborstr.l-3, oder in einerVerschleisstelle (Trafik) monatlich K 2900 Mit Postversand für Wien u. Oesterreich monatl. K 2900 Ts’checho-Slowakei: Mon. K 20. Ungarn: Mon. K150. Jugoslawien: 'Mon. Dinar 25, Polen: Mon. Mark 800. Deutschland: Mon. Mark 60. Frankreich: Monatlich Frcs. 6 Nr. 1221 renrr Wie», Sonntag, 25. Inni 1922 Tschecho-Slowakil i Iseheeh. K 1.20 Italien: Monatl. 6. Lire Rumänien: Mon. 40. Lei Schweiz und das übrig« Ausland monatlich Frei. 3, Redaktion u. Administration Wien, IL, Taborstrasse 1 —^ Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abends 16-301, Tel.-Adr.: »Morgenzeitung', Wien Oesterreichisches Postspar» kassen- Konto Nr. 150.693 4. Jahrgang In drn Kopf geschossen. Das Attentat. Die Täter entkommen. — BestSrMng in Berlin. Revolver «nt» HaHgranate. Berlin, 24. .Juni. (Wolss.) «eber die Ermordung! des Ministers Dr. Rathena« ist bisher festgestelli, daß Berlin, 24. Juni. Zu dem Attentat auf Minister Rath eil au erfährt das Wolffsche Bureau folgendes: Reichsminister Rathenau wurde heute vormittags in der elften Stunde, während sein Auto die Königsallee in der Villenkolonie passierte, an der Kreuzung der Erdenerstraße und der Wallothstraße erschossen. Die Täter haben im Kraftwagen die Flucht ergriffen. Eine von der Kriminalpolizei gebildete Mordkommission hat die Verfolgung der Täter ausgenommen, nachdem bereits Radfahrer der Schutzpolizei unmittelbar nach dem Attentat das Auto der Täter verfolgt hatten. —y. Wien, 25. Juni Zehn Revolverschüsse krachen, eine Handgranate fliegt. Mit zerschossenem Kopf sinkt der Iud' in seinem Dienstauto zusammen. Die große Tat ist vollbracht, das Lied, das die deutschen Burschen M der Revolution singen, zur Wirklichkeit geworden: „Knallt ihn ab, den Rathenau — gottverfluchte Judensau!" Auf der blutigen Straße der jüdischen Geschichte liegt wieder ein Opfer. Rathenau schließt sich der Reihe der Männer an, die der deutschnationale Chauvinismus seit dem Verluste des Krieges als die-hauptsächlichsten Vertreter der Idee des Friedens, der Versöhnung Mit den auswärttgen Feinden^ der Entwicklung DeuLschlands zur Demokratie geächtet Hat. Sie faMn, einer nach dem anderen und wer durch einen glücklichen Zufall entkommt, wie jüngst Scheidemann; kann sicher sein, daß ihn früher . oder später das Mordurteil der Fehme erreicht. Paasche, Auer, Eisner, Gareis, Luxemburg, Liebknecht, Erzberger. Jetzt hat es Rathenan getroffen, den Mann, auf den sich der stärkste, wiitendste, aus den Urtiefen der arisch-germanischen Seele kommende Haß am eifrigsten konzentriert hat. Vergebens hat der Mann seine reiche Begabung, seine gute Feder, seine imposante Kenntnis der weltwirtschaftlichen Zusammenhänge, feine organisatorische, ordnende Tiichtigkeit der Nation geschenkt, in deren Mitte er aufgewachsen und erzogen war, der er sich zugehörig fühlte; vergebens hat er seine Seele vor feinem Ursprungsvolk, den: Judentum, verschlossen, dem er zeitlebens als strenger, fühlloser Mängler entgegentrat, vergebens wendete er alle blendende Dialektik auf, um sich das Heimatsrecht im deutschen Volke zu erwerben. 85 Jahre ist er alt geworden; gut die Hälfte dieses reichen und vollen Lebens, das nie Not und körperliche Entbehrung kannte, hat er den Hohn, der ihm überall entgegenzischte, zu überhören versucht. Im Dienste des Sticfmuttervolkes ist er abgeknallt worden wie ein toller Hund. Weil er immer doch nur der Iud' war. Das ist das Schicksal, das alle Bene Israel unlöslich miteinander verbindet; stärke noch als die Stimme des Blntes ist die Barbarei des Hasses, der nimmer aufhört. Seit das jüdische Volk seine Heimat verlor, lebt es in der Verbannung, auf deren Altar es unerhörte Opfer niederlegen muß. Kein Gebiet menschlicher Arbeit und Forschung bleibt dem jüdischen Gehirn, der. jüdischen Schöpferkraft ,fremd. Kein Zweig des Erwerbslebens, der nicht urrter jüdischer Befruchtung grünt. Aber da wir kein volkliches Eigendasein führen und in einem furchtbaren, von der Unterdrückung erfüllten Martyrium fern von dem Mutterboden unsere Kraft niemals für uns entfalten durften, litten wir seit zweitausend Jahren unter bitterster seelischer Not: das Judentum war zu eng geworden? seine Besten wandten sich von ihm ab und suchten lieber den Elendplatz am fremden Herd. Kein Wissensgebiet gibt es, das. nicht jüdische Arbeit mit aufschließen geholfen hat, kein Forschungsresultat, an dessen Anfängen nichtjüdische Geistigkeit stünde. Unserem Volk, seinem Gedeihen, seiner Entwicklung, seiner Zukunft bleiben sie fremd, die Kinder, die das Judentum vor den Moloch der Verbannung hinlegt. Und selbst in unsere Zeit wirkt dieser Fluch des Schicksals nach. Das Volk, das ungelenk und politisch ungeschult an den Aufbau seiner ihm gergubten Heimat schreitet, muß der Mitarbeit seiner wertvollsten Söhne entbehren,, die sich in fremdem Dienst verbluten. >' das Attentat von einem Kraftwagen aüs verübt wurde, in dem sich d r e i Man n e r befunden haben sollen, die beim Ueberholen des Autos des Ministers etwa z e hn Schüsse abgaven und eine St ielhandgranate warfen. Ein Schutz durch den Munb war tödlich. Die Tat geschah an der Ecke der ErdenepsiMc und des Königsplatzes, wo zu dieser Zeit wenig VeWr ist. Das Reichskabinett ist im Reichstag versammelt. Präsident Loebe und PrWdÜnj^Lie i N er t nehmen an der Sitzung teil. Es wird Über die Lage beraten. Die Regiernngsgebäude und der Reichstag haben Halbstock gehißt. Dem Reichstag war die Meldung über die Ermordung Rathenaus vom Reichskanzler um 11 Uhr 25 Minuten übermittelt worden. Tiefste Bestürzung ergriff die im Hause anwesenden Abgeordneten. Die Ausschüsse, die zu Beratungen versammelt waren, hohen sofort die Sitzungen auf. Mitteilungen des Reichskanzlers. Berlin, 24. Juni. (Tel. ,d. „Wr. Morgenzeitung".) Wie der ReichskanzIer in : den ' Wandelgängen den Abgeordneten gegenüber erklärte, wurde der ReichsaußenMinister Dr. Rathenau Mjflder Fahrt von seiner Wohnung in das AuswäHge WDjWchossen. Der Minister fuhr zusammen: mit seinem'Sekretär, irr einem ÄUtomobil. Diesem folgte in anderes AuWHi^dkeil. Männern, das das Automobil Dr. Rathenaus überholte^ Bei dieser ^Gelegenheit würden von den Insassen des verfolgenden Kraftwagens mehrere Schüsse abgegeben und eine Stielhandgranate geworfen. Der Außenminister wurde durch einen Schuß in den Mund getötet. Der S e k r e t a r wurde verletzt. Von den Tätern fehlt jede Spur. Vier Minuten, nachdem Dr. Rathenau seine Wohnung verlassen hatte, wurde er schon tot zurückgebracht. Der Tatort ist eine Stelle im Grunewald, an der sich verhältnismäßig wenig Hänser befinden. Auf der einen Seite'liegt ein langgestreckter Park, auf der anderen Seite eine Kette Seen. „ „Mörder!" Berlin, 24. Juni. (Tel.-^omp.) Auf dem Reichstagsgebäude weht die Flagge auf, Halbmast. Die Erregung über die Ermordung des Reichsäußenministers ist ungeheuer. In den Wandelgängen stehen die Abgeordneten herum und besprechen sehr erregt die Lage. Es bildeten sich Gruppen und es hatte zeitweilig den Anschein, als ob die Parteigegensätze im Reichstag durch Handgreiflichkeiten zum Ausbruch kommen sollen. Die Erregung pflanzte sich auch in die Ausschüsse fort. Als Abg. Doktor H e l f f e r i ch im Steuerausschuß erschien, der eben die Nachricht von der Ermordung Dr. Rathenaus erhalten hatte, wurde er von allen Seiten mit dem Zuruf „M ö rd e r!" empfangen. Escherich in Berlin. Berlin, 24. Juni. (Tel.-Komp.) Zu Beginn der heutigen Landtagssitzung teilte der Vizepräsident mit, daß heute früh Neichsaußenministex. Dr. Rathenau vor seiner Wohnung im Grunewald von unbekannten Tätern erschossen worden sei. Die Täter sind im Automobil e n t k o m m e n. Auf die Mitteilung des Vizepräsidenten erhob sich im Sitzungssaal ein u n g e h e u r e r T u m u l t. Die Linksparteien riefen der Rechten zu: „Mörder! Mörderbande! Raus mit euch! Wir machen es ebenso mit euch!" Der kommunistische Abgeordnete May ries: Mir ist soeben mitgeteilt Wörden, daß heute früh in Berlin im Kaiserhof Es cherich, von der Tan n, Professor Schlosser, Reichert und von Reichelsberg abgestiegen sind, worauf sich der Tumult der Linksparteien gegen die Rechte aufs neue erhob. Darauf wurde die Sitzung unterfachen. - - *••••' Das blockierte Wien. Post, Telegraph, Telephon und Eisenbahnen eingestellt. —140.000 Personen im Ausstand. Seit gestern abends ist Wien von der Außenwelt aSgeschnitten. Die Bediensteten der Post, des Telegraphen- und Telephonwesens haben um 6 Uhr die Arbeit eingestellt. Um 8 Uhr abends stnd die Eisenb a hner in den Streik getreten. Später wurde der StreA auf ganz Oesterreich ausgedehnt. * Nachdem gestern die Regierung in den Verhandlungen mit den Beamten ihr letztes Wort gesprochen und erklärt hatte, über die 23 Märzbezüge des Jahres 1921 eine Frauen- und Kinderzulage zu gewähren, lehnten die sozialdemokratischen Verkehrsangestellten das Negierungsanbot ab und beschlossen unter Aufrechthaltung des Streikultimatums, auf der ursprünglichen F o rderu n g nach 25 Märzbezügen zu beharren. Die bestehende Differenz von zwei Märzbezügen ist in Wirklichkeit nicht vorhanden, da die Frauen- und Kinderzulage einen um etwa eine Milliarde Kronen höheren Aufwand erfordern würde als die strittigen Bezüge. Gleichwohl glaubten beide Parteien, die' P restigefrage anfwerfen zu müssen. Im Laufe des Vormittags teilte der Führer der sozialdemokratischen Eisenbahnerorganisation Abgeordneter T o rn s ch i k dem Kanzler die Ä b l e h n u n g mit. Ju den ersten Nachwittagsstunden, als die Situation brenzlig zu werden begann und von den Telephon- und T elegraPyenäugestellten ein mit 4 Uhr nachmittags befristetes U ltiM aln m- Mittzeteilt worden war, erschien Dr. S e i p el im Parlament zu einer längeren Aussprache mit dem Äbg. S e i tz, der auch die Abgeordneten Otto Baue r und T om s ch i k beigezogen wurden. Ein Ergebnis wurde hierbei nicht erzielt. Der Min ist er rat beschloß, bei dem ersten Angebot zu bleiben. Es fänden weitere Verhandlungen mit den christlichsozialen und deutschnationalen Verkehrsangestellten statt, die sich mit dem Anbot zufrieden erklärten, während Abg. Tomschik alle weiteren Besprechungen als zwecklos abbrach. Er verständigte die Streikkomitees, die sofort in Aktion traten. Elf Minuten nach 6 Uhr wurden in allen Telegraphen- und Telephonzentralen die Kabel a n sgeschaltet und die Apparate stromlos gemacht. Die Beamtenschaft, die. in ihrer Mehrheit mit dem Streik nicht sympathisiert, amtierte weiter. Doch konnten die Telegramme nicht befördert und die TelcpHonverb indun gen nicht hergestellt werden. Auch die sozialdemokratische Postgewerkschaft proklamierte den Streik, der jedoch nur bei der Expedition auf den Bahnen in Erscheinung trat. Um 8 Uhr abends wurde der Streik auf ganz Oesterreich ausgedehnt. Zur gleichen Zeit wurde auch der allgemeine Eisenbahnerausstand verkündet. Für die einlangenden Züge wurde der Dienst versehen, die auf der Strecke rollenden Züge zur Endstation geführt. Abgelassen wurden nur notwendige Dienstzüge. Auf der Franz Josefsbahn waren schon um 6 Uhr die Kartenschalter geschlossen, so daß die Passagiere die Karten im Zug lösen mutzten. An dem Streik find 140.000 Personen beteiligt. Es besteht die Hoffnung, daß eine Einigung im Laufe des heutigen Tages erzielt werden wird. Demission der Regierung Seipel? Wahlen im September. Abends verlautet, dirtz das Kabinett im Laufe deS heutigen Tages die Demission geben werde. Die kommende Regierung soll auf der Basis der Konzentration aller Parteien gebildet werden, um die Durchführung des Finanzplanes zu sichern. Man rechne in allen politischen und finanziellen Kreisen mit der Eventualität von N e n w a h l e n, die im F r ü h h e * & etwa im September, durchzuführen wären, . iuütmmLx*

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