Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1219 (23.6.1922)
- Date
- 1922-06-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2979076-2980129-2980299--11483-2997940- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Hhz«NmmsrK?o Wich: Zum Abholen in der Expedition, II.tTabbrstr.l-3, oder in einevVerschleisstelle; (Trafik) monatlich K 2100 Mit Postversand für Wien u. Oesterreich monatl. K 2100 Ts che cho-S 1 owak.ei: Mon. K20.'Ungarn: Mon. K150. Jugoslawien: Mon, Dinar 25. Polen: Mon. Mark 800. Deutschland: Mon. Mark 50. Frankreich:' Monatlich Frcs. 6 - ."UJ, Wiener Nr. 1219 Wie«, Freitag, 23. Juni 1922 Ts«heeho>Slowakal j tschech. K 1.tO Italien: Monatl. 6. Lire Rumänien: Mon. 40. Lei Schweiz und das'übrige Ausland monatlich Frcs. S, Redaktipn n. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab o Uhr abends 16-301. Tel.-Adr.:,Morgenzeitung', Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 4. Jahrgang Um das Palästina-Mandat. F. W i e n, 23. Juni. Das englische Oberhckus, dessen Refonnbedürftigkeit schon seit langem einen allgemeinen. Diskussionsgegenstand in der britischen öffentlichen Meinung bildet, hat fast am gleichen Tage, an dem ihm ein Gesetzantrag vorgelegt wurde, der auf die Einsetzung der Geburtsaristokratie durch die.persönlich erworbene und von einer Ahnenprobe unabhängige Wiirdigkeit hinausläuft, einen Antrag angenommen, der offenbar darauf hinausläuft, die Lebenskraft dieser Körperschaft zu demonstrieren. Eine Majorität des Oberhauses hat sich zu der Ansicht bekannt, daß das englische Palästina-Mandat in seiner gegenwärtigen Form nicht annehmbar sei, und tritt für bie; Schaffung. einer Regierungsautonomie für die Araber ein. Es muß'wundernehmen, daß eine derartige Willensmeinung von einer Körperschaft kommt, in welcher der Gedanke des starken Imperiums seine besondere Stütze hatte und wo jeder Versuch, die Gewalt in den englischen Kolonien zu lockern und der eingeborenen Bevölkerung ein größeres Maß von Selbstbestimmung zü gewähren, als Verrat an den Interessen Englands ■' gewertet wurde. - Die kurze Havas-Meldung ist viel zu unbestimmt, als daß man auf Grund dieses knappen Berichtes ein Urteil über die wirklichen Absichten des Oberhauses und die die Umstände abgeben könnte, welche zur Annahme dieses Antrages geführt haben. Fast sieht es so aus, als läge hier der Versuch vor, der Regierung Lloyd Georges Schwierigkeiten zu bereiten und die auf einige Zeit eingeschlafen gewesene Opposition von neuem anfleben zu lassen. Die arabische Propaganda, deren Londoner Expositur seit langem mit den unbedenklichsten Mitteln arbeitet, um eine Zurücknahme der Balfour- Deklaration zu erlangen, hat bekanntlich im Oberhaus, etliche Faktoren gefunden, welche sich die Argumente der «^MbifchemMtoWtzndhsfitzev.zu welche der stete Hinweis der Effendis auf die drohende jüdisch-bolschewikische Invasion nach Palästina einen besonderen Eindruck auszuüben vermochte. Trotzdem aber kommt dieser Beschluß überraschend, wenn man sich vor Äugen hält, daß das englische Palästina-Mandat vor kurzem den Völkerbund beschäftigt hat und daß 'eine Ratifizierung desselben aus Gründen, welche auf einem ganz anderen Gebiete zu suchen sind —7 formalen Einwänden von seiten Frankreichs und Italiens — auf Mitte Juli aufgeschoben wurde; wenn inan sich erinnert, daß Herbert Samuel, der Oberkmumissür von Palästina/ seinen Londoner'Aufenthalt zu einer, eingehenden Rücksprache mit der Regierung über die Paläftinapolitik benützt hat und kürzlich eine Deputation der jüdisch-orthodoxen Aguda seine Auffassung von der Iewish Agency auseinandersetzte, in welcher seiner Meinung nach alle jüdischen Gruppen zusannuenarbeiteu sollen. > Der Beschluß des Londoner Oberhauses beweist, daß der politische Kampf um das Palästina-Mandat noch nicht zu Ende ify aber auch nicht mehr. Es wird seit einiger Zeit gemeldet, daß die englische Regierung die Absicht habe, die Balfour-Deklaration deutlicher zu interpretieren, um auf diese Weise eine Mittellinie zwischen dem arabischen und dem zionistischen Standpunkte zu. finden und so die arabische Propaganda zu beruhigen. Wenn dem jüdischen Volke die entsprechenden Entfaltungsmöglichkeiten in Palästina gewährleistet werden, so wird der. Zionismus in jede Formel willigen können, welche dem Lande den Frieden und beiden Brudervölkern die Möglichkeit einer harmonischen Zusammenarbeit gibt. Der Zionismus wäre keine dem jüdischen Volksgenius entsprungene Bewegung, wenn unsere. Absichten auf Unterdrückung und Verdrängung der Araber gerichtet wären, denen unsere friedliche Regenerationsarbeit auf unserem, nationalen Heimatboden vielmehr eine hellere Perspektive eröffnet, weil es einzig das jüdische Volk ist, das Wohlstand und Kultur in den schlafenden Osten wiedereinziehen zu lassen vermag. Die (Gegner des Zionismus haben keinen Anlaß, über den Beschluß des Oberhauses zu frohlocken. Das englische Palästina-Mandat ist eine entschiedene Sache, und England wird sich hiiten, sein dem jüdischen Volke in der Form der Balfour-Deklaration, die in San Remo die 'Unterschrift der übrigen Ententemächte erhielt, gegebenes Wort zu brechen. Es ist möglich, daß die seit der Erlassung dieser' Deklaration geänderten politischen Verhältnisse die Unruhe im Orient, die türkische, indische Und arabische Bewegung und die immer deutlicher zutage tretenden Tendenzen der englischen Politik, aus -dem bisherigen, Imperium einen Bund der Dominien zu schaffen, eine andere Interpretation der Balfour-Erkläruna zeitigen könnten — der Anspruch des jüdischen KSIWAÄS. Der Finanzplan soll noch vor den Sommerferien erledigt werden. -7- (Sr* Klärungen des Bundeskanzlers. W i e n, 22. Juni. Im heutigen Ministerrate stellte Bundeskanzler'Dr. Seipel fest, daß nach der Aussprache über den Finanzplyn der Regierung, die in den letzten zwei Tagen im Nationalrat, in der Obmännerkonferenz und mit den einzelnen Politischen Parteien stattgefunden hat, an der Gen<igtheit des Parka m e n L s, den Finanzplan in allen seinen wesentlichen Teilen anznnehmen und noch vor den üblichen SoWmerferien zu erledigen, nicht gezweifelt werden kann. Daß die einzelnen Berussstände den ihnen zugedachten Anteil an den Opfern, die die Sanierungsaktion vom ganzen Volke fordert, überprüfen und ihre Bereitwilligkeit, ihn auf sich zu nehmen, an verschiedene Bedingungen zu knüpfen suchen, ist natürlich, 0 e d r 0 h t a b e r, da doch alle vom Ernste der Stunde und der Notwendigkeit der Selbsthilfe voll überzeugt sind, die D u r ch s ü h r u n g d e s F i u a n z p l a n s n ich t. In dieser Ueberzeugung trat der Ministerrat sofort an jene Maß r e g e l n heran, die ihm im eigenen Wirkungskreise zustehen. So bestellte er bereits heute im Sinne der gestrigen Darlegungen des Finanzministers Segur im National- Volkes auf die Einhaltung der.ihm gemachten Zusagen . bleibt davon um so mehr Unbeysthrt, als die Tendenzen des Zionismus sich durchaus und wollig in diesen Rah- PäMrüpyenwsreme' ÄnMeWchMoie deutung keineswegs verkleinert werden soll, aber das entscheidende Wort über Palästinas Zukunft wird dennoch die jüdische Opferwilligkeit und Hingabe zu sprechen haben, die eine Kraft werden - muß,-stark genug, UM auch mit Widerständen fertig zu werden. Der Antrag des Oberhauses ist für uns Zionisten ein Hinweis auf die Notwendigkeit, die Auseinandersetzung mit den Arabern mit größerer Intensität als bisher fortzusetzen. Es ist außer Zweifel, daß früher oder später eine' Selbstverwaltung auch in den Mandatsgebieten kommen wird und in diesem Sinne wird ein Ausgleich mit den Arabern anz.istreben sein, mit dem nicht länger gewartet werden darf. Das jüdische Volk hat manche schwere Krise überdauert, der Antrag des englischen Oberhauses ist lediglich ein Zwischenspiel. Das Judentum irr Palästina. Von Vladimir Jaboiinsky. Die Kritiker unserer palästinensischen Ausgaben konzentrieren gewöhnlich ihre Hauptangriffe auf das Schulbudget. Einige Kritiker sagen, daß unser Schulwerk für Palästina zu gründlich sei, daß wir dort gegenwärtig bloß Elementarschulen brauchten, um den Kindern . Lesen, Schreiben, Arithmetik und die Handhabung von Hammer und Spaten beibringen zu können. Andere Kritiker, die nicht so extrem sind, meinen, daß das Schülwerk selbst richtig sei, aber daß es doch vom Jischuw und nicht von der Diaspora bestritten werden müsse. Sie erwähnen - dabei lobend die alte Ghettotradition des „Rebbegeld"-Zcchlens und behaupten, es sei unfair, wenn' jüdische Kolonien in Palästina fiir ihre Schulen Zuschüsse verlangten. Da ich kein „intellektueller" Zionist bin, werde ich alle Argumente vermeiden, die nach Idealismus schmecken, und mich auf die rein politischen und praktischen Aussichten des Problems beschränken. Aber zuerst möchte ich einleitend erklären, daß für uns in Palästina die politischen Betrachtungen an der Spitze aller praktischen Betrachtungen überhaupt stehen. In dieser Beziehung bin ich einer der extremsten Schüler der Herzl-Schule. Die Bildung des jüdischen Gemeinwesens umfaßt einen Komplex von Tätigkeiten, in welchem Immigration, Kolonisation, Industrie, Handel und Landwirtschaft natürlich eine entscheidende Rolle spielen werden; die grundlegende Vorbedingung aber ist eine günstige politische Atmosphäre. Herzl nannte es „Charter", während wir es „Balföür-Deklärativn" nennen. Wie auch immer der Name morgen lauten möge, das Prinzip bleibt dasselbe. Die politische Forderung ist die erste des Zionismus, die Verteidigung unserer politischen Positionen von allen Methoden des Zionisrate den Präsidenten des Militärliquidierungsamtei Dr. H 0 r n i k zum Ersparungskomyrissär. * ., , Die Christli ch s 0 ziuleMerelnigung hielt nachmittags unter Vorsitz ihres Obmannes Fink eine Sitzung ab, der auch Bundeskanzler Dr. S e i p e l und Finanzminister Segur beiwohnten. Der Obmann-Stellvertreter des Reichsbauernbundes, Abg. H a u e i s, berichtete über die vormittägige Beratung des Reichsbauernbundes und teilte, die gefaßte Entschließung zum Finanzplan der Regierung mit, wobei er feststellte, daß diese Entschließung intern als Erörterungsgrundlage für die Gesamtpartei gedacht war, jedoch versehentlich veröffentlicht wurde. Anderevseits berichtete Finanzminister Segur eingehend über die Grundlinien des von ihm vorbereiteten Gesetzes über die innere A n l e i h c, woran sich eine anregende Wechselrede knüpfte, aus Grund welcher die Vereinigung, gemäß den Anträgen des Finanzministers, die Richtlinien feststellte, die dem einzubringenden Gesetzentwürfe zugrundegelegt werden sollen. y musdie wichtigste. In Palästina sind - wir heute eine Minderheit und offenbar bestimmt, es noch eine Rejhe von Jahren zu bleiben, obwohl ich hoffe, daß diese Frist verhältnismäßig kurz sein wird. Gleichzeitig beanspruchen wir, und ärmsten wir7 beänsppüchen, daßvdie' .Bedeükrng dieser Minderheit nicht nur numerisch / abgeschatzt wird, .sondern nach ih vewchi-k W'erj: für die Zukunft Palästinas. Die Balfour-Deklaration und!das britische Mandat in. ihrer gegenwärtigen Form setzen die Wiederanerkennung dieses Anspruches fest, wobei aber bedacht werden muß, daß eine Verteidigung dieser Wiederanerkennung eine recht komplizierte'Frage ist. Eine Minderheit kann ihren besonderen Wert nur verteidigen, indem sie ihn auf unleugbare' Weise offenbart. Von allen möglichen Wegen ist aber einer der wichtigsten der der kulturellen Ueberlegenheit. Wünscht eine Minderheit eine Rolle zu spielen, so muß sie schon das führende Element in der Zivilisation des in Frage kommenden Landes werden. Ihre Schulen müssen die besten sein und' durch ihre Erziehungsmethode alle anderen im Lande befindlichen überragen. Diese Bedingung ist durchaus unerläßlich, so daß irgendwelche Konzessionen, die ein Sinken unserer Erziehungsmethode bewirken, einem Treubruch an uuserer politischen Stellung gleichkommen würden. Im Gegenteil, weil unsere politischen Schwierigkeiten wachsen, unsere Feinde spotten und ihre Kräfte organisieren, wir jedoch unsere eigenen Kräfte zugunsten der ökonomischen Selbstverteidigung erhöhen, deshalb müssen wir auch unermüdlich die Waffen unserer kulturellen Selbstverteidigung, nämlich das in unserem Schulwerk bestehend' Uebergewicht stärken. Wir müssen danach streben, nicht nur innerhalb des Landes,' sondern im Orient das beste Schulwerk zu schassen; es muß in den Augen der örtlichen Bevölkerung so hoch über den im Land bereits vorhandenen Erziehungseinrichtungen stehen, daß dem Eingeborenen für immer eingeprägt wird, wie sehr der Jude der Vertreter einer höheren Zivilisation ist und als ,solcher geschätzt wird. Von dieser Idee sind wir im Augenblick noch weit entfernt; dagegen sind wir gewiß das zivilisierteste Element in Palästina. Im letzten Schuljahr (1920—81) hatten wir in Palästina 135 Lehrinstitute mit über 15.550 Schülern. In allen arabischen Schulen betrug die Zahl der Schüler nur 14.350, obwohl in Palästina auf sieben Araber ein Jude kommt! Außerdem sind wir in Palästina die einzige Nationailtät, die zahlreiche Kindergärten und Sekundärschulen besitzt. Wir sind heute die ersten Kulturträger in Palästina, was sogar unsere Feinde zugeben müssen. Unser Schulwerk muß in seiner Ausdehnung und Qualität, in der Ausstattung und in den Lehrmethoden zunehmen; es muß. wachsen, unabhängig von der Fähigkit oder Unfähigkeit der lokalen Judenheit oder der palästinensischen Negierung, zu den Ausgaben beizu'tragen. Hier liegt die wichtigste aller politischen Ausgaben der zionistischen Bewegung. Und der finanzielle Zustand, des Jischuw / iljii 11 :.