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Wiener Morgenzeitung · 1922-06-16 · Heft 1212 (16.6.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1212 (16.6.1922)
Date
1922-06-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der französische Senat hat die Vorschußanleihe von 55 Millionen Francs an. Oesterreich bewilligt und der Prager Budgetausschuß hat die Vorlage über den 500 Milliynen-Kredit für Oesterreich angenommen. Das sind. Momente, die die in Oesterreich eingeleitete Selbsthilfiaktion sehr stark fördern, wenngleich sie nichts Außerordentliches besagen. Denn der Beschluß des französischen Senats verabschiedet die Vorlage nach einer Vorbereitungsfrist von fast einem halben Jahr, und die 65 Millionen Francs sind seither, infolge der Kronenentwertung, reichlich vorkonsumiert worden. Die Debatte in dem tschechischen Ausschuß hat.dagegen politisch wichtige Meinungen gezeigt. Die sittliche und menschliche Hilfspflicht ist diesmal im Hintergrund geblieben. Man hat. sich zur Erkenntnis bekannt, daß die. Wirtschaftseinheit Mitteleuropas durchgesetzt werden ntitffe und daß kein Glied aus diesen: Organismus durch Blutleere zugrundegehen dürfe. Wenn diese Erkenntnis auch zu einer Beschleunigung des Völkerbundkredites führte, so läge dies sehr im Interesse, der gesamten. Entente, deren Friedenswerk, in Mitteleuropa auf. Oesterreich gestützt ist. Das Äüfhören der geschlossenen . wirtschaftlichen Kraft Oesterreichs würde , die große, und die kleine. Entente ins Herz, treffen. Die Energie, mit. der Oesterreich das Rettungswerk selbst begonnen hat, darf sich durch so . freundliche Aspekten, wie sie ans den zitierten Beschlüssen heraus-, scheinen, nicht, beirren lassen.. Es wird von offiziöser Sefte versichert,- daß die Beratungen über das -Statut der neuen Notenbank schon heute, abgeschlossen, und am Miftwoch dem Parlament vvrgelegt werdW.ffollen. Das Ausland kommt dabei insoferne in .Beträcht, als O^fterreich für einen Betrag von 250' Millionen französischer Francs eine Valutaanleihe wird auflegen müssen, zu deren Gelingen vor allem die. Beseitigung der Generalhypothek notwendig ist. Das setzt wieder voraus, daß dieinnere Aktion nicht ins Stöcker gerät. Das Budget soll binnen 3 Monaten reorganisiert werden. Jede Sabotage, vmr welcher Seite immer sie käme, würde sich schwer rächen. Die Nervosität der Bevölkerung würde eine Enttäuschung nicht mehr ertragen, und Was dann zu Schaden käme, wäre mehr als bloßer Geldwert. Von politischem Gewicht ist deshalb die Warnung dev sozialdemokratischen Partei vor einem Fehlschlag. Sie erklärt, sie werde diesen letzten Versuch mit bürgerlichen Mitteln nicht stören; das Mißlingen des Planes würde beweisen, daß es keine Lösung mit bürgerlichen- Mitteln mehr gibt. Es mag derzeit unerörtert bleiben, ob. die Mittel der sozialistischen Lehre nach dem Bankbruch des Bürgertums noch die Möglichkeit, sich zu bewähren, finden würden; es ist auch nach der Experimentalpolitik Bela Kuns und der Moskauer Marx-Radikalen höchst zweifelhaft, ob auf dieser Seite das weltwirtschaftliche Heil gefunden werden kann, solange der kapitalistische Bau .Amerikas von Energien strotzt. Es wäre weiter zu bedenken, ob die so heikle Materie der Fundierung des Staates unter der Drohung einer - Partei nicht folgenschwer übereilt werden kann. Für alle Fälle aber ist es gut, daß alle Beteiligten das Manometer an dem Kessest sehen. Lächerlich aber ist es, daß in dieser Zeit, die alle Kräfte zum letzten Versuch anspannen miißte, an der. Wiener Universität das Hakenkreuz zu einer Versammlung des nationalsozialistischen Ablegers der Großdeutschen einlädt,' in welcher der Anschluß an Deutschland verlangt werden soll. . > Die Anstrengungen Oesterreichs,, an die Stelle der Einstellung ans auswärtige Hilfe die eigene Aktivität zu setzen,, hat bei der Entente den günstigsten'Eindruck geübt. Es wird erklärt, daß nun auch-der italienische Kredit vor das. römische Parlament kommen werde, und auch der mythische Fragebogen, den Mr. Doung im Aufträge -Moxgans nach Wien, .mitgebracht hat, taucht wieder auf. .Alles Symptome, daß die Ententestellen um ihren politischen Einfluß zu fürchten beginnen. Das auf dem Boden liegende, um Hilfi wimmernde Oesterreich War der. Mühe nicht wert. In dem,Augenblick aber, wo es seine Energien .einzuschalten beginnt, wird es umworben..Das ist erfreulich, aber auch ein. Zustand voll mannigfacher Gefahren für den. Staat,'der sich nach keiner Seite politisch binden darf. Ev kann nur.für sich arbeiten, sich-selbst aufraffen, um dann-sein Wort-bei der Konsolidierung Mitteleuropas -mitsprechen zu können. Aber damit hat es noch gute'Wege/ weit die nächsten Jahre die höchsten Anforderungen an die wirtschaftliche Kraft des Staates und an die Opserfähigkeit der Be- Die Stimmen und Stimmungen, welche angesichts der Lage Oesterreichs in den letzten' Tagen auf den sofortigen Wiederzusammentritt des Nationalrates gedrängt haben, sind verstummt; da die Regierung noch einen Termin von zirka vier T a g e n braucht, um ihre Pläne in Gesetzesform zu kleiden/. In allen Ministerien herrscht sieberhafte Arbeit, um den Plan der Errichtung einer eigenen Notenbank zu realisieren, und ■'; . das Sanieritngsprogramm welches die bedingungslose Ergänzung der Errichtung einer eigenen Notenbank ist, kommenden M i t t w o ch, eventuell Donnerstag, , bereits dem Nationalräte zur ehesten Berabschiedlmg vorzulegeü. Es ist mit vollster Sicherheit zu erwarten, daß die Vorlagen der Regierung in einem Züge vom Nationalrat erledigt werden, zumal seitens der Sozialdemokratischen Partei ausdrücklich erklärt wird, daß sie ' der Gesetzwerdung der Vorlagen. keinen Widerstand entgegensetzen werde. Ueber das S a n i e r u n g sp r o g r a m m ist man in parlamentarischen Kreisen dahin informiert, daß ein a d m i n i strativ-verwaltüngstechnisches 'und. ein' frnanzpolitis ches Programm ausgestellt wird,- zwischen denen ein unlösbarer Zusammenhang besteht, weil der Erfolg des einen an die Durchführung' des anderen gebunden ist.' Ueber die Vorgeschichte' dieser Selbsthilfeaktion Wird von sozialdemokratischer Seite das folgende' mitgeteilt:' Am Dienstag vormittags (also am 13?Mnri) sprachen Sertz, Bäu'er, BreitNer, Domes, Eldersch und Tonisch i k bei dem B u n d e s k a n z l e r vor. 'l Sie legten ihm dar, dnß di'e Stimmüng derMassen aus höchste erbittert, >e M SieMatmMnM, däß es lmmev.' N a h ru n.g smit'tel äufznst,siben; .daß also,wennder Valuienhausse üicht schnell"ein-ßlM gesetzt' wird, die^Lebensmiitel-,Rohstoffnnd^Äohlenversorgungs in «erüsttzste^ Gefahr geraten müsse. ManDnne - hochj nicht wegen Man- - gels an Valuten verhungernobwohl Valuten genug im' Lande sind..' D re R egie r ü tt-g sollledi e V aluten a n f -o r der u. Könne sie sichdazu nÜcht entschließen, dann' müsse sie eben irgend ein anderes Mittel finden, die aufgeharnsterten Valuten, vor allem die, hie in den Banken in großen Massen liegen, -heräusMöcken. Geschehe das nicht, dann sei die Wirt sch a f t liche Katastrophe unvermeidlich, und niemand könne dann die Verantwortung dafür übernehmen, in welcher Weise sich die Verzweiflung und Erbitterung der Massen ausdrücken wird. Das hat 'auch die -Regierung eingesehen. Am Nachmittag desselben Tages hat sie die Banken, .dazu bewogen, ihre Valuten für - die' Gründung - einer Notenbank zur Verfü-. gung zu stellen. . . . .' Die „Arbeiterzeitung" widmet dem Notenbankprojekt den folgenden, wie man verstehen-wird, außerordentlich - wichtigen Kommentar:. ' ' -? - - - „Sowohl die'Regierungauch-' die Großbanken müssen verstehen, was von dem gelingen dieses Planes ab- Hgngt, Die-Notenbank --' das .ist'der Sanierungsplan des ganzen Bürgertums; , ist das Projekft aufdas sich diechristliche. Regierung wit den jüdischen Proßbanken, die Koalitionsregierung aller bürgerlichen Parteien mit-der Gesämtvertretung des' Großkapitals im Lände geeinigt hat. Scheitert -dieser' Plan, dann wäre die >FiMa; Seipel, Rothschild und Komp, bankrott; dann wäreder; Beweis, experimentell Zerbracht, ,daß, es . keine Lösnüg mit bürgerlijch en Mitteln mehr gibt. Dessenimögen sich'die Regierung und die Großbanken wohl bewußt-sein'/ Es ist jetzt keine Zeitjsu Subtilitäten. Me späteren-Sorgen, - wie etwa die um--die R ef.erven. für die Be.z°ahlN-ng der Vorkr-irgsschnlden der Banken .dn->Me<Msländischen. Glänb'sger, müssen jetzt vor der drängchrdchr Not des Tages znrücktreten.' ' Jeder' Mißbrauch' der Nöt'etlbänkiürichtung - zu E r p r e ssun'g der G r o ß b a nken'ämS taat e wäre in der Zeit .oer höchsten Not und Gefahr ein Verbrechen. Vor allem aber wäre es ein Verbrechen, wenn die'ganze Aktion nicht mit h 5 ch st e r B e s ch.l e u n i g'u n g oder wenn sie mit unzulänglichen Mitteln durchgeführt würde. Die Arbeiterschaft wird diesen Versuch des Bürgertums, die Volkswirtschaft vor denlvölligeil>Währungszusämmeubrüch zu bewahren,' gewiß M ich 1'st ör en; es ist-mis^^ ganz gstichgültig, von'wem.NM- -mit welchen - währitngspolrtischen Maßregeln der Geldent- -Wertung'Schränken gesetzt werden, -wenn sie ihr nur-wirklich gesetzt werden." v" *,!'■: , r ' Heute abends finderu -3 Versaimulungett 'dev sozialdeinokrätische Arbeiterschaft statt, M chelcheu eine' -gleichlautende Resöllttidn des- PärtLibörständes mitden vekanntert,- vom Kreisävbei.terrat angeuommeiien Fodderungeu vorgelegt werden wird^ . - ' . .'Aus führenden Ententekreisen erhält die Korrespo ud.enz.Herzo.-g folgendes .Stimkreise einen besonders günstigen Eindruck gemacht und wird nicht ohne sichtbaren Einfluß auf die Weiterführung der Krcditaktiom bleiben, weil in den Kreisen der zukünftigen Geldgeber. Oesterreichs . nunmehr das Vertrauen in die Stabilisierung der österreichischen Verhältnisie außerordentlich gehoben wurde. Nach der in sehr kurzer Zeit zu erwartenden Erledigung des M o r g a n s ch e n Questionaires wird sofort in die konkreten Kreditverhändlungen eingegangen werden können. In Ententekreisen hofft man, daß nunmehr nach .der vollkommenen Erledigung des französischen Kredits gerade mit Rücksicht auf die hohe aktive Politik der österreichischen Regierung auch der seitens Italiens Oesterreich zugesicherte Jnterimskredit von 75. Millionen Lire sehr bald vom italienischen Parlament enffprechend den Zusagen des italienischen Schatzministers erledigt und flüssig gemacht werden wird. Jn-Ententek-reisen wird darauf verwiesen, daß der ftanzösische Ministerpräsident P o i n c a r e unmittelbar nach der Erledigung' des österreichischen Kredits durch den Senat den Fiyanzminister angewiesen hat, alles vorzubereiten, damit der französische Kredit mit. der tunlichsten Beschleunigung -flüssig gemacht werde. , . Die in Wien stattfindenden Verhandlungen mit deV Vertretern der sogenannten MovganMrüpPe werden als:äußerst hoffnungsreich bezeichnet und dürften nunmehr in einem raschen Tempo zu Ende geführt werden, da die eingesetzten vier Kommissionen die gestellten Fragen bereits erschöpfend' behandelt haben, so daß ehe- . stens in die meritorischen Verhandlungen eingegangen werden kann, deren ReWWdUWMtgebem in'London-fofort mitgeteilt werden wird. i ' ' ' Gestern fand -Me-MUM^Kdnfettnz'.-der.-B-ä-nike'nv e-r-t r e t-e r - statt, in der-über das Statut der n e u e n N o t e n b a n.k, die Aufbringung des Aktienkapitals und der für die Bedeckung des Notenumlaufes notwendigen Devisen, über die Auflegung einer inneren und auswärtigen Valutaanleihe, über'die Konstruktion dieser Anleihen sowie über die Form, der Propaganda im In- und Auslande beratenwurde. An der ' Gründung der Notenbank wird sich nicht nur das Konsortium der Großbanken mit dem Hause Rothschild an der Spitze beteiligen, sondern das gesamte Finanzkapital, also auch die Mittelb anken und die B a n ku n d K o m m i s s i o n s firm e n. Es wurde über'einen Schlüssel für die Zuweisung der gezeichneten Aktien beraten. Wie wir bereits mitgeteilt haben, soll das Aktienkäpital 100 Millionen französische Franken betragen. Die ' Wahl der ftanzösischen Frankväluta,. die auch als Basis der Berechnungen für die zur Bedeckung der Kroneunoten notwendigen Summen dient, ist nur ein Rechnungsbehelft .der der künftigen Wähnrng in keiner Weise p'räjudiziert. In den internen Beratungen wird auch i n. Pfund gerechnet. Die Operation mit französischen Franken, hat sich als die. zweckmäßigste erwiesen, weil man bei der Ausländsanleihe auf die Mitwirkungdes westlichen. Kapitals in weitestem Umfang angewiesen ist und weil man sich aüf eine Stabilisierung der Krone auf. Basis einer Relation von . 1000 Kronen für einen französischen Franken geeinigt hat. Ueber die ..zur Bedeckung des Notenumlanfe.s notwendigen Summen haben wir bereits geftei’u berichtet, doch sind inzwischen -einige Veränderungen eingetreten, die hier nachgetragen werden sollen. Da die Notenbank die Stabilisierungder Krone, diese aber eine solche des . Notenumlaufes voraussetzt, andererseits eine sofortige Stillegungder Notenpresse unnwglich ist, so wird als Gesümtumläuf. nicht der derzeitige Stand von " rund 400 Milliarden, sondern ein Stand von.500 Mil-' liarden ins Auge gefaßt. Soll die Stillegung der Noten- ' presse eine deftnitive sein, so nuiß natürlich das Budget in Oröunng gebrächt werden. Hierfür ist der Regierung'; eine Feist von drei Monaten gefitzt. In--drei- Monaten/müssen Ei n n ah me n;uu b A u s g a b.e n mcHbalanriert seiiu Das geht natürlich nicht.ohne Kred'ie, nr,d daher sollen »50 Millionen fran- -zösischer Franken durch eine im Inland und Ausland aufäUlcßeu^c Valnt,ä-AnleinL ausgebrncht werden, Mit $ i

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