Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1206 (10.6.1922)
- Date
- 1922-06-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2980129-2980286--11348-2997792- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wien:.Zum Abholenin.def Expedition, IL,T eibwstr. 1-3, dderinemerVerscMeisstelle (Trafik) monktlicb- K 2100; Mit Postversand für Wien u. Oesterreich monatl. K 2100 Tsche cho*SIowak ei: Mon. K 20, Ungärn: Mön.' K 150.Jug o s 1 awi e h: Moh. Dinqr r 25. Polen: Mon. Mark 800. Deutschland: Hon. ' Mark 50; Frankreich: Monatlich Frcslö TschaciiO'Slewsirili > IschecEt. K 1*20v 11 ,a 1 i e n : Monatl. 6: Utl‘ RumänienMop, 40. Ld Schweiz und das ‘Übrig« Ausland monatlich Free. -3. Redaktion, ü. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19* ab 6 Uhr abends 16-301, Tel.- Adr.:,Morgenzeitung1, , , Wien - •’ , Öesterreiohisches Postspar* kässen-Konto Nr.\ 150.693 1206 Wien, Satirstag- 16. Hunt 1922 4. Zährgang V Die jüdische MWritüt. . . —y. W i e n, 10. Juni. Der Kongreß der Völkerbundligen in Prag hat mit einem bedauerlichen Mißton geendigt. Der politische Wert dieser Tagung war von vornherein nur gering zu veranschlagen. Er chäre sehr bedeutend gewesen, wenn, ihn nicht von affen Anfang an, die. heute in Europa sich w^der einlebende GleichgennchMolitit beherrscht hätte, die von der Einteilung der West in Sieger und Besiegte, in güte und brave Kinder nicht abgeht, wobei die Be-, stimmung des Grades der Beliebtheit nach der Einstellung zp den Friedensverträgen geschieht. Wer sie für gut befinaet, lebt auf der Sonnenseite. Wer sie als Ausgeburt der ärgsten Geheimdipsoinatie ablehnt und sich wider sie stellt, wird in den ..Schatten., des Mißvergnügens gestellt. Auf dem Völkerbundkongreß war es die Resolution.Dickinson, die von her Mehrheit angenommen, aber nachher wegen eines bei. der Abstimmung vorgefallenen Formfehlers von. den Vertretern der Staaten der kleinen Entente durch -Verwahrung und Exodus beantwortet wurde. Es war nämlich ein Vertagungsanträg dieser Gruppe nicht. abgestimmt worden, da der VorsitzendeGeschäftsordnung'des! italienischen Parlaments statt jener der tschechischen -Nationalversammlung anwandte. In Wirklichkeit war dieser Formfehler nur die Maske , für die Ablehnung der Resolution. Ist. es schon auffallend, daß sich auch auf diesem Kongreß, der doch die. Grundfehler per . herrschenden Gewaltpolitik aufzeigen sollte, die Gxuppenhildung nach anderen als den rein sachlichen Gründen zeigte, so wird es' noch unverständlicher, daß die Dickinsonsche Entschließung zu solcher Disharmonie, führte. Diese Resolution spricht nur Selbstverständlichkeiten aus. Sie verlangt internationale Garantien zum-Schutzeder Wnok DWiMgDWW SWhWesMeWM Kontrolle des Völkerbundes nmr'W Msssihrunss bet5^ 'Mnorstätenbestimmüngen' in den Friedensverträgen; ferner die möglichste Selbstverwaltung der Minoritäten und die Sicherüng der Muttersprache für die Schuljugend der Minoritäten. Der Widerstand der Opposition richtete sich gegen jenen Punkt der Resolution, welcher die Einrichtung einer permanenten Kommission beim Völkerbundrat fordert, welche die Klagen und' Beschwerden der Minderheiten rasch und' meritorisch zu prüfen hatte. ' ' ' Wenn schon derartige Minimalforderungen, die sich aus den Erfahrungen von mehr äls drei Jahren automatisch ergeben, mit den schärfsten parlamentarischen Mitteln zurückgewiesen werden, so muß der Unterbau der Friedensverträge, die um jeden Preis -geschützt werden müssen, schon sehr brüchig geworden sein. Tatsächlich sind die heutigen- Verhältnisse Europas durch den ununterbrochenen Kampf gegen die Verträge entstanden und 'sie sind trotz oder wegen ihrer ^risenhäftigkeit ein Unterpfand dafür,.daß man doch,einmal eine Generalüberprüfung des gesamten Problems einleiten wird.' Der Vertrag von Sevres, der noch nicht einmal in seiner Gänze ratifiziert ist, besteht gar nicht mehr; der Vertrag von Trianon ist-m'lf der Konferenz vpn -Venedig — selbstverständlich zuungunsten des schwächeren Oesterreich verletzt .worden^ der Vertrag poy Neuilly ist der Anlaß zu einer allgemeinen Verwirrung auf dem Balkan geworden. Ueber Versailles spricht jetzt Amerika in der internationalenMnleihekömmissiyn sein -Urteil. Man steht mitten in der Revision, und nur die Gründe des Prestiges der- Großmächte, besonders Frankreichs/ verhindern es, daß - dieses Wort laut ausgesprochen wird. Sie verhindern aber auch, daß jede in der Vollstreckung der Verträge begangene Rechtsverletzung gutgemacht wird. "■ . . ' ,; - Kein Volk, keine Minorität leidet unter diesem Zustand so schwer, wie das Judentum, daß im einzelnen wie in der Gesamtheit unsicher dahinlebt. Seine Forderungen, die sich . aus. dM' Bestand alsMinorität ergeben, werden nirgends beachtet und kein- Staat hat bis heute die indie Friedensverträge - eingeschriebenen Minderheitsbestimmungen in die Verfassung immatrikuliert. In der Politik ist auch dia Unterlassung eine Tatsache, qus der ganz besttmmte Schlüsse-zu'ziehen sind. Wenn sich, insbesondere ift den O)ststaaten,in Polen, in Litauen ein derartiger offizieller Widerstand gegendie Verträge und ihre Verpflichtungen behauptet, so jst dies wiedex ein unzweideutiger - Vewess - fiir dre- Richtigkeit der im Zionismus' krisiallisiertey - jüdischnationalen Grundanschauung, daß. das Judentum seine nationale Wicheransrichtung nur der. eigenen - ‘Kraftverdanken kann. Diese Anschauung konnte infolge der Zerreißung des Judentums durch die verschiedenenLänder noch nicht-zur Basis einer einheitlichen jüdischen HoliU wer- Belgpäd, 9. Juni.GeHrnnächmittags traten Ministerpräsident P a s i c, WniMHes. Kettßern Dr. N i ne i e, der' tschecho-slowakischö MsMersträsident Dr. B enes ch, der rumänische Wßiftttpräsident BratiaNu und der rumänische Minister hes Aeutzern D u c a zu einer Beratung Mammen, in derÄrPläneines gegenseitigen Dese nsivabkömMens' WWÜ' 'der Tschecho- SlMatei, Jugoslawien und Rumänien besprochen wurde. In der Konferenz wuW auch die Frage der Tell- Gerneirrsame Vertretung jür Haag. nähme an der Haager Konferenz besprochen. Nach einer vom Pretzbureyu herausgegebenön Erklärung wurde in der Konferenz zu wiederholten Malen dft S ö l i d a r i-> t 8 t der kleinen Entente zum Ausdtuck gebracht. Die kleine Entente Wird zu der Haager Konferenz eine von ihr 'g e* m e i nsam gewä h l t e V e r t r e t a n g eAsenden. Ferner wurde beschlossen, daß vor der Haager Konferenz noch weitere Konferenzen stättsinden sollech^ darünter eine solche in Prag.. , PäszcknHt «itb Eawdor gewühlt, Szterenyt gefallen. Bu däpest,9. Juni. Nunmehr liegen auch die endgültigen Daten Per dj? Wahlen im zweiten Budapester Wahlbezirk vor., Von 119.2M abgegebenen gültigen Stimmen entfielen auf die sozialdemokratische Liste 48.070, auf die Wraldechokratische Htf 'die Liste der regiernngösreünölichen. Wolff-Partei 12chh2 und auf die christliche OMsstion 7466 Stimmen; W übrigen Stimmen waren zersplittert. Zu. Abgeorhytzten erscheinen gewählt die Sozialdemokraten Karl. Peher, Alexander Propper, Moritz Röthenstein und Dr. Emmerich Györky, die D e m <k r ä t eu Lr: Wilhelm ,'Paszo n y i, Gabriel Ü g roiy Und) Paul 'S a n,d a r, das . Mitglied der christlichen Wo lff-Partei Dr. Andreas Csillery und der o p p o s i t i o n e l l e Christ l i ch n ät i o u ä l e Stephan Hall e r. Der ehe'mälige Handelsminister Baron S z t e r e» h i, der an vierter Stelle auf der liberal-deMokratischen Liste stand, hat kein Mandat erhalten. ' Die Bilanz der Budapester Wahlen stellt sich wie folgt: Es erscheinen gewählt: 13 Sozialdemokraten, 7 MitÄ glieder der liberal-demokratischen Opposition, 5 Mitglieder der Pogrompartei Wolff, 3 Mitglieder der Andrassy- Partei, 1 Christlichsozialer und 1 Mitglied der Regierungspartei. - . -; '; -- / - Bi««g:^gau«»iBB«fry3a»aauaL; so gut wie nichts' verlautbart, es schwirren nur Gerüchte ' Wrlleüs ärbeiwn. m; viele 8er' europäischen Massen 'bediuKKud^' Die Aufklärung über die nationalen' Ziele des Jüdeutüm^ schreitet nur sehr langsam fort; das jüdische Volk kann sie nur mit sehr beschränkten Mitteln, - mit - einer' improvisierten Presse führen, während unsere GeMr über einen un- ' geheüren Apparat an Propaganda' verfiigen Und ihn bedenkenlos-benützen. - Für uns spricht nur das Recht. -Die jüdische Frage , ist ein Teil des -großen Menschheitskampfes um fteie Entwicklung und um Aufhebung der nationalistischen und imperialistischen Schützengräben. Wir sehen, daß sich. Europa in einemschweren. Kämpf^gegen. den Blutiausch Des Si'egftiedens befindet und. daß doch an,einem neuen Völkerrecht gearbeitet wird, Der Sieg der Menschen gegen die Diplomaten wird auch dem jüdischen Volk die'Wegfreiheit bringen. Bringt er. sie nicht, dann wird die Welt den Frieden nicht finden. , . Die Verhandlungen mit Herrn Voung. Amtlich wird gemeldet: Bei der heutige« Konferenz der Regierüngsmitglieder mit Mr. Npung wurde festgestellt, in welcher Weise das Material für die Beantwortung der von der ausländischen Bankengruppe an die österreichische Regierung gerichteten Fragen zur Verfügung gestellt wird. Die'Meldungen des „Berliner Tageblattes" und des „Matin^, daß die von Oesterreich angebotenen Garantien von Mr. Joung als ungenügend -zurückgewiesen worden seien, sind durchaus unrichtig, - Der Fleijchwucher. Maßnahmen Retzieeung. Im gestrigen Ministers erstattete der Bundesminister für Lanh- und Forstwirtschaft B u ch i n g e r ein eingehendes Referat über die Frage der Beliefer«ng des Wien e'r Markte s M i t S ch l ä ch t v i e h «nd über die Gestaltung der Fleisch P r e i s e. Seine Anträge, die sowohl die Sicherung des Bezuges Van B i c hau s d e m A N S l a n d e als auch eine rasche S t e i g e r u n g d e r Bieh'zufuhren von den österreichischen Alpenländern betreffen, fanden die einstimmige Genehmigung des Ministerrütes. ' Die Sehnsucht nach derj starken Hand. Moü unserem Wctrfchäuer Korrespondenten.) . , /.Der. Staats chef hat heute die'.endgültige Demission bes Gesämttäbinetts' angenönrmen. Diese. Tatsache bildet gegenwärtig den Havptgesprächs.stoff: pon Warschau. - Alles emzure^en. Gut unterrichtete Kreise.wollen wissen, daß bei einer der letzten Berätstugen des. Kabinetts, Mit.dem Staatschef letzterer alle Ressortminister „abgekanzelt" haben soll. Eine besondere Abrechnung soll.der Staatschef mit dem Außenminister S k i r «t u n t gehübt haben.'-Das'Pelpedere kann SkirmuntZ. St'aydpukt,.' d.ey.Kr.in' Genua beim Abschluß des deutsch-russischen Vertrages von Rapallo eingenommen hat, auf keinen Fall billigen.. Wenn aüch 'zugegeben wird, daß es dank Skirmünts. umsichtiger Poliük gelungen ist, die internationale' Position Polens zu heben, kann das Belvedere dem Außenminister auf keinen Fall verzeihen, daß er in ' dem' Napallo-Vert'tag keine besondere Gefahr für Polen erblickt. Skirmunt hat sich als Realpolitiker in. seinem letzten Expose auf keinen Fall mit dem Rapallo-Verträg, der ein „fall aceompli" sei, äüseinändersetzen wollen. Er strebt nur an, Polen vor den eventuellen Folgen dieses Vertrages durch die Schaffung 'eines Gleichgewichtes in den baltischen Staaten und der kleinen Entente zu schützen. Diese'' außenpolitische Orienttenmg .soll nun dem Staatschef-, mißfallen haben. Der Staatschef tctTt nicht die optimistischen Anschauungen Skirmünts in der Räpallo-Frage, und vertritt nach wie vor den Standpunkt eines schärferen Auftreren^ Sowjetrutzländs gegenüber. Dieser letzte Punkt verursachte.eben'Isey/Konfliktstoff zwischen dem Staatschef und dem. Außenminister. Der Staatschef und feine Anhänger, die' sogenannte Militärpartei, wollen die Außenpolitik von rein militärischem Standpunkt beurteilen,, wogegen Skirmunt als Staatsmann, jede Verschärfung der Situation vermeiden will. Unterstützt wird der Staatschef in der Bekämpfung dev außenpolitischen Orientierung Skirmünts vom der Volkspartei (Witos-Grüppe), die in der letzten Sitzung der außenpolitischen Kommission durch ihren. Vertreter Abgeordneten Rataj die außenpolitische Ttäigkeit Skirmünts nt. ipto verdammte, Die' Witos-Gruppe versucht nun aüf Diesem Wege den ihr unangenehmen Ministerpräsidenten P o njkowski aus dem Wege zu schaffen. In diesem Sinne wird , auch in den hiesigen pylttischen Kreisen die scharfe Attacke, des' Abgeordneten R ata.j gegen Skirmunt gedeutet. Scheinbar will auch die den Staatschef. umgebende Militärpartei.die gegenwärtige Situation ausnützen, um dem Verhältnis Polens zü Rußlands andere Formen zu geben. Das Belvedere ist mit der allzu vorsichttgen, Politik Skirmünts Sowjetrußland gegenüber und seiner steten Versicherungen der Friedensliebe Polens nicht ganz zufrieden. Es ist auch 'vorauszusehen, - daß angesichts der Stellungnahme der Witos-Gruppe das neue Kabinett, dessen Nominierung sin den nächsten Tagen zu erwarten ist, eine ganz andere außenpolittsche Orientierung einschlagen wird. Allerdings ist es fraglich, ob,sin.diesem Falle der Sieg des Staatschefs über das gegenwärtige Kabinett für die weitere EntwickllMg Polens von Nutzen sein -könnte. Für jeden FD ülnß festgesteÜt weMn^^HWw Ke^ sine KM MWMMWiMn NmvMn