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Wiener Morgenzeitung · 1922-06-04 · Heft 1201 (4.6.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1201 (4.6.1922)
Date
1922-06-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang Die Erkrankung Lenins. -r-y. W i e n, 4. 3uni. Eine Berliner Zeitung bringt die^anderweitig noch nichl'bestäügle Nachricht von einer schweren Erkrankung Lenins; Littvinow und' Radek, die' in Berlin zu politischen Besprechungen weilten, seien'mitihrem Stabe nach Moskau abgereist, wo große Bestürzung herrsche. - Das Abtreten Lenins von Her politischen Bühne Wate ein Ereignis von kaum zu.übersehender Bedeutung. Sie wütde der Zeit der Massenbewegungen 'und der Massenideen das, Gewicht der' Persönlichkeit zu Bewußtsein bringen, die ihrer' Epoche den Stempel auf-, drückt. Dieses Bewußtsein ist der Menschheit unserer Hage abhanden, gekommen, die Vom ..raty> <l4 noinbre‘7 befallen, ganz daran vergessen' hat,, daß die. mechanische. Auffassung von der . Beeinflussung' des Weltgeschehens WG politische oder wirtschaftliche Triebkräfte im tiefsten Grunde falsch'ist. HatPoftaireden .,p"t tps ranses", den kleinen Ursachen, ihren Platz in' der Geschichte ge-, sichert, so gilt dies yöch mehr von der Persönlichkeit, die sich ihren Wirkungskreis selbst.schafft. Sicherlich unter klüger Beüützüng der Umstände, aber doch, so, daß sie bestimmend und lenkend auftritt, zum Herrscher'wird Die Grenze des Lebests kann auch sie nicht überschreiten, aber das Tör der' Geschichte reißt sie sich . mit. der brutalen Kraft, des) zum 'HerrWm entschlossenen, seiner Wirkung bewußten Sohnes der Zeit auftritt., - Der' Landadelige Paul Ulsänow,, Sohn eines Pastors 4n der Ukraine, ist nicht durch die Kriegsereignisse an die Weste geschwemmt, worden, die er als der Diktator Lenin betrat. Der Niederbruch des Zarismus wäre auch ohne den Krieg, nur etwas später gekommen. Das Vielleicht. nuwauf -Befehl, der Pariser WäHiger vollzog,^ portierter.ru den.Gbldtzetstcherken an der Hench für .den AlrWr-SffäWtzisnE^rsten müßte) w'ar "aus -'Sibirien eNtslöhKr. ünd' ü'äch dem Westen gekchsimeN.' Kr /leitete-, die im Exil..lebende russische Sozialdenr0kratische Partei ‘ nüd^Mr auf derön londoner Kongreß im Jahre 1911 an die Spitze 'der' Minderheit getreten, die das Marxistische Maximälprogramm -verfocht, ’ das 511t Er Ein Memora«dum Poincare« an die MSchte. Kriegsausbruch traf ihn in Krakau. Er reiste in die Schweiz zurück, organisierte mit einer Handvvll Freunden die Zimmerwalder . Konferenz der sozialistischen Kriegsgegner'uüd bereitete zäh und zieMwüßt den Sieg seiNer> Richtung Vox. Die Ironie der Weltgeschichte ließ ihm in Ludendorff'den Heiser erstehen. . Die deutsche Kriegsleitung -beförderte die Todfeinde ihres Systems nn i geschlossenen^ Waggon nach Rußland. Im Oktober 19 IT -schlug Lenin die- Kerenski-Regierung nieder und ergriff die Macht. Was seither in Rußland geschehen ist, , die Ereignisse vyn Brest-Litowsk bis. zur Konferenz von Genua, schließt eine atemraubende Fülle des Geschehens in sich. Lenin blieb an der Macht.und keinen Augenblick Vexlyr er die Meistexschaft über sein und Rußlands Schicksal ausder Hand. Auch er. ist vom Kompromiß mchtverschontgeblieben.Erhat.nach dem Zusammenbruch des Zarismus den Bankbruch seiner eigenen Idee gesehen und nntgelitten. Er ist ein harter Herrscher, der es aber Wohl versteht, auf dem Sensiment der Müsse zu spielen.. Für die Ausführung seiner Befehle ' Huf er sich m Trotzky, in Radek, in Lstwinow gehorsame Organe; bewußt'Und mit dem Völlen Raffinement' des ostslawischen Empörers hat er es zuwege gebracht, die Blutschuld dcs Bolschewismus auf die-Schultern seiner jüdischen Anhänger zu wälzen und selbst nur der arische Kerrscher zu bleibend Die Gesinnungslumperei der jüdischen Kommunisten in Rußland, die sich stets nrtr und mit vollster 'Wucht ^egen ihr jüdisches Bölk wenden, hat mst beigetragen zu der grandiosen Fälschung der ätttlsenntischen Meute, die.. aus der von Volkszorn und Unterdriickung erzeugten Massenerhebüng der russischen. Päriavölker ein jüdisches Attentat auf , die Welt» etz- ' logen hat. ■/, : - Rußland ist am Ende seiner Kraft. Bon dem Bolschewismus. steht nichls Mehr auft^echt, ein' großes- und bis ms setzte gehender UmfvLmungsprozeßäst in-.dgr Ent, Wicklüng be'griffen.' Er vollzieht sich unter zuckenden Kräinpfen, die durch eine weltpolitische, wei^ gedachte Propaganda nicht/ mehr verhüllt - werden, können.' Lenin, hat das Privateigentum anerkennen, .wenn auch, noch r icht im vollen Umfang freigeben müssen, er hat eine Staatsbank geöründet, , Handelsverkehr .mit dem Ausland angebahnt ünd sich ln der Nos vor dem Kapitälisn'üs der Fränzosen sind Engländer tief verbeugt. Er ,, sucht mr Whr die Formel für .die nicht Whr'zü W ' P a r i s, 8. Juni.; Die stgtznee Havas veröffentlicht , den Wortlaut der Denkschrift des Ministerpräsidenten P o i .n e a r e an die Regierungen, die eiygeladen worden sind, sich auf der Sachverständsgeykonferenz im Haag am 15. d. Vertreten,zn lassen. Die Denkschrift tÄlt den Standpunkt der /französischen Regierung, deren Anregungen sowie, die A u f k l a r u n g e n mit, die sie Mer den genauen Charakter der .Haager Konferenz verlangt. Ohne sich ch -das. MttMeDe^HHdmengesi, werden die Sachverständige« ..' dre^H.auvschünkte erörtern müssen: 1. D i e. S ch n l d e N. 2. D a s P r i v a te i g e n t u m. st. Die Kr öd il/e.- Bei Regelung der - Schuldenfrago Müssen die -Schulden von Staat zn Staat von denen Wgenüber PrivgtpersWm si r e n g 8 esichlo-; d en;bkeitzMHezügllich-'dererftere^; die aus währenddes KrirgesM den Srieg gewährten Vorschüssen stammen; ist / es selbstverständlich/ daß dißse Schulden p r i n z i p i e l 1; a n er k gn n t we r d e n mÄ,ssen. Doch werden die R.e^. gierungen der Gläubigerstaaten. die Modalitäten der Be« Zahlung ihrer SchuldfordermK der Z a h l u n g s f 8 h i gk.e i t R u tz l a nd s sowie'semer wirkschaftlichrn und -.finim- ^zDen MedHraüfrichtung ^aHubequemett wissen. Die Sowjet reg iernng mutz ebenso wie die /Kriegsschulden auch ihre V e rp f l i ch t^u n g a n erkenn e n,- die finanziellen Verbindbindlichkerten, die sie oder ihre Vorgängerinnen fremden Staaten^ gegenüber eingegangen sind^ zu erfüllen. Es scheint, dätz'die beste Lösung dgrin bestände, ein direktes Etnverneh^er^^w^E^^^^r^^^rn' und deu verantwort-?/V Ruf di<l das EigeNtüm7' -KWMldesi.kFrageN ' übergehend, hebt 'PoittcÄre die Arbeit' von AnWMrn zNM MenetwÄt' sind entwickelt. Ivorden sei. Her grötzfe.!^eil der ^nHstriegebWte Rnhlayds habe, sich in Händen 'von fremden Eigentümern oder- Konzessionären besrmdeu. Die Resolution von Cannes habe bereits die Berpflichtüng festgestellt, alle F n t e r e s s e *' d e r Ans l 8 y d e r zurDzustellech wieMherzustellen oder zu entschädigen. Andererseits seiemdie in Löndoy sstr Mc Wieverherstellnug Pntzlands - aufgesWlten Grundsätze in Genüä allzu sehr vier»achWA''Mr-tzm. Sie werden ivieder ausgenommen und präzisiert werden müssen, Es dürfe nicht geschehen, datz, nachdemf ein früherer Eigentümer sein Gut wieder erlgngt habe> er binnen einigen Monaten.'gv«/. g^migett/.-werhe^'dMen^Awsbeutung anszügebeN, weil die Bedingungen, die für ihn geschaffen werden,' derartige waren, daß es ihm unmöglich würde, in Rußland zu . bleiben. Besondere Bürgschasten müßten in dieser.' Beziehung geschaffen werden. . Betreffend die Frage der Kredite hange die Wiederherstellung Rußlands zum1 großen Teile von dem Beistand ab, den dieses Land vom ausländischen Kapital er-. halten werde, aber die Bedingung fiir den Wiederäufbaü Rußlands sei die Wiederhrrstellvyg der Produktion,. und j diese Wieperherstellüng an Zereälien, Petroleyrn und Röh-.. -stoffen könne nur durch RüUand selbst geschehe^ Die Wiederherstellung der Landarbeit sei die .Grundlage der Existenz - Rußlands, und der Bauer werde sich der Arbeit erst dann wirklich wieder widmen/wenn kt sicher sesn w^rde, da^ Ertrags seines Besitzes zu genießen und im Austausch für; seine Ernte Waren zu finden, die ihm fehlen. Es hänge ein- \ Zig und allein vom Sowjetregime ab, die gegenwärtige Läge ' zu ändern.. i.'i Zusammengefatzt bestehe die Arbeit, die im Haag get' leistet werden müsse, in dep Wsstellüng eines sehr klWtr / und sehr vollständigen Gesamtplanes der Bedingungen,, die Rußland vor allen Dingen annehmen müsse. Sie. .! bestehe ferner in einer gründlichen Prüfung der lvirt< , schaftlichen ^Bedingungen Äützlands. Alle Regierungen müßten sich über einen Plawzür Wiederherstellung Rnß-i lauds verständigen, einen v 0 l lst 8 nb'i g L'n Pi a n/ > verteilt. Poiiware betont > den getingen Zeitraum-.zwi- / schon dem 15. und' 29. Hini M die Aufstellung dieses/ Planes. Die Lösung des. Wischpn Problems sei.Liüp/ genügend schwere Frage, um ihr d.w Nötigt Zeit zu wW men. Da die in Genua kaüm begoüneüeMhM im Haäg - wieder ausgenommen Werde« t mW, Hi' /! thodisch zu handeln Und, ohne etwas von den großherzigen Ideen, die die Einberufung^ der Genueser Konferenz pex-. anlaßt haben, zu opfern, den Wirkli^keiten ins Gesicht. ' iu ' ' «aBaiaäwnr'WBtti ^agaaae«MBMU!yfa^ rneidende Rückkehr zur allgenremen Demokratie. Gelingt ihm. dies, so kann Rußland sich--reMr und mithelfen, die europäische Wirtschaft aufzübä'uen. Mitzliügt' ihm dies, so ist das Chaos die Folge. Dinn Lenins System ist die letzte Form von Organisation. Hinter ihr steht dcr Nihilismus. Der WeLtgLLubrger. . W a s h i n g t 0 n, 3. Juni. (Tel.-Komp:> Staatssekretär Hu gch es hat unter Mitwirkung von Hoover und Mellon einen Entwurf über die Rückzahlung der a l l it er t en Schul den an Amerika ausgearbeitet, der als Grundlage für die Kommissionsverhändlungen dienen soll. Die englische Und die französische Kommission werden in Kürze hier erwartet. Die französische Politik. P a r i s, 3. Juni. (Tel.-Komp.) Die gestrige Abstimmung in der Kammer hat insofern große Politische Bedeutung, als damit auch der rechte natwnale Flügel Tardieus «Nd Däudets der Gefolgschaft Poincares beigetreten sind. Diese Unterstützung kann sich politisch sehr bald auswirken; dettn die Rechtsnationalisten werden nicht verfehlen, den Ministerpräsidenten an die Gegenleistung für ihre parlamentarische Unterstützung zu erinnern. In der auswärtigen Politik wird es nach der gestrigen Abstimmung v nur. noch zlpet Gruppen geben, die extreme Rechte — die über drei Viertel der Stimmen der Kämmer verfügt und die Republikanische Partei. "'Vv^ Irland. , L o n d ä«, 3. Juni. (Tel.-Körnp.)^ Am kommender» Dienstag werden die Verhandlungen zwischen der vörläufigen sMikiHen Regierung und dem englischen KähiNett Wieder üpfgenpmmjen. Die Strestpuntte ÄhEr. den Berfassüngsentwurs' jittb aher einstweUen noch recht erheblich. Die MgWe Wierung ist HWlossen» dem letzigen M stand ünbedW-ein Ende A MäGm' 7 « * 25»»6litt, 3. Juni. (Tel.-Kornpy Collins hat sich so-! fort nach seiner Rückkehr nach Dublin mit seinen Parteigenossen ln Verbindung gesetzt. Wie perlä»»tet, sind, die Wahlen zur irischen Nationalversammlung in Vorbereitung, und die Koälitionspartei, die nunmehr öffentlich gegründet, ist, wird 124 Kandidaten aufstellen. Die NationalversamM-' lung wird 128 Abgeordnete zählen. Bier Sitze werden von der Nationalen Partei, den Vertretern der Universität von Dublin, reserviert. Der Nationalen Partei stehen 20 Kan-' didaten der Bauernpartei und ungefähr ebenso, viele Kandidaten der Arbeiterpartei sowie einige Unabhängige gegenüber. - ' ' .; Der KaMpf AM das Labakmonopol irr Psleu. Warschau, 3. Juni. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Jin Sejm wurde die Debatte über das Tabakmonopol in zweiter Lesung beendet, die dritte Lesung und mit ihr die letzte Abstimmung wurde vertagt. Während der Debatte über die' einzelnen Bestimmungen des Entwurfes stellte die Rechte verschiedene Abänderungsanträge, wobei sie immer namentlichi: . Abstimmung verlangte. Pater L u t 0 § l 0 w s k i beantragte die; Zurückweisung des ganzen Entwurfes an die Kommission, was jedoch mit' sieben Stimmen Majorität abgeldhnt wurde. So-" dayn stellten die Abgeordneten der Rechten Anträge, die 'lm- Falle der Annahme des Entwürfe^ dem Staate die -Durchführung dcs Monopols auf , jede Weise unmHlich "machen würden^. Abg. Brun beantragte,'den Tabakfabrikanten im Falle der^ Einführung des Monopols außerordentliche ' Entschäbigüngs-' -summen auszuzahlen.Dieser Antrag wurde uügelehnt und/ - der Antrag des Päser' A d a m s k i angenommen, wonM den ,Arb ei t.er n..in.peü',Täbakfabrikey im Faste der Emsistsiüng /des Tabakmonopols eine leb enslä^ngliche R ante ln der . /Höhe der jetzigen Arbeitslöhne, ausbezahlt werden soll..Dieser. 1 Antrag, der mit großer Majorität und den Stimmen. der So-' zwldemokräten^^ durchging,/ macht W Monopol , illllsonsch, Weil ■; der Staat.solche fiNanzMe Hasten nie' wagew'konKMith'.'Wie verlautet, beabsichtigt die Rechte bei der ' dritten Lesung -W' > scharfe Obstruktion einzüleiten.

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