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Wiener Morgenzeitung · 1922-06-02 · Heft 1199 (2.6.1922) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1199 (2.6.1922)
Date
1922-06-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Als sie nämlich ihre Exkursion, auf der Uellöerstratze im -Cafe Ludovica mit einem Siegesschmaus beenden wollten und' Nach reichlicher Zeche, dem Oberkellner rundweg erklärten: „Ihnen zahlen wir'nicht, denn Sie sind Jude," kam eS zu einem Wortwechsel, im Verlauf dessen einer der Erwachenden unter einer Flut von Beschimpfungen ein Glas ' geM den Zählkellner schleuderte. Der Oberkellner bückte sich rechtzeitige itnd das Glas traf einen Gast, der sich in Gesellschaft von noch drei Herren befände- „Macht nichts," schrie der Glasschleuderer zu jenem Tisch hinüber, - „auch jenem Juden wird eS nicht schaden!"' Da sprangen die vier Gäste auf und richteten die gcht mit Bleistöcken bewaffneten Helden in jämmerlicher Weise ' zu. Die acht hatten nämlich diesmal das große Pech, daß sie an vier -der b e st e-n B o x k ä nz p f e r des -Franzstädter Turnklubs geraten waren. Der vom Glase getroffene Athlet, der Sohn eines bekannten Budapester Fleischhauers, ließ, als er einige Minuten Ms die acht cingedroschen hatte, eine Pause Antreten und richtete, an die Erwachenden in jovialster Weise die Frage: „Nun, meine Jungen, habt ihr schon genug? So wisset ihr nun gründlich, daß ihr heute Nacht in der Franzstadt wäret. Hier/pflegte es keine Prügeleien .zü geben, wir werden 1 dafür sorgen, daß sich derartige Szenen auch in Zukunft nicht wiederholen. -Und jetzt, liebe Jungen, werdet ihr euch i n R e i h und Glied au'fst'ellen und einen heiligen Eid leisten, daßihr im Leben nie mehr in'die Franzstadt kommt, um friedliche Bürger, zu, insultieren." Bleich und zitternd leisteten dann die acht von der Gömbös-Garde den Eid. „Wir schwören, datz wir niemals' mehr in die Franzstadt kommen, um Prügeleien zu vora'nstälten." Die Helden wurden in Gnaden entlassen. Ein Budapester Blatt beklagt es nur, daß die Eidesformel nur für die Franzstadtbestimmt war, da doch Budapest zehn Bezirke und auch etliche Vorstädte hat. : . Die polnisch-österreichischen Verhand-; luitgeitv * Warschau. 1. 'Juni. (Poln. Tel^-Äd.) Heute haben hier die Verhandlungen über' einen polnisch-österreichischen Handelsvertrag begonnen. Die Vorsitzenden der beiden Delegationen find auf österreichischer Seite der, bevollmächtigte Minister P o st und auf .polnischer Seite Bizeminister S t r ü ß V n r g. SKirmünt über Genua. Warschau, 1. Juni. (Poln. Tel.-Ag.) Minister des Aeußern Skitntunt erstattete int Plenum des Sejnt Bericht über, die Genueser Konferenz. Er erklärte: Die allgemeine Bilanz der Konferenz ist für Polen b e s o n d e r s günstig. Der polnischen Delegation ist es gelungen, die Bemühungen abzuwehren, welche die F r a g e d e r G r e nzen des polnischen Staates einem unkompeteüten Forum zstr Entscheidung vorlegen wollten. Der Minister betonte die Vertiefung des Verhältnisses mit dem verbündeten Frankreich. Die englische Regierung zeige jetzt ein größeres Verständnis, für die Bedürfnisse und die Lage Polens. Dei deutsche Negierung wolle angesichts der definitiven Lösung der oberschlcsischen' Frage, Verhandlungen zur Aufnahme eines normalen wirtschaftlichen Nachbarverhältniffes anbahnen. Skirmunt schloß mit dem Hinweis darauf, daß Polen die Notwendigkeit eines allgemeinen und dauernden Friedens als der Vorbedingung zur Stabilisierung der internationalen Verhältnisse und des wirtschaftlichen Wiederaufbaues Europas anerkenne. Dir ostgalizische Frage. Warschau, 1. Juni. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) In der letzten Sitzung des Sejm begründete Abg. Daszhnski den Dringlichkeitsantrag der Sozialdemokraten in Angelegenheit der Aut o n o m ie für Ostgalizien. Redner erklärt, es sei eine Notwendigkeit, Ostgalizien eine territoriale Autonomie mit einem Landessejm und einer diesem Sejm Verantwortlichen Landesverwaltung an der Spitze zu geben. Gegen die Dringlichkeit trat Abg. Zant o r s k i auf, der feststellte, daß man die ostgalizische Frage nicht außerhalb der übrigen polnischen Angelegenheiten behandeln könne. Es sei ein Fehler, auf diese Weise die Rechtsansprüche Polens ans Ostgalizien als zweifelhaft hinzu-- stellen. Bei der Abstimmung wurde dem Anträge der Sozialdemokraten die Dringlichkeit a b g e s p r o ch e n und der Antragselbst der V e xfassungskommission überwiesen. Der Kampf ums Tabakmonopol. Warschau, 1. Juni. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) -In der heutigen Sitzung wurde die Debatte über das Tabu k m o n o p o l. fortgesetzt. Die Galerien waren, da die Abstimmung ftattfinben sollte, überfüllt. Bei der Abstimmung erhielt Artikel 1, der über das Prinzip des Monopols handelt, 183 Stimmen pro und 183 tontia. Demzufolge entstand im Saale große Verwirrung, da die Geschäftsordnung für den Fall der Stimmengleichheit keine Bestimmung enthält. Der Sejmmarschall erklärte, paß angesichts der Stimmengleichheit Art. 1 für ab gelehnt zu, erachten sei. Bei der weiteren Abstimmung verließ ein Teil der Abgeordneten den Saal, so daß Art. 7 über das Tabakmonopol mit 184 gegen 178 Stimmen a,ng e-n o m m en wurde. Me Abstimmung über die.restlichen - Artikel findet nächstens ftast/Mltzcrrtteüi 'verlaute^ daß/haS ' Gesetz abgelehnt werden dürfte. enxl. Stokte, Nerrqnuns vsmenvSscde, deinenunä Strleltvaren» aUe8 erstk L88i§ unä dttttFst bei Nächtliche Offenbarmna. Eine Schabuoth-Erinnerung bon Jakob Krausz. ' Das erste Schabuothfest nach meiner Barmizwah lebt deshalb unauslöschlich in meinem. Gedächtnis fort, weil ich damals zum erstenmal mit meinen: Vater zur „Nachtwache" mitgehen durste.- Die Nacht vom Vorabend des Festes auf den ersten Festtag verbringen die Juden gemeinsam wachend, indem sie eine herrliche Anthologie aus dem gesamten, alten hebräischen Ochriftürnt, aus Bibel, Psalmen, Propheten, Mischna und Talmud und aus der späteren Lithur- 0ic; rezitieren, In meiner Heimatstadt fand diese nächtliche Versammlung iw Gebäude der Chewrah-Kadischah, dem sogenannten „Hekdesch", dem jüdischen Spital statt. DaS eigentliche Spital war von dem Sitzungssaal, in welchem die'Nachtwache l absolviert wurde,'durch die Wohnung des Verwalters getrennt, und gar oft fügte es sich, daß, wählend im Sitzungssaale jung und alt sich für das Fest , der Offenbarung seelisch und geistig vorbereitete, am anderen Ende des Gebäudes ein aus der Fremde zugewanderter Jude mit dem Tode rang und das Schuldbekenntnis ablegte, um seelisch rein vor dem . obersten Richter zu erscheinen. Diese Nachttvachen hatten fiit das . junge jüdische Ge-' Mt etwas heilig Mystisches an sich, und besonders die Nachtwache am, Vorabend des Festes der Offenbarung zauberte in unsere. Phantasie Bilder der Offenbarung am Pexge Sinai, die ip der heiligen Schrift so eindrucksvoll geschildert und in, der Agada so farbenreich ausgemalt ist Ich weiß nicht, wiees andern erging, auf mich hat der Anblick dieser nachtwächenden Juden, die gewissermaßen in einer Nacht den ganzen'Schatz jüdischen Glaubens und jüdischer Kultur in sich aüfzünehmen suchen, um die Offenbarung selbst mit innigerem und klarerem Verständnis entgegennehmen zu könneneinen mächtigeren Eindruck gemacht als selbst die betende, in Leichenlinnen gehüllte Gemeinde am Vcrsöhnmtgstäge/, ' - ' Vor ewa vierzig Jahren waren wir wieder in der . Schabuothnacht.im- Hekdesch versammelt^ Die jungen Leute, die ihrer Studien wegen in der Fremde lebten, waren zu Ehren des Festes' nach Hause gekommen.. Da trafich mit drei meiner KMgenoM hei der NMwaHe zufapynerr. Salomon F o n f e d e r war inzwischen einer her besten Talmudjünger der chassidischen Jeschiwa von Huszt geworden, Mendel S ch w a r z besuchte die Jeschiwa von Surany, die in orthodoxer, aber nicht chassidischer Richtung geführt wurde, während ich selbst-das Obergymnasium besuchte und nebenher Talmudstudien betrieb. Trotz der verschiedenartigen geistigen Atmosphäre, in der wir drei seit unserer Kindheit gelebt hatten, war die Begrüßung, das traditionelle „Schalom Alejchem", recht herzlich ausgefallen. Ich betone dies deshalb, weil, zu jener Zeit der aufstrebenden Haskalah, des mit voller Kraft die Jugend' gefangennehmenden Aufklärungsgeistes, schon der kleinste Unterschied in der Auffaflung über das Judentum oder in der Betäiigung des Judentums genügte, um die festen Freunde zu entzweien und sich im Geiste gegenseitig aus dem Judentttm zu exkommunizieren. In Ungarn hatte dieser Kulturkampf innerhalb des Judentums noch schärfere Formen, angenommen, weil man unmittelbar unter dem Eindrücke der sogenannten Kongreßzeit, der einbekannten Zweispaltung - des Judentums stand. Bis um die Mitternachtsstunde saßen wir drei, jeder neben dem Vater, und lasen eifrig in dem „Tikkun", der Anthologie für die Schabuothnacht. Die Mtternachtsstunde brachte eine kleine Pause. Um die etwas erschlafften Geister wachzuhaltenwurde schwarzer Kaffee serviert, und diese Erholungspause benützten wir drei Jugendgenoffen dazu, einen kleinen Spaziergang durch die Judengasse zu machen. Das Gespräch war bald in flottem Ggng. Jeder hatte irgend etwas zu erzählen,. Erinnerttngen wurden ausgetattscht, Pläne für die Zukunft besprochen. Wir merkten es gar nicht, daß wir das letzte Haus der Judengasse bereits hinter uns hatten und uns auf der großen Wiese befanden, die sich längs des Flusses ausdehnt und in deren Mitte der Judenberg, im Volksmunde auch der „Kratzberg" genannt, erhebt. Hier hielten wir kleine Rast, und mancher Jugendstreich, an dem wir hier als'5kindr teil hatten, wurde in unserer Crinnerttng - lebendig. Dieser Judenberg war wiederholt der/ Schauplatz großsr, nicht immer ünbluttger- Schlachten zwischen den Schülern der jüdischen Schule und denjettigen der kütholffchen Schule gewesen. Eine ganze Strategie.hatte sich Feile HMtz ihren gewählten Kriegs¬ 2. Juni 1922 - , Seite 3 Rundschau Poineare verter-iat sich.. Paris, 1. Juni. (HavaS.) Der Ministerpräsident Poincare erklärte bezüglich der Konferenz von Genua, die Tagesordnung dieser Konferenz habe Ihn beunruhigt, denn sie hätte.es ermöglichen können, daß die Angelegenheit der Friedensverträge von den Alliirten wieder ausgerollt werde. Cr habe sich bemüht und es sei ihm gelungen, bei den Alliierten durchzusetzen, daß Frankreich Bürgschaften dafür, gegeben 'würden, daß Deutschland die Fragen der Wiedergutmachungen, der Entwaffnung und der Verträge nicht aufwerfen könne. Diese Fragen feien dem Völkerbünde, vorgelegt wordön und wir erwarten, daß die /Prärogative des Völkerbundes, nicht angetastet werden. Poincare verteidigte die französische Negierung gegen die Anschuldigung, den Versuch unlernommen zu haben, die Konferenz zum Scheitern zu bringen, und er. verlas die der französischen Delegation gesandten Instruktionen. Diese haben aus der dem Völkerbünde zukommenden Rolle bestanden, über dessen Befugnisse in Genua nicht verhandelt werden konnte, sie haben aus das zwischen Frankreich itnd England abgeschlossene Uebereinkommen verwiesen/ . die Moskauer Regierung nur dann anznerkennen, wenn sie .Bürgschaften' leiste und mit -er Durchführung ihrer Verpflichtungen beginne. Die Jnstrllktionen erstreckten sich auf die Schulden Rußlands,, wobei sie zwischen Kriegsschulden und Vorkriegsschulden einen Untcrsü)ied machten; sie erklärten, daß die Petroleumsrage mit einer Regierung, die die georgische Regierung vertrieben habe, nicht verhandelt werden könne, und verlangten, daß die kaukasischen Staaten in Genua vertreten seien. Bezüglich der Reparationen verwiesen die Instruktionen auf die wirtschaftliche Wiederaufrichtung Europas, an der Frankreich im friedlichen Geiste mitzuarbeiten beabsichtige Einmarsch irischer Truppen in Ulster. Loüdon, 1. Juni (Funkspruch.) Anläßlich des' Abschlusses des Abkommens zwischen der De Valery-Pariei und den irischen Freistaatlern erklärte Churchill irn Unterhause, daß England die Ausrufung einer unabhängigen irischen Republik mit der militärischen- Besetzung Dublinsbeantworten werde, um dann die Stadt als Operationsbasis zur Niederwerfung der, Rebellen zu benützen. Zu den irischen Unruhen wird noch nachgetragen, daß die irische republikanische Armee große Teil e U l st e r s ü b e r r a n n t und besetzt habe. Sie befestige, sich in der Grafschaft'Fermanagh. Britische Truppen haben nicht eingegriffen. Stinnes Kauft sich eine« Sozialdemokraten. Berlin, 1. Juni. (Tel. d. „Wr. Astorgenzeitung".) Jtt der Leitung der „Deutschen Allgemeinen Zeitung", hie bekanntlich dasKrgan von Hugo St-tnnes ist, ist,eine politisch sehr bemerkenswerte Veränderung eingeireten. Der bekannte sozialdemokratische Theoretiker- Professor L e n s ch wird als Chefredakteur-Stellvertreter unter Bedingungen in die Redaktton eitttreten, die vermuten lasten, daß er sehr II., TaborstraBe 48 Telephon 47*1-79 £n «?r©s En d«tall rat, selbst der Kundschafterdienst war bis auf den letzten Graben udrchgearbeitet, und wenn dann an einem schulfreien Nachmittag das große Treffen kam, war es wohl schwer sestzustellen, auf welcher Seite die größere Zahl blutiger Köpfe oder geschwollener Gesichter zu verzeichnen war. Salamon Fonseder, der niemals von der Partie war, hörte weltfremd und mit Staunen unsere Kriegsgeschichten an. Während wir, Schwarz und ich, uns hinlagerten und die milde Nachtluft mit Behagen einsogen, stand Salamon Fonfeder mit seinen längen Stirnlocken und seinem Käppchen auf dem Haupte, gerade, hochgewachsen wie eine Tanne, da, blickte um sich und begann zu sprechen. „Ich begreife nicht, daß ihr in dieser heiligen Nacht wenige Stunden vor der Entgegennahme der Lehre am Sinais euch leichtfertigen Erinnerungen hingebt. Ich kann euch nicht folgen./Ich bin alt in die Welt gekommen und erblicke meine Aufgabe darin, auch weise zu werden. Und während ihr die Thora und all die späteren geistigen Schöpfungen, die in der Thora ihren Ursprung haben, nur so nebenher gelernt, aber nicht erforscht habet,, während ihr eure Weisheit aus Büchern zu schöpfen sucht, die abseits vom Wege der Thora liegen, bewege ich mich aus dem nur scheinbar engen Pfade der Lehre, die alles in sich schließt, auch dasjenige, was ihr außerhalb ihr zu finden glaubt. Wir alle befinden uns seit jener Offenbarung auf dem Sinai, auf der. Suche nach der Wahrheit. Der eine findet sie in der Offenbarung selbst und ist bestrebt, diese Wahrheit weiter zu verkünden, sie zu erläutern und zu erklären und. gemäß dieser Wahrheit zu leben, weil sie für ihn nicht von Menschen, sondern von der höchsten Gewalt im All verkündet und als Wahrheit festgesetzt wurde/Der andere betrachtet die Offenbarung als den Grundstein sttr ein großes Gebäude der Sitteulehre, dessen Aufbau oen Menschen übertragen sei. Und dann gibt es noch andere/ die die Wahrheit der Lehre am.Sinai atterkennen, nicht Weil sie übernatürlich, .uns ' geworden, sondern weit sie, dein menschlichen! Verstände zugänglich, Ewigkeitswert besitzen. Keiiier von uns ist jteivon Zweifeln; jeder von uns hat die schwere seelische Not mitgemacht, wenn Fragen über Nitsäng und Ende unseres Seins, über Ursache und Ziel der Mtjtehiing. Wjeres BMs jein Zerz bedrängen, Wie

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