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Wiener Morgenzeitung · 1922-05-28 · Heft 1194 (28.5.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1194 (28.5.1922)
Date
1922-05-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Der Vormarsch in das deutsche, Ruhrrevier ist abgesagt und statt der Helden erhalten wieder die Wirt-, schastssachverständigen das Wort, um zwischen den: ReparationsforderunEU und her Leistungsfähigkeit Deutschlands; ein Kompromiß herzustellen. Auch Poincare kann nur mit Wasser kochen. Die Sprache, die England führt, läßt -ein Sondervorgehen Frankreichs nicht zur Tat werden. Im englischen Unterhaus hat gestern Lloyd George nochmals das Port genommen Und in der Form einer scheinbaren Polemik gegen Lord Cecil jede Teilnahme an einer Politik der, Sanktionen abgelehnt, aber auch die aktive Stellungnahme gegen sie angekündigt. Er konnte dies um so leichter tun, als sich der von allem Anfang an von Amerika vorgeschlaaene Weg einer großen internationalen Anleihe für Deutsch-- land zum Zwecke der Ordnung der deutschen- Finanzen in feste Formen zu verdichten beginnt. Es wäre mehr als widersinnig,- wenn zur gleichen Zeit mit den Beratungen der rnternätionalen Finanzkomniission über die - Einzelheiten des Wiederaufbaues ein neuer Krieg begonnen würde. Hörr Poincare muß sich fugen. Dies auch deshalb, weil die letzten Verhandlungen der Pariser. Kammer ihm zeigen, daß er an Radikalismus des Wortes noch übertroffen werden kann, daß aber auch das andere. Frankreichs das so selten von -sich reden machte das Stillschweigen brechen will. ' Einerseits warf ihm der Deutschenfresser und Monarchist Leon. Daudet, ein Liebling der internationalen antisemitischen Maffia, .Schwäche gegen Deutschland .vor. Andererseits aber griff der Linksdemokrat Favre, ein gewesener Unterstaatssekretäx.int Kabinett MMMaü. chie Offizielle . fährlich ay.^ Poincäre habe durch Mne Dprengüngs-' versuche, in Genua die Sympathien Engla'nds. und Italiens verloren und sei von der Isolierung , in einer mit Feindseligkeit gesahenen Mmowhäxe bedroht. Das Wichtigste an dieser: Rede' ist der an ihrem Schluß gestellte Hinweis auf die nächsten Wahlen. Die Politik des langen Messers stützt, sich in Frankreich nochimmer auf das im Jahre 1919unter der' frischen Einwirkung der Kriegsschrecken gewählte Parlament, und die Regierung, die aus dieser Mehrheit 'stammt, kann gar nichts anderes tun, als dessen Aufträge zu befolgen. Aber schon die Beratungen der Regierungsmitglieder wahrend der Konferenz von.Genua haben das Vorhandensein einer erstarkenden Opposition erwiesen. Es wäre aber "grundfalsch, von dieser. Stimmung schön für eine nahe Zeit -ein -Abklingen der . deutsch-französischen Gegensätze zu. erhoben. Der Stachel sitzt zu tief und die deutsche ösfentliche^Meinung ist zu stark von den Nationalisten beherrscht, die es als-höchsten Patriotismus erklären, das gegebene Wort zu brechen und nichts zu zahlen. . Diese Agitation trägt das schwarz-weiß-rote Mäntelchen und ist darum in Deutschland nicht minder populär wie in Frankreich die rollende Phrase des EinmarschiereUs7Mer' die Analogien sind auch -sonst verblüffend. Herr' Favre-hat ausgeführt, daß' die Wiesbadener Vereinbarungen zwischen Löücheur und Rathenau durch : den schlechten Willen her französischen Industrie -'wirkungslos gemacht - wurden. - Dieselben Kreise arbeiten in Deutschland mit Hilfe der chauvinistischen Stinnes-Presse gegen jedwede' Gutmachung, weil'dies die Mark verschlechtert und dem Schieberium guten Prosit - bringt. Helden und Hyänen sind, immer gut Freund,' in Frankreich wie in- Deutschland, und es wird verständlich, wenn Lloyd George trotz aller Gegnerschaft gegen eine Gewaltpolitik doch die Notwendigkeit unterstreicht, daß Deutschland zahlen muß. Es ist ein moralisches Erfordernis/ daß die zerstörten Häuser, Bergwerke und Fabriken von. denen aufgebaut werden, - die sie unter der Ausrede der ° militärischen Notwendigkeit, in /Wahrheit aber auf Wunsch der Konkurrenten in Trümmer gelegt haben. Die Verzögerung dieser Pflicht ist an dem heutigen Zustand Europas genau so schuld.', 'wie däs französische Kriegsparlament, dessen Mitglieder immer wieder an Nordftankreich und Belgien erinnert werden. Esist falsch,- diese Frage durch Militär lösen zu wollen, es ist aber auch . falsch/ sie immer nuv' durch die ' Brille der : Hetzpresse und; Hetzparteien in Berlin/ München und.Wien zu betrachten'. Wenn' Englchtd : einest Tages gezwungen wäre, aktiv gegen Frankreich äufzutreten, so: wäre dies auch ein Unglückstag für Deutschland, das sich ohne Waffen und ohne, moralische.-Unterstützung ^allein dem ftanzösischen .Allianzsystem gegenüber sehen würde. Einen Krieg wird England Wm Mehr. für. FWyNeiK, sicherlich aber nicht jur Deutschland jübrem ’ ' 7 ■ofV . / avacr« ■. <m - rffc 4» HT ■ Der . in _ Heute GntschaidMlg in 141 Bezirken. Budapest, 27. Mai. (Tel.-Comp.) Morgen finden In 141 Bezirken die Wahlen in die Nationalversammlung statt. Die Wahlen werden fast ausnahmslos öffentlich und bloß in drei Freistädten, Oedenburg, Szeged und Hodmezö-Basarhely, geheim yrrrchgeführt., Der Sieg der Regiernngspartei: ist in 39 Bezirken gesichert, da in 19 Wahlbezirken den Regiernngskandidaten k e i n e Gegenkandidaten gegenübergestellt wurden und sich in weiteren 20 Bezirken blotz Kandidaten der Regier u n g s P a rt e i e n gegenüberstehen. Einstimmige Wahlen -werden in 33 Wahlbezirken stattfinden, indessen dürste es in 35 Wahlbezirken zn Ersatzwahlen kommen. Budapest, 27. Mai./(Tel. d;i,,Wr. Morgenzeitung".) Sowohl durch Plakate wie in Zeitüngserklärungen steigert sich die Agitation des Wahlkampfes auf den höchsten Grad. Auf der einen Seite wird ein. Brief des Grafen Stephan Tisza aus dem Jahre 1918 plakatiert, in welchem Graf Tisza den Gra fen An brass Y besch ul di g t, die ungarische Nation mitten im Kriege dem Chaos zügeführt zu haben. Graf Albert Apponyi veröffentlicht ein offenes Schreiben an die Wähler von. Oedenburg, in welchem er den Minister des Innern Grafen Klebelsb erg und das ganze System des Verfassnngsbruches und der Gesetzesverletzung zeiht» Der Minister des Innern erklärte hierauf, daß die Regierung in der neuen ^Nationalversammlung die Gesetzmäßigkeit der Wahlrechtsverordnüng erweisett. werde. . Gras Albert Apponyi und Dr. Gustav G r'a tz werden, da die Abhaltung von Versammlungen ausgeschlossen scheint, morgen Sonntag durch ein Rundtelegramm vor den Wählern Budapests sprechen. V Die oppositionellen Parteien, führen heftige Klage über Pressionen der Verwaltungsbehörden zugunsten der Regierungskandidaten und über Vörfolgnttgen der oppositionellen Kandidaten. Um die erhobenen Anschuldigungen bezüglich des I.m* t ernierüngslagers von Zalaegerszeg zu entkräften, hat der Minister des Innern heute angeördnet, daß. noch im Lause dieses Monats alle jene entlassen werden, die in der Zeit zwischen dem Herbst 1919 und dem 1. Juni 1920 interniert worden sind und seither interniert gehalten werden, ferner diejenigen, die nach Verbüßung ihrer Strafzeit oder nach dem Erscheinen der Amnestie- . Verordnung interniert worden find^ Der Minister^ des Innern hat ferner angeordnet, daß alle jene, die vor'dem 1. Jänner 1922 wegen anderer als gemeiner Verbrechen unter Polizeia ns sich 1 gestellt worden sind, von der Polizeiaufsicht , vesreit werden. Sitzung des Völkerbundes. ^Die FtttÄG. rni^ÄSke-tschkstSfragen dev . * v v; Genireser Kmrfevenz. G^inf, 27. .Mai. (TA.-KMHM^ 6^ Juni tritt Äe' Wirtschafts- und FinanzkoWWtz^W^ BWrb.nndeS: zu einer Sitzung zusammen, um über die dem Völkerbund . von der Genueser Konferenz ans Ivirtschastljchem und finanziellem' Gebiete überwiesenen Aüfgäben zu beraten. Die Kommission wird sich namentlich mit der Durchführung der Matznahtyen . gegen die KapMsfluM über -die Zolltarife, über das Dumping, sowie über die Schiedsgerichtsklausel in den Handelsverträgen befassen. Wirth für die Abmachungen des ReichsstnanzmiMsters. Ungewisse Haltung dev Pavteien. Berlin, 27. Mai. Das ReichsWinett beschäftigte sich in einer bis 6 Uhr abends dauernden Sitzung mit der politischen Situation. Es wurde zunächst festgestellt, daß' die Reparationskommission auf die Bitte des Kabinetts auf Einfügung einer Force mäjeure-Klausel a b l e hn e n d geantwortet hat. Nach längerer Aussprache erklärte sich der , Reichskanzler nunmehr bereit, mit Rücksicht auf die gegenwärtige Lage seine Bedenken zurückzustellen und die Äbmachungen des Reichsfinanzministers He rot ed vor dem Re i ch s t a g e zu v er t r et en. Damst ist die Kabinettskrise beseitigt und die Einheit des Kabinetts Wieder hergestöllt. Die Antwortnote an die Repärätionskomwission wird noch heute sertiggestellt und durch Staatssekretär B er gm an n der Reparationskom- ' Mission überreicht werden. Montqg wird Dr. W i r t h im Reichstage über Genua sprechey. Die Haltung der Parteien ist noch nicht völlig, geklart. Man rechnet damit, daß die Deutschnationalen einen Antrag.auf ein Mißtran ensvo tuw einbringen werden, , der von den übrigen Parteien jedoch abgelehnt Werden Wird. Ob andererseits, eine Mehrheit für ein Bertrauensvotum zustande kommt, ist derzeit noch fraglich, da die. Ü n a b h ä n g i g e n nicht genigt sind, der Politik des -KahlnM' Mustimmen, ohne vorher genau über die Art der. neuen Steuern, die durch die neuen Reparationen notwendig sind, informiert zu sein. Die Deutsche Bolkspärtei dürfte sich , für dje Abmachungen der Regierung mit der Reparationskommission erklären. Englisch-irische Verhandlungen. 8 o n d o «, 27. Mai. Wenter.) Michael C o ll i n s ist aus Dublin heute, myrgens in London angekommen. Er hatte eine Begegnung mit Lord C e e i l und den augenblicklich in London weilenden Vertretern des irisch e n F r e i st a a t e s. . Sie werden heute nachmitags mit den britischen Unterzeichnern des eng- WWWn Abkommens Mammenkommen. ' Oberfchlefien. - - - - j Berlin, 27. Mai. Der auswärtige Äusschntz deS Reichstages hat heute die. ÄussWache über das deutsch* . Polnische Abkommen förWschlt Hach längerer. Debatte chnrde das Abkommen, über Oberschlesien mst vierzehn Stimmen der Regierungsparteien und der Unabhängigen gegen sechs Stimmen dee Deutschnationalen mtV der Deutschen Volkspartei a n g e n o m in e n. W ä r sch ä u, 27. Mai. (Tel. der ,,Wr. Morgenzeitung".) Die Uebernahme Oberschlesiens durch Polen soll am 2/ I uni vor sich gehen, am 3. Juni werden polnische Truppen unter dem Kommando, des. gewesenen ' Generalstabschef General- Szeptyeki in Kattowitz einmarschieren. Die verwaltungstechnischen Angelegenheiten werden von einer speziellen polnisch-deutschen: Kommission geregelt werden. Eröffnung des poLnischen StüLLetages. L e m b e r g, 27. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) In feierlicher Weife vollzog steh gestern die Etöffnnngsfitznng des sechsten polnischen Städtetages^ im Festsaale des ehemaligen galizischen Landtages, der heute als Änla der Lemberger Universität dient, Der letzte Städtetag hat im April 1921 in Posen' stattgefunden. Die Beteiligung der Städtedelegierten ist diesmal sehr zahlreich, es siüd auch zum ersten Male die . Vertreter des Wilnaer Distriktes, wie auch solche aus Oberschlesien anwesend. Von bekannten jüdischen Stadtvertreterü sah man den Vizebürgermeister von Lemberg Dr. Schl e i ch e r und den Gemeinderat Dr. Löwenherz, aus Warschau waren unter 30 Delegierten die jüdischen Gemeinderäte Ing. Körn e r (Zionist), T r u s k e r, Meisel, Hufnagl und Assessor Rundstein erschienen. Ersterer gehört auch dem ständigen Ausschuß des Städtetages an. Aufsehen erregte das Erscheinen von sieben f r a n z ö s i s ch e n M a i r e s,. die gleichzeitig in offizieller Eigenschaft in Polen zum Besuche weilen. , Auf der Tagesordnung befindet sich eine Reihe wichttger, die Interessensphäre der Städte tangierender Fragen, so unter anderem die W a h l o r d n u n g f ü r den p o l n i f ch e n S e j m, das G e m e i n d e W a h lrecht, die Sanierung der städtischen Finanzen, die Wohnungsmisere in den Städten, ferner ein, Kulturreferat des Prof. Kalinowski und ein Referat per Frau Dr. Budzinska-Tylieka über Mutter- und Kinderfürsorge. In der heutigen Sitzung hat der Städtetag befchlossen, dem französischen Bürgermeisterverband beizutreten und dem letzteren vorzuschlagen, den französischen Bürgermeisterverband in einen internationalen Verb an d der .Gemeindeverwaltungen um- 1 LuwandelNk . ' - / &S&&58E2SERSggiäSi 6 3806

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