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Wiener Morgenzeitung · 1922-05-27 · Heft 1193 (27.5.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1193 (27.5.1922)
Date
1922-05-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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erivöü Wie'»:' ZiimAbbolen.in der Expedition, Ij/Tabof^tr. 1-3, - oderin einerVaf scbleisBtelle (Trafik) monatlich K;2|00 Mit Postversand für Wien «, Oesterreich mbnätl. K2100 Tgche ch o-Slowak ei y Mon. K 20. Ungarn: Mon. K150. tugoslawieh: Mon, .Dinar 25. P o le n :;. Mon. Mark 800. D e üts c hla n d: Mon. Mark’50.- Frankreich: Monatlich FrcS.1 6 Nr. 1193 W ' ''(V; Wien, Samstag, 27. Mai 1922 Tscheche .Si0whkil ( tschech. K l talien: MonatK 6. Lire!1. Rumänien: Mon* 40. Lei; Sch weiz und das übrige. Ausland monatlich Frcs. 3,; Redaktion u. Administration Wien, II., Tabörstrasse 1—3. Telephone: 44.0-38^43-3-19,j ab 6 Uhr abends 16-301., Tel.-Adr,: ,Morgenzeituhg', Wien . Oesterreichisches Postspar-, kassen- Konto Nr. 150,693 4. Jahrgang Der rfotterte Bolschewismus. v , —-X. W i e n. 27. Mai. Zu Beginn des nächsten Monats, sollen Lloyd,. George und Poincare in Calais oder ' Boulogne .* zu-, samentreffen, unr alle in Genua offen gebliebenen- Fragen zu diskutieren und das Verhältnis ihrer- Stau-,/ ten neu zu ordnen/Es 'soll der- Versuch unternommen werden, die. in Genua zutage getretene Lockerung der Entente durch neuerliche Abmachungen zu überwinden^ Eine definitive, sturmfeste Einigung Mäher nicht mehr möglich, da das große Ereignis der Genueser Konferenz, der deutsch-russische Vertrag, den Beginn einer, weitreichenden Kräfteverschiebung in Europa' bedeutet. Das Motiv, das beide Staaten zusachmengefirhrt hat, ist eine der stärksten treibenden Kräfte der Politik, das Bewußtsein der unwürdigen Behandlung durch die Sieger.' Das ist' -ein psychischer - Antriebs der sogar . bje - .Hemmungen der politischen Opportunität ausschaltet. Lloyd George hat in feiner gestrigen Rede vor dem Unterhaus auf diese Sachlage hingewiesen. Er verurteilt den Vertrag von Rapallo als eine Tat, die die beiden Vertragsteile-, Deutschland-und' Rußland, >bei den anderen Nationen diskreditiert, ’ aber - er billigt. ihnen, gelvissermaßen aus einer sozialen. Auffassung der. europäischen > Gemeinschaft, die mildernden Umstände der'Gemeinschaftdes "Unglücks, der Herabsetzung und der schlechten Behandlung,zu. Lloyd George hat des öfteren die Konsequenzen' der IriedeiMerträge beim rechten Namen genannt. Aber daß , er jetzt, v-r der Ausspräche mit Frankreich, -nochmals seinen Standpunkt betont und das deutsch-russische Abkommen als eine notwendige. 'Folge der französischen. Angstpsychose erklärt, gibt seinen Ansführungen einen besonderen Ton der Warnung. Lloyd George legt Wert auf.das Zusammengehen niitKmnkxeich, dessen Grenzen er zu.veraber/daßemeEiqenmächtlgkeit,Frankretchs unmöglich wird^ die letzten Enhes dazu führen, würde, daß die' deutsche 'technische' Organisation Rußland bewaffnet. Diese/ Eventuälität scheint Aöyd George, so ernst, daß er sie dem Unterhaus, sehr emdringlich vorführte, und sein Auditorium an seine Veräntwö-r.tüng fiir ganz Europa erinnerte. Er berief sich darauf/daß die Gründlinien seiner Politik inBeratungen nnt den Vertretern der englischen Dominions gezogen wurden: Es muß alles zur Erhaltung des Weltftiedens geschehen und die Rückkehr Rußlands in d,en weltwirtschaftlichen Organismus muß erreicht’ werden. Der Widerstand gegen dwP Politik ist am stärk-' ft.cn in Frankreich, dessen Blockpolitiker, in der ewigen hysterischen Angst vor einem RachEieg 'der Besiegten, ihre zukünftigen Gegner durch ein System militaristischdiplomatischer Allianzen abschnüren und schwächen wollen. Aber.auch.Rußland arbeitet dem Frieden entgegen. Der Kommunismus, der ttzotz aller Bannflüche gegen, den räuberischen Kapitalismus der Ententebourgeotsie den Canossagang, nach Genua altgetreten hat, tut'jetzt so,-als ob er auf der ganzen Linie gesiegt hätte. Die' Russen.haben weder die Anerkennung ihres Bolschewismus - als gleichwertiges System erreicht, noch hgben sie. Kredite-erhalten. Beides bleibt der Konferenz im'Haag Vorbehalten und es wäre die Aufgabe der russischen. Politik gewesen, in Europa Freundschaft und Unterstützung zrk'ßücheM Durch die Sprengung des Berliner Neunerausschusses der sozialistischen Parteien hat der russische Kommunismus sich aber alle Wege verschüttet und ist nunmehr auch von seiten des Proletariats isoliert. Seine einzigen Freunde sind heute die deutschen „Nationalbolschewiken", die Rachekrieger Lndendvrffs, und von diesen führen dunkle Wege nach dem Budapest Horthys und. nach allen Krystallisationszentren der Weltreaktion. Es mag der Desperadopolitik Lenins und Brussilows als höchstes und letztes Ziel Vorschweben,' die ganze Welt für ihre administrativen Verbrechen zu bestrafen. Sie darf dann nicht, darüber Klage führen, daß der Abschelt gegen dieses Hunger- und Terrorsystem dessen vollständiges Verschwinden als wesentliche Vorbedingung des Friedens fordert. , Generalstreik tn Aom. , Rom, 26. Mai. Wegen der infolge der gestrigen Straßenkumpfe vorgelwmmÄlew- Verhaftungen /von Kommunisten wurde in Rom/der Generalstreik aüsgLrüfen ünd auch'-allgemein durchgeführt. - , Rom, 26. Mai. (Tvl.-Eomp.).. Anläßlich der blutigen Straßenkämpfe. im.Mertel' San WrMo hät die Polizei über 200 Verhaftungen (vorgenommen/'Die'Kommunisten versuch-- ten, Barrikaden, zu errichten, wurden aber, durch Pauzerautos daran verhindert» . Don Oherbartrat IWenißur Robert Stricker, Präsident der zionistischen / Organisation in Oesterreich. Auf per Tagesordnung der Sitzung des österreichischen MtionalrätWvom 12. Mar stand die Beratung und Be-. schlußfassung über das sogenannte „Schülerspeisungsgesetz". Das Gesetz-sjeht die Verabreichung von Mahlzeiten' an schulpflichtige/Kinder vor. Die erforderlichen Mittel werden einerseits 'vom Staate und den Bundesländern, andererseits von der American Relief Administration (Abteilung: Amerikanisch-österreichisches Kinderhilfswerk) beigestellt. Au - einer; Versammlung der Wiener Zionistischen Man datare/welche am Vortage stattfand, wurde die vom Ausschuß für soziale Verwaltung bereits genehmigte Gesetzesvorlage der Bundesregierung, verlesen und^estgestellt, daß das Gesetz n u r d i e' A u s s p e, i s ujx g vo n Kindern ö st e rr eichischer Vun des an g e hö r i'g k e i t zuläßt und andere Kinder, dun den Mahlzeiten aüsfchließt. Die, Bestimmung/', welche nicht allein für die Engherzigkeit der Verfasser der Vorlage spricht, sondern qü'ch antisemitische Tendenz aufweist,, löste einmütige Entrüstung, aus. Wenn auch die Kürze -der 'zur Verfügung.stehenden Zeit — die.Absiün- mung im Nationälrat sollte in der Miltagssitzung des nächsten Tages' stattfinden —- den Erfolg 'einer Intervention in Frage.stellte/, wnxde doch beschlösse^ nichts itnversucht zu lassen und zUnlindest den Protest derZionistischen Mandatare den beteiligten Faktoren zur/Kenntnis zu bringen. Ain'Sinna dieser rtachsten Doiqtirtag fit pas^^sreaÄ.-deA jMmerikanischiösterreichischen Kinderhilfs Werkes^/1. Bez.', ElisäWhstraße' ,Nr. 9, Ünd Wurde an den Herrn Retzierungsrat R e,i s ch e t als Referenten gewiesen. Ich richtete an ihn und an den während dep Unterredung erschienenen Herrn Universitäts- Professor'Hofrät P ir qu et, den ärztlichen Leiter des Hilfs- Werkes, die/Frage, ob die engherzige, jedem' Begriffe von Menschlichkeit spottende Beschränkung mit Zustimmung der Leitung des beteiligtem amerikanischen Hilsswerkes inden Gesetzentwurf nnfgenouunen worden sei. Die Herren erwiderten, daß der während der diesbezüglichen Verhandlullgen in Wien weilende amerikanische Generaldirektor des Hilfswerkes gegen die Beschränkung Protest eingelegt und von der Regierung die Weglassung,geford e rt ha b e. Da aber die Vertreter«der Negierung unter Anführung aller möglichen Gründe und unter Hinweis auf die Stimmung nn Nationalrat dies fiir unmöglich erklärten, habe der Generaldirektor, um Ver-. schleppungeu zu^ verhüten,' mit Bedauern .seiden Protest fallen.lassen. /Ich machte die Herren' auf die grausamen ~ Konsequenzen aufmerksam und stellte'fest, daß es unmöglich' den Absichten der amerikanischen Spender - entsprechenkönne, kranke und hungrige Kinder wegen ihrer Staatszugehörigkeit krank sein und hungern zu lassen. Ich teilte , ihnen mit, daß ich in dieser Angelegenheit sofort beim Präsidium des Nationalrates vorsprechen werde und bat sie, ihrerseits noch einen letzten Versuch zu unternehmen, das' Hilfswerk vor den unvermeidlichen, schädlichen, Folgen zu bewahren. Nun gab Herr Hoftat Pirquet, der bis zu diesem Zeitpunkte in der verbindlichsten Form geführten Verhandlung ganz unmotiviert eine jähe Wendung, indem , er > brüsk erklärte, da sei nichts mehr zu machen, und hinzufügte, daß er sich vor zionistischen Drohungen nicht fürchte,'; um so weniger, als die Zionisten in Amerika gar nichts, . dreinzureden hätten! Ich muß hier feststellen,, daß von der Zionistischen Partei oder vom Zionismus während '.der ganzen. Zeit nicht gesprochen worden war und ich auch nichts, gesagt habe, was nur im entferntesten einer Drohung glich.-Ich erhob mich, erklärte Herrn Hofrat Pirquet, daß ich mit ihm nicht mehr unterhandeln könne, verließ' das Zimmer ohne Gruß und'ging ins Parlament: a. Das Vorgehen des Herrn Hostat Pirquet schien nicht nur mir absonderlich, sondern, wie mir Herr Regiernngsrat Reischel, in einem telephonischen Gespräch wenige, Tage später bestätigte, auch ihm, Eine Zeitungsnotiz aber,, Pie später in der ■ antisemitischen „Deutschösterreichischen Tageszeitung" erschienen ist, lieferte eine Erklärttng. Sie lautetet „Pou unbevingi verläßlicher Seite erhalten wir nachstehende Mitteilung,, die zur Stellungnahme seitens der. berufenen Faktoren - geradezu heräusfordert: -Die--Ameri-' kaner verlangten ursprünglich die Ausdehnung der Äusspeisung auch auf Kinder nicht österreichischer Staatsange- Hörigke.it, Sie ließen sich aber überzeMen. Wß Mrdurch die österreichischen Kinder z u m V o r t e i l e d e r O st j u d e n benachteiligl würden und ließen die Bedingung> fallen. Das amerikanische Rote Kreuz (?) erklärt, Stricker', sei zwar dort gewesen, sei aber wegen seines unerhörten Auftretens abgewiesen worden!" Es ist nunmehr für mich' klar, daß mein Eintreten für jüdische Kinder als, zionistische - Aufdringlichkeit unliebsam... empfunden wurde und den Herrn Hofrat Pirquet zu beleidigenden Aeußerungen gegen - meine Partei, vor allem abev gegen die amerikanischen Ziönisten, bewogen hat. Es wird ihm, jedenfalls Gelegenheii. gegeben werden, seinen Standpunkt, ausreichend zu begründen. ' . . . Im Parlament sprach ich bei dem Präsidenten des Nationalrates Herrn Dr. Weiskirchner vor/ Ich bat' ihn, bei allen Parteien des Hanfes und bei der Regierung,' dahin'' zu wirken, daß die unmenschliche und die Bundes- , repnblik nur kompromittierende Beschränkung zurückgezogen werde. Ich stagte ihn, ob es ist der Praxis überhaupt mög-,^ lich.sei, ein hungriges, krankes Kind wegen' seiner Siaatsbürgerschaft von, der Für-, sorge mnszuschließeN>/Hch wies auch daraus hin,^ daß wohl die Beschränkung öon mancher Weites für oftjüdische Flüchtlingskinder ins Auge gefaßt^ sei, daß aber, wenn diese inhmnäne Tendenz besteht, , sie weit über,.das; /Ziel führt. Dank der famosen Waberschest.OptionWc^js.,, sind/ ja Zehusausende böhmische/' Urährische,^ südslstchisch^ ''ustgärische, Jlpberte.r-- unö'-B'eümLAikinder da, die vom Ges^ ' zünr Hungern- und, Dahinstechen verurteilt werden.- legte dar, daß es -für euMMhät eine unauslöschlrche Schande bedeutet, wennseine Fürsorgegesetze sechsjährigen,/ hungrigen Kindern das Essen vom Munde reißen, weil'die. Großeltern vor fünfzig fahren in die oder jene -Mütrik ellrgetragen worden sind. Ich/Mes auch darauf hin,, daß die Spender in Amerika , drübD diese Art der Fürsorge nie begreifen werden und daß aus ihrer. unausbleiblich ein-' tretenden Mißstimmung dem Hilfswerk großer Schaden erwachsen müssei Das waren meine Argumente/ und der Präsident hat sich ihnen zugänglich gezeigt. Er hat mir, soweit es seine Stellung als Präsident erlaubte,. Unterstützung zugesagt, und mir empfohlen, mit. dem Bundesminister für soziale Fürsorge.-und mit den maßgebenden Faktoren der Parteien/welche im Ausschüsse für die Be^ schränkung gesilmmt hatten, zu sprechen. Ich habe sodann mit dem Vizeobmann der christlichsozialen Partei, Herrn Nationalrat Jodok Fink, gesprochen, an den ich die Frage, richtete, ob -er sich vorftellen könne,- daß ein christlicher Lehrer, der. sechs arine, hungrige. Kinder in der Klassp hat,- fiinf znM Essen setzen und das sechste, sei es auch ein ostjüdisches, vom Tisch sortjagen könne, weil sein Vater nicht bundeszugehörig ist. Ich habe bei ihm Zustimmung gesunden. Ich sprach sodann noch beim Herrn Bundesminister- Pauer vor und habe dem in Vorramn des Ministerzimmers weilenden, mir persönlich bekannten Herrn Nationalrat Dr.- Mataja über den Zweck meiner ,Anwesen^ heit unterrichtet. Ich habe auch diesen beiden Herren im -wesentlichen dasselbe gesagt. Dies der Verlauf meiner Jn- tervention, die dahin geführt hat, daß das Plenum des . Nationalrates die vorgesehene Beschränkung fallen ließ. . Nun kam die Gesetzesvorlage im Bundesrate zur Behandlung und hier geschah etwas, was sich, meines Wissens in-einer parlamentarischen Körperschaft noch nicht ereignet hat. Der Berichterstatter Bnndesrat.Dr. Hemala erzählte dem Hause, daß die Vorlage in der vorliegenden Form nur deshalb zustande gekommen sei, weil die Natio- ,nalräte von dem gewesenen Abgeordneten Stricker betrogen worden seien. Er erzählte,., daß ich zu allen Parteien, gelaufen sei und behauptet hätte, ich wäre vom Amerikanischen Hilfswerk ermächtigt worden, in dessen Namen gegen die Aufrechterhaltung der Beschränkung Protest'einzulegen! Daraufhin hätten diequfs^tieffte erschrockenen Abgeordneten gegen die Beschränkung gestimnrt. Erv brandmarkte mich als' Betrüger. Ex las äuch^ einen vom Direktor! Richardsott, gezeichneten Brief,-des.'Kinderhilfswerkes' vor, worin nachdrücklich erklärt wird/ daß dem gewesenen Abgeordneten Stricker nie eine Ermächtigung exteilt-worden fest daß marr , voll diesem Herrn nichts -weiß, nie "etwas mit ihm-zu tun gehabt hat usw. usw., daß man auch selbstverständlich nichts dagegen hätte, wenn die Beschränkung aufrecht bleibt. Kurz, einen J8Ä der unter lorMltiaer Vermeiduna yster

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