Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1177 (11.5.1922)
- Date
- 1922-05-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer K60 ÄTj e p: Zum Abholern in der Expedition,II.,Taborstr. 1-3, ader in einerVerachleisstelle 'Trafik) monatlich. K 1700 Mit Postversand für Wien u. Oesterreich monati. K1700 Tschecho-Slowakei: Vlop. K 20. Ungarn: Mon. 150. Jugoslawien: Mon» Dinar '25. Polen: Mon. Mark 700. Deutschland: Mon. Mark 45. Fr a n k- '•eich: Monatlich Frcs. 6 Nr. 1177 Wien, Donnerstag, 11, Mai 1922 Tschecho - Slowakil i tschoch. K 1 Italien: Mohatl. Lire 6. Rumänien: Mon. Lei 40. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab o.Uhr abends. 16-301. Tel.-Adr.: .Morgenzeitung', Wien Oesterreichisches Postspar*- kassen- Konto Nr. 150.693 4. Jahrgang Der Rat des Völkerbundes. —y. Mi'tz n. ll.^Mai. In Genf tritt heute der Rat des Völkerbundes zu einer kurzen Jrühjahrstagung zusammen. Die stille und geräuschlose Tätigkeit dieser viel verlachten Körperschaft steht in einem scharfen Kontrast zu den vielfachen Konferenzen, auf denen die leitenden, Staatsmänner der Entente ihre Meinungsverschiedenheiten besprechen. Mine dieser Konferenzen, von Spa bis Boulogne, hat zuMner Einigung führen können. Jede endete mit dein Beschluß einer neuerlichen Beratung und bestätigte dadurch imer von neuem die fundamentalen Meinungsverschiedenheiten über die Durchführung der Friedens- MMge und-die Neuordnungder Welt. Die Konferenz von Cannes beschloß deshalb die Einberufung sämtlicher europäischer Staaten nach Genua. Wie sich nun zeigte hat dieser, Beschluß die Unstimmigkeiten noch viel stärker aufgewühlt, und es scheint, heute schon so gut wie sicher, daß auch der Genneser Konferenz noch 'einige Konferenzen werden folgen, müssen. Das Problem, das sich gewaltsam in den Vordergrund, schob, war das russische. Die Entente griff mit sichtlicher Nervosität diese Frage ans, um wenigstens die ebenso dornenreiche deutsche Frage zurückstellen zu, können. Es wird so getan, als ob .mit der Klärung der Beziehungen Rußlands zum übrigen Europa schon alles getan wäre, und man opfert Zeit und Nervenkraft den unaufhörlichen- Krisen, die aus dieser Sturmecke kommen. Aber es , gibt mich .11: v -•*' Rußland und -^v Rand Depressionszentreu, die wert der Aufmerksamkeit wären, die aber in dem Streit, der Großen-Verschwinden.' - . Der Völkerbundrat verfügt-nicht über,den großen Appgrat'drs.iÄeytzes^'KkMgresses-. Es ist eine Körperschaft^vow acht - N ckuf. sich nehmen, auch der. kleinen - AtnUösi '-der» BW-.zw.'henken.: Hinter diesen kleinen, achtlos.beiseite geschobenen Sopgen steckt -das Schicksal vom Millionen Menschen, deren Gegenwart trübe, deren Zukunft unsicher ist. Sie sind qualvoll bemüht, immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich zu: ziehen und an ihr Recht aus Leben und freie Entwicklung zu erinnern.' Die Kabinette sehen immer wieder die Vertreter dieser Kleinen, hören sie an und glauben, damit schon das Nötige getan zu haben, wenn >sie die Pflicht der Höflichkeit erfüllen. Sie erkennen nicht an, daß das, was die Großen scheidet und beunruhigt,, mit dem identisch ist, was die geringgeschätzten Kleinstaaten, Kleinvölker Mt und ohne territorialen Besitz, nicht atmen läßt. Sie wollen nicht die Ueberzengimg ihrem politischen Bewußtsein einverleiben, daß es-keinen Frieden, keine ruhige Entwicklung geben kann, solange es Ein- und Ausfuhrverbote, Einschränkungen des: Verkehrs und Minoritäten gibt, solange es Gewehre Und Kanonen gibt, die' für Regierungen, für die Beziehungen ganzer Völker und Gesellschastsschichten.zueinander,- als die einzigverläßliche Bürgschaft gelten. Aus den Sorgen der geplagten, vergessenen Stiefkinder der Politik zieht der Völkerbundrat seine Arbeit. Er hat an die -Kriegsgefangenen'gedacht, an die.Pestherde des Ostens, eilt die Hungernden in Rußland. Der Völkerbund, dessen Leitung, dieser Rat darstellt, ist unvollkommen konstruiert. In ihm sitzen nur die Sieger und-ihre Freunde. .Aber trotzdem.ist dort viel Segen geschaffen worden nnd .der Völkerbund hat trotzdem vielfach Härten, der von den Weltenricht^rn zusammenge stoppelten Verträge mildern können. Auch der Völkerbund ist, ein Instrument der gottverlassenen, öden Diplomatie, aber er läßt doch die Stimme der Menschlichkeit, wenn auch leise, vernehmen. - Aus seiner Tagesordnung stehen diesmal die österreichische und die kleinasiatische Mandatssrage. Oesterreich ist ein Mnfterbeispiel für die: Sorglosigkeitder Großstaaten, die durch die Nichterfüllung ihrer Zusagen den Staat von.einer Krise zur anderen jagen, und ihn nicht vom-Rande des Abgrundes, äbtreten lassen wollen. Men jetzt ist. wieder durch die vont -Finanzausschuß des östorreichischen Nationalrates erzwungene Demission des Finanzministers, die einen. Marsen Protest gegen die Methoden der Gläubigerstaaten darstellt, neue' Unruhe in den Donaustaat getragen, worden. Die Mandate Englands über Palästina,. als Sachwalter . des Völkerbundes bis zum Aufbau des..jüdischen Heims,, und 'Frankreichs über Syrien sollen diesmal nach 'länger Irrfahrt erledigt werden. Die .Verabschiedung dieser Materien durch den. BoÜerbüK im. Sinne der berechtigtem Forderungen' der österreichischen Deutschen und der jüdischen Nation würden viel zur Beruhigung der Welt sind gu ihrer Entlastung von schweren Problemen beitragen. Der Völkerbund steht wieder vor einer ehrenvollen Aufgabe., siir deren Lösung ihm die Menschlichkeit Dank willen wird< > Heue Uorscbläge der Russen. Eine Aerrderrrng der AntWortwsLe Wer Auftrag Moskaus. — Schanzer ver» miLLelt. - Die Konferenz wieder in Gefahr. . Genua, 10. Mai. Um halb 2 U^hr nachmittags, anschließend an die Beratung , der fünf einladenden Staaten, empfing Schauzer den Besuch Tschitscherins, der ihm das Memorandum üb e r g eben wol l t e. In der Nacht war ein telegraphischer Auftrag, aus Moskau über Berlin eingetroffen, der verschiedene Verschärfungen veranlaßte. Dieser Auftrag ist auf Demonstrationen zurückznführen, die in den letzten Tagen in v e r s ch i eben e n G e g e u d e n R n ß l a n d s stattgefuttden haben.. Das ursprüngliche Memorandum, Wie es gestern hätte überreicht werden sollen, hat genau den gestern veröffentlichten Inhalts wie er auch heute vom „Lavoro" mitgeteilt wird. Die Verschärfungen, die int Auftrag von Moskau heute nachts vorgenommen wurden, betresfen vor allem den Artikel 7, in dem das R e ch t a u s N a t i o n a l i s i.e r u n g in einer schärferen Horm gefordert wird, und zweitens die Kreditforderungen, die jetzt itt einem besonderen Artikel zusammengefatzt sind, während sie vorher in verschiedenen anderen . Artikeln als Voraussetzungen für die Erfüllung der von den Alliierten gestellten Forderungen enthalten waren. Auch wird jetzt, wie in der früheren Fassung, die schon-aufgegeben worden war, eine bestimmte Ziffer für die notwendigen Kredite genannt, und zwar eine Milliarde Dollar. Schanzer hatte sich in den letzten Tagen bemüht, die Russen zu bewegen^ daß sie diese bestimmte KreLitfordernng aufgebcn. Es war ihm auch gelungen, Tschitfcherin und Krassin von der Notwendig-, Mt M überzLugen, KLUMsWntte WM zu nennen. Heute nachts aber ist die Zahl wieder in MM vesondereu Artikel genannt worden. Schanzer ersuchte Tschitscherin, dieses Memorandum,^ das er für unannehnibar halte, vorläufig nicht zu überreiche«. Er sagte ihm, dieses ' Memorandum w e r d e n i ch t nur von F r ä n k r e i ch und B c l g i e n, sondern auch von E n gland abgelehnt werden. Schanzer schlug ihm,folgenden' weiteren Vorgang vor: Heute nachmittags werden italienische Experten auf der einen Seite, englische auf der anderen die neu verschärften Bestimmungen des Memorandums prüfen und Vorschläge ausarbeiten, die Tschitscherin heute abends neuerlich mitgeteilt - . werden sollen. Wenn Tschitscherin mit diesen Abänderungen einverstanden isst sollen die abgeänderten Artikel in das Memorantzum eingefügt werden und dieses morgen vormittags zur Ueberreichung gelangen. Wenn Tschitscherin nicht einverstanden isst so wird das von ihm vorbereitete verschärfte Memorandum noch heute nachts überreicht werden. In diesem Falle erklärt Schanzer, das Schlimmste siir die Konferenz befürchten zu müssen. Tschitscherin hat sich mit dem Vorschlag Schanzers e i u v e r st a n d e n e r k l ä r t und sich nach Santa Märgherita begeben, wo er über sein Gespräch mit Schanzer der russischen Delegation berichtete. Letzterer hatte unterdessen bereits Lloyd George durch die englischen Experten von dem Gespräch Mitteilung gemacht und war dann den Experten gefolgt, um bei Lloyd George in der Billa Albertis das Frühstück zu nehmen. Wahrend, des Frühstücks wurden nun die Vorschläge Schanzers durch--- besprochm und Lloyd George war mit ihnen vollständig einverstanden. Augenblicklich finden Beratungen der Experten, statst und am Abend werden die Abänderungsvorschläge Tschitscherins mitgeteilt werden. Eine Bedingung, die Schanzer ausgestellt hat, war auch die, daß die russische Delegation den Zeitungen den neuen Text aus keinen. Fgll. Mitteilen dürfe, weil. sonst kaum mehr ein Zurückgehm möglich wäre. Es wird also, insolange die Beratungen nicht abgeschlossen sind, der neue Text ans keinen Fall veröffentlicht werden. Die russische Antwort wirk heute . -.-/.Überreicht.-'. Genua, 10. Man Um 7 Uhr abends -besuchte Tschitscherin neuerlich Schanzer im PatMo 8tac und nahm von - ihm die A bände r'n n g s- Vorschläge entgegen, die im Laufe des Nachmittags von den' englischen und den italienischen Experten im Einvernehmen mit Lloyd George nnd Schanzer getroffen worden waren. Die . Experten hatten als. Grundlage die Anfzeichnungen bettützt, die Tschitscherin mittags bei Schanzer zurückgelassen hatte. Die Abänderungsvorschläge wurden sogleich von Tschitscherin nach Santa Margherita gebracht, wo die russische Delegation sofort in die Beratung dieser . MänderunOvorschläge Mrat. Lnr FM sie iMmoninm würden, hätte dies eine günstige Bedeutung, da England nnd Italien das Memorandum, wenn es in den wesentlichsten Punkten nach ihren Wünschen formuliert würde, kaum mehr zurückweiseu könnten. Bon russischer Seite wird darauf hingewiesen, daß Tschitscherin heute mittags Schanzer in der Absicht besuchte, vor allem feine Meinung über das Memorandum zu erfahren. Der Umstand, daß das Memorandum dann nicht überreicht wurde, beweise, daß die Einwendungen, die Schanzer sofort Tschitscherin machte, diesem diskutabel erschiene». Natürlich könne man nicht Wissen, was die Delegation heute entscheiden werde Änd welche telegraphischen Aufträge aus Moskau über Berlin noch einlangen mögen. Die Entscheidung dürfte jedenfalls noch heute nachts getroffen werden. Man erwartet, daß die Antwort morgen vormittags Schanzer mitgeteitt wird. BarLhou ist bermrrrhigt. Barthon hat heute nachmittags an Jaspar folgenden Brief gerichtet: Nach den mir zngekommenen Mitteilungen mußte ich annehmgn, daß die russische Delegation heute endlich auf das Memorandum antworten wird, das ich ihr übergeben habe, und zugleich auch ans die Vorbehalte, die Barrere betreffend die endgültige Stellungnahme der französischen Regierung formuliert hat. Man hat mir aber heute zu verstehen gegeben, daß diese Aptworx wieder verschoben worden ist. Ich glaube daher, die Aufmerksamkeit auf den ernsten Widerspruch lenken zu sollen, den diese Verschiebung Hervorrufen kann, und aus die NoLwenöigkeih n eiten V e r sch i e b u n g e K 4 i n Z i e l z n s e tz e n, die von der französischen Delegation nicht r k h ig YMHeir o nt men wer den konnte. Äeber Ostgalizien, Wilna und Litauen wird in Genna verhandelt. ' Genua, 10. Mar. Die Vertreter der einladenden Mächte traten heute vormittags im königlichen Palast unter dem Vorsitze Faetas zusammen, um mehrere' Aufrufe, Erklärungen und - Empfehlungen, hie-‘an die Unterkommission der ersten Kommission gerichtet worden sind, zu prüfen nnd feftzustellen, ob sie sich auf dem Programm der Konferenz befinden und ob daher ein Anlaß vorliege, sich mit ihnen zu befassen. Es wurde' beschlossen,- ans den Verhandlungen der Konferenz die von Georg i e u, -A r in e n i e tt‘ und A ss erb erd sch a n ge-- richteten'Aufrufe auszufchließen, weil diese Länder n i ch t zn Europa gehören. Ebenso wurde ein an die Kommission gerichtetes' Memorandum der Bewohner des- Saarbeckens zur VerhäMnng nicht zügelassen,' weil' die Frage, um die es sich handelt, in den Wirk«ngs-- kreis d es Völcker(nndes gehöre. Dasselbe -Schick^ far wurde der Note der A n g o r a - R e'g i 11 u n g zuteil. Die Fragen betreffend die Entschließungen der Warschauer SaNitätskonferenz ferner die Fragen betreffend Ostg'al rzre it; Litauen,; die ün g a t ische 'Minderh e i te n und verschiedene von den V u l garen unterbreitete Frageii werden dem Unr-'rausschuß der politischen Kommission vorgelegt werden. In der Debatte erklärte Lloyd George, man dürfe' bei der Interpretierung nicht kleinlich Vorgehen.' Es handle sich darum, ganze Arbeit zu leisten. Wenn man den Frieden und das gegenseitige Vertrauen in' Europa wiederherstellen wolle, müsse man jene Streiffragen, die die Eintracht und das Zusammenwirken der Völker in Osteuropa vergiften, vor allem aus der Welt fchäffem Fragen, die L i t a ü e n und G a l i z i e n betreffeiff müßten Nubedingt in Genua 'behandelt und ’ geordnet werden. Wohl habendie Verträge eigene Organisationen vorgesehen, die sich mit der Regelung dieser Fragen befassen sollend sie seien jedoch nicht zu einer endgültigen Lösung gelangt. Denn die Lösungen, die sie gefunden^ haben, seien von den Beteiligten nicht anerkannt worden. Lloyd George betonte insbestmdere, cs gehe nicht an, Fragen von der Tragweite dertzben. abgesührten immer weiten von Instanz zu Instanz zu -schleppen. Es sei' höchste Zeit, sie endlich einmal zu be-' Xeüsigen..Lloyv George kam dann besonders aus die, Fragen von.Wilnct und Ostgalizien zurück und er-, klärte, diese müßten unbedingt von der Konferenz von' Genua erledigt werden. Wenn die polittsche Subkommissionsich weigere, diese Fragen zu behandeln, würde er.sich-.wer-, anlaßt sehen, sie. vor die Plenarsitzung der Konferenz: zw bringen, damit jedermanns Verantwortlichkeit festgestellt: WMes ' .‘ ' r •'' .-i '•