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Wiener Morgenzeitung · 1922-04-27 · Heft 1164 (27.4.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1164 (27.4.1922)
Date
1922-04-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer K SV Wien: Zum Abholen ia der Expedition, H.,Taborstr. 1—3, Oder in einer Verschleißstelle (Trafik) monatlich K 1700. MitPostversand fürWien und Oesterreich monatlich K1700. Wiener Tsch e c lio-S Iowa k e i: Moii, Kronen 20. Ungarn: Monat!. Kronen tSOAlugoslawißu: Moaatl. Dinar, 25. Polen: Monatl. Mark 700. Deutschland: Monatlich Mark' 45. Frankrei ch: Monatl. r res. 6. Nr. 1164 Wien, Donnerstag. 27. April 1922 TscSSilfö-'SSSWWHB tKb. K 1 fialiea: Monatlich Lire 4t Rumänien: Monatl Lei Schweiz und das übri? Ausland monatlich Francs Redaktion u. Administration1 Wien n., Taborstrasse 1—Zf Telephone: 44-0-38,43-3-19^ ab o Uhr abends 17-9-3L T elegrammadresse:-MorgetD»< zeitung“, Wien. Oesterreichisches Postsparkassenkonto 150.68T! 4. Jahrgang Völkerbundliga und Judenfrage. v F. Wie«, 26. April . Der Völkerbund, dieses Werk,' welches, .Wilson der Friedenskonferenz .äbgdtrotzt: hat, ist eine noch unfertige' Institution, deren Mängel auch yon. Staatsuiännern wie Lloyd .George, nicht verkannt .werden. Es \ ist ein Bund der Staaten' uiid nicht der Völker ge- , worden, eine Instanz, deren' Vpllmabht von änderen. Organisationen, in erster Reihe vom Obersten Räte eingeschränkt wird, und bisher allzusehr ein' Areopag der Sieger, •welcher. »Umstand schön;daraus ersichtlich wird, -daß'-der in seinem Wirkungskreis, gedrosselte Völkerbund che Einberufung immer heuer Konferenzen notwendig macht. Nichtsdestoweniger ist der' gewaltige Fortschritt,- welchen i die * Existenz ..-des -Völkerbundesan sich bedeutet, unverkennbar; ein Fortschritt, der nicht durch die bisherigen mageren Ergebnisse der Völkärbundtagungen 'gekennzeichnet ' wird,, sondern der in der Idee selbst gelegen ist. v Der., Gedanke.- des Völkerausglelchs,' des ständigen Schiedsgerichts, der Beilegung von Konflikten auf friedlichem Wege ist von* dou Großmächten offiziell anerkannt worden; er hat im Völkerbund seine erste reale Ausprägung erfahren.’ Die Idee, welche dem Völkerbund zugrunde liegt,: ist. allzusehr mit,dem Geiste der Zeit in Üebe'reinstimmung,; sie rührt allzu stark, an. eie Sehnsucht - der Menschheit , nach- Frieden - > und Menschlichkeit, (a!s > dsL man..., ungeduldig an ihrem endlichen Triumph, verzweifeln müßte. .Wann der .wirk-, liehe und .echte. Völkerbund reagiert sein vvirci, , das’ ist heute nur mehr eine Frage der Zeit > - . Große -Ideen reifen nur allmählich und., nach schmerzliche» Rückschlägen und es ist ein. .erfreuliches Zeichen * daß, sich bedeutende •■intellektuelle . und, politische Kräfte in den-verschiedenen Ländern zusammengeran haben, um den Gedanken des.'Völkerbundes in den Massen zu propagieren und als Schrittmacher der . Idee , zu wirken. So sind. in. - zahlreichen Ländern Völkerbund ligen entstanden, welche in der internationalen, Völkerbundliga - zusammengefäßt sind,! al$_ deren' Präsident der italienische ' Fjcmihistffr ' lind 'Senator R u i f i n i fungierty ein Mann', einer der wferki »fc£JL jipter, uem ni^htjiidisclieii Btaatsmänji^rii.EiirjopäS.-bekannt ist. Die Liga hat keinen öfHzielleu-.GharMSs.Aber- .die.Art. ihrer Zusammensetzung. und-der, Wirkungskreis, den sic weh gesteckt hat, gibt ihr eine nicht-geringe .Bedeutung, und einen Einfluß auf ,die politischen Entschließungen der Mächte, welcher mit der Entwicklung der Liga, nur wachsen muß. .. ' . - . - . . ' . Vor wenigen Tagen hat eih zum Studium der Minoritätenfrage eingesetzter Ausschuß dieser Völkern bundUga'in Münch e n getagt und man hat Gelegen-' heit genommen, die Wortführer verschiedener Minderheiten zunächst-aus den österreichischen Sukzessiönsstaaten. ihre Anschauungen und Beschwerden vortragen . zu lassen. Der Charakter dieser;Sitzurig, «welche.eine Art von Enqüete bilden sollte, .hat es mit sich gebracht, (laß sie, keine Oeffentlichke.it besaß und über .ihren, Verlauf mir knappe Communiquös. ausgegeben wurden. Das. Minoritätenpröblem . ist jedenfalls damit nicht erschöpft, daß man Vertreter der Deutschen aus Böhmen und Südtirol -oder. einen Sprecher, der Magyaren aus der . Slowakei anhört, denn das Minoritätenpröblem in Europa ist überaus kompliziert und ‘ beschränkt sich nicht auf Fragen, die in der Tschecho-Slowakei oder in Sfadtirol ihre Grenze finden. Wenn das Miudeiheltenproblem mit Ernst und Gründlichkeit behandelt werden soll so müßten in erster Reihe die Verhältnisse itr den europäischen Randstaaten und in Polen studiert werden, wo. starke nationale Minderheiten mit einem ausgeprägten nati nalen Willen und manchen Ansätzen! zu autonomer Behandlung ihrer völkischen und -kulturellen Sönderangeiegenheitep vorhanden sind, in ' Staaten, welche nach dieser'Richtung manche Zusagen eing^gängeii sind, deren Erfüllung noch; ausständig ist. / - In diesen Rahmen’ gehört auch die Angelegenheit, der jüdischen Minderheiten Die Juden des früheren Rußland; Welche früher Über sechs Millionen betrugen, sind nunmehr äuf eine Reihe ,von-Staaten und Ländern verteilt Man begreift es, daß es angesichts der politisch ungeklärten ,Verhältnisse auf. dem Territorium 'der! Sowjets von Rußland suiid der Ukraine derzeit noch nicht möglich ist, diese ‘Fragen aitziischneiden; 'anders aber verhält es sich in Lettland und Litäuen, wo die Grundlagen einer nationalen Autonomie vorhandensind und von den Mehrheitsgruppen berarint werden, anders auch in Polen, wo die über drei Millionen starke jüdische Minderheit den vollen Anspruch auf die Sicherung jhrer nationalen Rechte In der Verfassung'hat. Es ist notwendig, daß die Völkerbundliga-sich mH den nationalen Forderungen des, Judentums befasse und ihre bisherige Organisierung nach Landesgrtippen. zugunsten eines Systems modifiziere, das auch einer jüdischen Sondergruppe den nötigen Platz gewähre. Die Forderung nach 4er Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina ist von den Weltmächten anerkannt; diese Forderung setzt ein jüdische« Volk voraus, das damit Lloyd George bleibt in Genua, bis der Friödenspakt vollendet ist Gentia, 26. April Von offizieller englischer Seite wird erklärt, daß die Gerüchte, als ob Lloyd George Ende dieser Woche nach London zurückkehren werde, völlig tt n b e g r ü nde t seien. Lloyd George gedenke so lange in Genua’ zu j*bleiben, b i s d e r F r i e.d e li s p ak t v o 1 lendet sei. Auch die verschiedenen' Angaben über diesen Pakt, die hier verbreitet werden, werden -als unrichtig oder überholt her zeichnet. Der Entwurf werdejetzt einem Dreijuristenkomitee, bestehend aus Scialoia, Froraageot und Hurst, geprüft, die ein: Gutachten - vorbereiten, worauf der Entwurf der Konferenz zugehen wird. Neben dem zweiten Projekt eines F r i e d e n s pakte s, als dessen Verfasser der tsch'echp-slowäkiselie- Minister- - präside t Dr. Ben e s c h . genannt wird.i liegen; noch .zahlreiche andere Vorschläge .verschiedener- Delegationen vor, die bei dem Gutachten des Juristenkomitees Berücksichtigung finden sollen. t » England verlangt ein ©.Konferenz der Slgnatarmächte. Genua, 26. April. (Tel-Komp.) Wie Lloyd George; heute nachmittags durch seinen Sekretär niitteilen ließ, - ist die Mehrheit der 'Alliierten' der Ansicht, daß die i Zusammenkunft aller Unterzeichner des Versailler Vertrages in Genua' unbedingt und so rasch als möglich notwendig ist, um die' Maßnahmen zu beraten, die Poincar£ in seiner RedeTin Bar-le-Duc ' angekündigt hat- England kehnfc die Tragweite dieser Maßnahmen nicht; und halte es für unerläßlich, daß alle Alliierten davon unterrichtet werden. Die englische: Regierung sei unbedingt für die Beratung in Genua, »wogegen Frankreich anrege, diese Frage, durch den Bofschafterrat in Paris unter Hinzuziehung der kleinen Eriterite und Polens entscheiden und' beraten zu .lassen. ' , ’ - - ■* 4 -s,. r L ’ 'AuküöÄKiuK^chi5/-^'i ~ PpinKftL geplanten^ Maßnahmen habe einb sehr-* ernste-• *^;.%&ährlieäie-- Lag’e geschaffen, an der alle Unterzeichner -des Versailler Vertrages in gleichem Make interessiert seien; Tschitscherin über die Zugeständnisse an die Kapitalisten* , ' Genua, 26. April. (Intel.) ln' einer Unterredung mit dem Korrespondenten des „Ordine Nuovo“ erklärte Tschitscherin folgendes: „Die Frage der Wiederherstellung ces Privatbesitzes in Rußland .ist in’ ein sehr schwieriges Stadium eingetreten. Wir können das Prinzip der Wiederherstellung des Privatbesitzer; nicht a n nehmen, Weil es den fundamentalen . Prinzipien .der . Sbwejtregierung zuwiderläuft. Wir haben Entschädigungen in der Form einer Vorzugsstellung bei der Erteilung von Konzessionen angeboten, wir haben ferner angCboten, die, enteigneten Kapitalisten dadurch zu entschädigen, daß wir ihnen ein Vorrecht bei der Beteiligung an schon bestehenden Trusts garantieren. Wir haben endlich angeboten, die Beschwerden zu untersuchen, soweit sie uns annehmbar erscheinen, Insbesondere soweit sie von kleinen Besitzern russischer Obligationen herrühren. Weiter können wir nicht gehen; Der Garantievertrag* Genua, 26. April. Die Blätter veröffentlichen den ursprünglichen Text des1 Zehn-Jahre-Garantievertrages. Er lautet: Zur Schaffung einer sicheren und dauerhaften Grundlage des Friedens und der Sicherheit Europas unter Anerkennung der territorialen Unverletzlichkeit als Grundprinzip des internationalen Rechtes, das als solches alle zivilisierten Mächte bindet, angesichts; der durch den. Völkerbundvertrag ' geschaffenen Verpflichtungen gegen jeden Angriff auf die territoriale Integrität eines Bundesmitgliedes Widerstand zu leisten und auf Grund eines Beschlusses die Abrüstung zu. fördern, sieh in bindender Weise von jedem Angriff zu enthalten und zu diesem .Zwecke einen Vertrag zu schließen, haben die Staaten folgendes vereinbart: ■ 1. Jede vertragschließende Macht übernimmt die Verpflichtung, sich jedes Angriffsaktes gegen die territoriale Integrität jedes anderen Vertragsteiles zu enthalten. ... ,2. Falls irgendein solcher Angriffsakt vorfällt, verpflichtet sich jeder andere vertragschließende Teil, jede Organisation, die zur Verfügung steht, zur friedlichen' Erörterung, Beurteilung und Lösung des Streites anzurufen.- .Die Blätter glauben nicht, daß dieser Text seither geändert worden. sei und berichten, Lloyd Georgs habe den Text kürzlich Schanzer - mitgeteilt, .der »dea* italienischen Delegierten Scialoia beauftragthabe, de» Entwurf, zu prüfen. - z - Die ostgaiizische Frage. Warschau, 25. April. (Tel. der „Wiener Morgen«;. Zeitung“.)-Wie „Robotnik“ meldet, sind die polnische« - Gesandten in Paris und London in einen .Meinungs- ,. austauseh , mit der ehgiischen - ’ und französische»... Regierung bezüglich der Einverleibung Osfgaliziens zu Polen eingetreten. Minister Skirmunt hatsich diesbezüglich, mit dem italienischen Außenminister Schanzer ips Einvernehmen gesetzt. Demgegenüber.' meldet „Rzeczpospolita“, der Meinungsaustausch beziehe sich auf , die Frage der Anerkennung der polnischen Ostgrenze, als Fortsetzung der Unterredungen; Skirmunts bei seinem Besuch in Paris-und London: ■ - -- '; Das Generaljpfandrecht. . . ■ - -Gepus, 1, 25. April, Btihde^kanzfat^S^ hat heute'mit dem FinaiizminfstCr Dr. u ürti er dem italienischen Minister des Aeußernf S c h a n z e r sowier dem' - tscbecho-slowakisdien Ministerpräsidenten Doktor B e n e s c h .Besuche, .abgestattet und außerdem Ge-' legenheit gehabt, mit verschiedenen Konferenz*: delegierten zu sprechen und mit ihnen die Frage; der RücksteIIu ng der Pf andr e chte zu' erörtern.' . Genua, 26. April. Die Schwierigkeiten, die sich bei Behandlung der Frage, betreffend die Rückstellung der Pfandrechte ergeben haben, sind f o r-' *' m elier Natur und darauf zurückzuführen, daß dje Frage der Reparationen innerhalb des Programms' von Genua nicht zur Diskussion gestellt werden kann* Die Vertreter der österreichischen Regierung waren von Anfang an bemüht, Verhandlungen über die Rückstellung der Pfandrechte nicht bei der Konferenz^ selbst, sondern nebenher zu führen. Demgemäß finden, um diese formellen Schwierigkeiten zu beseitigen und; die Lösung der realen Frage zu ermöglichen, gegen-; wärtig Besprechungen zwischen den Hauptmächten und der kleinen Entente sowie zwischen diesen beiden und den Vertretern der österreichischen Regierung, statt > *N , Eine polnische Denkschrift. Genua, 26. April. (Tel.-Komp.) Die polnische De* Iegation hat eine Denkschrift über das polnische Verkehrswesen unter spezieller Berücksichtigung der Transitfrage ausgearbeitet. Die Denkschrift enthält ein Projekt für den Bau einer ganzen Reihe neuer Eisenbahnlinien, überdies wird die Errichtung von Lagerhäusern für den Transithandel in Wilna, Bialystok, Kowel, Lern- . berg und Warschau geplant * HWIIIIHIWmWMU.. seine gleichzeitige Anerkennung gefunden hat,, das in zahlreichen Ländlern seine nationalen Organisationen besitzt, die in dem „Komitee der jüdischen Delegationen* in Paris ihre zentrale Vertretung haben. Die Tätigkeit - und der Aufgabenkreis ‘ der Völkerbundliga wäre unvollständig, wenn sie an dem jüdischen* Problem vorüberginge; Gerade sie als Schrittm.acherin des Völkerförtschritts und der Völkerverständigung hat die Pflicht, hier eine, Bresche zu ^chiagen und. für die leidenschaftslose r und gerechte Erörierung'der Juden; frage in Europa, welche einen internationalen Charakter hat; vor internationalem Forum einzutreten, für ein Problem, bei dem es sich nicht um Dinge der Macht handelt, sondern um solche des Rechts auf Eigenleben und auf unbeschränkte kulturelle Entwicklung. Aufgabe des nationalbewußten Judentums aber Ist es, auf diesem Gebiete propagandistisch. und auf l.lrend zu wirken. An den nationaljüdischen Organisationen der in Betracht kommenden Länder liegt es, die nötigen Schritte zu unternehmen und ihre. Sache durch das Komitee der jüdischen Delegationen, vertreten zu lassen. Die letzten Vorgänge in Litauen,; wo die verheißungsvollen Anfänge einer jüdischen nationalen Autonomie . vorhanden sind, ein eigenes :, . jüdisches Ministerium besteht und durch den letzten. : Beschluß des litauischen Parlaments, welcher zur ■ Demission des jüdischen Ministers geführt hat; die" Festlegung dieser von der litauischen Regierung feierlich zugesagten Rechte in der Verfassung * bedroht' werden, beweisen schlagend die Dringlichkeit, dieser; Aktion. Es wird sich die Notwendigkeit erweisen, eine eigene jüdische Völkerbundliga zu schaffen und de» ' , Anschluß an die internationale Völkerbundliga anzustrebeti.! Die Sache des jüdischen Volkes ist mit dem Fortschritt des Völkerbundgedankens allzus hr verknüpft, als daß wir das Recht bitten. länger zur Seite zu stehen, wo es sich um unsere eigenen Interesse» handelt»

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