Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1162 (25.4.1922)
- Date
- 1922-04-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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K BO Wien: Zum Abholen fn der Expedition, l!.,Taborstr. 1—S, oder in einer Verschleißstelle (Trafik) monatlich K 14CKX Mit Postversand fßrWIen und Oesterreich monatlich K1400, Tschecho-Slow^kettMon. Kronen 20. Ungarn: Monat!. Kronen 120. Jugoslawien:' Monatl. Dinar 20. Polen: Monatl. Mark 700. Deutschland: Monatlich Mark 35. Frankreich: Monatl. Frcs. 6. Nr. 1162 Wien, Dienstag, 25. April 1922 Genueser Kulissen. isch. K 1 Italien: Monatlich Lire €J Rumänien: Monatl. Lei 40« Schweiz und das übrlgH Ausland monatlich Francs Redaktion u. Administrafioti Wien 1L, Taborstrasse 1—^ Telephone: 44-0-38,43-3-1% ab 6 Uhr abends 17?9-33£ Telegrammadresse: »Morgen« zeitung“, Wien, Oesterreichisches Postsparkassenkonto 150.693, 4. Jahrgang MH— I .1 I IT II Ml ' /' —■jf. Wien, 25.'April, . Die Genueser Konferenz macht den Eindruck, eines Schwerkranken. Ein Krampfanfali fqlgt dem anderen, und jedesmal atmen die Aerzte auf. Der Patient Ist wieder gerettet. Erst war es die Abrüstungsfrage-;dapndie russische Schuld an Frankreich, jetzt der deutschrussische Vertrag, die den. .Bestand der Konferenz in Frage stellten. Immer steht dje französische Delegation protestierend, gereizt, "aufgeregt auf der Bühne ' und hebt die heiligen . Beschlüsse ’ vbn . Cannes in die Höhe. Es darf über die. .Friedensverträge,' über die Verpflichtungen, Deutschlands:' imd über noch einige andere Fragen . .nicht gesprochen werden. Allen diesen Fragen ist,aber gemeinsam, .daß. sie sich immer Wieder auf die Tagesordnung drängen, weil sie den dringendsten Sorgen entspringen. Die Beschlüsse von Cannes sind von -einer; Konferenz gföetzt worden, die nach ’ langwierigen Debatten sich: zur“ Äii- «rcht durchgerungen hattet vdäß' Europa ein einziger Wirtschaftskörper sei und daß die Unterscheidungen der Friedensverträge bei Alem Respekt, vor ihrer friedflcheri Aufmachung doch ein Ende'haben messen.* Bis heute hat nur Frankreich; aus ihnen1 Nutzen gezogen. Frankreich hat von Deutschland Kohle erhalten, es saugt durch die Okkupationszone HiÜige Warenaus Deutschland au. es hat in Europa eine politisclie Hegemonie .errichtet, . die 3 unbestritten dasteht, und es hat England däs diplomatische Köhzept fhTnahen und im fernen "Orient verdorben. Frankreich kann wirtschaftlich aus. - seinereigenen und seiner Kolonien Kraft leben und es verfügt über -einen Indus! riepolitischen Kräfteüberschuß, der außerördehtliciv aktiv ist* und sich ln den schwachen' Punkten /iVütteleuropas, in Wien, . Prag, -Budapest' und Warschau/ ansetzt Diese Bestrebungen,^die pölitisfeheVorinächt- Stellung auch wirtschaftlich zu fundieren, -sind im Grunde , genommen... 'dasv .rtce|)eii^e,./;Mpment der französischen Außenpolitik; undkldi^vi^i^alhe^ für;■; den immer von neuem auifiammenden'GeAMätz zu England und. Halietu r ■ >'/// '5 Auch dfö'' rits^sc^deötßclie^^^lipgiie^mett-' ßteHt' unter diesem',:Dr^dk.-; M ' noch immer stark-genug,.; deni'üssischert-ahsgehühgerien Karkt mit industriellen Rind' /landwirtschaWcben; Mschinen, mit hälislichen Kleinbedarfsartlkein und mit XextilJen/^ zti " vetsorgeii.' Diese Aspekten»’. Verstärktdurchclen. Ueberschuß intellektueller' Kräfte und geschulter Arbeiter in Deutschland,. haben die Beunruhigung der französischen. Industrie 'vertieft und wjrkerr auch ju.. den von Frankreich finanziell abhängigen und politisch, bevormundeten Staaten der kleinert Entente. Daraus ergibt sich die heue Gjrtippierang auf der Konferenz,! die. immer. Frankreichj-Belgien uhd den KlelnVerbahdgemeinsam' gegen England - zeigt. Diese Situation ist aber nicht faltbar7 und der Widerstand muß jetzt v.on der kleinen Entente kommen, die mit den ßttinn\ungen ihrer / Oeffehtüchkelt gegenüber Rußland rechnen muß. In der Tschechoslowakei ttnd1, in : jugöslawien .bestehen, unbeschadet der Abneigung gegen* den Bplscheiiiismus, starke icultufelie' Sympathien1 für 8ü8!anMÄuch liegen :.diese" Staaten viel -näher an Rußland’ und reagieren sozial intensiv auf alle Ausstrahlungen der russischen'Politik. Für diese Staaten ist die Konferenz, die ihnen den Weg. zur Ordnung ihrer Finanzmisere und zu ausreichenden Arbeits-' Krediten öffnen soll, zu wichtig, als daß sie für die Dauer sich zu einer Sabotage hergeben könnten,'die ihnen, den. schwachen und mit der Kriegsnot mühsam kämpfenden. Gebilden, nur Schaden bringt Es ist offenbar, daß Rußland mit dieser psychischen Verfassung der - kleinen Stäaten gerechnet hat, als es den Vertrag mit beutschland, der in Präg kein Geheimnis war, In Rapallo formell zuni Abschluß brachte. Rußland kann als sicher ln' sein Kalkül ein-j stellen, daß -die Frage seiner juristischen Anerkennung, von Staaten, die selbst aus einer Revolution hervorgegangen sind, nicht erschwert werden kann und daß die Bezahlung seiner Vörkriegsschuiden Staaten nicht interessieren ' kann, die für ihre Befreiung an die Großen eine recht ansehnliche Steuer entrichten sollen. Rußland weiß auch 'die Festigkeit der Fäden zu schätzen, die. heute noch die Ipjdustrie dieser Staaten mit der deutschen Industrie verbindet und in ihrer Oeffentlichkeit viele’ Hoffnungen - .auf eine- Mitwirkung an der von Deutschland, zu inaugurierenden Aufschließung des . russischen Marktes erweckt haben. Die Widerstände dieser Gruppe .äußern sich vorläufig nur recht zaghaft, da sie auch untereinander erst, einig werden' und: > auf Empfindlichkeiten Polens Rücksicht nehmen 'müssen. Aber sie sind schon zu verspüren, und zeigten sich bereits anr Sortniag, -als die kleine Entente beschloß,- einen Mittelweg1; zur Behandlung der schwierigen Lage zu finden, - und ihre Premierminister beauftragte, alles zur Störung der Konferenz Geeignete hintanzunalicn. Vielleicht wird die Konferenz durch die kleinen Staaten ecschlttet werden können. Die Konferenz von Genua.; : :; Ende 2. Mai? Berlin, 24. April. Wie die „fossische Zeitung aus Genua meldet, soll in dei|' Nach| von gestern auf Heute L1 oyd G sorge dem Präsjüe ten der italienischen'Delegation d e Fa c Fa mitget|ilt. haben, daß er gezwungen sei,1 g e g eri ■ En d e) der Wo ch e G e n u a z u v e r 1 a s*s e n, da er bei dem Besuche des englischen Königspaares in Belgien anwesend sein müsse. Facta soll versucht haben, Lloyd George diese Absicht auszureden. Nach längeren Besprechungen soll Man dahin übereingekommen sein, f die Konferenz am 2. M a I mit einem feierlichen * Schlußakt^zu beenden. Das bis dahin noch nicht -aufgearb€itete Material soll von Spezialkommissionen a tt ß,e r h a 1 b Genuas erledigt -worden. »Wie das Blatt weiters wissen will, werde auch P o i n C a r 6 zur Schlußfeier nach Genua; kommen und das Wort ergreifen. In der feierlichen Schlußsitzung still nach Informationen des Blattes verkündet werden, die Konferenzmächte hätten ' sich darüber geeinigt, daß e i n Angriff Ir gen d we I c h er Mack tauf das Geb i e t e i n e r andere n in Zukunft als dem Geiste von Cannes und Genua wiedersprechend auf den Tadel und die Zurückweisung der ganzen W e l t stoßen würde. Ein Projekt Lloyd Georges zur Sicherung des Friedens. Genua, 24.’ April. Im Mittelpunkt des Interesses der Konferenz von Genua steht das Projekt Lloyd Georges,, einen Vertrag .aller bei der Konferenz von Genua vertretenen Staaten durchzusetzen, die sich gegenseitig verpflichten sollen, während der nächsten zehn ‘Jahre jedenbewaffneten Angriff gegeneinander zu unterlassen. Lloyd George soll sich geäußert haben, daß er Genua nichts verlassen werde; ehe. ' er dieses -. Projekt verwirklicht habe, von döm die-Zukunft Europas' abhärige.;‘ü <-;v ‘ .?^/';. - Uoyd George bä Biafthdu; * Genua, 24. April. Barthou hat heute Lloyd-George zu einem Nachtmahl eingeladen, um durch eine Aussprachealle ' in den letzten Tagen entstandenen Meinungsverschiedenheiten zu zerstreuen. Zettelwirtschaft und Goldwährung. . Genua, 24. April. Sektiönschef Schwarzwald faßt das Ergebnis der Arbeit in der Finanzkonimission folgendermassen zusammen; Der an die Konferenz gehende Bericht, über die Währungsfragen macht eine Unterscheidung zwischen jenen Ländern, deren Währung die g e s e tz-1 Fc h.e G o 1 d p a r i t ä t aufrechterhält oder wiedererlangt hat oder wenigstens-in absehbarere Zeit wiederherstellen kann, und jenen Ländern, wo die Zettelzirkulation und die Zettelentwertuing einen solchen Grad erreicht hat, daß eine 'Politik der Wiederherstellung des alten Goldwertes sich! als unmöglich für Volks-und Staatswirtschaft darstellt. Für Länder der ersten Kategorie' wird die baldige völlige Wiederherstellung der eff e'k t i v e n G o 1 dwI Irr u n g gefördert. Dagegen sollen die Länder mit erhecjich entwerteter Papiervaluta sich z u r definitiven. Devalvation' ihrer W ä h r u n g entschließen, das heißt, zur Feststellung eines neuen Gpldpäris ihrer Zettelvaluta,, jedoch; natürlich erst zu einer Zeit, .wo eine gewisse Stabilität der Wechselkurse gesichert erscheint und die Staatsfinanzen sowie die wirtschaftliche Lage eine Festhaltung' des neuen Wertriiveaus gewährleisten. Es wird also vorausgesetzt, übrigens auch ausdrücklich gefordert, daß alle Staaten ihre Geldeinheit auf . Gold basieren, ja sich allgemein auf 'die Einhaltung der allgemeinen Goldwährung einigen. Zür Erreichung des Zieles der definitiven Stabilisierung des Geldes werden natürlich die verschiedenen Staaten gemäß den individuellen Verhältnissen vorzugehen haben. Wichtig ist vor allem, daß hier zum ersten Male vor einem bedeutenden öffentlichen Forum der Grundsatz ausgesprochen worden ist, daß die Stabilisierung des verschiedenen Papier g e ld e s nach einer neuen, und zwar den aktuellen Verhältnissen angepaßten Wertbasis stattzufinden habe. Als Voraussetzung hiefiir wird erklärt, daß vor allem anderen in der jährlichen Finanzgebarung der Staaten mit verdorbener Währung insofern Ordnung geschaffen werde, als die Beschaffung . von Geld - durch Gebrauch der N o t e n p r e s s e und durch Aufnahme schwebender unrundierter Schulden aufzuhören habe. Wofern die Belastung der Steuerzahler bereits soweit gestiegen ist, daß eine weit.re Anspannung.nicht möglich erscheint, ohne von selbst zu einer ungesunden Kreditwirtschaft {Inanspruchnahme der Notenoresse) zu treiben, wird der Abbau der Staat sausgaben als not* wendig erklärt Die Herstellung des Gleichgewichts der Staatsfinanzen muß auch auf die Zahlungsbilanz des betreffenden Landes günstig zurückwirken; eventuell müssen auswärtige Kredite aushelfend eingreifen. Sobald das Budget hergestellt ist, wird als/ nächster Schritt zur Währungssanierung die offizielle Fixierung des Geldwertes der. Geldeinheit erklärt Natürlich richtet sich auch diese Maßregel nach den ' wirtschaftlichen Verhältnissen jedes einzelnen Landes. Jedes Land hat sich dann zu entscheiden, ob es die Goldparität wieder annehmen kann oder ob eine neue Parität angenommen werden soll, die sich den Wechselkursen des betreffenden Zeitpunktes anpaßt Die' offi- , ziehe Ankündigung einer neuen Geldeinheit bedeutet* eigentlich das formelle Versprechen des Staates, beziehungsweise der von ihm beeinflußten Notenbank,' dieselbe Gleichung zum Gold auch wirklich zu honorieren, das heißt,- das Papier g e I d auf Verlängern nach den fixierten Kursen gegen Geld od-eX Geldwert einzulö s e n. - - /;- Zur Sicherung der Stabilität der Währung wird eine Kooperation der Eni in i s s i ö ti s-‘ banken empfohlen. Die B-ank von England, als dis älteste Notenbank, wird eingeladen, möglichst bald eine Konferenz der Notenbanken oder der Zentralbanken, welche die Kreditpolitik dirigieren, einzuberufen, um die zu empfehlenden Maßnahmen zu beraten und den Regierungen Vorschläge über die notwendigen Währungsmaßnahmen zu machen. Insbesonders soll diese“ Bankkonferenz , den Entwurf einer internationalen Abmachung der Regierungen in Erwägung ziehen, welche die wiedergegebeneii Grundsätze für alle Teilnehmer verbindlich machen soll. Lenin kommt nach Genua. - . ' Paris, 24. April. (Funkspruch.) BineW m; MG VON' Moskau eingelangten Fünkspruch zufolge MMW-'1 von Moskau nach Genua abgereist ' ‘ Wirth bei Tschitscherin. Genua, 24. April. (Tel. der „Wiener Morgen» zeitung“.) Reichskanzler Dr. Wirth. ist heute beim Führer der russischen Delegation T s c h i t s c her! ir zum Abendessen geladen. Die Forderungen der ägyptischen Nationalisten. Paris, 23. April. (Tel. der „Wiener Morgen* zeitung".) Der Führer der. national-ägyptischen Partei Ä1 i K a in e I B e i hat an die Konferenz von G e n u'a und den Völkerbund ein Memorandum gerichtet, dem die Uuab h ängigk.ei t,*A.egy p.t e.-n s m und des ägyptischen Sudans unter folgenden Bedindungen verlangt wird: 1. Bedingungslose. und uneingeschränkte Unabhängigkeit Aegyptens einschließlich des Sudans. 2. Internationale Garantie für diese Unabhängigkeit unter Beteiligung. zum mindesten ' der großen Mittelmeermächte. 3. Einverständnis Aegyptens mit der dauernden tatsächlichen Internationalisierung des Suezkanals. 4. Keinerlei Kontrolle der ägyptischen' Finanzen, abgesehen von der öffentlichen Schuld. 5. Falls das Komitee . auf die Kapitulationen verzichtet, könne das nur zum Vorteile Aegyptens geschehen. . Der Zwiespalt in der Entente. Genua, 24. April. (Tel.-Komp.) Öbwohl man nach' außen hin den Anschein zu erwecken suchte den Zwischenfall mit Deutschland als erledigt zu betrachten, wird der weitere Verlauf der Konferenz ziemlich pessimistisch beurteilt Wie nunmehr bekannt wird, gestaltete sich die letzte Sitzung der AIHiertenvertreter über die Ueberreichung der Note .an die deutsche^ Delegation sehr lebhaft Die Franzosen, die für die Äbsendung der Note waren, wurden von dem. japanischen und belgischen Vertreter. sowie der , kleinen Entente unterstützt und hatten somit die 1 Mehrheit Das Er-' gebnis der Abstimmung war schließlich •, 7:2 für die Absendung der Note. Dagegen stimmten, nur Lloyd George und de Facta. Natfi dem „Edho de Paris" sagte Lloyd Geor ge ' in der^ Versammlung der * Ententedelegierten: „Die jüngstem Ereignisse haben den Enthusiasmus des englischen Volkes für eine Entente mit' den Verbündeten abgekühlt Sollte sich eine Trennung zwischen uns vollziehen, so' wäre ich aufrichtigt betrübt, aber es ist nötig, daß man einfür ■ allemal weiß: England wird sich auf Seite derjenigen .stellen, die in Europa aufriebtia den Frieden herbeiführen wollen»*