Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1157 (20.4.1922)
- Date
- 1922-04-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Versailler, Vertrag mit seinem f4ndöra-Inhalt sollte .nicht auf 'der Konferenz ’ von Genua besprochen, werden. Die Unabhängigkeit des Urteils des ’CIemenceaüschen Gerichtshofes sollte auf diese Weise unter die höhere Sanktion der Staaten gestellt werden, . die den .Wiederaufbau der europäischen Wirtschaft nur auf der Basis dieses Vertrages versuchen sollten. Aber diese Basis ist in sich zujsammengebrocheit, lange bevor-sie ihre Tragfestigkeit In Genua beweisen sollte. Die Methode der.vollzogenen fPatsachen, die von den Freunden Frankreichs und von Frankreich selbst praktiziert werden /konnte, hat. die Grundlagen des Vertrages' brüchig .'gemacht und das 'Angora-Abkommen, das Frankreich hinter dem' Rücken. Englands» it derKe malregieni ug ab schloß, hat den Respekt «or der Vertragssicherheit nicht:befestigen können. Diese Politik der Hüter der Friedensverträge hat am stärkdazu beigetragen r daß die- Revisionsbedürftigkeit ler stärker hervortrat. Auch innerhalb der Entente der Glaube an die Sicherheit des BundesverhäKinisses geschwunden und die Bemühungen Lloyd Georges, einen echten Frieden hertreizuftihren, ließen es niemals an Deutlichkeit fehlen, wenngleich sie sich stets von verständlicher Rücksichtnahme auf das Prestige; Frankreichs beeinflussen . ließen.-, : Die Konferenz von Genua hat-den Bestand der ftnstenmigkeiten zwischen den’ führenden Mächtensehr deutlich aus dem Schatten der Kabinette heraustreten lassen. Diese Erscheinung war^ mit Notwendigkeit zu; erwarten und das weitere Fortschreiten der Konferenz ' begünstigt die Aufklärung, die inder Entstehung solcher Zwischenfälle - -' liegt. '> Wäre die Welt' einig,; so bedürfte; man nhjehi einer Koufeieoz,.. um -Mehrheitsbeseltlil^e^a^v^fassenri'-Es sindra Genua drei.: ‘ Gruppen hi deren, Verbalteir zu einander sich die Lage Europas, «riderspiegelt. :Aü6lr. diese Gruppenl^lduhg,. die^ heute In der französischen Presse als;un^eijuemie Begleit-: eßscheinung der Konferenz beklagt 'wird; fet von Frankreich provoziert worden, das vor der Konferenz seine iRneunde im Osten ZUr Randstaatenkonferenz . einbeirafen bat und auch die. kleine:Entente politisch;;an sich zu bindön versuchte, um Deutschland und Rußland vor vollzogene Tatsachen zu stellen und; von vornherein zu majorisieren. Frankreich hat das Maulkprb- ,Programm formuliert,. das die Reparationen und die Versailler Traktate" von der' Konferenz fernhalten isollte. Das Mißlingen dieses Planes ist durch 'die iLogik der Tatsachen selbst erzielt worden; Deutschland »oltte von der Verhandlung der russischen Frage,; die ihm doch eine' Existenzfrage ist, ausgeschlossen.werden, and Rußland sollte unbesehen die ihm aufdiktierten Bedingungen fauf sich nehmen. - Daß :sich diese /durch das^Programm bedrohten und’ gedemüfigten . Staaten aaisammenfanden, um ihre Interessen zunächst' gemeinsam abzustecken und dann gemeinsam zu verteidigen, ist nur eine selbstverständliche Folge der französischen Scharfmacherei. Djese'Erkenntnis .hat denn auch über/ die erste. Verblüffung gesiegt, mit der die Großmächte die Kunde von dem neuen Vertrag aufgenommön , haben. Es war sicherlich inopportun, daß - die Deutschen und Russen ihren in Berlin abgeschlossenen Handel, von dem man in Paris und London ' bereits wußte, jetzt in Genua nutteilten. Auch; sie haben gegen den Geist der Konferenz sich schwer vergangen uhd cs mifldert nicht ihre Schuld, daß sie damit nur das französische Beispiel befolgten. Aber die Politik ' hat Sire eigene Mechanik, die für gewisse Fälle automatische Sicherungen auslöst und man kann nur schwer von ethischen Prinzipien sprechen, wenn man das Verhalten der französischen Delegierten in Betracht ■ zieht, das die Sabotage des Friedenswerkes im. Konferenzxaam fortsetzt und jetzt ad absurdum geführt worden ist.' Der deutsch-russische Vertrag, der unter so absonderlichen. .Umständen das Lichf der- Welt erblickt, beweis nicht allein die völlige ^Verschiebung des Kräfteverhältnisses in Europa, sondern ist auch handelspolitisch vön eminenter Bedeutung. Er liquidiert den Kriegszustand, streicht die gegenseitigen-Entschädigungsforderungen- und - setzt ( beide Staaten... in ihrem Verhältnis zU einander auf ’ den unbeschränkten Friedenszusiand. E,s gibt, zwischen beiden keine Hemmungen der Vergangenheit, keine Belastung kommender Generationen; und beide können ihre.Beziehungen zu einander unbeschwert vom Gewesenen * neu regeln,, Dies ist für. die Industrie Deutschlands und für' die Entwicklung Rußlands von einer Wichtigkeit, die weit über den Tag hinausgeht, weil .siedie Möglichkeiten i'iir den Eintritt / Rußlands ‘ in. " die crsdrgttng.m absehbare Entfernung' bringt."Die' in Der deutsche Zwischenfall beigelegt. — Deutschland verschiebt das Inkrafttreten . des deutsch-russischen Vertrages. Seiten sei die Ansicht ausgedrückt worden, daß' ei», angezeigt wäre, die Parlamentsferien abzukürzen uiid die Genua, 19. April. (Intel.) Die Lage hat heute eine wesentliche Entspannung erfahren. Die 'durch-flie. Note an Le deutsche Delegation liervorgerufehe Krisenstimmung kann als beigelegt betrachtet 'werdend Die Antwort der deutschen Delegation steht noch aus €nd wird .erst morgen erfolgen.- . Heute hatte der Reichskanzler ' mit Tschitsfeherin •wiederholte Besprechungen, deren. Erfolge dahin gehen, daß die Antwortder deutschen Delegation eigentlich nur noch formellen Charakter Haben wird. Wie verlautet, hat zur Beilegung der. Krise' die - Intervention der Neutralen wesentlich beigetragen. Wenn die deutsche Antwort auch heute noch nicht erfolgt ist, so kann jedenfalls aiir genomtnen werden, daß .der durchden; Abschluß des deutsch-russischen Vertrage?/ hervorgerufene Zwischenfall als erledigt zu betrachten ist. _ Genua, 19. April. Ureter den ^Besprechungen, die heute stattfandeh, ist auch ein kurzer Besuch der. deutschen Delegierten beim italienischen' Minister . des .. Aeußern Schanzer von be^mderer Bedeutung. Die Leuts C’h e n V e r t r e,t e r. begaben ■ sich hierauf zu . L 1 o y d G e o r g e in die Villa A-berti. ’ An den Besprechungen nahmen unter. 'anderen , "Reichskanzler Dr. Wirt h, Maltzah n' Dr. Ra the n au; ferner; Lloyd George und der Kabinetts direkter, G r e e g h teil. Die Grundlagen cler Einigttbg. Genua,19. ApriL (Tel.-Kohip.) Wiespeben aus Kreisen der italienischen Delegation verlautet, wurde zwischen den alliierten Staatsmännern Und Deutschland' eine1 Einigung auf folgender*' Grundlage ungebahnt : Die Vereinbarungen; des' Memorials., der Londoner! Säcliverständigdnhinsichtlich ./Rußlands werden.unter. der Mitwirkung der deutschen SgchversländigCH;:.ingewissen .Punkten/; dürch 'die. sich . Deutsehl^L UeiiaMMgif/Mhll;.-, -.berichtigt .Die' Deutschen ‘ I verschiebet -: -.MiD/' ihres' Vertrages mit j Rußland/ auf ';/ ';;; / 'Üeböf <tie^iuitliö^ deride&heU die iUrausr sichtlich erst imLaüfe des Freitag üßergebpri ■ werden -wird,; da die Sachverständigen erst .heute nachts; ihre Beratungen beginnen, verlautet, die Note werde versichern, ' daß die' deutsche Regierung mit dem Veriragsabschluß weder die ’ : Grundsätze von Cannes; noch die in Kraft befindlichen Frieden'sverträge verletzen wollte. Sie wird derf Abschluß mit den gleichzeitigen Unterhandlungen/ d£r Alliierten mit Rußland auf Grund der Londoner Bedingungen recht-1 fertigen, die eine neue Benachteiligung Deutschlands vorsehen, welche die deutsche Regierung mit dem Sondervertrag vermeiden wollte. Die Antwort der russischen Delegation auf das Londoner Memorandum. Genua, 19. April (Intel.) Morgen vormittags wird die russische Delegation in der. politischen Kommission. ihre i Antwort auf das. Memorandum der Londoner Sachverständigen überreichen. Die Antwort wird in der Form eines Gegenmemorandums abgefäßt sein und den Standpunkt der Russen klar zum Ausdruck bringen. Die Russen nicht rechtzeitig verständigt. Genua, 19. April. Die Russen, haben heute an der Kommissionssitzung nicht teilgenommen, da, wie gemeldet wird, die Sitzung im letzten Augenblick, einberufen worden ist und die russischen Delegierten nicht mehr rechtzeitig von Rapallo in Genua cintregeh konnten. Das Echo in Frankreich. Paris, 19. April. (Wolff.) Der Abgeordnete Tarcfieu hat an, den Ministerpräsidenten Poincare ein Schreiben gerichtet, worin er daran erinnert, daß er am 1. April in der Kammer entschieden erklärt habe, falls in Genua der Versuch gemacht werde, die Verträge, von 1919 zu diskutieren, - werde Frankreich sofort volle Händiüngsfreihdt beanspruchen. Durch das deutsch-russische Abkommen sei nicht nur der Friedensveilrag verletzt, sondern auch eine gemeinsame deutsch-russische Politik der Herausforderung gegen den Geist und den Buchstaben des Versailler Vertrages bekundet. Sobald das Parlament wieder zusammentrete, werde er sofort den Ministerpräsidenten’über seine allgemeine Politik interpellieren. Paris, 19. April. „Echo National“ meldet,. in den Couloijs' der- Kammer MEtensieh gestern eine Reihe von Deputierten zusammengefunden, die den Verlauf der Ereignisse iu Genua lebhaft besprachen. Von melfreren mnwfcnuw i Kammer zu einer Sitzung einzuberufen. -, Die Stabilisierung der Wechselkurse.; - Genua, 19. April. , Dem Subkomitee der Finanz,- kommjssion wurde gestern der Bericht des wirtschaftlichen., Expertenkomitees .über die Wechselkurse :vorgelegt.. Der Bericht des Expertenkomitees lautet: . - Artikel 1. Die, . wesentliche Voraussej|iing. für,; „die 'Wirtschaftliche Wiederherstellung Europas - ist; . - daß ■ jeMes1. Land die S t a b i jli s i e r u n g d e r e .i.g. e-.n e/n; V a 1 u t a erreicht. .- ' Artikel 2. Die Banken und besonders die Emissions* banken . sollten vo n. jede r po litis ehe« Pression frei und ausschließlich direkt auf eine Linie einer klugen Finanzpolitik eingestellt sein. In den Ländern,- wo keine zentralen Emissionsbanken bestehen, sollten solche errichtet werden. - Artikel 3. Die Maßnahmen zur Reform der Vatufo würden erleichtert werden, wenn ein s t ä n d i g e s Z u-; sara men wirk en zwischen den Z e nt r a 1- ’’banke n praktisch entwickelt werden konnte. Ein. solches Zusammenwirken der Zentralbanken wäre , notwendigerweise nicht auf die europäischen/Staaten, be-- schränkt und würde Gelegenheit geben, ihre Direktiven zuvereinigen, ohne übrigens die Freiheit der . einzelnen. Banken pinzuscfcränkeii. Es wird nahegelegt, demnächst, eine Zusammenkunft der Zentralbanken, zur . Prüfung der. Mittel zu veranstalten, die am geeignetsten wären, ein, solches Ziel zu erreichen. Artikel 4. Es ist wünschenswert, daß a 1.1 e. e u.-r-o*, ■päis ch e n V;a I u tena u fei n e g e.m-e i u s a. m e- B a s! s gestellt'werden. .-; Artikel 5. Das -6 o l dist die einzige ..gemeinsame .:; -Basis, dieatfe^föpliscHenMndßrJieuta^nnefemenTkönuteii;'' Artikel 6. Es-wäre , im gemeinsamcirt Interesse;/daß;/die, \ europäischen' Regierungen erklären; bis wann die'Fest-i; Stellung einer GoMbäsis von.ihnen erreicht werden könnte; und wann :sie. sich auf ein diesbezüglichesiProgrammrednigeiü .könnten. Artikel 7.' Soweit ein Def i z i t in. dem 'j a lipe s* b.udget eines Staates durch die'Schaffung von Bank- . krediteu (Antizipationen) entsteht, ist keine Reform - des v; Geldwesens möglich und es ^könnte kein Versuclr .zur Herstellung einer Goldbasis gemacht werden. - Die wichtigste Reform besteht daher in der Finanzierung '■ der* jährlichen Budgets der Staaten ohne Aufnahme heuer ungedeckter Kredite. Die ^Herabsetzung der Staatsäusgabenj ist das einzige zielfördernde Mittel. Aber man anerkennt,; daß in den Ländern, -wo das Defizit so groß ist, daßdie Erreichung des G i s-ich g e wi c h t s im Staats-' haus h alt u n möglich erschei nt, ohne die Aufnahme- -eines - auswärtigen ' Kreditesdie" relative Stabilität des Geldes, von’ der da? Staatsbudget'Haupt-3 sächlich abhängt, unerreichbar sein würde.- Artikel 8. Der nächste Schritt, muß, in der F c s t* setzung des Goldwertes der Geldeinheit bestehen. Dieser Schritt kann in jedem Lande, nur eingeleitet werden, wenn die ökonomischen Bedingungen es erlauben, weil sich das Land wird entscheiden müssen,1 ob die alte Goldparität zugrundezulegen Jst oder ein« . neue Parität, die ungefähr dem Wechselkurs; der Geldr einheit in dem * betreffenden Augenblick gleichkommt*; Artikel 9. Diese Länder könnten schon aus räch selbst/ heraus imstande sein, die Goldbasis festzastellen; aber das;, tatsächliche Festhalten an der Geldeinheit würde materiell': gefördert nicht nur von der vorgeschlagenen Unterstützung . der Zentralbanken, sondern auch von einer internationales Konvention, die von ihnen im geeigneten Augenblick abzu-; schließen wäre; . Das Ziel dieser Vereinbarung muß in der Zettizafrj siening und Koordinierung der Nachfrage nach .Goid bestehen und es sollten einige Anordnungen getroffen werden,' um den Geldverkehr ökonomisch zu regulieren, mittels, der, Einführung von Reserven in der Form von äußeren Fonds (Balance). Diese Anordnungen können die Form von Gold- Excha-tige-Standards annehmen oder die einer internationalen Kompensationsstelle. . . Artikel 10. Es ist nicht wesentlich, daß die Teilnahme, au der erwähnten i ntern.atio.nal e n K o n v e n~L ti o n auch’in Europa*allgemein sei, aber je umfangreicher; die Teilnahme, desto größer wird die Wahrschemlißhkeit des Erfolges sein. Jedenfalls würden, wenn.-die teUnehmcn-'. - r Situation, die dadurch, geschaffen wird, verträgt, keine Rekrimiiuitionen und keine-Gewaltmaßregeln. - Würde die Entente beide Staaten zwingen,. den; .Vertrag ungeschehen zu erklären, so könnten sie, ihn am Tage nach dem Zvvaiigsdaturn wieder abschließen. Ein Einmarsch Frankreichs in DeuischlaiiU könnte die Laiie.. nur verschlimmern und ' die Isolierung der Gewalt- ‘ anbeter, die sich heute in Genua schon deutlich zeigte aller Welt, offenbar machen. Man hat denn auch bereits gute Miene zum: bösen Spiel gemacht und durch dio Sachverständigen festeteilen lassen, daß eine Verl des Versailler iafalUbtei! . nicht-