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Wiener Morgenzeitung · 1922-04-12 · Heft 1150 (12.4.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1150 (12.4.1922)
Date
1922-04-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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■ HM ESnieintiiRtiner IC SO Wien: Zum Abliolen in der Expedition, H.;Taborstr. 1—3, oder'« einer Verschleißstelle (Trafik) monatlich K 1400. MitPostversand fürWien und Oesterreich monatlich K1400, roter Tschecho-Slowafcei: Mon. fronen 20. Ungarn: Monätl. Kronen 120.Jugoslawien: Monatl. Dinar 20. Polen: Monatl. Merk 700. Deutschland: Monatlich Mark 33. ft a n b r e i c h: Monatl. Frcs. 6. Tscheeho^SlowaKe! tsch. Kl Italien: Monatlich Lire S« Rumänien: Monatl. Lei 40* Schweiz und das übrigei Ausland monatlich Francs 3« Redaktion u. Administration Wien II., Taborstrasse 1—3, Telephone: 44-0-38,43-3-1$,’ ab 6 Uhr abends 17-9-33. Telegrammadresse: »Mörgerizeitung“, Wien. Oesterreichisches . Postsparkassenkonto 15Ä.6S3, Nr. 1150 Wien, Mittwoch, 12. April 1922 4. Jahrgang Der Arbeitskongreß. —y. W i ea, 12. April. Die erste Sitzung der Genueser, Konferenz hat ihren Charakter als eine Tagung der enisten sachfechen Arbeit.. scharf .herausgearbeitet Die ßorgen Europas, sind so arg und bedrohlich geworden, daß Sie mit aller Vehemenz an die Oberfläche’ streben und iich nicht einmal von der getragenen feierlichen 8limjtnung der. ersten Zusammenkunft übertünchen ließen. Die Frage, die in Washington. gestellt und dort nur Jialb beantwortet werden konnte, drängte sich; auch!»n Genau .sofort vor: Abrüstung oder Krieg? Sid urde von Tschitscherin gestellt, ‘dein in der; Schule' er alten Diplomatie; erzogenen Außenminister; Rußands. Die ' Pikänterie, daß sie . gerade der Vertreter Ines, ausschließlich, auf Gewalt einer Beruisanneb geätützteii Systems ausspra’cli, verzerrt sich zur Karikatur der jeuropäischeri Verhältnisse,. wenn mau erwägt, daß. sie >uf Frankreich gezielt war und auch, ins Schwarze Sraf.;;Die erste Sitzung .der Konferenz war ein Gericht, das über Äen.Imperialismus und. die bei ihfh beoieystetep bösen Geister gehalten wurde. ' Dürch alle Reden zog sich der gleiche' ' GedankeF daß jtier * Krieg, 7 an dem . alle die gleiche schwere Schuld; trägen; ‘ Europa ins Unglückgerissen vabe und daß seine Folgen' nur durch Arbeit: zu Be- Ißiegen . seiend. E)as Grundpröb'tein Genuas’ ist die Ueberwindvng : des Krieges und des 'Mißtrauens;Das feprechehi alle aus7, und äin stärksten ist diese Erkenntnis aus’ der heißen Rede zu ersehen, ' mit der tloyd George die Könfereriz,. sein Werk, begrüßte. Er zeichnete ihr. den; Weg vor:; »Wfr sind hier: nicht als Heger - und'‘.Besiegtet, nicht als Monarchisten,; Republikaner oder Sowjetistfen. Europa ist erschöpft’; Der ■Westen,; leidet , unter Arbeitslosigkeit, der Osten. Unter JHunger und Pest. Der Krieg ist beendet, aber def streit1 :ist; geblieben;“ 'vbeii Siiin * der großen Aussprache der Staaten - zeichnete er: am Schluß -seiner Rede. Die Europäischen Länder - müssen -r einig1; werden in dein estiebegi, mif halfen. /Atitteih Wf'ftsphäftskrteg in Der erste Tag der Konferenz (V ö ä unser SM Spezialberlchtersta 11 e r.) / . Gegenüber; der Notwendigkeit?“ dem - Verfall -2U j$teuernv bedeutetes wenig, daß sich Rdßiänd* außerhalb der. altgewohnten' Staatssysteme gesÄ hat; Auch Rußlands' Niedergang ist aus1 dem Krieg entständen. Das rasende ‘ Tempo dieses Zusammenbruchs ist . durch den Bolschewismus' in Verbindung riiit der Erschöpfung des Volkes, das bis zur'Atemlosigkeitvon den- , Fanghunden des französischen Gläubigers gehetzt wurde, beschleunigt“ worden...Da aberohne Rußlands_Mit- )arbeit' eine Aufrichtung Europas unmöglich ist,' muß Wm Hilfe zuteil; werden, ohne Rücksicht darauf, daß der Zarismus inzwischen eine rote Maske vorgebunden * 'fiat. Daß Tschitscherin selbst an ein Neberieliianöerleben von -Kommunismus und Kapitalismus' glaubt, :wie % in seihef.,.Rede.^versichert, isF wohl nur als Ver- Deughhg vor den. Anwesenden- - zu werten;'; Die• Tatsachen Haben diesen Glauben - schon * vor; geraumer ' Zeit dementiert und Rußland ' * steht; feittert iii; einem tiefgreifenden Uhiformüngsprozeß,« von Wessen Intensität sehr*1yiesie Noten zeugen, unter denen jTschifsclmrms;Name stellt. Diesen Prozeß von außen feu störet? wäre ein Verbrechen, dessen Konsequenzen für die'Randstaäien auch' die französische Freundschaft (nicht müder» könnte. Rußland steht allein und hat »eine Bundesgenossen in Europa. Die Hilfe des Weltproiefariafs, die die kommunistische Presse Tmnjer zitiert, stellt nicht einmal auf dem Papier. Aber das Experiment; das die russischen Massen unternommen haben,' muß bis an sein Ende* durchgestanden vv,erden, das heute schön in den Umrissen ‘ sichtbar geworden ist. Das Erscheinen der russischen Delegation in Genua (ist ein sehr lautes Eingeständnis begrabener Hoffnungen, Zugleich aber auch eine schärfe Warnung an die West- Jmächte, den Bogen nicht nochmals zu spannen, eine vWarnung aber auch, Deutschland nicht auf den gleichen \Weg gelängen zu lassen* Auch der deutsche Reichskanzler wies auf die Gefahr des Chaos hin, das aus Jder Verzögerung der wirtschaftlichen Arbeit erstehen könnte. Die Versammlung der europäischen Staaten trägt ‘diesmal einen anderen Charakter als der europäische Kongreß, der vor hundert Jahren in Wien die Wunden Europas heilen wollte. Das Ende dieser Metternichschen Flickerei war eine neue Folge von Kriegen, war die heilige Allianz der Autokraten, der furchtbarste Betrug, den die Welt hmnehmett mußte, weil die Völker nicht mehr die Kraft besaßen, sich der Fesseln zu erv/öhren. Auch heute gibt es Kräfte, die das Elend auf ihre Mühlen leiten wollen: das Geknurre der kläffenden Hunde, von dem Lloyd George sprach, will kein Vertrauen Aufkommen lassen. Aber die Konferenz, an die die Skeptiker nicht glauben wollten, besteht und arbeitet. Ihr erstes Wort galt dem Frieden und i der iEirtwafmurr$. Sie . dient nicht Dynastien, sondern Völkern und ' Ideen. Gen n s, 11. April. . , Von li Uhr vormiitägs, bis nach;8 Uhr abetids warep gestern die Straßen der' Inneren Stadt Gennasfür den privaten Wagenverkehr, für. die Straßenbahn, und die Omnibusse gesperrt Alle Zugänge zu den Hauptstraßen waren durch M! 1 i i 2 r p oste n besetzt. Journalisten und andere Kohferenzteilnehnier mußten .genau vorgeschriebene Wege gehen, um . den Tagungsort, dey Palazzo Giorgio, zu erreichen. Seit den frühen Morgenstunden waren auf allen diesen Wegen große Mengen Militär aufmarschiert. Nicht nur die russischen, sondern auch zahlreiche .andere Delegierte kamen von außerhalb .nach Genua. Auch die Bahnen der Umgebung waten militärisch bewacht. j •ln* dein großen Konferenzsaal; war nur Raum für' die Delegationen, das Präsidium und das Bureau der Konferenz. Es.waren etwa 2000 Personen -zugelassen. - Eine schmäle Galerie war für einzelne- Äuserwählte reserviert, die eine mehrfache Kontrolle zu passieren hatten. Der Presse, die außerordentlich stark vertreten ist, wurde .eine gilt gelegene Tribüne angewiesen.' . Die Sitzung -wurdepunkt 3 Uhr eröffnet, nachdem alle Delegationen auf ihre Plätze geführt worden waren. Die ö s t e r r e i c h i s c li e . D e J e g,a t i o n begab sich, in einem Sonderzug, der. die an der .Riviera un.tergebrachten Missionen zur Konferenz führte, am festlich beflaggten Hafen vorbei zum , Palazzo San Giorgio. Da im Zuge1 auch ein Teil der russischen Delegation mitfuhr, Waren; besondere Absperrungsmaßnahmen getroffen worded. Auch die A u t o.m' o b i 1 z tt f a h r t durch die ganze Stadt' war vöu Truppen und Karabinieri, die Spalier bildeten, i besetzt Die Österreichischei Delegation hat ihre Sitze zwischen-deu AIbanern und den Bulgaren, neben diesen befinden sich die Plätze effer Tschechö-Slowaken, - den; Ofesierteichera gegehübef OM' die deutsche Delegation. iiri: ist^iichsp MrvositMIdÄ^W^isehMM^lH^iWchr und ein^i Teil der Russen, die sich verspätet fiätten, erwartete. Vor dem Palais hatte eine Armee von P h o t o- ■g r a'p h e n * u ii d K i n o o p e r at euren Aufstellung genommen; “ Die Sitzung dauerte über drei Stunden und stellte an. die Ruhe und Geduld der Anwesenden starke Anforderungen. Alle Reden wurden übersetzt; Wieder lenkte sich •die 'Aufmerksamkeit auf ' die l Russen, 'deren Führer Ts c h i ts c ii e r i n den ersten lebhafteren Ton in die sonst ziemlich trockene Szene brachte...Lloyd George, dessen Rednergabe auch gestern einen/glänzenden Triumph feiern konnte,-sprach frei und ohne Konzept. Tschitscherin •übersetzte selbst'seine Rede; die er französisch hielt, ins Englische;Der italienische Ministerpräsident de F a c t ä, der den Vorsitz führte, zeigte sich als sehr geschickter Verhanddungsleiter, indem er den französch-russischen Konflikt energisch und klug beilegte. Freilich könnte dies nur die formelle Seite der Sache regeln. Der Zwiespalt, der sich hier zeigte, ist der Zwiespalt,, unter dem Europa , leidet, und ihn zu klären, festzustelleu und womöglich zu heileu, ist .die Aufgabe der Konferenz.. B a r t h o n; der im Namen Frankreichs das Wort führte, geriet durch seine Instruktionen, von Krieg und Frieden nicht redenzu lassen, in eine schwierige Situation. Es schien einen Augenblick, als ob die Konferenz gleich in der ersten Sitzung scheitern würde. Aber de Facta und Lloyd George retteten, die Situation und damit die Konferenz. . . Der deutsche Reichskanzler bediente •sieh der deutschen Sprache; Er. fand insbesondere in Bärthou und Lloyd Creroge aufmerksame Zuhörer. Wie nachträglich bekannt wird, hatte sich auf der Vorkonferenz der interalliierten Minister am Sonntag eine lebhafte Debatte über die Frage der Zulassung der deutschen und russischen Delegierten zu den großen Kommissionen entspomien. Dagegen sprachen namentlich die französischen und die b e 1 g i s c,h e n Delegierten. Lloyd George, de F act a und 8 c li än z c r gaben jedoch zu bedenken, daß gerade die deutschen und russischen Bevollmächtigten in erster \ Linie an den Beschlüssen der Konferenz, interessiert seien und mau endlich damit brechen müsse, z w Is c h e n Siegern und Besiegten einen Unterschied zu machen. Von besonderer Bedeutung waren die Worte des englischen Premierministers; daß man lieber die Konferenz sofort auflöseu solle, falls die Vertreter der beiden genannten Mächte zu den Komtnissiousberatungen nicht hinzugezogen werden sollten. Nach persönlicher Fühlungnahme Lloyd Georges mit de« Franzosen und Belgiern erklärten sich dies« schließlich spät abends mit dem englisch-italienischen Vorschlag einverstanden. Um 6.Uhr abends war die Sitzung zu E n de. Die Teilnehmer strömten ins Freie, die meisten in tiefer Erregung wegen der Größe der miterlebten Stunden; Die Abfahrt vollzog sich bei Regenwetter unter den gleiche* Absperrungsmaßnahmen wie die Zufahrt. , ' ‘ Die politische Kommission, ' Der Minorilätensciiutz. ' Genua, 11. April. Heute um 11 Uhr vormittags trat die erste, die sogenannte p o i i t i s c h e K amiriiission zusammen, deren Beratung mit großetp Interesse entgegengesehen wird. An der Sitzung nähmen Präsident Facta sowie alle anderen ersten Delegierten, darunter Lloyd George, Barthou, Dr. Wirth 'und Ts c h i t s c h er i n teil. ’ : ' r; Nach der Konstituierung stellte der ungarisch^ Ministerpräsident Graf B e t h I e n einen Antrag, betreffend die Behandlung der Minoritäten* ♦ Benesch’ Stellungnahme* Budapest, 11. April. Das Ungarische Telegraphen^ korrespondenzbureau veröffentlicht einen Funksprucfe aus Genua, demzufolge Ministerpräsident Ben esc h zu dem Antrag des Grafen Beth 1 e rtj die Frage der Minoritäten in Verhandlung, zu ziehen, darauf hinge» wiesen habe, daß sich die Kompetenz dieser Kommission nicht,auf diese Frage erstrecke, daß, sie abejr vor eine enger,e Spbkommission geleitet werden könne. Aitf der Konferenz in Genua könne;’die Frage dar Minderheiten',. die in den Friedehsverfrägeh ’ edfschtedea (sei unci auch im Völkerbundpakt -figuriere, ' ^fa 1 Ts" z"u F D FsTc u s s i o ri ge La h g . Ministetpräsiderif^F ä c f ä 'beahträgte '|ö^hh;. '&• mö^e eine Subkominission gebildet werden, die aus den Vertretern der* die Konferenz von Genua einberufenden fünf Mächte, aus je einem Delegierten Deutschlands und Rußlands und aus vier Delegierten . der übrigen Staaten zusammengesetzt werden solle. >; Bärthou, Lloyd Georgei; Tsc hi7 t s c h e r i n und M o tt a pflogen hierauf einen Ge* dankenäustausch, in dessen Verläufe Tschitscherin veri« langte, daß Rußland in der Subkommission durch zwei Delegierte vertreten werde. . . : - Die Kommission kam . dahin überein, daß die zt* bildende Subkomntission bloß einbera t e n d $s Forum sein soll und daß auf Grund ihres Vc«v Schlages dann die große Kommission ihre Entscheidungen treffe. : . Wahl eines Subkomitees* ' * Dieser Antrag sowie andere auf dem Programm der Komission stehende Gegenstände wurden einem S u b k o m i t e e zugewiesen; das aus je einem Vertreter der f ü n f M ach t e, die die Konferenz eiuberufen haben, Rußlands und Deuts c h 1 a n d « sowie vier durch Wahl zu bestimmenden Delegierte», besteht. Bei der Erörterung der-Wahl dieser vier Delegiertenzeigte sich eine Gruppenbildung, indem die k 1 e i,, e Entente und einige ändere Staaten e i g e n e Liste n vorschlugen. B u n d e s k a n z le i Schober stellte durch den Gesandten. Kwiatr kowsky den Antrag auf geheime Wähl durch Stimmzettel. , Die Sitzung wurde hierauf zwecks W aih Ibesprechung unterbrochen, die unter Vorsitz des spanischen Gesandten in . Rom Villa Urutia - stattfand.. Nach Wiederaufnahme der. Sitzung wurden.' gär wählt: Rumänien (B r a t i a ii u), .? ölen (S k i r ni u n i), Schweiz (M o 11 a), Schweden (B r a n t i n g). An der Wahl nahmen alle 27 Staaten mit Ausnahme der oben angeführten sieben.Mächte, die der Kommission de jure angehören/teil. Auf die Schweiz entfielen 21 Stimmen, die übrigen Gewählten ‘erhielten zwischen 15 und 18 Stimmen. Tschitscherin gegen Japan und * Rumänien. Sofort nach Konstituierung des Subkomitees erhob Tschitscherin namens der russischen Delegation Daran muß man ihr Wirken ermessen. Sie hat links und rechts Feinde. Ler Cinuvinisniiis steht dem extremen Radikalismus üj3 Hungers gegenüber. Dieser Kampf muß ausgefochten werden, je rascher und. klarer das Feld ab gesteckt wird, umso besser ist es für Europa. Es wäre schlecht bestellt um die Sache der Menschen, wenn die Tagung der schwersten Probleme zu einer - gerührten Feier der Sentimentalität wurde.

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